Mai 14 2013

Zombies!

Hendrik Erz

Wenn sie nicht bereits im Kino reißenden Absatz erreichen, so sind Post-Apokalyptische Filme mindestens auf DVD beliebte Geschenke oder allgemein Einkäufe. Sei es 28 Days Later, Zombieland oder Resident Evil – Zombies werden gerne gesehen; man beobachtet gerne die letzten lebenden Menschen in einer Post-Apokalyptischen Welt, die es irgendwie schaffen, vor den Zombiemassen zu fliehen und in ein sicheres Asyl gelangen. Wir mögen Science-Fiction, Post-Apokalyptische Zukunftsvisionen. Im Zusatzmaterial zu der klassischen Star-Wars-Trilogie wurde erklärt, dass zur Zeit, als Episode IV: Eine neue Hoffnung erschien, die Kinos voll waren von grausamen Filmen, purer Zerstörung und Blutdurst. Ein bisschen wahlloses Herumgestöbere in der Filmographie des Jahres 1975 liefert auch prompt ein paar Beispiele: “Die 120 Tage von Sodom“, “Angst vor der Angst” und “New York antwortet nicht“.

Der Erzähler des Zusatzmaterials erklärt, dass die Menschen, geprägt von Vietnam und Korea; bzw. ganz allgemein vom Kalten Krieg mit solchen Filmen etwas anfangen konnten – sie wollten die düstere Realität in den Schlachtfeldern sehen. George Lucas war damals ein Visionär, der mit Star Wars genau das Gegenteil produziert hat: ein Film voller – ja, beinahe schon kindischen – Optimismus und einer Lovestory mit Happy End. Und jetzt übertragen wir einmal den ersten Satz dieses Absatzes auf unsere Zeit. Stellen wir uns vor, wir gingen in die Kinos, um zu sehen, was in der Welt passiert. Zwar nur auf einer metaphorischen Ebene, künstlerisch gestaltet, aber mit demselben Hintergrund.

Und auf einmal bekommen Zombiefilme eine völlig neue Perspektive. Führen wir uns einmal den Inhalt vor Augen: ein paar Überlebende fliehen vor einer Masse von Menschen, die jeglicher Intelligenz beraubt wurden und nur noch nach Hirn rufen. Die Überlebenden haben Angst, mit in diese hirnlose Masse gezogen zu werden und metzeln ordentlich herum, bis sie in einem sicheren Asyl mit weiteren Überlebenden sind. Nun nehmen wir einmal den Film Idiocracy zu Hilfe. Auch dieser Film ist postapokalyptisch, spielt im Jahre 2505 und handelt von zwei absolut durchschnittlichen Menschen, die 2005 eingefroren wurden und erst 500 Jahre später aufgewacht sind und sich in einer Welt wiederfinden, die von der Dummheit regiert wird, von Menschen mit einem IQ von vielleicht 50. Über diese Brücke (anstatt Zombies schlicht unheimlich dumme Menschen) lässt sich einfacher die Brücke von Filmen wie 28 Days Later in die heutige Welt schlagen: wir identifizieren uns mit den Überlebenden, haben selber Angst vor Zombies und wollen überleben.

Denn, überlegen wir uns einmal, wie die Graue Masse (zu der aber im Übrigen auch ich und ihr auch gehören) sich denn zusammensetzt. Wir kaufen Mode bei H&M, weil es einerseits (tatsächlich) gut aussieht, andererseits aber eben auch enorm billig ist. Und plötzlich stürzt in Bangladesh eine Textilfabrik ein – 900 Tote. Was passiert? Mehr als ein paar Wochen Umsatzeinbrüche kann im allerschlimmsten Fall für H&M nicht entstehen. Wir tanken Benzin von BP oder einer der Tochterfirmen, weil es eben praktisch ist, ein Auto zu fahren. Und plötzlich schlägt eine Ölplattform in Golf von Mexiko leck – unzählbar viele tote Tiere. Was passiert? Ein paar Jahre später fahren nicht etwa weniger Menschen Auto, nein, BP muss von der US-Amerikanischen Regierung für schuldig befunden werden, damit für BP überhaupt eine spürbare Strafe gefunden ist.

Oder Lebensmittel: wir schreien nach “Billig! Billig! Billig!” und vergessen dabei, dass das gleichzeitig auch heißt “Schlecht! Schlecht! Schlecht!” Wir Studenten in Bonn regen uns darüber auf, dass uns Mensaessen im Durchschnitt vielleicht 2 – 3 Euro kostet, wollen aber nicht wahrhaben, dass eine vernünftige, selbst gekochte Mahlzeit keinen Deut günstiger ist. Selbst Tiefkühlpizza ist teuer. Denn für 1,50€ bekommt man in etwa so viele Vitamine wie in einem Salatblatt enthalten sind (oder irgendwie sowas). Oder, wie der Autor Jakob Strobel Y Serra schreibt:

“Das gleiche Geld in ein zehngängiges Degustationsmenü zu stecken, halten viele aber für pervers und dekadent – und machen ohne Wimpernzucken einen Familienausflug in den Freizeitpark, der nicht viel billiger ist als ein Besuch im Sternerestaurant mit Kind und Kegel.”

Die Horden von Zombies in Post-Apokalyptischen Filmen sind künstlerisch stark überzeichnete westliche Gesellschaften, die sich genauso verhalten. Ein Zombie entdeckt einen der Überlebenden – und alle rennen darauf zu, als stünde auf einem Werbeplakat angepriesen: “Heute frisch im Angebot: Mensch!” Zombies sind der perfektionierte Herdentrieb. Und was, wenn wir genau das gleiche sind, es nur nicht wahrhaben wollen und deswegen in Kinos gehen, um uns Filme anzuschauen, in denen dieser Zombiegesellschaft ein paar normale Menschen entgegengestellt werden, mit denen wir uns dann identifizieren können und uns ein paar Stunden länger in der Illusion wiegen können, wir würden nicht immer das beste für weniger Geld haben wollen und uns von Werbung benebeln lassen?

Wie ein ziemlich guter Prof. der Yale University in einer Online-Vorlesung zu Platons Politeia ziemlich oft sagte:

Think about that.


Mai 5 2013

Weber: Die “Objektivität” sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904), Teil 1

Hendrik Erz

Und weiter geht es mit ein paar 500-Wörter-Abstracts zum Thema theoretischer Kontroversen in der Soziologie. Vor Kurzem erschien bereits der Artikel über Dahrendorf, der den Werturteilsstreit Ende der 60er Jahre kurz zusammenfasste, da sich bereits der Positivismusstreit andeutete. Eine Grundsatzschrift des Werturteilsstreit ist dieser Aufsatz von Max Weber, der in der Einleitung der ersten Ausgabe des Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 1904 unter der Führung von Weber et. al. abgedruckt wurde. Es werden noch ein Teil II und ein Teil III folgen.

