Ein Leben in Freiheit? Warum Menschen auf zwei Arten gegen das System sind.
Posted on | April 5, 2010 | 8 Comments
Seit etlichen Jahrtausenden gibt es Terrorismus. Der Terror ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Seitdem es Siedlungen gibt, gibt es immer wieder Menschen, die genau diese Siedlungen angreifen. Auch im 21. Jahrhundert ist diese Bedrohung so akut wie eh und je. Doch die Theorien, wie und warum, ändern sich. Früher waren Anschläge meist politisch begründet. Man wollte unliebsame Feinde loswerden, beispielsweise im Kaiserreich Rom. Im Mittelalter war es genauso. Das Gras auf der anderen Seite des Zaunes sieht eben immer saftiger aus, als das eigene.
Doch im 21. Jahrhundert hat sich die Art des Terrorismus gewandelt. Zwar bleibt der Grund gleich – Politik, aber die Umstände haben sich geändert. Heute morden nicht mehr Menschen im Auftrag eines ranghohen Politikers andere Politiker, heute morden regelrechte Organisationen scheinbar wahllos. Es gibt mehr Kollateralschäden, Terrorismus ist nicht mehr “sauber”. Doch warum gibt es so etwas?
Der Artikel “Terrorismus: Die dritte Generation” hat mich auf eine Idee gebracht. Denn in Zeiten globaler Überwachung, in Zeiten von Social Networks und dieser rasend schnellen Technologisierung entsteht nicht nur eine Schere zwischen Arm und Reich, nicht nur zwischen links und rechts und nicht nur zwischen Welt und Glauben. Sondern auch in den Wertevorstellungen. Die einen Menschen ziehen ein Leben mit viel Technik, Luxus und dem neuesten Schnickschnack vor. Solche Leute machen meist Karriere und bekommen einen Bürojob, viel Geld und machen viel Urlaub.
Die anderen Menschen zieht es zu einem Leben in technischer Armut. Facebook und SchuelerVZ sind gespenstig, man versucht, nicht aufzufallen. Das sind meistens Künstler, Überlebensmeister eben, die es schaffen, jeden Monat genug Geld zum Leben zu erwirtschaften – wie auch immer.
Und dann gibt es noch die ganz Radikalen. Das sind Menschen, denen nicht nur Teile eines Landes, wie beispielsweise der Staat, der Kapitalismus oder die Gesellschaft, auf den Senkel gehen, sondern gleich alle zusammen. Menschen, die sich weder mit dem Staat, der Globalisierung oder mit ihren Nachbarn identifizieren können. Einige sind bereits von ihrer Umgebung so geprägt, andere werden es, wie z.B. im SPIEGEL-Artikel durch Radikalisierung.
Ich vermute, die Menschen sehnen sich wieder nach etwas, an das man glauben kann. Deus Ex Machinima ist von gestern, man möchte wieder den Gott im Himmel. Denn vor dem braucht man sich ja nicht fürchten, oder? Und was, wenn die Christen wieder mit Kindesmissbrauch zu kämpfen haben? Für solche Menschen, die das Leben in einer Technologiegesellschaft ablehnen, ist der Islam wie geschaffen. Islamische Länder sind meist technologisch unterentwickelt und man lebt in einer Mischung aus antiker Siedlungsbautechnik und modernen Waffen, meist aus den Beständen alter russischer Lager.
Dafür kann man sich sicher sein, nicht überwacht zu werden (außer von amerikanischen Drohnen), keinen Streit mit der Technik zu haben und eine Gemeinschaft im Dorf zu haben. Anstatt Nachbarschaftshass in Deutschland nettes Beisammensein. Und bis auf die Akzeptanz des Islams keine Bedingungen. Ist das nicht idyllisch?
Ich finde es äußerst interessant, dass diese Möglichkeiten von den westlichen Regierungen noch nie in Betracht gezogen wurden. Dass man sich noch nicht fragte, warum trotz allem Schutz vor Hasspredigern so viele Deutsche in arabische Länder auswandern. Anscheinend ist man nicht gewillt oder nicht in der Lage, im Regierungsviertel die beiden Aspekte “Junge Menschen sind gegen das System aus Kapitalismus, Globalisierung und Überwachung” und “Junge Menschen wandern zum Islam ab” zu verbinden. Vielleicht wandern die Menschen ja ab, weil sie gegen dieses System sind, und nicht, weil sie von außen radikalisiert wurden. Mir dünkt, die Vorherrschende Vorstellung ist, dass grundsätzlich Punks und linke Autonome den ersten Aspekt und zumeist vom Leben enttäuschte und minderintelligente Menschen den zweiten Aspekt erfüllen. Doch dem ist nicht so. Intelligente und integrierte Menschen sind gegen das System, Menschen, die trotz ihrem Hass auf das System studieren und versuchen, durch Kunst und Demonstrationen ihrem Ärger Luft zu machen. Intelligente und vormals integrierte menschen sind es, die in den Islam abwandern, weil ihnen Demonstrationen nicht weit genug gehen.
Ich meine, gegen wen richtet sich der Hass der beiden Gruppen? Genau: Gegen die Inbegriffe des Kapitalismus und der Globalisierung: Amerika. Und seit neuestem anscheinend auch Deutschland.
