Weg.
Posted on | November 10, 2009 | 3 Comments
Schmutz. Es war früh am Morgen. Die Nacht war noch über der Stadt. Es war dunkel. Nur die Neonleuchten der Straßenlaternen schenkten diffuses, schwaches Licht. Die Straßen waren leer. Die Sonne kämpfte sich hervor. Langsam zerstörte sie das unklare, neblige Licht der Lampen. Doch noch lange in den Sonnenaufgang hinein kämpften die Straßenlaternen. Doch dann gaben sie auf. Die Sonne gewann. Das reine Licht ihrer selbst drang in die Straßen. Es war golden und klar. Vollkommen. Natürlich.
Er wurde wachgekitzelt. Die Sonne drang durch einen Spalt seiner nicht ganz geschlossenen Jalousien in sein Zimmer. Genau auf sein Auge. Das Sonnenlicht schien ihn zu blenden. So kam es ihm vor. So hell war es. Schnell verschwand er aus dem Wirkungsbereich der Sonne. Schnell suchte er den Schatten. Er sperrte die Sonne nicht aus. Er brauchte ihr Licht, um sich in seinem Zimmer zurecht finden zu können.
Er hatte nur in seiner Hose geschlafen. Sein T-Shirt und seine Schuhe zog er am Vorabend aus. Schnell griff er zu seinen drei Halsketten. Ohne sie fühlte er sich unwohl. Er brauchte sie. Da war die erste. Ein Edelstein, rein wie ein Smaragd, schien es. Doch näherte man sich dem Stein, so sah man, dass diese noch so kleine Last unvollkommen war. Sein kristallklares Blau war durchsetzt mit feinsten, schmutzfarbenen Strichen und Linien. Ohne Sinn und wirr durchzogen sie das harte Material. Und eine Seite war stumpf. Sie war matt und fast vollständig Schmutzfarben. Er mochte sie nicht. Er zog die Kette deshalb an, dass man die stumpfe Seite nicht sah. Diese gen seiner Brust.
Dann war die zweite. Ein Mjöllnir, Hammer des nordischen Donnergottes Thor. Kraft. Stärke. Macht. Ihn zog er mit einem erhabeneren Gefühl, als seinen Edelstein, an. Er war schwerer, mehr spürbar. Schwerer als der Stein. Ein sehr spitzer Haifischzahn begleitete den Hammer an seiner Kette. Man konnte sich an ihm die Fingerkuppe aufstechen.
Dann war dort die dritte Kette. Die letzte Kette, die seinen Hals schmückte, zugleich die obere. Es war ein Keltenkreuz. Verziert und leicht. Es verkündete seine Religion mit silbernem Elan. Drei Ketten. Drei Symbole. Und er war ganz.
Er ging durch den Raum. Wie traumatisiert griff er wie ein Reflex nach seinen Schuhen und seinem T-Shirt. Er zog sich an. Er zog die Ketten heraus. Weg, von seiner nun bedeckten Brust. Weg vom Herzen. Von nun an sollten sie auf seinem T-Shirt liegen. Sichtbar weithin für alle. Er wusste nicht, was der Stein bedeutete. Aber er sah gut aus. Mit den anderen beiden zusammen noch besser. Ohne sie fühlte er sich, wie ohne Kleidung in der Öffentlichkeit. Nackt. Unvollkommen. Scham.
Doch sein Unwohlsein blieb. Er wusste nicht, woher es kam, und sagte sich daher, es sei nur Einbildung. Nicht real. Pure Phobie. Nocebo. Seine Mutter speiste er mit dem Satz, es wäre nichts, ab. Sie wollte ihn durchschauen, konnte aber nicht. Zuviel Widerstand seines Stolzes. Wie eine Zwiebel. Eine Schicht nach der anderen versteckte seine Krankheit. Er war gesund. Sie ließ ihn bereitwillig ziehen.
Er war spät. Seine Uhr sagte ihm, sein Bus führe in kurzer Zeit. Er rannte. Sein Herz pochte. Seine Ketten klimperten und verrieten ihn auf weite Distanz. Er wurde angesehen. Er bekam den Bus. Pochen.
Viele unbekannte Gesichter teilten seine Busfahrt. Seine Ketten schwiegen, er wurde ignoriert. Und der Bus fuhr. Schnell. Er war nicht mehr zu spät, er hatte den Bus bekommen. Dieser fuhr durch die Stadt, bis kurz vor seine Schule. Er raste. Er versuchte, das Treiben der Stadt an diesem Morgen zu verfolgen, doch er konnte nicht. Zu schnell fuhr der Bus. Wie schemenhafte Umrisse verschwand das Stadtleben an den großen, breiten und den Bus allumspannenden Fenstern. Er konnte soviel sehen, doch er sah nichts. Nichts von der modernen Welt, in der er lebte.