* * *

In seinem Aufsatz Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, den Max Weber 1904 zu seiner Übernahme der Redaktion des Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik veröffentlichte, legt er das Ziel dar, welches das Archiv unter seiner Führung verfolgen solle. Dabei geht er allerdings leider nicht allzu geordnet vor, die zentrale Aussage des ersten Abschnittes findet sich erst in der Mitte:

Denn es ist und bleibt wahr, daß eine methodisch korrekte wissenschaftliche Beweisführung auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften,wenn sie ihren Zweck erreicht haben will, auch von einem Chinesen als richtig anerkannt werden muß [...]“ (S. 155)

Mit dieser Aussage definiert Weber gleichsam Sinn und Ziel einer sozialwissenschaftlichen Arbeit: Es soll ausschließlich als wissenschaftlich bezeichnet werden, was von jedem Menschen – unabhängig von seiner Weltanschauung – als objektiv richtig angesehen werden muss. Davon trennt Weber die Werturteile, die sich ausschließlich aus den persönlichen Idealen speisen. Dass diese strikte Trennung Weber allerdings nicht gerecht wird, zeigt sich später im Text.

Er lehnt nicht ab, dass auch Sozialwissenschaftler aus ihren Arbeiten Werturteile ableiten und sagen, wie die Regierung eines Staates (oder wahlweise jedes andere Organ, das die Änderung und Optimierung des gesellschaftlichen Lebens verfolgt) am besten einen bestimmten Zweck verfolgen könnte. Wichtig ist für ihn nur, dass ganz genau klar wird, was denn nun empirische Tatsachen sind und was die persönliche Anschauung des Wissenschaftlers.

Denn – um den Punkt auf die Spitze zu treiben – während es für vermutlich viele von uns als richtig erscheinen mag, dass es grundsätzlich gelte, alle Menschen müssten Zugang zu Bildung, Wasser und Nahrung haben, so speist sich diese Meinung doch nur aus unserer Überzeugung, dass alle Menschen die gleichen Rechte auf grundlegende Dinge hätten. Aus empirischen Ergebnissen, die aussagen, dass z.B. so und so viele Menschen auf dem Planeten eben keinen Zugang zu Trinkwasser haben, kann man schließlich noch nicht ableiten, dass man diesen Menschen nun Zugang verschaffen müsse. Um es mit Weber auszudrücken: „[...] Weltanschauungen [können] niemals Produkt fortschreitenden Erfahrungswissens sein [...]“ (S. 154).

Einschränkend sagt er allerdings auch, dass man wissenschaftlich deduzieren könne, aus welchen Idealen sich diese Weltanschauungen speisen, d.h. dass man die grundlegenden Werte hinter politischen Forderungen finden könne und dann „durch Aufzeigung und logisch zusammenhängende Entwicklung der ‘Ideen’, die dem konkreten Zweck zugrunde liegen“ (S. 150) die „zugrunde liegenden Ideale“ (S. 151) gewinnen kann. Also kann man laut Weber immer „subtraktiv“ wissenschaftlich Arbeiten (Werturteile auf ihre Ideale zurückführen), aber nicht immer „additiv“ (beispielsweise kann man zwar aus gesellschaftlichen Gegebenheiten Zahlenkolonnen gewinnen, aber aus diesen kann man nicht auf wissenschaftlichem Wege ein „What’s next?“ gewinnen). Diese Feststellung ist für Weber auch eine Art „Ende der Wissenschaft“: „Diese letzten Maßstäbe, welche sich in dem konkreten Werturteil manifestieren, zum Bewußtsein zu bringen, ist nun allerdings das letzte, was sie [die Sozialwissenschaft], ohne den Boden der Spekulation zu betreten, leisten kann.“ (S. 151)


Apr 18 2013

Dahrendorf: Sozialwissenschaft und Werturteil

Hendrik Erz

Nach dem Beispiel meines Kollegen S.K. will ich langsam mal anfangen, Texte, die ich für die Universität zu lesen habe, in 500-Wort-Abstracts zusammenzufassen. Das hat für mich einerseits den Vorteil, dass ich sie relativ sicher verstehe, für euch den Vorteil, dass ihr einen Einblick in die Soziologie (und vielleicht auch Geschichtswissenschaft bekommt) und dass es vor allen Dingen: kurz ist. Anfangen möchte ich mit dem Essay “Sozialwissenschaft und Werturteil” von Ralf Dahrendorf aus dem Jahre 1969.

* * *

Dahrendorf stellt in seinem Essay zum sogenannten Werturteilsstreit in der Soziologie zwei Arten von Problemen vor, die er einteilt in sogenannte “Scheinprobleme” und solche, zu denen man nur einen Standpunkt haben kann, nicht aber eine wissenschaftlich akzeptable Lösung. Die Probleme sind die von Themenwahl, Theorienbildung, der Werte als Forschungsgegenstand, der ideologischen Verzerrung, der Anwendung und der sozialen Rolle des Soziologen.

Das Problem der Themenwahl ist für ihn ein Scheinproblem, d.h. es lässt sich einfach lösen. Er stellt fest, dass die Themenwahl von Soziologen von “Werturteile[n] beeinflusst sein kann und es häufig auch ist.” Die “Wertfreiheit bei der Wahl des Themas ist wahrscheinlich eine unerfüllbare Forderung”. Denn jeder Soziologe entscheidet sich aus unterschiedlichen Gründen für ein Thema. Der links eingestellte Soziologe hat vermutlich andere Anlässe, die Rolle eines Industriearbeiters in der modernen Gesellschaft zu untersuchen, als der konservative. An und für sich, so stellt Dahrendorf fest, ist das aber nicht problematisch, da man irgendetwas so oder so untersuchen muss. Und wer dann einfach ein Thema aus seinen Interessensgebieten festlegt, hat sich schließlich noch nicht in die eigentliche Wissenschaft begeben.

Das zweite Problem ist das der Theoriebildung. Er sagt – auch in Zitaten – dass viele Soziologen bei der Behandlung ihrer Themen nur sähen, was sie sehen wollten. Es sei nicht nur unmöglich, einen selektiven Standpunkt zu vermeiden, sondern auch unerwünscht. Denn eine Theorie müsse gebildet werden, um dann – erst in einem zweiten Schritt – mit völlig ergebnisoffener Empirie entweder belegt oder widerlegt werden zu können. Es stellt sich für ihn nur das Problem, dass die Soziologen häufig “den selektiven Charakter ihrer Annahmen” vergäßen.

Ein drittes Scheinproblem für ihn ist das Problem der Werte als Forschungsgegenstand. Denn die Untersuchung von geltenden Werten und damit einhergehend des abweichenden Verhaltens ist ein wichtiges Themengebiet der Soziologie. Denn auch Werte kann man empirisch belegen: das Grüßen von Menschen zum Beispiel ist eine Norm, die man einzuhalten hat, um eben nicht abweichendes Verhalten zu praktizieren.

