The Ocean – Heliocentric
Posted on | April 8, 2010 | 3 Comments
Veränderung polarisiert Menschen schon seit jeher. Stets forderte eine kleine Gruppierung die Anschaffung eines neuen Besens, um damit besser fegen zu können. „Wie unnötig“ erwidern die Übrigen. „Neue Besen, pfff. Nur die alten Besen wissen wo sich der Dreck verborgen hält.“ So zieht sich dieses Muster durch die Jahrhunderte und sorgt stets für neue Reibereien.
Die Entdeckung des heliozentrischen Weltbildes war so eine. Die Sonne war nun der neue Mittelpunkt des Universums, nicht länger die Erde und damit der Mensch. Die Religionen, die den Menschen als Mittelpunkt der Schöpfung sahen, kamen nun in Erklärungsnot und reagierten nicht gerade freundlich. Galilei könnte ein Liedchen davon singen.
Auch heutzutage sind Menschen Veränderungen gegenüber recht misstrauisch gestimmt. Vor allem in der Welt der Musik wird das deutlich. Und könnte Mister Galilei dieser Tage einen Blick in die Shoutboxen der populären Musikplattform last.fm werfen, so würde er sich sicher zusammen mit der Erde im Grabe umdrehen. „Wieso das ?“, wird man nun fragen. Schuld ist wiedereinmal der Heliozentrismus. Beziehungsweise das 4te Studioalbum der experimentellen Post-Metal Band The Ocean, welches ironischer Weise auf den Namen Heliocentric hört. Der clevere Leser ahnt es bereits. Dieses Album trägt Progression in seinen Genen. Der Mikrokosmos des Ozeans hat sich gewandelt, und nach Darwins „The Origin of Species“ werden nur jene überleben, die sich mit dieser Veränderung am besten anfreunden können. Zumindest in der Kategorie Autoreferentialität ist Heliocentric die maximale Punktzahl garantiert.

The Ocean begannen ursprünglich als Kollektiv um den zweifelsohne talentierten Robin Staps. In wechselnder Besetzung konnte The Ocean auf 3 grandiose Alben zurückblicken, Alben voller roher metallisch-hardcore-iger Gewalt und filigraner, klassischer Elemente. Ein Erfolgsrezept zum liebhaben, mit dem sich The Ocean stets in greifbarer Nähe ihrer Artverwandten Neurosis, ISIS, Mastodon und sogar Meshuggah bewegten, ohne in den Chorus der generischen Nachahmer einzustimmen. Trotzdem blieb das Kollektiv lange Zeit ein Geheimtipp. Zeit für etwas neues. Ein neues Rezept. Aus dem Kollektiv hat sich eine feste Band herauskristallisiert, ein fester Sänger wurde engagiert, der überwiegend dem Klargesang frönt, und Robin Staps lockert die Zügel und gibt den anderen Musikern Freiheit sich ebenfalls in das Gesamtgefüge einzubringen. Ich werde etwas deutlicher: Um Heliocentric verdauen zu können, muss es von der Vergangenheit der Band getrennt werden. Hier ist nicht mehr ein über 80 Mann starkes Heer am Werk, hier gibt es keine 16 Gastsänger wie zu „Precambrian“-Zeiten, hier gibt es lediglich eine 5-köpfige Band und auch nur einen einzigen Mann am Mikro.
Heliocentric ist ein Konzeptalbum, dass sich mit dem oben genannten Einfluss des heliozentrischen Weltbildes auf die monotheistischen Religionen, allen voran das Christentum, befasst. Vorgegangen wird dabei chronologisch, am Anfang steht die 7-Tage Schöpfung der Welt durch Gott, dann die Entdeckung, dass das ptolemäische Weltbild falsch war. Die kirchliche Ächtung dieser Idee folgt zugleich und über Darwins Die Entstehung der Arten kommt man schlussendlich zu Richard Dawkins’ Bestseller The God Delusion. Einmal Dekonstruktion des Christentums in 50 Minuten. Prätentiös ? Zweifelsohne. Aber lyrisch recht gut aufbereitet.
