Die moderne Wegwerfgesellschaft
Posted on | Januar 11, 2010 | 2 Comments
Es ist 22:00 Uhr abends, meine Freundin macht Tee. Kamille für sich selbst und Rooibos für mich. Und während ich mich an den Küchentisch setze und auf die erstaunlich blutrote Farbe des Tees achte, muss ich beinahe zwangsmäßig an die gestrige Nacht denken, in welcher ich im aktuellen Hype-Film “Avatar” zugegen war.
Avatar, vermutlich in den Augen vieler konzipiert als eine Art Titanic 2, also “Faster, Bigger, Greater”, ist an erstklassigen Landschaften und einer fantasievollen Umgebung nicht zu überbieten. Die Story ist so einfach wie eingängig, wie interessant: Ein querschnittsgelähmter Marine-Veteran fliegt 5 Jahre lang durchs All bis zu einem riesigen Gasplaneten, der vermutlich nicht nur zufällig wie der Jupiter aussah. Auf diesem Planeten, besser gesagt einem Mond davon, haben sich die Menschen bereits breit gemacht und beuten die natürlichen Ressourcen des Planeten aus. Doch auf dem Planeten gibt es bereits intelligente Lebewesen. Die Na’vi, eine Art Eingeborenenvolk bewohnt den Planeten im Einklang mit der Natur.
Auf Anhieb mag das ganze zwar eher tatsächlich klingen wie ein Titanic 2, indem so etwas ähnliches wie Tarzan und Jane (nur in geschlechtlich umgekehrter Reihenfolge), Fantasien, eine Vorliebe für lumineszierende Lebewesen, Zukunftsvisionen und Winnetou vereint worden sind. Selbstversändlich macht das den Film bereits erstklassig und einmalig, doch als Mensch, gewöhnt daran, Filme und Bücher zu interpretieren, sah ich auch noch einen sechsten Teil, einen gesellschaftskritischen.
Sicherlich werden viele jetzt denken, dass der alte Hendrik auf seine Tage noch sentimental wird und sich der Politik abwendet, und stattdessen nur noch über seine Misanthropie schreibt, dennoch muss ich mir durch diesen Blogeintrag einmal Luft machen. Seit langer Zeit denke ich immer und immer wieder über diese Themen und finde, dass dies viel zu selten Publik gemacht wird.
Um zum Punkt zu kommen: Im Film fiel mir eine Stelle auf, an der der Hauptcharakter Jake Sully einmal sagte: “Die Menschen mussten gehen, zurück auf ihre sterbende Welt”. Dieser Satz hat mich nachdenklich gemacht. Denn er sagt, in Zusammenhang mit all den anderen Elementen des Filmes im Grunde genommen eine Art Dystopie der Erde voraus. Genau wie im Film “Pandorum” stirbt die Erde auch hier, doch in “Avatar” kommt die Kritik mehr heraus.
Denn die Moral der Geschichte ist, dass der Mensch seinen eigenen Planeten komplett zerstört hat, ausgebeutet und vernichtet, sodass von ihm nicht viel mehr als ein Steinbrocken übrig sein dürfte, und dennoch nicht daraus gelernt hat, und nun beginnt, andere Planeten auszubeuten. Dass es dem Menschen immer noch darum geht, Geld zu machen, Machtgier und Raubbau bestimmen den Menschen dieses Filmes. Am Ende gewinnt selbstverständlich das Gute, die Menschen müssen wieder abziehen und sich um ihren eigenen Planeten kümmern, aber es offenbart doch Einiges.
Ich sehe die Partikel im blutroten Wasser, trinke etwas und bemerke dann plötzlich die Tulpen, welche schon seit bestimmt einer Woche dort stehen, auf dem Küchentisch. Sie sind makellos, ein grelles, sattes grün ohne Mängel, jede Blüte ist gelb-rosa. Eine Tulpe ist stark gebogen, die Blüte waagerecht und auf mich gerichtet. Dadurch nur habe ich die Tulpen bemerkt und einmal bewusst wahrgenommen. Und das Denken nahm seinen Lauf.