Ein weiteres Problem ist für ihn das der ideologischen Verzerrung. Für ihn gibt es zwei Arten ideologischer Verzerrung. Zum einen gibt es die Gefahr von “Ein-Faktor-Theorien”, d.h. dass empirische Beweise in einem Teilgebiet (bspw. der Fakt, dass Gruppenbildung die Zufriedenheit von Industriearbeitern steigere) auf alle anderen gleichen Faktoren verabsolutiert werde. Andererseits gibt es das Problem, dass spekulative Aussagen als wissenschaftliche Annahmen ausgegeben werden. Dahrendorf nennt drei Methoden, um die Gefahr ideologischer Verzerrungen zu reduzieren: die “Übung in Objektivität” des Soziologen, ein vorangestelltes Motivationsschreiben, damit Außenstehende seine Ergebnisse anhand seiner eigenen Werte überprüfen können und die wissenschaftliche Kritik anderer Forscher.

Problematisch ist für ihn die Anwendung von Ergebnissen in der Praxis. Er konstatiert unter Anderem mit Bezug auf Weber, dass der Forscher keine möglichen Handlungsperspektiven für die Praxis zur Verfügung stellen solle, es sei denn, er forscht per Auftrag von jemandem, der dann vom Soziologen Empfehlungen haben möchte, wie man bspw. ein gesellschaftliches Problem in einem Aspekt lösen oder ändern könne; kurzum: in gutachtlicher Stellungnahme sind Werturteile erwünscht.

Das letzte Problem für Dahrendorf ist das der sozialen Rolle des Soziologen. Denn jeder Soziologe erfüllt eine gesellschaftliche Stellung und so wird von Sozialwissenschaftlern auch erwartet, dass sie aus ihren Ergebnissen Schlüsse für die Praxis ziehen. Das erlaubt Dahrendorf auch, allerdings mit der Einschränkung, dass der Soziologe vor Allem vermeiden solle, dass seine Aussagen zu Problemen führen, weil sie von anderen Menschen umgedeutet werden. Somit soll der Soziologe Werturteile aus seiner Arbeit nur ableiten, insoweit seine Ergebnisse nicht missbraucht oder instrumentalisiert werden (und damit verfälscht).


Mrz 31 2013

Zypern-Krise: “Dann sollen sie halt in Gold anlegen!”

Hendrik Erz

Vorwürfe scheinen etwas Antiquiertes zu sein. Von “Vorwürfen” sprechen besonders die Medien gerne – und zwar genau dann, wenn beispielsweise wieder eine Universität einem FDP-Politiker einen Doktortitel entziehen will. Aber auch zerstrittenen Ehepaaren sagt man das gegenseitige Vorwerfen nach. Aber was ist das eigentlich – jemandem etwas vorwerfen?

Der Duden listet unter den Synonymen für “Vorwurf” auch Worte auf wie “Unterstellung” oder “Beschuldigung”. Daran kann man sehen, dass “Vorwurf” ein ungenaues Wort ist – man beschuldigt jemanden, etwas Unrechtes getan zu haben. Ein Vorwurf deckt ab, was zwischen sittlichen und juristischen Gesetzen passiert. Außerdem kann man nicht von einem “Vorgeworfenen” sprechen – ein Vorwurf steht sprachlich nur in Beziehung zu demjenigen, der ihn tätigt und dem Gegenstand, auf den er sich bezieht.

Ein Vorwurf ist verkommen zu einem Privileg der Oberschicht; zu einem politischen Instrument zwischen konkurrierenden Parteien. Man wirft jemandem etwas vor, den man diskreditieren möchte – und das meist auch erfolgreich. Vorwürfe ändern mindestens etwas an der Sichtweise auf den Beschuldigten. Das beste Beispiel ist die Katholische Kirche und der Missbrauchsskandal: Obwohl den beschuldigten Pfarrern nichts nachgewiesen werden kann, leidet der Ruf ganz enorm.

Zyprische Demonstranten

Zyprer demonstrieren gegen die Sparpläne

Ich finde, wir brauchen wieder eine stärkere Vorwurfskultur. Wir brauchen wieder Vorwürfe, die sich gegen Menschen oder auch Institutionen richten, die vielleicht juristisch noch im akzeptierten Bereich liegen, nicht aber human, moralisch oder sittlich. Ob es gegen Amazon, die Katholische Kirche geht – oder einfach gegen überspitzte Bewegungen. Vorwürfe bedeuten ja gewissermaßen auch, dass man den Beschuldigten die Chance geben möchte, etwas an der Situation selbst zu ändern, sind also nicht grundsätzlich negativ zu verstehen.

Wir sollten zum Beispiel den Banken vorwerfen, unsachgemäß mit unserem Geld agiert zu haben. Christian Siedenbiedel von der F.A.S. sagte den zyprischen Sparern hingegen sinngemäß: “Ihr müsstet euer Geld ja nicht den Banken geben. Wer sein Geld in Banken anlegt, ist Gläubiger der Bank und muss im Pleitefall mit haften.” Doch ich frage: Wo sollte man sein Geld denn sonst anlegen? In Gold? In Fleischkuchen? In Zeiten des “Plastikgeldes” ist man auf eine Bank angewiesen. In Zeiten, in denen der Sozialstaat so oder so schon unterminiert wird, ist es elitär zu denken, man sei ja nicht auf Banken angewiesen. Und zu unterscheiden, welche Banken in risikoreichen Geschäften verwickelt sind, und welche nicht, ist dem Ottonormalverbraucher nicht zuzumuten, da der Finanzmarkt derart komplex ist, dass sogar die Verwalter von Banken manchmal Verträge und Schulden in ihren Büchern übersehen.

Wir brauchen nicht weniger Vertrauen in die Banken, wir brauchen wieder mehr. Wir brauchen keine weitere Privatisierung des Lebens. Menschen, die sich mit hohen Spareinlagen ein erkleckliches Rentenleben sichern wollen, sollen zur Kasse gebeten werden? Das ist nicht die Idee von Solidarität. Wie Siedenbiedel richtig bemerkt, ist die Solidarität in der EU auf einem absoluten Nullpunkt. Doch genau das ist nicht die Idee von der EU. Wir haben – wie wir unter anderem an der Verfassungsklage gegen den Länderfinanzausgleich sehen – überall Tendenzen zur Renationalisierung. “Jeder ist sich selbst der Nächste.” Die Idee der EU ist das absolute Gegenteil. Es ist witzig, zu beobachten, wie dieser Rückfall ins 19. Jahrhundert von allen Seiten begrüßt wird, anstelle ihn zu als antiquiert zu verdammen.