In der Schule angekommen sah er sie. Sie bemerkte ihn, grüßte ihn und sah in ihn hinein. Sie wusste, dass er krank war. Sie sah es. Durch die Zwiebel. Obwohl er versuchte, sie zu beschwichtigen, fragte sie:
“Warum trägst du immer noch den Stein? Er gefällt dir nicht. Du verschließt dich mir. Dein Stein sieht aus, wie ein Smaragd, aber du weißt, dass er keiner ist. Er ist zerstört, an einer Seite. Dir ist er wertlos, und dennoch passt er so gut zu dir. Er ist Dein. Ich weiß nur, dass du dich unwohl fühlst, aber es zu wissen ist deine Aufgabe. Ich kann nur die Oberfläche entschlüsseln, nicht aber deine Seele.”
Er ging zu seinem ersten Fach. Sozialwissenschaften. Es folgte Physik. Es raste. Pochte. Gejagd von Sport. Nummer drei. Von Denken auf Sport in drei Sekunden. Volleyball. Er erinnerte sich an ihre Aussage. Er bemerkte seine Ketten. Sie klimperten. Die Welt verschwand. Er dachte.
Dann kam ein Volleyball. Mitten auf den Kopf. Sein Gehirn, sein Zentrum des Denkens, geriet ins Wanken. Es war die Strafe für seine Unaufmerksamkeit. Die Welt kam wieder.
Und er verstand. Er fühlte sich nicht mehr unwohl. Schuldig.
Später ging er an eine Klippe am Stadtrand. Hier sahen junge Menschen gerne den Sonnenuntergang. Er wollte aber nur weg aus der Stadt. Er folgte dem Verlauf der Sonne, bis sie unterging. Blutrot. Wie auf einer Opferschale ging die Sonne unter, im Meer ihres eigenen, blutroten Lichtes. Sie starb und übergab die Stadt wieder dem unwirklichen Licht.
Er legte das Kreuz und den Mjöllnir ab. Er fühlte sich erleichtert. Nur sein Stein. Sein Eigen. Er selbst. Er zog sich aus. T-Shirt und Schuhe. Legte den Dreck der Stadt ab. Und fühlte sich rein. Das erste mal an diesem Tag lächelte er. Er verstand. Die Sonne sank weiter und weiter, drohte, von den Bergen verschluckt zu werden. Zwischen ihm und den Bergen ein großer, langer, endloser See.
Er sprang.
Die Sonne verschwand.
Nacht umgab die Stadt. Niemand hörte ihn, niemand sah ihn. Es war vollkommen. Er war vollkommen. Reinheit.
Und Weg.
* * *
So. Vollendete Tatsachen. Dies soll lediglich eine Geschichte sein, ein Experiment. Ein Mythos der Moderne. Er soll Platz zum Interpretieren bieten. Gesellschaftsanalytik ohne Fehler, weil man alles interpretieren kann. Ich bin gespannt.
Comments
3 Responses to “Weg.”

November 10th, 2009 @ 22:12
Moin Hendrik,
hab’s nur leider überfliegen können, aber it sounds very good
du hast talent, jüngchen:-D
November 12th, 2009 @ 23:14
Sehr das Denken anregend – wieder einmal nicht wider Erwarten. Psychisch kranker Junge wacht auf, durchlebt den Alltag und bringt sich dann um. Atemlosigkeit. Sehr, sehr interessant. Tiefe. Inspiration.
November 25th, 2009 @ 23:54
Ganz schön poetisch dieser Text! Es ist schon klasse gemacht! Hmm, aber das Thema Selbstmord bringt einen schon zum Nachdenken.
Sehr schön auf jedenfall zu sehen,dass du auch über andere Dinge schreiben kannst.
Trotzdem kann ich manche Dinge wie z.B. die Verwendung des Wortes “Zwiebel” in diesem Kontext nicht verstehen. Erklärung?
Richtig gut – wie schon gesagt, ist es aber dennoch!
Bleib dabei. Ein bisschen Abwechslung durch solche literarischen Texte auf deinem Blog ist doch auch sehr schön,wie ich finde.
Naja dann bis zum nächsten Mal,ich hoffe da kommen auch noch ein paar solcher Art!