Denn Tulpen spiegeln doch so sehr die Gesellschaft wieder. Früher schenkte man Blumen, weil sie schön waren, etwas bedeutet haben. Heute ist es lediglich Höflichkeit, eine Geste. Man kauft Blumen, “weil es halt so üblich” ist. Der Mutter der Freundin bringt man Blumen mit, weil es sich gehört. Bei einem Geschäftsessen bringt man der Frau des Chefs Blumen mit, weil es sich so gehört. Die einzigen Bedeutungen von Blumen, die heute noch geläufig sind, sind “gelb” für Freundschaft, “rot” für Liebe, bei Tulpen, und die rote Rose gilt immer noch als leidenschaftlich. Doch wenn man bedenkt, dass Blumen früher ursprünglich nur als Heilpflanzen verwendet wurden, als Tee (man denke an den berühmten Kamillentee), Aufguss, Salbe, man konnte aus jeder Blume irgendeinen tieferen Nutzen ziehen. Und erst später, irgendwann, kam man auf die Idee, Blumen zu verschenken. Sie galten als Geste guten Willens, das man nur Gutes will. Heute ist es üblich.
Der Mensch sieht heute kaum noch die Wahrheit der Dinge, er ist oberflächlich geworden, aalglatt. Fast alle Menschen, die auf der Straße gehen, haben heute doch kein Gesicht mehr, sind vielleicht schön, zeichnen sich aber durch nichts mehr aus. Jeder hat Klamotten von C&A, H&M und wie die Geschäfte alle heißen, niemand trägt mehr individuelles, ein Schneider wird nicht mehr gebraucht. Man will nicht mehr auffallen. Dadurch verliert der Mensch Individualität. Nur selten sieht man einen Menschen, der heraussticht, auffällt. Man kann sich nicht die Namen von Menschen merken, die nichts charakteristisches haben. Alle sind gleich.
Und so auch die Tulpen. Spontan drehe ich die Vase um, sodass die gebogene Tulpe auf meine Freundin zeigt. Sie lächelt und richtet die Tulpen, sodass sie alle wieder gerade in der Vase stehen.
Tulpen sind gezüchtete Blumen. Sie gab es ursprünglich nicht, sie wurden nur gezüchtet, weil der Mensch eine Art Blumen “für jeden Anlass” brauchte. Sie sind perfekte Blumen. Sie sind schädlingsresistent, welken nur sehr spät und makellos. Jede sieht aus wie die andere, sie wachsen gleich und sehen immer gut aus. Doch nutzen kann man sie für nichts, nicht für Tee, nicht als Salbe oder Heilmittel. Für nichts. Sie sind nur für die Optik. Und sind sie verwelkt, so wirft man sie weg, ersetzt sie und vergisst sie.
Und genau so ist die heutige Gesellschaft. Menschen werden geboren, wachsen heran, sie sind alle makellos und alle gleich, man kann sie nicht wirklich unterscheiden. Sie sind schön anzusehen, und wenn sie tot sind, vergisst man, dass sie je da waren. Denn sie stachen nicht heraus, waren nicht denkwürdig.
Ich frage meine Freundin, welche Tulpe die war, welche gerade auf mich zeigte, und das erhoffte tritt ein: Weder sie noch ich können noch genau zuordnen, welche es war. Alle sind sie gleich, sie unterscheiden sich nicht markant. Sicherlich hätte man sie wieder erkennen können, anhand ganz kleiner Unterschiede, aber wirklich unterscheiden war unmöglich. Und genauso ist unsere Gesellschaft, man lernt Menschen kennen, macht etwas mit ihnen, und irgendwann sind sie weg und man vermisst sie nicht.
Ich finde es ironisch, wie man den Werdegang des Menschen, die Zucht des “perfekten Menschen” anhand von Tulpen vergleichen kann. Hitler hat man verteufelt, als Monster bezeichnet für seine Versuche an Menschen, um den “Arier”, den seiner Meinung nach perfekten Menschen zu züchten. Doch ist die Gesellschaft wirklich besser? Wir züchten uns doch auch, wie wir uns haben wollen: Gutaussehend, glatt und normal. Wir erzwingen es zwar nicht durch Selektion, aber durch Ausgrenzen, soziale Benachteiligung, Mobbing. Wer nicht ist, wie alle, ist schlecht. Auffallen ist schlecht in heutigen Zeiten. Aber Tulpen fallen nicht auf. Sie sind einfach da. Man bemerkt sie nicht, aber sie bringen eine gewisse Atmosphäre in den Raum.