Denn – auch wenn es offenbar viele Menschen nicht wahr haben wollen – es herrscht tatsächlich derzeit eine Art von “Krieg” – ein Krieg, in dem die eine Seite verhindern will, für Probleme der anderen Seite mit zu haften. Und damit verstößt man nicht nur gegen geltende Verträge, sondern auch gegen das grundlegende Prinzip “Solidarität”, etwas, das also eigentlich Kriege verhindern soll. Die Idee von Europa war eine Mithaftung aller für alle. Doch jetzt, wo es tatsächlich zum Extremfall gekommen ist, will plötzlich niemand mehr haften. Der Deutsche motzt über die “faulen Griechen” und diese ganzen bösen Menschen in Südeuropa, die ja überhaupt nicht arbeiteten und will nicht dafür zahlen. Dass der griechische Ottonormalverbraucher aber überhaupt nichts mit der Finanzkrise zu tun hat, kommt ihm nicht in den Sinn.

Aber was lohnt es sich denn, sich darüber aufzuregen? Wir brauchen einfach mehr Widerstand. Widerstand gegen die in Deutschland verbreitete Meinung, man müsse in einer Eurozone nicht für andere Länder haften und Widerstand gegen die in der Finanzpolitik mächtigen Menschen, sich selbst zu “outbailen” und die Leute, die nichts zu entscheiden haben dafür bezahlen zu lassen. Wie gesagt – eine neue Vorwurfskultur. Und dann Widerstand. Oder wollen wir weiterhin das “Bayern Europas” bleiben?

 


Mrz 29 2013

En Åpenbaring: Das neue Kvelertak-Album Meir

Hendrik Erz

Die Rückkopplung einer heftig verzerrten E-Gitarre – das ist der erste Ton, den Kvelertak seit fast zwei Jahren von sich hören lassen. Das Intro Åpenbaring, zu Deutsch “Offenbarung”, des neuen, zweiten Albums von Kvelertak geht zwar nicht sofort in die Vollen, wie es noch auf dem Debutalbum der Fall war, aber es lässt keinen Zweifel: das sind die Norweger, die wir kennen.

Insgesamt wirkt Meir gesetzter als das Debut, die Songs gehen weitaus besser ineinander über und sie wirken nicht mehr so schroff. Vielleicht war es genau das, was Kvelertak bislang ausgemacht hat – dennoch ist Meir nicht zu unterschätzen.

Kvelertak - Meir

Die neue Kvelertak-Platte. Das Artwork stammt von Baroness-Frontmann John Baizley (Foto © Hendrik Erz)

Ein Haufen echter Rockstars

Kvelertak, was zu Deutsch “Würgegriff” heißt, wurde 2006 im norwegischen Stavanger von Sänger Erlend Hjelvik und Gitarristen Bjarte Lund Rolland gegründet. Nach einem kurzen Mailverkehr entstand eine Band, die laut Gitarrist Maciek Ofstad im Interview noch mehr schlecht als recht war. Es fanden viele Wechsel statt – besonders zwischen den Instrumenten. Beispielsweise stand Vidar Landa zunächst am Bass, bevor er an die Gitarre wechselte.

Seit Mitte 2009 ist das Band-Lineup unverändert mit Erlend Hjelvik am Gesang, Vidar Landa, Bjarte Lund Rolland und Maciek Ofstad an den Gitarren, Marvin Nygaard am Bass und Kjetil Germundrød am Schlagzeug. Noch ein Grund für den schroffen Sound des Sextetts sind also auch drei Gitarren. Ursprünglich sollten es sogar vier werden.

Version 2.0 des Death’n'Roll

Meir diente in erster Linie dazu, technisch besser zu werden, wie Sänger Erlend Hjelvik und Vidar Landa in einem Interview mit RoadRunner UK sagten. Und das ist definitiv auch gelungen – die Musik ist melodischer, es gibt weniger Brüche und die Harmonien (weswegen live auch drei Gitarren benötigt werden) sind geschliffener.

Die Musik wird meistens als Death’n'Roll eingestuft, auf Meir speist sie sich aus den Genres Black Metal, Punk – aber eben auch Rock’n'Roll. Man kann hier schnell Parallelen zu Turbonegro und Skambankt ziehen, die ähnliche Musik machen. Skambankt kommen ebenfalls aus Stavanger.

Auf Meir werden viele Elemente von Kvelertak beibehalten – harte Gitarrensounds, Melodien, der für Erlend typische Schreigesang, irgendein Mittelding zwischen Shouts und Growls, und die Grooves. Neu hinzugekommen sind Elemente wie Akustikgitarrenintros (Evig Vandrar, Bruane Brenn und Snilepisk) und zutiefst “Heavy Metallige”, wenngleich auch kurze Soli (Månelyst, Kvelertak).

Lyrics zwischen Apokalypse und Party

Dass sich die Sechs selber nicht so ganz ernst nehmen, zeigen alleine die Lyrics. Maciek selber sagte im Interview, das Album handle von Realitätsflucht, Verdammung und der Apokalypse – aber es gebe auch Partylieder. Insgesamt schwankt also die lyrische Qualität zwischen Party und Löchern im Kopf. Löcher im Kopf? Ohja.

Song 3, Trepan, handelt von eben diesem Gerät – einem Trepan – mit dem man in früheren Tagen Löcher in Köpfe bohrte, um böse Geister freizulassen. Das Video zu Månelyst ist dagegen eine Hommage an alle Horror- und Splatterfilme der Welt. Der Regisseur Fredrik Hana hat dabei im Video nichts ausgelassen – von angezündeten Menschen über Zombies bis hin zu Werwölfen. Zu meiner persönlichen Freude scheinen die Werwolf-Szenen der britischen Serie Being Human entnommen zu sein.

Song 4, Bruane Brenn, wiederum ist reine Partyhymne. Um es mit Macieks Worten auszudrücken: “The song is about never going back; being your own master; running with horses.” Also Rock in Reinform. Das Album schwankt zwischen lyrischen Höhen und Tiefen des Lebens – nur die Musik ist und bleibt tanzbar.

Neun Minuten Progressive Rock vor dem Finale

Eine Besonderheit ist im Album Tordenbrak. Der Song wurde zum Großteil von Drummer Kjetil Germundrød geschrieben und fällt durch seine für Kvelertak höchst ungewöhnliche Länge von fast 9 Minuten auf. Er ist eher progressiv angelegt und bietet einen Einblick in den Sound, der herauskommt, wenn Kvelertak experimentell werden.

Das Finale bietet dann der selbstbetitelte Song Kvelertak am Ende der Platte. Alleine der Beginn klingt schon wie das perfekte Outro – rückkoppelnde Gitarren und ein treibender Schlagzeugbeat leiten eine straighte Rockhymne ein, in der dann auch tatsächlich ein bisschen Stadiongesang vorkommt. Und als wäre das nicht genug, klingt die Bridge fast wie Highway To Hell auf Norwegisch.

Mit ein paar Wiederholungen des Hauptriffs verabschieden sich Kvelertak dann vom Album und man bleibt mit dem Gefühl zurück, etwas “Ganzes” gehört zu haben.