Doch wenn die Menschen hier in Deutschland und in Afghanistan doch dasselbe Ziel haben – den Sturz des Kapitalismus, warum vereinen sie sich dann nicht sondern haben auch Angst voreinander? Diese Frage dürfte bestimmt aufgekommen sein. Doch auch hier scheint die Lösung greifbar nah: Im Islam verbinden die Dschihadisten den Kampf gegen den politischen und wirtschaftlichen Westen mit den islamischen Wertevorstellungen, und die passt eben nicht zu den meisten fortschrittlichen Kräften in Deutschland und Europa. Hier will man insgeheim noch den Nachtwächterstaat durchsetzen, um innerhalb die größtmögliche Freiheit zu erreichen, aber man kann und will sich nicht mit den Werten des Islam identifizieren müssen. Aus diesem Grunde werden auch in Zukunft vermutlich alle Bemühungen scheitern, mit dem Terrorismus etwas zu erreichen. Es fehlt der Konsens.
Und so wird es weiter Terrorismus geben, bis eines Tages vielleicht der Große Knall kommt. Doch dazu funktioniert unser System halt doch noch zu gut.
Comments
8 Responses to “Ein Leben in Freiheit? Warum Menschen auf zwei Arten gegen das System sind.”

April 5th, 2010 @ 20:25
Du setzt Ablehnung von Technologie/Kapitalismus/etc. etwas zu stark mit einer Konvertierung zum Islam gleich. Ich würde das etwas entschärfen, denn dass ist doch etwas weit hergeholt. Nur weil die Gruppierung XYZ das Object 123, ablehnt, heißt es nicht, dass automatisch alle Menschen die 123 ablehnen zwangsläufig in Gruppe XYZ beitreten. ;)
April 7th, 2010 @ 12:16
Nun ja, meine Intention war, auszusagen, dass Gruppe X aus Deutschland und Gruppe Y aus dem Islam beide dieselben Ziele besitzen und dass für noch unentschlossene die Möglichkeit besteht, dass diese entweder zu Gruppe X oder Gruppe Y wandern können, und dass das vielleicht in einem Zusammenhang steht.
Dadurch wollte ich erreichen, dass man die _Ziele_ dieser Menschen einmal mehr betrachtet und vermutet, dass das vielleicht auch ein Grund sein kann. Ich wollte keineswegs aussagen, dass jeder Technikantagonist gleich zum Islam konvertieren solle, das wäre ein bisschen böse^^
April 7th, 2010 @ 12:46
Tja, zu spät mein Freund, der Turban ist gekauft. =)
April 8th, 2010 @ 14:39
Die Parallelen, die du zwischen Islam und Autonomen ziehst sind falsch. Auch wenn du die in den Kommentaren versuchst zu relativieren bleiben sie falsch.
Wenn du schon versuchst die USA schlecht zu machen, warum schreibst du nicht über konkrete Fälle, wie sie grade zuhauf in den Nachrichten zu finden sind?
http://www.ftd.de/politik/international/:groesste-gefahr-fuer-die-sicherheit-cia-setzt-us-buerger-auf-todesliste/50097618.html
http://collateralmurder.com/
April 8th, 2010 @ 19:07
Dann geh’ doch mit gutem Beispiel voran und belege an konkreten Beispielen, warum sie falsch sind.
Und, falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich versuche nicht, die USA überall schlecht zu machen, aber ich sehe grundsätzliche Entwicklungen. Viele kleine Entwicklungen, wie bspw. das mit der Nachricht, die du mir geschickt hast, führen schließlich zu einem Ergebnis. Und das versuche ich, darzustellen.
April 9th, 2010 @ 17:10
“Denn in Zeiten globaler Überwachung”
Schwachsinn.
“[...] so viele Deutsche in arabische Länder auswandern”
Schwachsinn.
“Doch wenn die Menschen hier in Deutschland und in Afghanistan doch dasselbe Ziel haben – den Sturz des Kapitalismus, warum vereinen sie sich dann nicht sondern haben auch Angst voreinander?”
Vielleicht weil die einen ihre politische Unzufriedenheit nicht mit Blutvergießen ausdrücken. RAF war gestern.
“Und, falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich versuche nicht, die USA überall schlecht zu machen [...]”
Doch das tust du.
- Wandel der Moral, oder: Der Weg zur Matschkultur
- Terrorismus: Wie der Feind in der technologischen Steinzeit verschwindet
Seite 2 führ ich mir gar nicht erst zu Gemüte.
Und wenn du jetzt meinst, dass ich meine Meinung nicht belegen kann: Man muss kein studierter Islamologe sein, um festzustellen, dass du schlichtweg Unrecht hast.
April 11th, 2010 @ 12:58
Die Meinung kann ich schon akzeptieren, aber ich akzeptiere keine persönlichen Beleidigungen auf meinem Blog. Aber das mit dem Grundgesetz hatten wir ja schon. ;)
Wie euch vllt. schon aufgefallen ist, habe ich sämtliche eurer Kommentare stehen gelassen, solange sie niemanden tätlich angegriffen haben.
April 11th, 2010 @ 23:02
hendrik, dir scheinen die kommentare ja ganz schön unter die haut zu gehen. lehn dich zurück und genieß die live-show. oder nimmst du dich SO ernst?