Konsumkapitalismus in Deutschland
Posted on | November 9, 2009 | Kommentare deaktiviert
Samstag Morgen, 12 Uhr in Deutschland. Meine Freundin und ich wollen nach Köln, in ein viel gelobtes Musikgeschäft. Also nimmt man sich vor, einmal einen ganzen Tag nach Köln zu fahren und auch vielleicht ein paar Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Gesagt, getan. Nach einem bisschen Stau auf der A57 an Kreuz Köln-Nord war ein Parkplatz schnell gefunden und schon konnte das Shoppen beginnen.
Nachdem wir ein wenig in besagtem Musikladen herumgestöbert hatten und ich zum Schluss gekommen bin, dass ein solch überfüllter Musikladen eine Qual ist, ging es auf eine Tour durch die Einkaufsstraße von Köln, abzweigend vom Domplatz. Links und rechts – überall sah man große, größere und größte Läden, teils große Kaufhausketten waren vertreten und getreu dem Motto “Größer geht es immer” war auch die Innenarchitektur gehalten, so z.B. ein knapp 30 Meter großer Weihnachtsbaum in einem der größten Läden – immerhin einer deutschen Kette angehörig.
Doch nachdem wir ein paar Stunden durch diese Straße gingen (und nebenbei wirklich ein paar Weihnachtsgeschenke fanden) begann diese Masse mich zu erdrücken. Immer mehr dachte ich nur an “Kaufen, kaufen, kaufen”. Und das macht nachdenklich. Mich, warum in Deutschland bereits so dieser Konsum angekommen ist. Wie in Amerika wurde in der Kölner Innenstadt ziemlich eindeutig das amerikanische Motto “Konsum! Zwei statt einem!” angepriesen, mit großen Mengen, die Menschen zum Konsum bewegen und damit die Wirtschaft ankurbeln.
Gleichzeitig musste ich an die ganzen Einzelhandelsgeschäfte von früher denken. Diese typischen Tante-Emma-Läden, welche jetzt durch Kaufhof, Media Markt & co. verdrängt wurden und werden. Es ist sehr interessant, zu sehen, wie der Kapitalismus auch im “Sozialstaat” Deutschland auf die Spitze getrieben wird, gilt doch das ungeschriebene Gesetz, dass wir in Deutschland – zumindest dachte ich das bisher – eine relativ gesunde Mischung aus Plan- und freier Wirtschaft haben. Aber anscheinend übernimmt man nicht nur Fast Food, Fettleibigkeit, Autos und Patriotismus aus Amerika, sogar der ungehemmte Konsum beginnt. Wo wir sogar noch in den 70er Jahren kleinere Kaufhäuser hatten und der Konsum wegen der deutschen Mentalität relativ eingeschränkt war – trotz Wirtschaftswunder, so stehen heute nur noch die größten Läden.
Also haben wir jetzt auch in Deutschland den puren Konsum. Viel interessanter wird aber diese eigentlich an sich zwar erschreckende, aber leider nicht neue Nachricht, wenn man bedenkt, was ich in den letzten zwei bis drei Tagen auf spiegel.de gelesen habe.
Einerseits gab es nämlich jetzt anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Mauerfalles, d.h. der Zerschlagung der Planwirtschaft auf deutschem Boden, eine Umfrage, wie beliebt denn der Kapitalismus ist. Und die kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Sehr unbeliebt. Sogar in der Kapitalismushochburg USA finden “nur” 25% den Kapitalismus als solchen gut funktionierend. Und sogar der Untergang der Sowjetunion wird vielfach als negatives Ereignis interpretiert. Ist es nicht interessant, wie 20 Jahre nach dem endgültigen Fall des Sozialismus in Europa das Meinungsbild vom “Bösen Russen”, dem Iwan, abgewichen ist zum “Bösen Amerikaner”?
Und andererseits ist – eben wegen dem 20. Geburtstag des Mauerfalles auch der “Soli” wieder im Gespräch. Der Solidaritätszuschuss, welcher seit dem Mauerfall von West nach Ost fließt, hat den Sinn, den Osten aufzubauen, d.h. die Lebenssituation im Osten an die im Westen anzugleichen. Doch seit vielen Jahren bereits gibt es Kritik am Solidaritätszuschuss. In Westdeutschland beschwert man sich, dass in Ostdeutschland wesentlich neuere Infrastruktur steht, und dies kann ich sogar bestätigen. Kaum kommt man in den Osten, werden die Straßen absolut glanzvoll und schlaglochfrei, ebenso wie die Gebäude im Osten extrem herausgeputzt sind. Wenn man dies im Kontrast zu Städten im Westen, beispielsweise im Ruhrgebiet, sieht, so fällt auf, dass der Osten wesentlich besser aussieht, und ich kann mich auch noch an eine Dokumentation erinnern, in der genau dieser Kontrast heraus stach, und auch an einige Interviews, die zum Zwecke der Dokumentation geführt wurden. Ein Westdeutscher sagte, dass der Westen verkomme und er nicht verstünde, warum immer mehr Geld in den Osten gepumpt werde, wenn in Westdeutschland doch alles verkommt. Und ein Ostdeutscher hat gesagt, die Ostdeutschen bräuchten keinen Solidaritätszuschuss mehr, da sie nichts mit dem Geld anfangen könnten. Der Soli ist also in West und Ost gleichermaßen unbeliebt. Lediglich die Politiker sehen den Solidaritätszuschuss noch als angemessen und benötigt, wollen ihn gar erhöhen.
Doch dann frage ich mich, warum angeblich die Wirtschaft im Osten noch lange nicht an der des Westens angepasst ist? Liegt es vielleicht an den unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen? Im Osten liegen doch vollkommen andere Grundsätze in der Mentalität. In der DDR ging es nie um die Industrie, sondern um den Menschen. Sozialistischer Grundsatz eben. Also – warum kann es nicht sein, dass in ostdeutschen Mentalitäten noch dieser Grundsatz existiert und dementsprechend das Geld eben mehr in Dinge fließt, die den Menschen nutzen, als in die Industrie? Und außerdem hat unser neuer Verkehrsminister vorgeschlagen, einmal eine Art Solidaritätszuschuss für den Westen einzuführen, damit auch im Westen die Straßen saniert werden könnten.
Dieser wurde prompt und entschieden von der FDP abgewehrt und als “geschmacklos” abgetan.
Warum bitte nur handelt unsere Politik immer so schizophren? Auf der einen Seite übernimmt sie sämtliche Konzepte der amerikanischen Konsumkultur, gleichzeitig predigt sie aber noch die deutsche Lebenskultur.
Und um das Volk scheint sich – besonders der große Wahlgewinner FDP – immer weniger zu kümmern, bzw. nach seinem Gusto handeln. Anscheinend freut sich die FDP zu sehr, dass sie der große Wahlsieger ist.
