Papst und Gegenpapst
Posted on | November 27, 2009 | 1 Comment
Hört hört! Wikipedia, die ultimative Informationsquelle und vielfach zitiert von allen möglichen Personen bekommt Konkurrenz. WikiBay, das Gegenprojekt zur Wikipedia, will es besser machen. Die Initiatoren der US-Amerikanischen Webfirma Attack2Net Inc. findet nämlich, dass die Wikipedia Meinungsmache und Zensur betreibt und auch teilweise gegen die Gesetze des freien Webs verstößt. Dies begründet Attack2Net folgendermaßen:
Die Wikipedia ist eine sehr freie (demokratische) Plattform, auf der jeder Beiträge editieren und erstellen kann. Dabei gibt es ein Team von Moderatoren und Administratoren, die nach Meinung von Attack2Net Meinungsmache und Zensur mit sogenannten Relevanzkriterien betreiben. Relevanz ist in der Wikipedia verstanden als diverse Bedingungen, die ein Artikel erfüllen muss, um in die Wikipedia zu gehören. Laut Attack2Net wird dieses Kriterium besonders für Personen sehr oft missbraucht, sodass der Eindruck entstehe, es würde gezielt Meinungsbildung betrieben und Artikel würden gelöscht.
Ad Verstöße gegen das freie Netz: Wikipedia verwendet bei nach außen führenden Links ein sogenanntes “nofollow”-Attribut. Das bedeutet, dass Suchmaschinenroboter angewiesen werden, diesem Link nicht zu folgen.
Hinweis: Suchmaschinenroboter durchforsten das Web, indem sie sich an Links “entlang hangeln”, das heißt, jedem Link folgen und die gefundene Seite in ihren Suchindex aufnehmen. Das Ergebnis ist, dass auch viele Seiten ins Verzeichnis von z.B. Google aufgenommen werden, die sich selbst nie eingetragen haben für diese Suchmaschine.
Laut Attack2Net ist die “nofollow-Politik” der Wikipedia ein Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze des freien Netzes, da so keine Seiten außer der Wikipedia als solche indiziert werden.
Und deswegen gibt es jetzt WikiBay. Eine Seite, die alles besser machen möchte; so kann jeder Artikel veröffentlicht werden, egal wie belanglos. Wichtig ist nur, dass das Objekt/Die Person, die dort behandelt wird, auch tatsächlich existiert (hat). Praktisch heißt das, das jeder auch einen Artikel über sich selbst in die WikiBay stellen kann und dieser nicht gelöscht wird.
Ich will jetzt weder das Pro noch das Contra dieser beiden Internetseiten aufstellen, denn ich finde, jeder sollte für sich selbst entscheiden, welches der beiden Portale er nutzen möchte. Fakt ist: In der Wikipedia existieren weitaus mehr Artikel und jeder darf mitmachen. In der Wikibay existieren nur ca. um die 200 Artikel im Moment, dafür darf man aber erst mitmachen, wenn man auch registriert ist.
Ich vergleiche diesen kleinen Disput zwischen Attack2Net und der Wikipedia Foundation mit dem Prinzip von Papst und Gegenpapst, denn nichts anderes ist es. Wikibay ist quasi die Reformation der Wikipedia. Was genau daraus wird, weiß ich nicht, aber mir drängt sich dieser Katholisch <-> Evangelisch-Vergleich immer mehr auf, wenn ich mir so diverse Kommentare anschaue, die auf der Wikipedia in der Diskussion zur WikiBay stehen:
“kannst ja Google die neue Linkfarm melden abuse@google.com ;-)”
“Die haben jetzt schon massive URV-Probleme da. Hab spaßeshalber auch noch ein bisserl vandaliert, ohne weitere ernsthafte Mitarbeiter wird sowieso nix draus.”
“Admins werden da nicht gewählt, sondern ernannt. WikiBay ist keine Demokratie!”
“Was mich wunderte ist, daß man sich laut „WikiBay“-Startseite registrieren und anmelden muß, um Bearbeitungen vornehmen zu können, und daß man die Startseite nicht frei bearbeiten darf. Wenn das mal keine „Zensur“-Debatten provoziert”
(Quelle)
Hierbei kann man eindeutig den Tenor der Wikipedianer gegenüber WikiBay sehen. Nicht sehr beliebt, würde ich urteilen. Einige sind sogar relativ gerissen und beweisen mit Artikeln wie dem folgenden (mal sehen, wie lange er bleibt), dass Relevanzkriterien dennoch praktisch sind (wenn sie, um WikiBay zu unterstützen, korrekt angewandt werden):
“Die Die Schraube an der hinteren linken Bremsbacke am Fahrrad von Ulrich Fuchs ist ein Beispiel des ehemaligen Wikipedianers und Begründers des Wikipedia-Forks Wikiweise. Das Beispiel soll zeigen, dass nicht jede korrekte und neutral beschriebene Information relevant ist.
Fuchs beschreibt die Schraube an der hinteren linken Bremsbacke seines Fahrrads wie folgt: “[Sie] ist eine 6 mm lange M4-Schraube. Sie befestigt den Bremsklotz der linken Bremsbacke der Hinterradbackenbremse des Kettler-Alu-Fahrrades von Ulrich Fuchs am Bügel für die linke Bremsbacke der Hinterradbackenbremse des Fahrrades von Ulrich Fuchs.” Diese Informationen seien korrekt, neutral beschrieben und dennoch vollkommen irrelevant. Sie hätten daher nichts in einer Enzyklopädie zu suchen.” (Quelle)
Obwohl ich ganz ehrlich irgendwo den Wikipedianern zustimmen muss, dass nicht einfach durch eine Anti-Bewegung, die alles ins Gegenteil umkehrt, alles auch gleichzeitig besser wird, aber ich finde, alleine die Gründung von WikiBay spricht einige essenzielle Probleme in der Wikipedia an. Denn: Die Relevanz ist schwer auslegbar, auf der einen Seite kann jeder Artikel irgendwo irrelevant, aber auch irgendwo relevant sein, es kommt auf die Auslegung an. Ebenso verhält es sich mit den Bearbeitungen. Sicherlich kommen mehr Informationen in ein Portal, wenn jeder Hans dort etwas editieren und beitragen kann, aber genauso ist eben auch eine Meinungsbildung und Zensur möglich, wenn die richtigen User an den richtigen Stellen das richtige editieren. Dafür hat die Wikipedia ja die “Gesichteten Artikel” eingeführt.
Wie ihr seht – man kann jetzt stundenlang über das Für und Wider der Wikipedia und von WikiBay streiten, aber einerseits finde ich das Verhalten der Wikipedianer nicht korrekt, Artikel wie z.B. den über die Schraube in WikiBay zu veröffentlichen, weil das hart an der Grenze zur Lächerlichkeit entlangschleift, andererseits finde ich es aber auch nicht gut von WikiBay, wie gesagt eine Art Gegenpapst zu stellen und damit andere Fehler als der Goliath Wikipedia zu machen, die irgendwann genauso stark heraustreten.
Aber wie immer gilt: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Und das ist in diesem Falle der Leser, der sich nun hoffentlich bald in zwei anders aufgebauten Quellen informieren kann und sich besser eine Meinung bilden kann. Ohne hochnäsig wirken zu wollen ist dies doch genau das Motto des others Blogs ;)
Comments
One Response to “Papst und Gegenpapst”

Mai 19th, 2010 @ 23:38
Und schon ist alles aus: WikiBay wurde soeben abgeschaltet: http://netplosiv.org/201044969/internet-technik/das-ende-einer-enzyklopaedie-wikibay-wird-abgeschaltet