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A different view on reality

»Die Politik in Deutschland wird immer satirischer, also wird die Satire immer politischer.« — Martin Sonneborn

Wiederkehr zu den Wurzeln des deutschen Bildungssystems

Posted on | Juli 12, 2010 | Kommentare deaktiviert

Seit jeher gab es große deutsche Dichter und Denker. Menschen, die mit allzu klugen Zitaten der Aufklärung dienten. Sie machten Deutschland zu dem, was es war – ein Land der Dichter und Denker. Die Deutschen brachten die klügsten Köpfe hervor und so ist Deutschland, oder zumindest sind Deutschstämmige für die Erschaffung vieler Theorien verantwortlich, man denke nur an das kommunistische Manifest von Marx und Engels, den Vormärz, Weimar und viel deutscher Literatur, die auch heute noch Weltruhm genießt.

Doch wie ebenso allseits bekannt, schwindet dieses Image langsam – es gibt immer weniger intelligente Köpfe und ausgebildete Fachleute, vielfach hat Deutschland nicht mehr die Kapazitäten, um in der heutigen Welt mitzuhalten. Da davon auszugehen ist, dass es – auch wenn es nicht den Anschein hat – immer noch äußerst intelligente Köpfe in Deutschland gibt, so ist die Bildung schuld. Dabei hat die Bildung in wohl kaum einem anderen Land eine derartige Wandlung vollzogen, wie in Deutschland. Viele Menschen spucken auf das deutsche Bildungssystem, doch alleine das ist ein Beweis dafür, dass es mit Deutschland – zumindest noch – nicht so schlecht bestellt ist, wie es scheint.

Im Mittelalter gab es keinerlei “echte” Bildungssysteme im damals Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die einzige Bildung, die es gab, waren überlieferte Schriften und das Wissen, dass die christlichen und andersgläubigen Mönche in Klöstern bewahrten und durch sorgfältige Buchabschriften bewahrten. Wer Wissen haben wollte, musste ein Mönch werden, Wissen war Elitär. Es gab zwar ab dem 12. Jahrhundert zunehmend Universitäten, doch auch das Studium an ihnen wurde mit kirchlichem Glauben als Voraussetzung restriktiv behandelt. Doch zweihundert Jahre später, etwa Mitte des 15. Jahrhunderts dann, gab es einen Fortschritt, der Bildung einfacher machte – Johannes Gutenberg erfand um 1440 herum den Buchdruck, welcher es in den darauffolgenden Jahrhunderten schneller, einfacher und vor allem günstiger machte, Buchabschriften zu erzeugen. Ab da an konnten sich auch weniger betuchte Familien Bücher und damit Bildung sichern. Außerdem wurden die Universitäten nach und nach freier zugänglich, doch immer noch gab es einen großen Teil der Bevölkerung, welcher keine Bildung bekam – im damaligen Agrarstaat Deutschland brauchte man die Jugend eben von Anfang an auf dem Feld.

Sogar noch um 1800 herum, kurz nach der französischen Revolution war Bildung ein kostbares, schier unerreichbares Gut, das aber ebenso stark erhalten wurde, um die Bildung auch reichhaltig zu halten. Falls man die Möglichkeit eines Studiums erhielt, konnte man sich sicher sein, man würde zu einer Bildungselite gehören; zwar gab es auch im Ausland sehr gute Universitäten wie Oxford oder Cambridge, doch die deutschen Universitäten genossen damals allgemein einen besseren Ruf. Damals war ein Studium an sich bzw. allgemein der Besuch eines Gymnasiums an sich nicht schwer, doch es war zeitaufwändig. Wie in der klassischen Schullektüre “Unterm Rad” von Hermann Hesse nachzulesen, muss man sich Bildung damals sehr geisteswissenschaftlich vorstellen – alleine im Gymnasium, also vor der Universität, musste man fließend Griechisch und Latein schreiben können, Geschichte und weitere geisteswissenschaftliche Fächer beherrschen, Mathematik war selbstverständlich. Es war also ziemlich zeitaufwändig, zu lernen. Und deshalb war es auch noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Privileg, Bildung zu erhalten – denn nur wer nicht arbeiten musste, konnte sich bilden.

Dieser Bildungsmangel zeigte sich sehr krass im Vormärz. Die erste starke Bewegung für ein demokratisches Deutschland scheiterte schlicht daran, dass nur eine kleine gebildete Schicht – das sogenannte Bildungsbürgertum – die Pläne unterstützte. Der Rest des Volkes konnte mit etwas wie “Demokratie” nichts anfangen. Die Deutschen waren 1830 bereits seit 1500 Jahren eine diktatorische bzw. feudalistische Herrschaft gewöhnt, außerdem konnten die Deutschen damals – auch bedingt durch Niederlagen gegen Napoleon, das ständige Hin- und Hergezerre zwischen den Großmächten – sehr gut resignieren. Das Gebiet des heutigen Deutschlandes und seiner angrenzenden Staaten war früher immer Spielball der Machtspiele auf dem europäischen Kontinent gewesen.

