Angst, Hass, Titten und ein Wetterbericht…

Hendrik Erz

Der gemeine Deutsche ist ein in freier Wildbahn oft anzutreffendes, sozial scheues Wesen mit zwei Beinen, zwei Armen, oftmals wird er als Mützenträger beschrieben. Doch was treibt diesen Deutschen, was bewegt ihn in seinem Inneren?

So oder so ähnlich könnte der Beginn eines TV-Beitrages zum Thema “Die Deutschen” lauten. Zumindest, wenn man äußerst zynisch ist. Doch was ist dran, an der Songzeile, die die Ärzte schon vor vielen Jahren prägten? Sie beziehen sich mit den vier Worten “Angst, Hass Titten und der Wetterbericht” zwar auf ein allseits bekanntes Käseblatt mit Din A4-großen Überschriften, doch für sich allein gestellt charakterisiert das scheinbar zunehmend den generellen Deutschen. Um es vorweg schon einmal zu sagen: Nicht jeder Deutsche ist so. Privat ist wohl kein Deutscher so. Nur in der Masse wird er derart verändert. “Die anderen machen das bestimmt auch, also muss ich das auch machen” denken viele Deutsche, besonders beim ersten Thema, mit dem ich beginnen möchte:

ANGST

EHEC! BSE! H5N1! IAEA! Es gibt heutzutage so viele Abkürzungen, mit denen man Menschen leicht ein blasses Gesicht verpassen kann, dass die Fantastischen vier einen Song daraus machen könnten. Doch wieso eigentlich?
Nunja, wir schlittern scheinbar von Katastrophe zu Katastrophe, es gibt kein Entrinnen vor dem Tod. Sei es eine BSE-Plage wie vor knapp 10 Jahren, sei es eine Vogelgrippe-Epidemie, wie vor wenigen Jahren, oder jetzt ganz neu im Trend: EHEC. Sobald irgendetwas gefährlich genug klingt, wird es vom Deutschen gnadenlos nieder gemacht. Mit der berühmten deutschen Präzision wird jeder Keim des Widerstandes vernichtet. So fielen im BSE-Skandal tausende Rinder der deutschen Saubermachflotte zum Opfer, später waren es Hühner. Und jetzt trifft es auch noch die Gurken!

Heilige Bananenschale, das Robert-Koch-Institut hat veröffentlicht, dass auf vier Salatgurken der EHEC-Erreger gefunden wurde, 3 davon waren spanisch, eine vermutlich holländisch. Obwohl das niemand so genau sagen kann. Wieso eigentlich nicht, in unserem schönen Deutschland? Eine Gurke ohne Herkunft? Vielleicht sollten wir ihr Asyl gewähren.
Doch zurück zum Thema: EHEC-Gurken. Laut einer Umfrage der Überschrift-Zeitung verzichten 58% der Deutschen mittlerweile auf Salat, Gurken und Tomaten. So, wie es das Robert-Koch-Institut, verantwortlich für die Seucheneindämmung hier, empfahl. Brav folgte das Volk dem Aufruf. Die Frage nach dem “Von der Brücke springen” stelle ich hier einmal nicht, aber was hat das Robert-Koch-Institut denn getan?

Als erstes: Vier Gurken gekauft. Vier. Von insgesamt grob 500.000 Tonnen Gurken, die pro Jahr in Deutschland verzehrt werden. Alle vier waren positiv. Nun will ich das Robert-Koch-Institut hier allerdings nicht nieder machen. Es hat getan, was richtig war: Testen, und dann die Ergebnisse veröffentlichen. Auch die Warnung, auf Salat, Tomaten und Gurken zu verzichten ist in öffentlichen Kantinen angebracht. Aber zu Hause? Wie jedes gemeine Bakterium wird auch das EHEC-Würmchen bei ein paar Grad zuviel zu einen steifen Eiweißbrei. Denn was landläufig bekannt sein sollte, trifft auch hier zu: Extrem niedrige Temperaturen konservieren die Keime, aber bei teilweise schon 50°C für kurze Zeit sterben sie alle ab. Außerdem fressen sich die Keime nicht in das Gemüse, damit können sie nicht einmal was anfangen. Sie werden über die Gurken quasi nur transportiert. Auf gut Deutsch heißt das: Einmal mit warmen Wasser gründlich abwischen, und schon ist die Gurke – selbst, wenn sie vorher ein Paradies für EHEC-Bakterien war – ziemlich hygienisch gereinigt. Wer auf Nummer Sicher gehen will, kann sie gerne auch noch schälen.