Nach einem kurzen Ambient-artigen Intro geht es mit dem ruhig groovenden Firmament auch schon los. Die Gitarren sind zunächst sehr gezähmt, es herrscht nur leichter Seegang im Ozean, und das neue Organ der Band, Loic Rossetti, lässt sich erstmals vernehmen. Doch alte Seebären wissen, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Und wirklich werden die Wellen größer, bis schliesslich in gewohnter Manier monolithische Lava-Riffs gepaart mit kleineren Frickeleien auf den Hörer losgelassen werden und Loic los shoutet. Direkt in diesem ersten Track wird deutlich welchen Kurs die Band nun eingeschlagen hat. Minimalistischer geht sie zu Werke, aber auch deutlich präziser und dynamischer. Ohne Zweifel auch auf den ersten Blick um einiges gezähmter, weniger archaisch. Doch diese Gesichtszüge sind noch an Bord, nur unterschwelliger, subtiler. Ja, Subtile Rohheit, Robin Staps macht’s möglich. The First Commandment of the Luminaries lautet der nächste Song auf dem Album und wartet in seinem Chorus mit den besten Gesangslinien des Album auf. Auch klassische Streicher sind hier zu hören, viel sparsamer eingesetzt aber halt durchdachter fernab kitschiger Bombastteppiche. Und auch die kurze jazzige Piano-Bass Jamsession gegen Ende des Songs weiß zu gefallen. Es folgt Ptolemy was Wrong, ein Ballade, die mir dann doch etwas zu weit geht und einfach nicht auf dem selben hohen Niveau der beiden Vorgänger ist. Die nächsten 3 Songs sind wiederum recht gelungen, gerade Metaphysics of the Hangman und Swallowed by the Earth gehen in ihrem simplen Aufbau schnell ins Ohr, beinhalten aber genug Details um auch längerfristig zu gefallen. Das Album naht sich dem Ende. Epiphany ist ein ruhigerer Track, bei dem sich Loic von seiner besten Seite zeigt. Dabei wird ein unglaubliche unterschwellige Spannung erzeugt, die sich zwangsläufig in dem zweigeteilten Abschlussepos The Origin of Species und The Origin of God entladen muss. Diese beiden Songs gehören eigentlich zusammen und nehmen auch keine Gefangenen und präsentieren noch einmal was The Ocean anno 2010 zu erschaffen vermag. Clevere Frickeleien, viele schöne Details, brachiale Lava-Riffs, eine gehörige Portion Pathos, die Vocals von Loic, und die herausragende Arbeit an Bass und Schlagzeug beweisen, dass Robin Staps in der Wahl seiner Gefährten richtig lag.
Eine Scheibe die nach kurzer Eingewöhnungszeit zu gefallen weiß. Oder um es in Galileo’s Worten zu sagen: „Und sie rockt DOCH !“
Anspieltipps: Firmament, Metaphysics of the Hangman, The Origin of Species, The Origin of God
Comments
3 Responses to “The Ocean – Heliocentric”

April 11th, 2010 @ 01:31
Precambrian war ein gutes Album. Es kotzt mich nur
etwas an, dass Robin bei last.fm rumheult, weil
nicht jeder Heliocentric toll findet. Normalerweise
ist Fannähe ja von Vorteil.Ich finde, aber dass Herr
Staps damit nicht Sympathie versprüht. Irgendwie doof.
April 11th, 2010 @ 01:32
Link vergessen:
http://www.last.fm/music/The+Ocean/+shoutbox?page=2
April 11th, 2010 @ 11:35
Seine Reaktion hat vielleicht etwas über die Strenge geschlagen, aber im Grunde hat er doch recht gehabt. Es ging ja auch nicht darum, dass jetzt alle das Album gut finden sollen. Es waren halt nur 5 Leute da, die rumgejammert haben, über die Band geschimpft blablub, Trolle eben, aber dem Album haben sie nie wirklich eine Chance gegeben. Wer sich nach einem einzigen Hördurchgang anmaßt in derartiger Lautstärke herumzumotzen hat ein paar in die Fresse verdient. Vorallem waren dass dann noch die typischen Inet-Kiddies, die für ihre Musik noch nie im Leben einen müden Penny gezahlt haben.
Aber ich liebe diesen Kommentar:
“This album is the musical equivalent of going to a bar and meeting a really hot girl, who laughs at all your jokes and pays for her own drinks, then going back to her apartment, into her bedroom, unbuttoning her dress, then slowly slipping off her panties and finding out SHE HAS A FUCKING PENIS!!!!!”