Magister stultus est – Wie deutsche Lehrer systematisch denunziert werden
Posted on | Dezember 5, 2009 | No Comments
Morgens, viertel nach Acht in einer Schule in Deutschland. Die Klasse geht in den gerade vom Lehrer aufgeschlossenen Raum und setzt sich hin. Der Lehrer besorgt mithilfe eines Schülers einen Fernseher aus der Sammlung. Der Fernseher befindet sich in einem Rollschrank, oben der Fernseher, unten ein DVD-Player und manchmal auch noch ein VHS-Player. Theoretisch muss man nur noch den Stecker nehmen, in eine Steckdose stecken und kann sofort loslegen mit Film schauen. Theoretisch.
Auf einmal ist der DVD-Player kaputt. Er hat Macken. Doch was nun? Am DVD-Schrank hängen zwei Zettel. Auf dem einen ist in minutiöser Kleinstarbeit beschrieben, in welcher Reihenfolge man welche Knöpfe auf welche Art drücken muss, um eine DVD ans Laufen zu bekommen. Und auf dem anderen steht in besonders dicker Schrift: “Achtung! Achtung! Bitte keine Kabelverbindungen in diesem Schrank lösen oder lockern! Falls Probleme bestehen sollten, wenden Sie sich umgehend an den technischen Assistenten bzw. den Hausmeister!”.
Fast so, als wollte man den Lehrern unterstellen, weder des Englischen bzw. der Symbolsprache, noch der Technik mächtig zu sein. Ein kurzer Blick eines technisch fachkundigen Schülers in den Schrank offenbart: Es ist lediglich der Fernseher und der DVD-Player in eine Steckdosenleiste eingesteckt und ein Scart-Kabel verbindet TV und DVD-Player. Soviel zum Thema Kabelverbindungen.
Ich will nicht sagen, dass Lehrer grundsätzlich immer technische Virtuosen sind, ich kenne gar einige, welche sich sicherheitshalber nicht an die Technik trauen, weil sie noch in einer relativ untechnologisierten Zeit groß geworden sind. Solche Lehrer gelten heute allerdings nicht als Weise oder besonders angesehen ob ihrem Alter. Nein, sie gelten als “alt”, als unnützer Ballast und unmodern. Die Welt verjüngt sich und die Lehrer werden dadurch zu alten Säcken. Es scheint, als vergäße man, dass Erfahrung und Weisheit erst ab einem bestimmten Alter kommt. Schönheitswahn in der Bildung.
Wahn ist das richtige Wort. Heutzutage scheint man jeden Lehrer als unfähigen Körper zu bezeichnen – soviel Unwahres kann am amtlichen Begriff “Lehrkörper” nicht falsch sein. Doch das Schlimmste für die Lehrer dürfte sein, dass sie gleich von zwei Seiten als unfähige Stümper beschimpft werden: Von den Schülern, die heutzutage keinen Anstand mehr vor dem Lehrpersonal haben und von den Politikern, die selbstverständlich gar nicht an der Bildungsmisere schuld sein können.
Anscheinend haben die ’68er nicht so viel Gutes gebracht, wie man damals hoffte. Durch den Abfall der Autoritäten, durch Demokratisierung und durch Befreiung des Menschen von preußischen Sitten, so hoffte man, würde alles besser werden. Aber anstatt dass die Menschen vernünftig werden und sich freundschaftlich gut mit dem Lehrer verstehen, wenn er schon nicht mehr die Autoritätsperson ist, nutzt man die neuen Freiheiten, um den Lehrer samt Unterricht zu boykottieren wo es nur geht.
Die Schüler verarschen auf gut Deutsch den Lehrer von vorne bis hinten und nutzen jede Gelegenheit, um den Unterricht zu schleifen. Sicher, dafür kann man dem Schüler keinen Vorwurf machen, Unterricht ist ja schon seit der Antike verhasst – obwohl seit nunmehr 2000 Jahren eigentlich klar sein sollte, dass der Unterricht nur einem selbst etwas bringt – und zwar richtig viel. Aber mittlerweile nimmt das sogar recht bösartige Formen an.
Denn mittlerweile haben sich unter den Schülern sozusagen “Hasslehrer” und “Lieblingslehrer” herausgebildet, was eigentlich ganz normal ist. Mit dem Problem, dass sogenannte “Hasslehrer” so sehr von der Schülerschaft gehasst werden, dass sie teilweise in ihrem eigenen Unterricht – leider auch teils von der Oberstufe – beleidigt werden.