Aber die Angst des gemeinen Deutschen vor dem Unsichtbaren Feind ist größer. Mehrere deutsche Landwirte haben bereits Existenzängste, bei einigen gehen die Umsätze teilweise um 70% zurück, viele Bestände müssen vernichtet werden, obwohl man sogar mittlerweile dazu übergegangen ist, sie zu prüfen, um zu bestätigen, dass keinerlei EHEC darauf gefunden werden kann. Die Deutschen, die sogar noch weitaus strengeren Kontrollen unterliegen, durch die nicht einmal ein einzelnes Bakterium durchschlüpfen könnte, werden zu Opfern der Krise.
Die Gurken aus Treibhäusern werden in NRW mit hermetisch abgeriegelten Türen und gefiltertem Wasser sowie Luft mit keinerlei natürlichem Kontakt zur Umwelt gezogen. Na und? Die Angst vor EHEC ist größer! Wer weiß, wie er da rein gekommen sein könnte. Die Landwirte pfeffern uns reihenweise Originale von Testbescheiden der Reinheit ihrer Lebensmittel um die Ohren, niemand könnte sich selbst nach dem Genuss von 30 deutscher (aber auch ausländischer Gurken aus den meisten Ländern) auch nur ansatzweise mit irgendetwas außer ein wenig grüner Farbe anstecken. Und? EHEC! EHEC!

Doch nun wurde genug Angst vor EHEC gesät. Wollen wir uns dem nächsten Thema zuwenden.

HASS

Ein ganz böses Wort. Hass gibt es in Deutschland offiziell nicht mehr. Weder Fremden- noch ganz allgemeinen Hass. Gut, ab und an wird noch einmal ein Mitt-Vierziger von Halbwüchsigen an deutschen Haltestellen zu Tode getreten, aber wozu das ganze Geheul? Wir sind ein offenes Land für Minderheiten, und die Minderheiten sind offen für Deutschland. Schaut man nach Baden-Württemberg präsentiert sich uns ein so wunderbares Beispiel gelungener Integration, d.h. das Annehmen deutscher Grundwerte bei Beibehalten der Wurzeln, als Ministerin für Integration.

Aber waren da nicht einmal gefährliche Parallelgesellschaften? Ganze Stadtteile im Ruhrgebiet, besetzt von illegal eingewanderten Osteuropäern, die sich in einer ganz anderen Kultur auch ganz anders verhalten, die kaum Sinn für das deutsche Gesetz haben, was aber auch nicht nötig ist, da sich die Polizisten eh nicht in die Viertel trauen? Ach, bestimmt nur Gerüchte. Oder die Geschichte von der gut integrierten und vollkommen normalen Familie eines Halbwüchsigen, der bei einem unüberlegten Raubzug von einem geschockten, aber bewaffneten Rentner erschossen wurde? Dessen Familie auf einmal all ihre Grundsätze vergaß und die deutsche Justiz des Rassismus beschuldigte, weil sie von Notwehr des Mannes ausging und ihn nicht des Totschlages anzeigte? Die diesen Rentner auf seine alten Tage noch terrorisiert mit dem Tod ihres Jungens, nur weil sie nicht wahrhaben können, dass er doch nicht das Musterkind war, dass sie sich gewünscht haben? Ach, das ist doch nur ein kleiner Fisch.

Hass in Deutschland gibt es, außer bei der NPD, nicht. Und die ist ja wunderbar unter Kontrolle. Demonstrationen laufen auch immer heile ab.

Den Begriff “Titten” werte ich jetzt einmal als Oberbegriff für das Feld von körperlichen Gelüsten, damit ich hier die Damenwelt nicht ausgrenze. ;)

TITTEN

Deutschland hat auch 1968 bei der Hippie-Bewegung kräftig mitgemischt. Die jungen, deutschen Erwachsenen sagten sich los von ihren Elterngenerationen und feierten neue Grundrechte, sexuelle Freizügigkeit und alles, was das damalige Herz begehrte! Und all diese Freude kulminierte in… oh! 1977 – Die RAF verübt dutzende Terroranschläge überall in ganz Deutschland, das ganze Land ist in Angst und Schrecken, das System wankt. – Doch das gehört eher unter das erste Schlagwort, nicht hierhin.