Gleich zwei gesellschaftliche Themen an einem Abend. Ist irgendwie viel, zumal ich durch die Tulpen vollständig von Avatar abgelenkt wurde. Avatar bezeichnete die schlechten Eigenschaften des Menschen: Seine Gier nach Macht und Geld. Und wie er dadurch geschlagen wurde. Die Faulheit des Menschen und seine Uneinsichtigkeit. Das alles schön verpackt, sodass man schon nachdenken musste, fürs Verständnis.
Die Tulpen bezeichnen lediglich die aktuelle Gesellschaft, oder bieten einen Vergleich zur Gesellschaft.
Menschen werfen kaputte Dinge weg, statt sie zu reparieren. Um den Konsum zu decken. Und um immer weiter Raubbau an der Natur und an dem, wovon wir eigentlich abhängig sind, zu finanzieren. Und Menschen werfen sich selbst weg. Weil sie ersetzlich sind. Nicht gebraucht werden. Sie sehen schön aus, bringen etwas Leben in die Bude, und wenn sie dann mal zu alt sind, werden sie halt weggeworfen, niemand ist betrübt, niemand hört auf, mit diesem Verhalten. Die moderne Wegwerfgesellschaft eben.
Ich trinke weiter. Die Tasse fast leer. Und immer mehr beginne ich mich zu fragen, ob ich wirklich auch zu dieser Gesellschaft gehöre. Denn je mehr ich darüber nachdenke, je mehr ich beginne, zu verstehen, wie kaputt der Mensch doch ist, desto mehr schäme ich mich beinahe, zu dieser Art zu gehören. Und desto mehr beginne ich mich zu fragen, wenn doch alle Menschen gleich sind – ich kann doch nicht der einzige sein, der so denkt. Und meine Freundin und ein paar meiner engsten Freunde. Es muss doch mehr geben. Und die gibt es, soviel weiß ich. Nur leider hört niemand auf sie.
Warum schüttelt man den Kopf, wenn junge Menschen “Lärm”, bzw. “schreckliche Musik” hören? Doom Metal, Texte, die vom Tod handeln, von Verderben und Vernichtung, von Doom eben? Warum hinterfragt man sich nicht, warum sie so etwas hören? Warum wird es nicht publik gemacht, warum sich nun so viele Menschen umbringen? Warum wird unter den Tisch gekehrt, dass so viele Menschen unter Depressionen und psychischen Problemen leiden? Warum?
Ich beschäftige mich nicht lange genug mit Gesellschaft und so etwas, solche Fragen beantworten zu können. Dies sollte auch lediglich eine Niederschrift meiner Gedankengänge sein. Ein Versuch, mich zu erklären. Das lag mir schon lange genug auf dem Herzen, jetzt habe ich es mit fast 1.500 Wörtern auch endlich getan ;)
Wie auch immer, ich hoffe, dass sich das alles irgendwann wieder richtet, auch wenn es unwahrscheinlich ist.
Gute Nacht.
Comments
2 Responses to “Die moderne Wegwerfgesellschaft”

Februar 11th, 2010 @ 22:19
“Hitler hat man verteufelt, als Monster bezeichnet für seine Versuche an Menschen, um den “Arier”, den seiner Meinung nach perfekten Menschen zu züchten. Doch ist die Gesellschaft wirklich besser?”
Was ist dein scheiß Problem? Meinst du das wirklich ernst? Wenn ja, solltest du ‘ne Flasche Rohrreiniger trinken.
März 6th, 2010 @ 15:41
Ochjemine, er hat Hitler gesagt. Dir ist das rhetorische Stilmittel der Übertreibung ein Begriff ? Nicht ? Dacht ich mir. Hier gehts nicht darum, ob Mr. Hitler ein böser Mensch war oder nicht, es geht um den Wahn nach Perfektion, bzw. die sinnbildliche Ausrottung von all jenem was “anders” ist.
Wieso schaltet sich bei einigen Menschen automatisch das Hirn ab, bloß wenn sie mal das Wort “Hitler” lesen ? Wie albern.