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A different view on reality

Pain of Salvation – Road Salt, One

Posted on | Juni 6, 2010 | 1 Comment

Wir schreiben das Jahr 2010 und die Ausnahme-Schweden von Pain of Salvation veröffentlichen ihr siebtes Studioalbum Road Salt One nach einer 3-jährigen Wartezeit. Soweit so gut. Was gibt es sonst noch neues ? Mal schauen. Sie haben einen neuen Drummer, dafür keinen Bassisten mehr, waren im schwedischen Vorentscheid für den Eurovision Songcontest vertreten (nicht sehr erfolgreich), Frontmann Gildenlöw hat sich seine Zahnlücke richten lassen und Gitarrist Hallgrens Oberarme sind inzwischen so groß wie Mammutbäume.

Sonst noch irgendetwas bemerkenswertes ? Achja, allem Anschein nach hat die Truppe an diversen psychedelische Substanzen geschnuppert, eine Zeitmaschine gebaut, dann ihr neues Album in den 70ern aufgenommen und sich nebenher noch mit den Beatles und einer südländischen Folk-Combo zusammen auf einem Zirkusgelände gehörig die Kante gegeben. Zumindest bekommt man als Hörer diesen Eindruck. Denn Road Salt One ist von vorne bis hinten Sex, Drugs and Rock’n'Roll … und stößt in gewohnter Pain of Salvation – Manier das gesamte Publikum vor den Kopf.

Die Platte beginnt mit dem fetzigen No Way, dass dann auch gleich im Midtempo losrockt und uns mit schicken Bassläufen, Piano und Gildenlöw’s unverkennbarem Gesangstil versorgt: „There is no way, that you can love her like I do.“ Dies ist dann auch einer der ersten Kritikpunkte; Die Lyrics sind nicht mehr durchgängig auf dem gleichen hohen Niveau auf dem sie sich in früheren Veröffentlichungen befanden. Möglich, dass Gildenlöw nach dem prätentiösen Konzeptalbum BE die Schnauze voll hatte von überkandideltem poetischen Getue. Mich stört es nicht weiter, aber für viele war gerade der lyrische Part von Pain of Salvation eine sehr wichtige Komponente.

Wie dem auch sei, Gildenlöw’s lyrischer Genius ist nicht völlig in der Versenkung verschwunden, sondern offenbart sich nach dem kurzweiligen Blues-Rocker She likes to Hide in der grandiosen Ballade Sisters. Hinter der unscheinbaren Benennung versteckt sich ein typischer Pain of Salvation – Song par excellence. Sehr gefühlvoll und gemächlich beginnend, zeichnet die Band hier einen wahrlichen Abgrund der sich da vor den Füßen des Protagonisten auftut. Ein Schritt zu weit und alles ist vorüber. Sisters ist packend, emotional, wunderschön und vor allem eines: Herrlich unangenehm und bedrohlich. Zweifelsohne einer von Pain of Salvations großen Momenten. Es folgt Of Dust, eine Art Interlude, welches stark nach einer Liaison zwischen den Western-Dronern von Earth und dem Komponisten Ennio Morricone (The Man With The Harmonica, A Fistfull Of Dollars) unter einem staubigen Wüstenhimmel klingt. Verfeinert mit Gildenlöws Erzählstimme und begleitet von tiefen rauchigen Männerchören. Zu schade, dass das ganze nach knapp 3 Minuten schon vorbei ist. Ein weiter 3-Minüter steht in den Startlöchern, das Rock’n'Rollige Tell Me You Don’t Know, welches sich zwar fetzig anhört, aber nie als ein vollwertiger Song wirkt, sondern eher wie eine wahllos im Studio dazwischen geschobene Jam-Session. Im nächsten Track geht es dann wieder sehr merkwürdig weiter. Sleeping Under The Stars nennt sich der Titel und präsentiert uns zunächst einmal sehr zynische Lyrics.

“Wait darling wait and don’t worry cause you will see,
semen stains wash out surprisingly easily
from leather back-seats of expensive cars,
and soiled toilet seats in the bars.
And why worry about emotional scars,
when tonight you’ll be sleeping under the stars.”

Muss man dazu noch mehr sagen ? Präsentiert wird das ganze mit durchgeknallter Jahrmarktmusik und einem Choral von den Muppets auf Helium. Klingt genau so lustig wie nervig und macht auf eine seltsame Art sogar noch eine Menge Spass. Nach diesem Ausflug gibt es mit Darkness of Mine endlich wieder einen Song, den man zu 100% Ernst nehmen kann. Psychedelische Gitarren, die in einem harten, ruppigen Chorus gipfeln, während Gildenlöw wieder eine stark emotionsgeladene, brilliante Gesangsperformance abliefert. Aus einem ähnlichen Holz wurde auch der nachfolgende Song Linoleum geschnitzt. Gefangene machen Pain of Salvation auch hier keine und feiern erneut eine solide und eingängige Rock-Nummer ab. Curiosity schlägt in die selbe Kerbe und rockt sogar noch bodenständiger als sein Vorgängiger und lädt zu hemmungslosem Mitsingen ein. Live sicher ein Höhepunkt. Nach diesen drei fetzigen Nummern ist erst einmal eine kurze Pause angesagt. In Tell Me Where It Hurts wird die Geschwindigkeit wieder zugunsten einer psychedelisch-atmosphärischen Midtempo-Nummer zurückgenommen, welche Gildenlöw wieder mit seiner unverkennbaren Stimme veredelt. Nun ist es Zeit für den Titeltrack Road Salt. Diese Ballade dürfte dem geneigten Fan aus dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Songcontest bekannt vorkommen. Der Song besteht nur aus sanften Mellotron-Klängen und Gildenlöws Stimme und geht einfach unter die Haut. (Die Live-Performance kann man sich auch hier einmal zu Gemüte führen) Im finalen Innocence zeigt die Band noch einmal eindrucksvoll was sie kann und lässt den 7-Minüter nach einem eher ruhigen Anfang und einem instrumentalen Chaos zurück, welches den Eindruck einer einstürzenden Welt hinterlässt. Eine typischer Albumcloser im Pain of Salvation Stil.

Das vorliegende Werk weckt gemischte Gefühle. Es ist so vollkommen anders als alles, was uns die Band je präsentiert hat, trägt dennoch dieselbe Handschrift. Und bei allen Ungereimtheiten zieht einen das Album dennoch in den Bann. Es mag nicht ihr anspruchsvollstes Werk sein, nicht ihr flüssigstes, nicht ihr poetischstes, ganz im Gegenteil. Road Salt ist dreckig und roh, aber auch emotional und ehrlich. Und letzten Endes ist dies auch alles was zählt.

Anspieltipps:  Sisters, Linoleum, Road Salt

Update: Link zur Pain of Salvation-Myspace-Seite korrigiert. Hendrik.

Comments

One Response to “Pain of Salvation – Road Salt, One”

  1. Axisdude
    Juni 6th, 2010 @ 16:35

    Sehr schönes Review. Gut beobachtet und anschließend unreißerisch geschrieben. So muss das sein :-)

    Was die Sache mit den Lyrics angeht, IMHO kann man bei Gildenlöw wohl nicht so rasch von Oberflächlichkeit reden. Auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein macht, er habe sich nicht auf tiefere Themen konzentrieren wollen. Mich überzeugt die Art und Weise wir er auch solch platt anmutenden Texte singt vollends. Er ist einer der wenigen, die mit solchen Zeilen MEHR ausdrücken können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er “There’s no way…” wörtlich meint. Zumindest kommt es mir so vor.

    Eine verdammt gute Platte!

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