Nein, im glorreichen “Zentrum Europas” feiert man Freizügigkeit. So auch Angela Merkel. Aber, oh, böse! Sie ist unsere Bundeskanzlerin! Nein, die darf das nicht. So etwas darf öffentlich nur RTL und RTL II! Oder wahlweise Nachts auch Vox und Konsorten. Sexuelle Freizügigkeit wird in Deutschland hinter verschlossenen Türen gefeiert. In Nachtclubs, im Rotlichtmilieu. Eine softere Variante wäre dann wohl das kommerzialisierte “Pascha” in Köln.

Aber ich sprach von körperlichen Gelüsten, also nicht nur sexuelle Freizügigkeit. Da wäre dann noch das ganz heikle Thema Drogen und Alkohol. Sehr böse. Gras ist eine Einstiegsdroge und Jugendalkoholexzesse sind derart alarmierend, mit Testkäufern müssen Kioskbesitzer, welche nicht bei jedem ihrer täglich ein- bis zweitausend Käufer nach dem Ausweis fragen, aus dem Verkehr gezogen werden, sie sind eine Gefahr für unsere Kinder! Es ist wichtig, dass jungen Käufern der Zugang zu Alkohol so unzugänglich, wie nur möglich gemacht werden; und dafür geht die Politik auch über (Einzelhandelskaufmanns-)Leichen. Warum zum Beispiel hat sich das Mädchen, das sonst immer hinterm Bahnhof stand zu Tode gesoffen? Sie hat doch gerade erst ihre Tochter zur Welt gebracht, und war doch mit ihren 16 Jahren noch so jung!

“Und nun das Wetter”

1.200 Worte purer Zynismus. Und wofür? Vermutlich werde ich für das Vorangegangene von vielen Menschen (zu Recht?) kritisiert, ich habe hier eindeutig stark übertrieben. Doch das war auch Sinn der Sache.

Ich meine: Schauen wir uns die EHEC-Epidemie an. Seit Tagen schon gilt die Warnung mit Salat, Gurken und Tomaten und dennoch erkranken tagtäglich mehr Menschen daran. Wenn die EHEC-Epidemie von den Gurken käme, müssten bei 58% “Gurken-Verweigerern” doch die Zahlen der Erkrankten mittlerweile wieder rapide sinken?  Ich habe nichts dagegen, vielleicht einmal eine Gurke weniger zu kaufen, wenn man sich unsicher ist. Doch gleich die ganze Branche büßen zu lassen, nur, weil es den Verdacht (Und dieses Wort wurde so vom Robert-Koch-Institut auch absichtlich gewählt!) gibt, dass die Infektion hauptsächlich von Gurken ausgeht, heißt das noch lange nicht, dass dies bei allen ihrer Art zutrifft. Besonders eben Deutsche Gurken sind rein und definitiv keimfrei. Doch spanische Gurken sind ja so billig… und außerdem ist es für den gemeinen Deutschen einfacher, nicht denken zu müssen. Es ist praktisch, wenn das Robert-Koch-Institut das übernimmt. Man solle auf Salat, Gurken und Tomaten verzichten? Prima, kein Problem! Wer macht sich auch die Mühe, einmal über die o.g. Maßnahme des Abwaschens Gedanken zu machen? Da ist es viel einfacher, die Gurken solange verschimmeln zu lassen, bis den EHEC-Keimen der Gar ausgemacht wurde. Am Ende stellt sich heraus, dass die EHEC-Keime in Mett zu finden waren? Dann wird niemand mehr an die Gurkenzüchter in NRW denken, die aufgrund massiver Absatzeinbußen (trotz einwandfreier Ware) dicht machen mussten und die Arbeitslosenstatistik in den kommenden Jahren füttern werden. “Hätten sie doch was anderes anbauen können, wenn die Gurken nicht mehr gehen!” – So etwas, nur mit Brot und Kuchen, hat vor knapp 250 Jahren schon einmal jemand gesagt – nur der wurde dafür geköpft. Aber das ist ja archaisch.