Als die Preußen dann allerdings die Vorherrschaft in den deutschen Landen übernahmen, gab es die erste große Bildungsreform. Die damals nicht vorgeschriebene, eher rare Bildung wurde damit auf einen Schlag zur Pflicht. Während früher gleich zwei Voraussetzungen – ein gut betuchtes Elternhaus und Intelligenz – nötig waren, um echte Intellektuelle heranzubilden, wurde Bildung schlicht verstaatlicht. Das entreißen der Bildung war einer der ersten großen Schritte im Säkularisierungsstreit zwischen Bismarck und der Kirche und so wurde die “Volksschule”, die bis heute als die “Hauptschule” überlebt hat, eingeführt, um grundlegendes Wissen in Mathematik, Lesen und Schreiben zu vermitteln. Seitdem sank zumindest die Zahl der Analphabeten enorm und es wurde möglich, dass auch intelligente Kinder aus armen Haushalten sich bilden konnten, weil sie mit dem Lesenlernen die Voraussetzung zum Lesen von Büchern erhielten.

Seither ging es mit der deutschen Intellektualität aufwärts, die deutschen wurden gebildeter und gebildeter. Während in Ländern wie Frankreich meist handfest Revolutionen ausgerufen wurden, beschränkten sich die Deutschen auf eine geistige Revolution. Und die fand mit dem langsamen, allmählichen Demokratisierungsprozess auch fruchtbaren Boden. 1921 machte sich diese Bildungsreform Bismarcks zum ersten mal erfolgreich bemerkbar, da die wenigen Intellektuellen von 1832 jetzt im Kampf gegen die Monarchie auch die Unterstützung weiter Teile der Bevölkerung hatten. Zwar konnten die meisten immer noch nichts mit Demokratie anfangen, und zeigten sich auch desinteressiert, wie sich 1933 dann auch in Form des Adolf Hitler bemerkbar machen sollte, doch zumindest die alten herrschenden Adligen merkten, dass man nicht mehr wie in feudalistischen Zeiten dem Volke klar machen kann, dass sie nicht in den Himmel kämen, wenn sie nicht schufteten bis zum Umfallen.

So sorgten die Säkularisierung, die Aufklärung und der Buchdruck dafür, dass in Deutschland ein Bildungssystem eingeführt wurde.
Doch so wie wir es kennen, gab es das Bildungssystem erst nach einer großen Bildungsreform in den 60er Jahren. Dort wurde das Gymnasium allmählich einer breiteren Volksmasse zugänglich gemacht. Seither hat sich das Bildungssystem immer mehr in den Mittelpunkt politischer Diskussionen gerückt und wurde vielfältigen Änderungen unterzogen. Doch die letzten Änderungen haben eher zu einer Verschlechterung des Systems geführt. Vielfach verkommen heute die Schulen, überall bröckelt der Putz und die Fenster sind undicht. Es wird sich nach Meinung des Großteils der Bevölkerung zu wenig um die Bildung gekümmert, dabei ist der Etat mit weit über 11 Millarden Euro noch einer der größten.

Man kann die Entwicklungen nun selbstverständlich als Rückentwicklung betrachten, da Bildung wieder Elitär wird, mittlerweile, könnte man zynisch sagen, sind wir wieder auf dem Standpunkt von 1880. Jeder Mensch erhält zwar grundlegende Bildung, aber nur noch ein Elitärer Kreis kann wirklich problemlos auf Universitäten. Das stimmt selbstverständlich nicht, aber wir sind auf einem guten Weg dahin. Der Staat hat immer weniger Macht, die Wirtschaft immer mehr und Bildung ist heute eine Ware, die je nach Nachfrage günstiger oder teurer ist.

Geisteswissenschaftliche Waren sind wegen geringer Nachfrage extrem teuer, Naturwissenschaften dementsprechend preiswert. Die stetige Effizienzsteigerung macht sich auch in der Bildung bemerkbar, und so kann abermals nur der eine Geisteswissenschaft studieren, der entweder hart dafür arbeitet, oder aber die guten alten Vorsätze Intelligenz und gut Betuchtsein vorweisen kann.

Und just in diesen Tagen, in denen die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander geht, hunderttausende Schüler und Studenten auf die Straße gehen, für bessere Bildung protestieren, in denen antipolitische Gedankenströme sich mehren und das deutsche Volk sich allmählich gegen die Entwicklungen stellt, hat auch der SPIEGEL ein “Plädoyer für ein einheitliches Schulsystem” veröffentlicht.

In diesem seitenlangen Artikel geht der SPIEGEL auf Absurditäten der Bildung ein, darauf, dass hessische Schüler in dutzenden Taxikolonnen über thüringische Schulen herfallen, dass Scharen bayerischer Schüler dafür nach Hessen zur Schule gehen und man gut daran tut, während ein Kind noch zur Schule geht, nicht das Bundesland zu wechseln.
Der SPIEGEL geht damit auf eine Entwicklung ein, die das Schulsystem zur Kleinstaatlichkeit hat verkommen lassen. Wie im Mittelalter versucht jedes Bundesland, besser zu sein, als das andere, und so kommen extrem unterschiedliche Bildungssysteme zustande.