Fazit: eine gelungene Nummer Zwei

Meir steht dem Debut in Nichts nach. Es verbessert Ungeschliffenheiten, ist technisch anspruchsvoller, bleibt dabei aber immer noch tanzbar. Es wirkt nicht aufgesetzt, sondern natürlich und wie aus einem Guss. Obwohl auf dem Album vermutlich kein Lied an Blodtørst herankommen dürfte, bleiben Kvelertak sich treu und natürlich rock’n'rollig.

Tracklisting und Anspieltipps:

  1. Åpenbaring (Offenbarung)
  2. Spring Fra Livet (Lebenssprung)
  3. Trepan (Schädelbohrer)
  4. Bruane Brenn (Brennende Brücken)
  5. Evig Vandrar (Ewiger Wanderer)
  6. Snilepisk (Peitsche des Tyrannen)
  7. Månelyst (Mondschein)
  8. Nekrokosmos (in etwa “Toter Raum” oder “Totenraum”)
  9. Undertro (in etwa das Gegenteil von Aberglaube)
  10. Tordenbrak (Donnerkrachen)
  11. Kvelertak (Würgegriff)

Mrz 11 2013

Aux armes, citoyens, pour la citation!

Hendrik Erz

Alors. Wer hätte es gedacht, dass die französische Nationalhymne, die Marseillaise, einmal so gut in einen Artikel passen würde. Es ist nunmehr ein Jahr und ein paar gequetschte Wochen her, seit Ansgar Heveling, seines Zeichens CDU-Mann und leider auch Bundestagsabgeordneter, einseitig einen Krieg gegen die Netzgemeinde erklärte und – oh Wunder – Opfer eines Shitstorms wurde. Da die Netzgemeinde aber leider tatsächlich pazifistisch ist und sich auf verbale Kotereien beschränkt, während real existierende Institutionen auch mal den Stecker ziehen, muss ich doch feststellen: es sieht so aus, als hätte Herr Heveling tatsächlich Recht!

Seit 10 Tagen ist das sogenannte Leistungsschutzrecht durch den Bundestag und es scheint immer unwahrscheinlicher, dass die Opposition es im Bundesrat blockieren wird. Dieses Leistungsschutzrecht soll Presseverlagen ein Recht einräumen, für die Verwendung ihrer Inhalte im Netz Geld zu verlangen. Das Witzige dabei: die Legislative hat hier mit einem einzigen, kleinen Gesetz, sämtliche Regeln der wissenschaftlichen Zitation vernichtet.

 

Prinzipiell gibt es wirklich nichts dagegen einzuwenden, dass auch Presseverlage, genauso wie Künstler und alle anderen Erschaffer immaterieller Güter, ein Recht auf angemessene Bezahlung haben. Dennoch gibt es einen massiven Unterschied zwischen Presse und allen anderen immateriellen Gütern. Im Gegensatz zu Musik und Kunst sind sie nämlich für das Leben einer Demokratie – und auch Forschung – unerlässlich. Natürlich, so wird man nun einwenden dürfen, wird das Leistungsschutzrecht nichts daran ändern, dass wir weiterhin über die Facebookseiten der jeweiligen Zeitungen an Nachrichten kommen. Die verschiedenen, großen und etwas kleineren Tageszeitungen an sich findet man ja immer noch über Google (sollte sich Google überhaupt darum scheren, was die Deutschen so beschließen).

Das wahre Opfer des Leistungsschutzrechtes wird die Forschung sein, da hier nämlich eine sogenannte Moving Wall geschaffen wird. Unter einer Moving Wall versteht man im Allgemeinen eine Schutzfrist, vor Ablauf derer geheime oder wichtige Akten der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden dürfen. Generell gilt meist eine Frist von 30 Jahren. Das macht wissenschaftliches Arbeiten natürlich schon arg schwierig, aber hat sich bereits eingebürgert. Sollte das Gleiche nun auch für einfache, tagesaktuelle Nachrichten gemacht werden, wird das jede Art von zeitgeschichtlicher oder auch zeitgenössischer Forschung völlig vernichten. Auch wenn die Moving Wall hier nur ein Jahr betragen soll.

Durch das Zitationsverbot nämlich wird verhindert, dass Wissenschaftler normal, wie sie es gewohnt sind, zitieren zu können. Und das ist pervers, angesichts der Tatsache, dass jeder weiß, was Sache ist, es darf eben nur keiner “laut aussprechen”, literally. Das ist natürlich noch unkritisch für Textpassagen, die man einfach umformulieren kann und auf dessen Quelle man mit einem Link in der Fußnote verweisen kann. Schwierig wird das allerdings für Zahlen und Statistiken. Denn wie sollte man Zahlen auch umformulieren, ohne in ein anderes Zahlensystem wie Binär oder Hexadezimal zu wechseln?

Was ebenfalls viele übersehen oder einfach nicht wissen, ist die noch größere Perversion des wissenschaftlichen Publikationsmarktes. Man mag als gemeiner Bürger vielleicht denken, dass zumindest wissenschaftliche Werke halbwegs aus der Ökonomie rausgehalten werden. Doch auch das ist ein absolutes Wunschdenken. Ich nenne nur einmal das Beispiel Elsevier. Der niederländische Wissenschaftsverlag nämlich hält ein weltweites Beinahe-Monopol auf wissenschaftliche Zeitschriften. Das hat dazu geführt, dass immer mehr Universitäten – die sich immerhin selbst finanzieren müssen – keine wissenschaftlichen Zeitschriften mehr abonnieren, sodass kaum neue Forschung in den Unis ankommt.

Wieso? Ganz einfach: Elsevier hat aus Zwecken der Gewinnmaximierung angefangen, Universitäten nur noch “Zeitschriften-Bundles” anzubieten. Das bedeutet, dass, wer eine Zeitschrift haben will, noch vier oder fünf weitere, unbekannte und vermutlich auch unnütze Zeitschriften abonnieren muss, was zusätzliches Geld kostet. Und im Übrigen Platz verschwendet. Somit canceln die meisten kleineren Unis schlicht alle Zeitschriften und die Forschung an der Uni wird erneut von Geld abhängig. Hier ist es also noch weitaus schlimmer als auf dem Musikmarkt. Denn während ein Musikalbum heutzutage, wenn man es wirklich dringend und möglichst günstig braucht, noch zwischen 5 – 10€ kostet, fangen die meisten wissenschaftlichen Aufsätze, und seien sie auch nur 10-20 Seiten lang, erst bei 20€ an. Und glaubt mir – solche Aufsätze sind auch nicht auf Torrentseiten geleakt, da die besser unter Verschluss gehalten werden und gleichzeitig natürlich auch weniger Interesse der Normalbevölkerung haben.

Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass dieser ganze Schwachsinn auch noch auf den “normalen” Pressemarkt ausgeweitet wird, kann ich nur rufen: Aux armes, citoyens! Formez vos batallions! Qu’un sang impur abreuve nos sillons!


Feb 7 2013

Das politische System der Bundesrepublik im Wandel

Hendrik Erz

Und erneut ist es S.K., der mich wieder auf eine glorreiche Idee für einen Artikel brachte. In seinem Post “Doktortitel und die Postdemokratie oder Warum auch Schavans Kopf rollen wird” beschrieb er sehr zutreffend, dass es den Parteien seit ein paar Jahren immer wichtiger wird, das Image der konkurrierenden Parteien zu beschädigen und das eigene zu erhalten. Parteiprogramme treten also in den Hintergrund und das ist auch der Grund dafür, dass derzeit so viele CDU- und FDP-Abgeordnete öffentlich “ex-doktoriert” werden. Jetzt bliebe natürlich noch zu fragen, warum das gleiche Spiel nicht auch mit SPD und Grüne passiert – eine Antwort darauf habe ich leider nicht.

Allerdings stelle ich mir nun die Frage: “Wohin treibt es die Parteien?” Oder anders formuliert: “Könnte es sein, dass wir derzeit in einem Umwandlungsprozess sind, an dessen Ende wir ein anderes System im Staat haben?” Um die Antwort auf diese These schon einmal vorweg zu greifen: ich sage: “Ja!” Denn, wenn man sich die einzelnen Aspekte von Wahlkampf und Legislatur näher ansieht, staune ich nicht schlecht. De facto nämlich nähert sich das deutsche System mit sehr großen Schritten dem amerikanischen System an. Das will ich im Folgenden anhand drei größerer Felder erläutern: dem “Gesichterwahlkampf”, der “Individualisierung” von Politikern, die auch eine Ursache des Gesichterwahlkampfes ist und der Machtverschiebung sowohl in Richtung Kanzler, als auch in Richtung Bundesländer.

Punkt 1 soll der sogenannte “Gesichterwahlkampf” sein. Wie auch schon S.K. in seinem Blogpost richtig dargelegt hatte, sind heutige Wahlkämpfe in Deutschland reine PR-Kampagnen. Kanzlerkandidaten aller Parteien treten mit ihrem Gesicht und ihrem Namen gegeneinander an. Sehr treffend formuliert hat das die FDP-Abgeordnete Katja Suding, die da sagte: “Ein Wahlplakat ist auch gar nicht dafür gedacht, Inhalte zu transportieren.” (gesehen in: Markus Lanz vom 29.01.2013, ab 14:30). Das kennen wir auch aus den USA, in denen das nämlich schon seit langer Zeit so praktiziert wird. Dort wählen zwei Parteien je einen Präsidentschaftskandidaten, der dann mit etlichen Millionen USD in eine regelrechte Werbeschlacht zieht und versucht, möglichst viele Wähler für sich zu gewinnen. Die Nachdenkseiten haben kürzlich erst gefragt, warum wir Spitzenkandidaten brauchen – hier ist die Antwort. Es werden keine Parteien mehr gewählt, sondern Spitzenkandidaten a.k.a. Kanzlerkandidaten. Ähnlich dem US-System werden die auch in Deutschland mittlerweile vor der eigentlichen Bundestagswahl bereits gekürt. Der Wähler weiß, wen er zum Kanzler macht. Die Grünen sind hierbei die Vorreiter, die das amerikanische Wahlsystem mit einer Urabstimmung des Kanzlerkandidaten bereits voll adaptiert haben.

Punkt 2 ist eine Art “Individualisierung” der Bundestagsabgeordneten. Wie frühere Abstimmungen bereits gezeigt haben, stimmen gerne auch einmal MdB einer Partei gegen die Parteilinie, d.h. gegen den Willen der Kanzlerin im Falle der CDU. Gleichzeitig gibt es auch Ministerpräsidenten von Bundesländern, die Alleingänge planen. Das derzeit prominenteste Beispiel dafür ist die Klage von Hessen und Bayern gegen den Länderfinanzausgleich. Auch das kennen wir aus dem US-System: der Kongress der Staaten setzt sich prinzipiell aus zwei verschiedenen Parteien zusammen. Gleichzeitig aber repräsentiert jeder Kongressabgeordnete einen Bundesstaat, der ihn gewählt hat, und ist sowieso nur bedingt auf die Parteilinie gemünzt; vertritt also eher seine persönliche Meinung (und natürlich auch die, die ihm die Wiederwahl sichert). Und was die Klage gegen den Länderfinanzausgleich angeht, so ist auch das ein Zeichen dafür, dass die Bundesländer in Richtung von Bundesstaaten driften, also in die Richtung autonomer Gesetzgebung auf Länderebene.

Und das führt mich auch bereits zu Punkt 3: einer starken Machtverschiebung innerhalb der Bundesrepublik. Dafür möchte ich drei Beispiele nennen. Das erste Beispiel ist uns mittlerweile etwas aus dem Gedächtnis gesprungen – und zwar der Bundespräsident. Der ist derzeit Joachim Gauck und er macht – richtig: nichts. Denn der Bundespräsident ist vermutlich der klarste Verlierer dieser Machtverschiebung. Ich weiß nicht, ob es bereits vor Horst Köhler anfing, aber allerspätestens Christian Wulff war vollkommen abhängig von der Gnade seiner Kanzlerin. Hier kann man jetzt auch wieder S.K.s Beispiel vom Image der Partei heranziehen: die “Wulff-Affäre” hat das Image der Partei beschmutzt, also wurde der Dreck auf das Haupte Wulffs gelegt, der dann abgestoßen wurde und das Bild der CDU somit wieder rein war. Allgemein ist der Bundespräsident heute nicht mehr als eine Farce; ein Schatten einer längst vergangenen Zeit. Die eigentliche Aufgabe des Bundespräsidenten – nämlich die Repräsentation Deutschlands im Ausland – ist eigentlich schon vollständig auf die Kanzlerin übergegangen. Hier sei noch kurz auf das offensichtliche Wortspiel eingegangen, dass die Kanzlerin mittlerweile ja auch “Madame President” ist.

Die zweiten Verlierer der Machtverschiebung in Deutschland sind die Parteien selber. Meine ursprüngliche Frage an dieses Thema war: “Wie wichtig sind die Parteien überhaupt noch?” – und mittlerweile sollte klar sein, dass sie überhaupt nicht mehr wichtig sind. Alle drei großen Parteien sind inhaltlich im Prinzip auf einer ähnlichen bis gleichen Agenda. Ein Schelm, wer diese Entwicklung bereits geahnt hatte, als man die Grünen als die “neuen Konservativen” bezeichnet hatte. Gleichzeitig ist auch, wie oben bereits angedeutet wurde, die Parteilinie im Bundestag nicht mehr vollständig bindend. Noch ist das nur eine Entwicklung, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Entwicklung zu einer vollständigen Entbindung der MdB von ihrer Parteilinie führt. Am Ende dieser Entwicklung werden die Abgeordneten also aller Voraussicht nach die Personalunion von Wahlmännern und Kongressabgeordneten in den USA sein. Während dem Wahlkampf dienen sie quasi als Wahlmänner: wenn sie gewählt werden, ist gleichzeitig nach der Auszählung klar, wer Kanzler wird. Gleichzeitig werden aber auch die Abgeordneten in den Bundestag gewählt, d.h. der Wähler bestimmt auch, welche Partikularinteressen im Bundestag vertreten werden.