Und weiter geht es mit Hass: Die Geschichte mit dem erschossenen Jungen in dem kleinen Ort in Sachsen tut mir ja für alle Beteiligten unheimlich leid: Die Familie hat ihren Sohn verloren, der Rentner seine Würde und zugleich einen Teil seiner Menschlichkeit. Er wurde heimtückisch überfallen, wehrte sich – und wird, ungeachtet dessen, was er nun fühlt, da er weiß, dass er einen Menschen tötete, für den “feigen Mord” verantwortlich gemacht. Und die Justiz wird als rassistisch beschimpft, weil sie ihn nicht anklagen will, da sie von Notwehr ausgeht.

In welchem Land leben wir eigentlich, dass hier jetzt nicht nur ein paar Deutsche im Streit mit Immigranten ausschließlich mit deren Herkunft argumentieren, sondern dass die den Spieß jetzt auch noch umdrehen? Wie soll Integration funktionieren, wenn sich beide Parteien gegenseitig angiften?

Und dann so Sachen wie Merkels Dekolletée. Ich hätte noch hunderte anderer Beispiele bringen können, doch dieses Beispiel wurde mir kürzlich durch ein Interview des Spiegels mit einem Fernsehmoderator ins Gedächtnis gerufen. Merkel zieht einen etwas zu tiefen Ausschnitt an – und schon zerreißt sich die Bundesrepublik die Mäuler darüber. Dass diese Frau aber von ihnen gewählt wurde, und dass sie sie auch nach außen hin vertritt – ach, das tut die auch?

Ich finde, in diesem Land läuft etwas gewaltig schief. Und das größte Problem ist: Es könnte so viel einfacher sein, wenn sich das Volk nicht einer selbstgewählten geistigen Apathie befände. Das Fernsehprogramm hierzulande wird von Tag zu Tag schrecklicher, was auch am Erfolg der Serie Fernsehkritik.TV sichtbar ist, immer mehr “Angst, Hass Titten und der Wetterbericht” und immer weniger Information. Dazu kommen dann noch Trendseiten im Internet, Facebook und weitere soziale Gleichschaltung, die es nur gibt, weil die Menschen sich dem großen Hauptstrom anschließen.

Warum andere Aktivitäten als die Freunde haben? Warum andere Musik mögen? Das ganze Social-Networking-System ist eine große Erneuerung für die Menschheit, eine große Verbesserung, nur schaffen wir es offenbar nicht, das auch zu nutzen, so wie es sein sollte. Stattdessen wird die neue, mediale Welt immer mehr zu einer Gerüchteküche für halbgare Steaks aus dem Gefrierfach. Statt einfacher Informationsübermittlung wird jede Info mit jedem Verbreitungsschritt auf Twitter mit der ganz persönlichen Meinung besudelt, die früher oder Später zu Angst, Hass oder Titten führt. Die ganze Bandbreite an persönlicher Empfindungen – auf die niedersten menschlichen Gefühle reduziert, weil nur das der einzige, große, gemeinsame Nenner dieses Volkes ist.

Wann haben wir eigentlich das Lachen verlernt?


3 Responses to “Angst, Hass, Titten und ein Wetterbericht…”

  • Leonie Says:

    Vielen Dank! Ich werde diesen Artikel meiner hohlen Kollegin zum Lesen geben, die heute allen Ernstes mehrere Salatgurken und einen Sack Tomaten weggeworfen hat, weil sie überzeugt war, die bösen Bakterien würden sich tief ins Gemüse hineinfressen und das könne man ja nicht verantworten ><

    • Hendrik Erz Says:

      oO Aua.

      Versuch, ihr zu erklären, dass die Bakterien eigentlich böse Marsianer sind und versuchen, die Menschheit auszurotten, und mit “Nazi-Deutschland” anzufangen, sodass das nichts nützt, den Bakterien zu entkommen und sie sich in ihr befinden! Mal schauen, wie sie sich verhält =D

      • Leonie Says:

        Oh, ich bin mir recht sicher sie würde es nicht ganz verstehen, aber trotzdem furchtbar Angst bekommen, weil ja “Nazi” drin vorkommt. Obwohl ich gar nicht weiß, ob ihre Panik überhaupt noch steigerungsfähig ist. Manche Menschen sind so anstrengend dämlich…

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