Soviel von der Schülerseite. Und jeder noch so stresserprobte Lehrer, dem so etwas nicht mehr viel ausmacht, der sich dran gewöhnt hat, hat noch einen zweiten Feind, der ihm dann den Rest gibt: Die Politik.
Bereits seit Jahren wird die Bildungspolitik in den Matsch gefahren. Ein Politiker macht’s schlechter als der nächste. Sie erfinden neue Reformen und ähnliches, die zwar verändern, aber an den falschen Stellen. Beziehungsweise die eine Art Ablenkungsmanöver darstellen. Der Schule mangelt es vor allem an einem nach dem Geld: Lehrer. Das Geld verschwindet zwar schon schneller als jeder Kassenwart es in die Kasse schaufeln kann, aber Lehrer verschwinden noch mehr. Besonders gutmütige Lehrer, die den Unterricht als solchen mögen, werden schamlos ausgenutzt. Es gibt bereits an einigen Schulen Fälle von Lehrern, welche mehrere Herzinfarkte in Folge erlitten – stressbedingt. Weil die Schüler ihnen auf der Nase herumtanzten. Also gehen diese Lehrer in Frühpension und kosten den Staat dadurch endlos viel Geld.
Doch damit nicht genug: Lehrer werden nicht nur nach ihrer Ausbildung vom Feindbild Schüler überzeugt, sondern auch während ihrer Ausbildung wird jeglicher Emotion mächtig in die Suppe gespuckt: Zum Beispiel Musiklehrern wird im sehr trockenen Studium jegliche Lust an der praktischen Musik vergeigt. Ich habe dazu einmal einen guten Artikel gelesen, in dem sich sogar Musikprofessoren an Universitäten über die Lehrpläne beschwert haben, in denen kaum noch motivierender Unterricht vorgesehen war. Und von wem werden Lehrpläne bestimmt? Vom Ministerium, also von Politikern.
Und damit sind wir beim nächsten Punkt, wo den Lehrern der Strick geknüpft wird: Ihnen wird auch die Verantwortung in den Lehrplänen abgenommen. Anstatt dem Lehrer zu sagen, was so grob in einem Jahr und in der gesamten Schullaufbahn durch genommen werden soll, wird minutiös vorgegeben, was zu unterrichten ist. Und dazu werden die Abiturklausuren jetzt vom Ministerium vorgegeben. Sicher erhöht dies die Vergleichbarkeit innerhalb eines Landes, aber was soll das? Zentralabitur klingt für mich wie Globalisierung in der Bildung.
Doch wieder zurück zu den Lehrern. Neben also den Schülern und den Vorgaben durch das Kultusministerium werden die Lehrer wie gesagt noch durch die Politiker penetriert. Denn wenn erneut ein Zentralabitur fehlerhaft ist und alle Schüler ihr Abitur doppelt schreiben müssen, und die Lehrer beim zuständigen Ministerium Sturm laufen – wer ist dann Schuld? Die Politiker, welche überhaupt erst die Idee hatten, dass ein paar wenige Lehrer Arbeiten für ein ganzes Bundesland machen müssen, oder die Lehrer, welche diese Aufgaben aufgrund sehr vager Vorgaben erstellen mussten?
Nicht zu vergessen, dass trotz Zentralabitur der Unterricht immer noch sehr persönlich ist. Trotz Lehrpläne und ähnlichem sind die Klassen alle unterschiedlich weit und wissen teils mehr, teils weniger – je nach Verständnis in der Klasse. Und durch das Zentralabitur wird dieses Gebirge flach gewalzt, sodass oben höchstens die Spitzen noch herausstechen. Und am Ende dieses lustigen Systems stehen dann Schüler mit einer “global” gültigen Note an Unis gehen können und sich bewerben können. Falls sie denn das Geld dazu haben. Und ohne Studienabschluss braucht man heute auch nicht mehr bei Firmen anfragen, da kann man ja gleich zur Müllabfuhr gehen.
Und da wundern sich die Politiker, dass es immer weniger Lehrer gibt, immer weniger Bildung und immer weniger Motivation innerhalb der Schule überhaupt? Bei so einem System meiner Meinung nach kein Wunder. Aber vermutlich werden die eigentlichen leidtragenden, die Schüler, das in ein paar Jahren nicht einmal mehr verstehen können mangels Aufklärung. Gott, schmeiß’ Hirn und schick’ die Politiker nochmal zur Schule der Neuzeit, auf dass sie verstehen mögen!
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