Und der dritte und letzte Verlierer der deutschen Machtverschiebung ist relativ abstrakt: nämlich die Deutsche Einheit. Dadurch, dass die Parteilinie nicht mehr bindend ist und außerdem die Regierung in Berlin mehr und mehr Machtbefugnisse zu konzentrieren versucht, versuchen auch die einzelnen Länder, Macht zu konzentrieren. In der Bildungspolitik ist das schon vor langer, langer Zeit passiert und bald scheinen auch die Finanzen Länderprimat zu werden – zumindest, wenn die Entwicklung so weitergeht, wie bisher. Auch hier sei noch einmal die Klage gegen den Länderfinanzausgleich erwähnt. Letztlich könnte diese Entwicklung dazu führen, dass die Bundesländer ähnlich autark sind, wie die Bundesstaaten der USA. Allerdings sind das nur vage Hypothesen und Gedankenspiele.

Zum Schluss noch die Frage: was für Folgen hat diese Entwicklung? Ob das Ganze jetzt zu einer Art deutschem Republikanismus führt, ist äußerst fraglich und rein hypothetisch. Was vermutlich wahrscheinlicher ist – auch angelehnt an das Postdemokratie-Konzept von Colin Crouch – ist eine weitere, stärkere Privatisierung sämtlicher Interessen, Güter und allem, was dazu gehört. Letztlich also könnte diese Entwicklung im Ernstfall zu einem krassen “Siegeszug des Neoliberalismus” in Deutschland führen. Wie man das sieht, das überlasse ich dann jedem selbst.


Feb 4 2013

Steinbrück: Im falschen Film

Hendrik Erz

Manche Menschen können es nicht lassen. So zum Beispiel Peer Steinbrück. Nachdem die BILD ganz böse “Kann Peer Kanzler?” titelte, als dieser zum Spitzenkandidaten der SPD emporgehoben wurde, beantwortet mittlerweile ja sogar die Parteispitze der SPD diese Frage klar mit einem “Nein”. Also, nicht öffentlich, aber das gesamte Verhalten spielt ein wenig darauf an. Dann folgte die zweite Schlagzeile: “Peer will mehr” – das war, nachdem längst herausgekommen war, wieviel Peer Steinbrück an Nebenverdiensten bekommt und als er dann ein höheres Kanzlergehalt forderte.

Ich will damit nicht sagen, dass ich Peer Steinbrück nicht unterstütze – vieles zeigt auch jetzt noch darauf, dass ich die SPD wählen werde. Aber mittlerweile sollte selbst bei ihm angekommen sein, dass Wahlkampf anders läuft. Wahlkampf läuft so: im Zweifelsfall einfach still sein, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher sein kann, dass eine Position vom Volk nicht gut aufgenommen werden wird. Einfach ausgedrückt: das Konzept “Merkel” funktioniert – erst von einer Katastrophe sprechen, wenn der Asteroid bereits unabwendbar auf die Erde zurast. Steinbrück ist wie ein kleines Kind, das sich in der Machtsphäre noch ein wenig ausprobiert: er sagt viele Dinge, welche die Leute einfach nicht gewohnt sind. Er bezieht Position. Aber er nutzt sie nicht. Im Gegenteil: der Absturz der SPD wird durch ihn nur noch verstärkt.

Als zum Beispiel gerade die CDU und FDP gefordert haben, er möge seine Nebenverdienste offenlegen, hätte er nach seiner eigenen Offenbarung auf zwei Arten reagieren können: erstens hätte er seinerseits fordern können, alle anderen Spitzenkandidaten sollten ebenfalls ihre Nebeneinkünfte offenlegen (und ich wette, dass CDU und FDP dabei schlecht ausgesehen hätten), oder aber er hätte einfach nicht im Kontext dieses Skandals auch noch ein höheres Kanzlergehalt fordern dürfen. Denn, so richtig es sein mag, dass der Kanzler im Vergleich mit Managern zu wenig verdient – die Kombination von Steinbrücks Nebeneinkünften zusammen mit seiner Kandidatur als Kanzlerkandidat lässt den Vergleich mit den Wirtschaftsbossen einfach verpuffen. Und die Medien sind da knallhart.

Und jetzt gleich der nächste Coup: fünf Wirtschaftsbosse haben sich bereit erklärt, Peer Steinbrück zu unterstützen. Und zwar mit einem privaten Watchblog, dem Peerblog, verwaltet von einer Agentur und mit einem sechsstelligen (!) Betrag unterstützt. Nicht ernsthaft? Doch, leider wohl. Die SPD, die ehemalige Arbeitnehmerpartei wird jetzt von Arbeitgebern unterstützt. Also zumindest ihr Spitzenkandidat. Der von seiner Partei regelmäßig den Mund verboten bekommt. “Wasdalos?” ist man zu fragen gewillt. Peer Steinbrück hat sogar sein OK gegeben. Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass Steinbrück überhaupt noch weiß, dass er Kanzlerkandidat ist – er scheint einfach den ihm zuteil werdenden Ruhm zu genießen und dabei – mit Verlaub – drauf zu scheißen, dass er eine Partei vertritt, die seit mehr als 100 Jahren erfolgreich eine Pest für die Arbeitgeber darstellte. Gut – das ist zwar schon länger nicht mehr so, aber Peer Steinbrück gibt der SPD noch den Rest als Arbeiterpartei.

Vielleicht wähl’ ich einfach die FDP. Die steht wenigstens zu ihrem neoliberalen Scheiss. Obwohl, nein – Gewalt ist ja auch keine Lösung.


Feb 2 2013

Arbeiterkind.

Hendrik Erz

Es hat das Zeug zum Unwort des Jahres 2013*, wenn es jetzt noch ein paar Kreise zieht: der zentrale Begriff eines auffallend langen Kommentares in der Zeit, geschrieben von einem sogenannten Arbeiterkind. In Zeiten, in denen von Erasmus als riesiges Party-Projekt der EU gesprochen wird, die Abschaffung der Studiengebühren in Bayern ihren Weg in Richtung Parlament macht und es ständig Protest gegen Anwesenheitspflicht gibt oder die “Regelstudienzeit” von 6 Semestern als zu kurz empfunden wird, schreckt es einen durchaus auf, plötzlich wieder auf den Anfang des eigenen Weges gerissen zu werden. Denn auch ich bin – der Definition des Kommentars folgend – ein Arbeiterkind. Weder meine Mutter noch mein Vater haben studiert. Zugegeben, meine Mutter hat einmal ein Fernstudium gemacht. Ein Fernstudium. Also nur für den Lebenslauf.

Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass ich ja eigentlich bis knapp einen Monat vor Ende der Bewerbungsphase in Bonn noch eine Ausbildung machen wollte. Eine Ausbildung! Das klingt für mich jetzt so unwirklich wie Arbeiterkinder auf einer bayerischen Hochschule, um im Bilde zu bleiben.  Dabei ist eine Ausbildung per se nicht schlechter als ein Studium – nur anders. Aber anscheinend verläuft, und das wird jetzt greifbar, eine regelrechte Linie in meinem Kopf zwischen mir als Student und diesen “Gossensprache beherrschenden Asozialen”. Mal drastisch formuliert.

Niklas Luhmann würde sich jetzt freuen und in seiner Inklusions/Exklusions-Theorie bestätigt fühlen. Die besagt nämlich, dass in einer funktionalistischen (d.h. unserer aktuellen) Gesellschaft eigentlich nur Inklusion besteht. Das heißt, es scheint so, als würde niemand aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Tatsächlich aber – und das hat der Soziologie-Prof meines Herzens am Beispiel von Slums (z.B. in Rio de Janeiro) dargestellt – besteht die Exklusion tatsächlich noch weiter. Es gibt Menschen, die ausgesiebt werden, für die andere Regeln gelten. Als Arbeiterkind mit Blick auf meine jetzige Position fällt mir das jetzt erschreckenderweise sogar in Deutschland auf – und das noch nicht mal in der Unterscheidung Oberschicht <-> Proletariat, sondern in der Unterscheidung Akademiker <-> Arbeiter. Soviel zum Thema “Die Herkunft darf nicht wichtig sein” und Chancengleichheit. Armes Deutschland.

* Nach einem kurzen Disput mit S.K. habe ich dann auch eingesehen, dass das Unwort wenn, dann “Sexismus-Debatte” sein kann. Aber nicht “Arbeiterkind”.


Jan 31 2013

“Guck mal da: ein Sexist!”

Hendrik Erz

Will man heute für Aufregung sorgen, tut man irgendetwas, was kein Feminist gut finden kann. Dann gibt es relativ zuverlässig einen Aufschrei. Bei Rainer Brüderle hat es leider ein Jahr gebraucht, aber Laura Himmelreich ist ja eine starke Frau, die ganz cool geblieben ist und es erst jetzt zusammen mit einem Portrait von ihm herausgebracht hat. Oder? Für mich jedenfalls nicht.

Aber für mich sind auch wenige der Frauen, die derzeit #aufschrei-Tweets verfassen, stark. Sie folgen in erster Linie dem von Himmelreich initiierten Herdentrieb, einem Unmut Luft zu machen. Ja, aber welchem Unmut? Der, dass sie immer noch nicht gleichberechtigt seien? Oder der, dass Männer sie blöd von der Seite anbaggern? Oder dass sie Opfer häuslicher Gewalt werden? Irgendwie ist es alles und nichts davon. Die Tweets reichen von “Endlich gibt es einmal einen #aufschrei” bis zu “Gestern recht wenig über Sexismus hier gelesen. Ich nehme an, ihr hattet keine Zeit, weil ihr den Bachelor gucken musstet. #aufschrei”

Was dabei herauskommt, kann man anhand der Folge Markus Lanz vom 29.01. sehen: wildes Herumgeschnattere und gegenseitiges Beleidigen, das zu nichts führt. Und genau daraus besteht die aktuelle Sexismus-Debatte: Vermeintlich unterdrückte Frauen werfen Männern Sexismus, Machtgehabe und einen zu kleinen Penis vor, Männer kotzen ähnlich zurück. Zum Glück mehren sich derzeit die kritischen Kommentare, die sich keinem Lager zuwenden, sondern sinngemäß fragen: “Habt ihr sie eigentlich noch alle?”

Ähnlich sieht das in der Bloglandschaft aus: Anja Maier bezeichnet Rainer Brüderle als “Testosteron-Politiker” und reiht sich ein in die Reihe unreflektiert Meinung in die Welt hinauspustender Linksaktivisten. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Agnes Krumwiede sieht das Ganze wieder nüchterner – ein Pluspunkt für die “taz”, beide Meinungen zu veröffentlichen. Laut der New York Times gilt für Deutschland:  ”gender relations are surprisingly backward for a developed country and years behind the United States when it comes to workplace equality and, in particular, sexual innuendo.”

Bleibt die Frage: wie geht man mit diesem Problem um? Man kann es mit diesem Aufschrei versuchen. Der wird aber im Sande verlaufen. Die Gesellschaft wehrt sich wie ein Immunsystem gegen diesen Aufschrei, weil er plump versucht, die Gesellschaft mit Gewalt zu verändern. Frauenaktivistinnen gehen schon seit Jahrzehnten davon aus, wenn man den Männern nur genügend Rechte wegnimmt und sie stattdessen den Frauen gibt, erzwingt man ein gleichgerichtetes Denken. Das Gegenteil ist bisher eingetreten: immer mehr Männer fühlen sich unterdrückt, alle reden vom Mann mittlerweile als dem schwachen Geschlecht. Würde sich eine Art Männer-Emanzipation bilden, wäre ihr der Hohn und Spott ziemlich lautstarker misandrischer Frauen sicher.

Jörg Kachelmann hat recht richtig gesagt, dass Frauen (allerdings fast nur in den Medien) eine Art “Opfer-Abo” hätten. Sex sells. Und das ist nur ein Teil des Problems. Mein Tipp ist: einfach warten und die Mühlen der Zeit arbeiten lassen. Denn wenn ich mich in meinem Studiengang umschaue, gibt es keine Person, von der ich wirklich vermuten würde, sie würde bewusst oder ernst gemeint irgendeinen sexistischen Kommentar ablassen. Natürlich gibt es die “coolen” bei uns, die gerne einen raushängen lassen. Aber auch die respektieren Frauen als ganz normale Menschen, wie sie selbst es auch sind. Wenn meine Generation irgendwann mal am Drücker sein sollte (falls uns die “Alten” denn vor ihrem Tod einmal lassen), wird das Thema Sexismus keine Aufmerksamkeit erregen, weil der Gedanke dann in der Gesellschaft angekommen ist. Naja. Und vielleicht sollten so Schundblätter wie der Spiegel, der Stern und die Bild von ebendieser Fläche verschwinden.

Vielleicht brauchen einige Teile der Gesellschaft tatsächlich noch Mannsweiber, die ihnen den Arsch für ihr Verhalten versohlen. Aber längst sind die Teile in der Minderheit. Zum Glück.