Der Hipster und die Vernichtung der Identität
Die Un-Kultur des Hipsters

Eine “Hipsterfalle”
Was ist ein Hipster? Man findet mittlerweile im Netz Milliarden von Memebase-Bildern (Beispiele hier und hier), die das Hipstertum karikieren. Was man hieraus lesen kann: ein Hipster ist eine Person, die offenbar alles tut, was augenscheinlich nicht “mainstream” ist. Er hört Musik, die nicht im Radio gespielt wird, trägt Klamotten, die sonst (augenscheinlich) kaum jemand trägt und mag Dinge, die (augenscheinlich) niemand (mehr) mag.
Was wir hier also sehen, ist eine Person, die sich mit Ekel vor Dingen windet, die besonders viele Menschen mögen. Das Interessante dabei ist nun, dass das Phänomen des “Hipsters” sich nicht etwa nur auf eine verschworene Gemeinde von ein paar Tausend Menschen weltweit beschränkt, was das ganze noch als logische Konsequenz unseres modernen Konsumismus wirken lassen könnte – nein, der Hipster findet sich in allen Städten der Welt, überall trifft man die Menschen mit weiten (oder besonders engen) Klamotten, gerne mit Strick, einer riesigen Hornbrille und einer durchaus krassen Frisur. Natürlich ist der Hipster im Vergleich zu den “normalen” Menschen noch eine Minderheit, aber er ist längst nicht mehr so ungewohnt, dass man noch ohne Reue von Underground sprechen könnte.
Nun frage ich mich aber, angeleitet von diversen Artikeln auf anderen Blogs: “wieso eigentlich?” Douglas Haddow hat auf dem AdBuster.org-Blog einen Artikel darüber geschrieben, dass der Hipster die ultimative Identitätsvernichtungsmaschine sei. Er entreiße viele Symbole früherer Protestbewegungen ihrem Sinn und führt sie der Bedeutungslosigkeit zu. Ich denke aber, dass das nur die Spitze des Eisberges ist. Unsere moderne Art, überall erreichbar zu sein und stets zu kommunizieren – eine Mitbewohnerin von mir ist da das ultimative Beispiel – führt dazu, dass wir nicht mehr kommunizieren, sondern nur noch reden. Zudem hat auch die Werbebranche den Underground als effiziente und günstige Quelle neuen Materials für sich entdeckt, um Werbung zu machen, die jeden der Digital Natives ansprechen kann. Was einst angefangen hat mit dem Sigur Ròs-Song “Glosoli” in einer VW-Werbung führt mittlerweile zu Werbungen, die ganz explizit mit Memes arbeiten (Ein Beispiel, dass ich durch eine kurze Youtube-Suche gefunden habe).
Die These, um sie noch einmal in konkrete Worte zu fassen, lautet also:
Die immer stärkere Vernetzung der vergangenen zwei Jahrzehnte hat dazu geführt, dass identitätsstiftende Merkmale unter verschiedenen jugendlichen Gruppen aufgeweicht wurden, Grenzen verschwommen und die verschiedenen Akteure, die sich jetzt alle zusammen einer großen Gruppe zugehörig fühlen, im Versuch zur Abgrenzung voneinander das Hipstertum entwickelt haben. Das Hipstertum zeichnet sich dadurch aus, dass die unterschiedlichsten Identitäten früherer “anti-Gruppen” (bspw. Punks, aber auch Künstler und Literaten, Freigeister, die Hippie-Bewegung) zusammengeklaubt werden und der Versuch unternommen wird, durch die Neukomposition dieser Gegenstände und Verhaltensmuster sich erneut abzugrenzen gegen den Mainstream der Gesellschaft.
Vier Aspekte der Identität: Kulturelle Abgrenzung, Kommunikation, individuelle Fähigkeiten und Prinzipien
Ich möchte mich dabei auf einige Aspekte des Hipstertums beschränken. Zunächst möchte ich den Artikel von Douglas Haddow auswerten, dessen Kernaussage man zusammenfassend als den “Meltingpot” menschlicher Identitäten bezeichnen kann. Im Grunde sagt er, dass das Hipstertum die Vermischung aller vorigen “Anti-Kulturen” vom Hippie über Punks bis eben zum Hipster darstellt.
Als nächstes soll Facebook ins Felde geführt werden als Metapher (und tatsächliches Beispiel) von kommunikativer Leere. Mit dem Begriff der “kommunikativen Leere” will ich den Effekt umschreiben, dass wir durch zuviel Kommunikation den Level der Kommunikation ins Banale ziehen, eine Ebene sogar noch unter dem Smalltalk. Dadurch, dass wir soviel miteinander schreiben, kommunizieren, telefonieren, Bilder teilen – und das eben mittlerweile zu einem Großteil über Facebook – nehmen wir uns selber Ideen, Gesprächsstoff und schreiben nicht mehr um des Erzählens willen miteinander, sondern um des Schreibens willen. Die ultimative Konsequenz daraus sind Menschen, die ihre Facebookprofile wie andere ihren Garten pflegen; kein falsches Wort darf darauf stehen. Und die gibt es schon seit Jahren, den ersten Artikel darüber hab ich noch zu meinen SchülerVZ-Zeiten gelesen.
Der dritte Artikelwird von der Werbeindustrie als Destruktor von Identität handeln. Ein Freund hat mir vor Kurzem ein Foto von einem Werbeplakat an einer Straßenbahnhaltestelle in Köln geschickt. Auf dem Plakat war ein Smartphone abgebildet, das mit Windows 8 läuft. Ein Satz über dem Smartphone war: “Das ist Julia.” Diese eigentlich harmlose Werbung für die Flexibilität von Windows, dass also jeder Mensch sich sein Telefon individuell einstellen könne, offenbart eigentlich einen tieferliegenden Anspruch der Werbeindustrie: Julia kann man daran erkennen, wie das Smartphone aussieht. Identität wird also ausgelagert auf ein Handy. Oder auch auf ein Auto. Beispiele gibt es da vielleicht sogar noch mehr, als bei Handys. Für Autos wird besonders in Deutschland enorm mit den Begriffen “Freiheit”, “man selbst sein” und Ähnlichen geworben, also alles Begriffe, die Identität bedingen. Diese mutwillige Zerstörung eines wichtigen sozialen Aspekts kann ebenfalls dazu führen, dass sich Menschen aus Verzweiflung ins Hipstertum begeben, diese Zerstörung ihrer Identität hinnehmen und sie ins Lächerliche ziehen.
Der vierte und letzte Artikel wird sich dann wieder dem AdBuster-Artikel widmen und anhand von Ellenbogen-Patches und Vegetarismus zwei konkrete Beispiele zeigen, wie der Hipster wegen der Vernichtung seiner eigenen Identität versucht, seine Identität anders zu wahren und dabei unwissentlich Dinge zerstört und der Bedeutungslosigkeit zuwirft.
Die vier Artikel sollen zwischen Weihnachten und dem 6. Januar veröffentlicht werden, quasi als Weihnachts- und Neujahrsgeschenke. Ich hoffe, dass das alles nicht so lang wird, wie dieser einführende Artikel und vor allem, dass es zum Nachdenken anregt. Denn das Hipstertum ist, wie auch Douglas Haddow herausstellte, “the Dead End of Western Civilization”.
- Die Un-Kultur des Hipsters
- Der Hipster als Meltingpot der Gegenkulturen
- Moderne Kommunikation als leerer Selbstzweck
- Das ist Julia – Identitätsvernichter Werbung.
- Einmal veganer Bigmac mit doppelt Käse, bitte!
Dezember 26th, 2012 at 16:18
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