Ein Beispiel kann sogar ich selber bringen. Bis zur neuten Klasse bin ich in NRW zur Schule gegangen. Zur Zehnten Klasse wechselte ich auf ein Gymnasium in Rheinland-Pfalz. Der erste Unterschied war, dass die elfte Klasse dort bereits zur Abiturqualifikation zählte, während in NRW erst ab der 12. Klasse die Qualifikation beginnt. In RLP gibt es drei Leistungskurse, von denen einer kurz vor dem Abitur sozusagen zum Grundkurs degradiert wird, um eine bessere Vergleichbarkeit mit allen anderen Bundesländern zu erreichen, da RLP das einzige Bundesland mit drei LKs ist. Des weiteren ging in RLP das Abitur nur bis einschließlich der 13.1, damit die rheinland-pfälzischen Schüler bereits zum Sommersemester studieren können. All das nennen die Pfälzer Mainzer Studienstufe, kurz MSS.

Zurück in NRW (ich wechselte nach der 12.1 wieder zurück) merkte ich dann sehr heftig den Unterschied. Während ich in RLP gewohnt war, teilweise 10 Zeitstunden in der Schule zu verbringen, drei LKs zu haben und sehr viel für meine Noten tun zu müssen, war das in NRW nicht so. In NRW war ich regelrecht unterfordert, ich merkte deutlich, dass RLP seine Schüler mehr forderte.

Doch das Problem ist leider nur zur Hälfte mit einem besseren Schulsystem gelöst. Wichtig wäre es meiner Meinung nach, falls man denn eine kluge Bevölkerung heranziehen möchte, die Bildung vollkommen aus der Hand der Eltern zu nehmen. Denn auch heute noch kann man gut merken, wie der Einfluss der Eltern auf Kinder wirkt. Für ein Kind von Akademikern ist es bereits zu Gymnasialzeiten vollkommen klar, dass es studieren wird. Da gibt es gar kein Rütteln. Doch in Nicht-Akademikerfamilien fehlt der Ansporn, zu studieren. Die Eltern haben nicht studiert und verdienen auch ihr Geld – warum also sollte ich studieren?

Das merke ich wiederum an mir. Vor zwei Jahren noch war ich der festen Überzeugung, dass ich nur eine Ausbildung machen werde, Mediengestalter war es damals. Meine Mutter war Mediengestalter, mein Vater ebenso, in meiner Familie hat vorher noch niemand studiert.
Dass ich nun doch studieren will liegt nur an eigenem Ehrgeiz und der Erkenntnis, das eine Ausbildung heute nicht mehr soviel wert ist, wie vor fünfzig Jahren. Anders sieht es bei einer bekannten Familie aus. Beide Eltern sind Ärzte und zwei der drei Kinder besitzen die amerikanische Staatsbürgerschaft, sind trilingual geschult und sozial bzw. sportlich extrem engagiert.

Und von daher finde ich, dass der SPIEGEL mit seiner Analyse vollkommen richtig liegt – dieses Bildungsgefälle in Deutschland muss aufhören, doch das ist eben nur die halbe Wahrheit. Viel liegt noch an den Eltern. Kinder lassen sich immer gerne von Eltern beeinflussen und wenn die Eltern den Kindern auch keinen Ehrgeiz vorleben, haben die Kinder genauso wenig Ehrgeiz, falls sie nicht eine der seltenen Eingebungen haben, mehr aus ihrem Leben zu machen.

Außerdem schafft es auch die Politik und die Wirtschaft beide gleichermaßen, die Jugend zu demoralisieren. Ich meine, wir können unseren Kindern nicht beibringen, dass unser demokratisches System jede Änderung zulässt, wenn man sich nur drum bemüht, nur um ihnen dann zu sagen, dass das vielleicht mal so war, aber längst nicht mehr möglich ist.

Die geistige Revolution in Deutschland ist vollzogen worden – und ist jetzt langsam wieder vorbei. Von effizienter Feudalwirtschaft geht es über uneffiziente geistige Demokratie wieder zu einer Effizienz – diesmal der Wirtschaft. Fortschritt, Gewinnmaximierung und Preissenkung um jeden Preis. Und bevor wir diese Gedanken nicht los werden, kann auch kein Schulsystem funktionieren, denn Schule bedeutet immer, der Wirtschaft Arbeitskraft zu nehmen und die Politik durch neue Gedanken zu gefährden.

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    "Ich finde, du hast gar nicht mal so extrem übertrieben mit deinem Artikel. Er ist sehr gut gelungen und er regt wirklich zum Nachdenken an."


    "[...] Und ich muss meinen Hut vor dir ziehn, ich lese deinen blog echt gern. Schreiben kannst du wirklich exeptional."