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A different view on reality

»Die Politik in Deutschland wird immer satirischer, also wird die Satire immer politischer.« — Martin Sonneborn

“Einmal Afghane bitte. Macht 100$”

Posted on | April 12, 2010 | Kommentare deaktiviert

Diese Meldung geisterte die letzten Tage über zu Hauf durch Radio, TV und Internet: “Hinterhalt bei Kunduz! Taliban eröffnen Feuer und töten drei Bundeswehrsoldaten!”. Schock. Eine ganze Nation in der Starre – wie konnte das passieren? Eigene Menschen tot!

Sofort werden Forderungen laut. Einige Offiziere bemängeln die zu schlechte Ausbildung der Truppen, oder aber auch, dass die Ausrüstung in Afghanistan nicht gut genug sei. Diverse Politiker forderten gar Leopard 2-Kampfpanzer für die Bundeswehr, mancher ging noch weiter und forderte gar Kampfhubschrauber. Jeder, der sich einmal ein wenig mit dem Thema auseinandergesetzt hat, weiß, wie sündhaft teuer dieses Kriegsgerät ist. Doch nicht nur das bemängelte man, die Regierungsopposition nutzte diese Gelegenheit gleich, um wieder den Abzug aus Afghanistan zu fordern, was die Regierung abwiegelte. Man bleibe. Ob man zu dem Zeitpunkt daran dachte, dass der Abzug aus Afghanistan eigentlich schon nächstes Jahr geplant war, vor langer, langer Zeit?

Doch ich will mich gar nicht mehr darüber aufregen, dass wir überhaupt in Afghanistan sind und die Putzkräfte der Amerikaner mimen, beim Versuch die von den USA ausgebildete Taliban aus dem Land zu tilgen. Die Taliban – zur Erinnerung – sind ein ehemaliges Sonderkommando der USA, ausgebildet von hochrangigen Offizieren der CIA, um das damalige russische Regime aus dem Land zu treiben. Die USA mochten die Russen nicht, und die Afghanen selbst waren auch nicht zufrieden damit. Also entschloss man sich, das Angebot der USA anzunehmen, und so kämpfte die Taliban, damals noch Mudschaheddin genannt, dann unter Schirmherrschaft der USA jahrelang gegen die Russen – bis sie endlich aus dem Land waren. Doch danach suchten die ausschließlich auf Krieg trainierten Afghanen eine neue Aufgabe – die fanden sie in der Bekämpfung von sich selbst. Und dem US-Freundlichem Regime, was nach dem Abzug der Russen eingesetzt wurde.

Das Ergebnis: Heute sind dutzende Staaten mit diversen Truppen in Afghanistan stationiert, und versuchen, die Taliban im Zaum zu halten – erfolglos. Und jetzt hat dieser schon seit Jahren anhaltende Kampf genau drei Bundeswehrsoldaten mehr gefordert. Und die zivilen Opfer? Die beliefen sich bereits 2008 auf über eine Million Menschen. Wer fragt nach den Toten Afghanen?
Die USA bieten zwar eine gewisse Geldsumme – wie bereits im Titel geschrieben genau 100$ – pro toten Afghanen an die Familie. Anders könnten die USA es bestimmt nicht bezahlen. Denn insgesamt sind die USA nach Adam Riese schon 100 Millionen US$ nur für Opferentschädigungen losgeworden – und das bei diesem Hungerlohn. Es ist doch beinahe eine Farce gegenüber den Hinterbliebenen. Und dass die zivilen Opfer teilweise auch ganz bewusst “erzeugt” werden, beweisen die Helikoptervideos, die vor kurzem auf Wikileaks veröffentlicht wurden.

Es scheint ganz so, als zähle man afghanische Opfer bei weitem nicht so hoch, wie Amerikanische oder auch Deutsche. Das bis heute wohl prominenteste Beispiel für genau diese Abart der Westmächte ist der Krieg in Somalia. 1991 versuchten nämlich die US-Marines in der Hauptstadt des Landes, Mogadischu, den wichtigsten Warlord der Gegend zu fassen. Bei den anschließenden Gefechten, die bis zum nächsten Morgen andauerten, verloren 19 US-Marines und über 1.000 Somalis ihr Leben. Und die letzte Zahl ist nur geschätzt.
Seit dem Tag sind die USA wesentlich vorsichtiger geworden mit Infanterieeinsätzen, sogar im Kosovokrieg wurde zuerst das schwere Gerät vorgeschickt, bis die Infanteristen nachrücken durften.

In westlichen Staaten muss natürlich die Zahl der eigenen Opfer extrem gering gehalten werden – jedes Opfer senkt die politische Stimmung im Land, doch ist das gleich ein Grund, die Leben der “Feinde” so herabzustufen? Ist es gleich ein Recht, die Bevölkerung dieser Länder als Zielscheiben zu missbrauchen?
Ich finde es eine Unverschämtheit – sowohl von den USA, als auch von Deutschland und von allen anderen beteiligten Ländern, das Leben der eigenen Leute so ungemein über das, der anderen zu stellen. Und, sie Postmorten noch derart unwürdig zu behandeln. Ich finde es menschenrechtlich nicht mehr nur bedenklich, was sich hier Regierung und aber auch die Soldaten leisten. Denn auch die Soldaten fügen ihren Teil der Suppe bei.

Ich erinnere nur an die Misshandlung in den Bagdader Gefängnissen, die amerikanische Soldaten mit wehrlosen irakischen Gefangenen durchführten. Und wenn ich einmal zurückschaue, was die Westmächte den Menschen in afrikanischen und arabischen Ländern bereits alles angetan haben, finde ich wieder eine Erklärung für den angestiegenen Terrorismus und gleichzeitig muss ich feststellen, dass unsere Menschenrechte, die Genfer Konvention und die Haager Landkriegsverordnung im Grunde nichtig sind. Denn wenn sich eine komplette 1. Welt nicht an diese Grundgedanken halten kann oder will, obwohl sie selbst von ihren Bürgern verlangt, moralisch genau so zu denken, verstehe ich die Welt nicht mehr. Wie kann es sein, dass die Menschen sich so ein dickes Gesetzeswerk zur Verhinderung von ehrlosen Misshandlungen anschaffen, und dieses dann genauso gekonnt ignorieren?

Mir kommt es vor, als seien die mühsam erarbeiteten und mit viel unschuldigem Blut erkämpften Menschenrechte jetzt auf demselben Stand der Bibel. Und dennoch werden die dafür Gestorbenen nicht wie Jesus behandelt, sondern wie ein “Afghane”.

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