“Guck mal da: ein Sexist!”

Hendrik Erz

Will man heute für Aufregung sorgen, tut man irgendetwas, was kein Feminist gut finden kann. Dann gibt es relativ zuverlässig einen Aufschrei. Bei Rainer Brüderle hat es leider ein Jahr gebraucht, aber Laura Himmelreich ist ja eine starke Frau, die ganz cool geblieben ist und es erst jetzt zusammen mit einem Portrait von ihm herausgebracht hat. Oder? Für mich jedenfalls nicht.

Aber für mich sind auch wenige der Frauen, die derzeit #aufschrei-Tweets verfassen, stark. Sie folgen in erster Linie dem von Himmelreich initiierten Herdentrieb, einem Unmut Luft zu machen. Ja, aber welchem Unmut? Der, dass sie immer noch nicht gleichberechtigt seien? Oder der, dass Männer sie blöd von der Seite anbaggern? Oder dass sie Opfer häuslicher Gewalt werden? Irgendwie ist es alles und nichts davon. Die Tweets reichen von “Endlich gibt es einmal einen #aufschrei” bis zu “Gestern recht wenig über Sexismus hier gelesen. Ich nehme an, ihr hattet keine Zeit, weil ihr den Bachelor gucken musstet. #aufschrei”

Was dabei herauskommt, kann man anhand der Folge Markus Lanz vom 29.01. sehen: wildes Herumgeschnattere und gegenseitiges Beleidigen, das zu nichts führt. Und genau daraus besteht die aktuelle Sexismus-Debatte: Vermeintlich unterdrückte Frauen werfen Männern Sexismus, Machtgehabe und einen zu kleinen Penis vor, Männer kotzen ähnlich zurück. Zum Glück mehren sich derzeit die kritischen Kommentare, die sich keinem Lager zuwenden, sondern sinngemäß fragen: “Habt ihr sie eigentlich noch alle?”

Ähnlich sieht das in der Bloglandschaft aus: Anja Maier bezeichnet Rainer Brüderle als “Testosteron-Politiker” und reiht sich ein in die Reihe unreflektiert Meinung in die Welt hinauspustender Linksaktivisten. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Agnes Krumwiede sieht das Ganze wieder nüchterner – ein Pluspunkt für die “taz”, beide Meinungen zu veröffentlichen. Laut der New York Times gilt für Deutschland:  ”gender relations are surprisingly backward for a developed country and years behind the United States when it comes to workplace equality and, in particular, sexual innuendo.”

Bleibt die Frage: wie geht man mit diesem Problem um? Man kann es mit diesem Aufschrei versuchen. Der wird aber im Sande verlaufen. Die Gesellschaft wehrt sich wie ein Immunsystem gegen diesen Aufschrei, weil er plump versucht, die Gesellschaft mit Gewalt zu verändern. Frauenaktivistinnen gehen schon seit Jahrzehnten davon aus, wenn man den Männern nur genügend Rechte wegnimmt und sie stattdessen den Frauen gibt, erzwingt man ein gleichgerichtetes Denken. Das Gegenteil ist bisher eingetreten: immer mehr Männer fühlen sich unterdrückt, alle reden vom Mann mittlerweile als dem schwachen Geschlecht. Würde sich eine Art Männer-Emanzipation bilden, wäre ihr der Hohn und Spott ziemlich lautstarker misandrischer Frauen sicher.

Jörg Kachelmann hat recht richtig gesagt, dass Frauen (allerdings fast nur in den Medien) eine Art “Opfer-Abo” hätten. Sex sells. Und das ist nur ein Teil des Problems. Mein Tipp ist: einfach warten und die Mühlen der Zeit arbeiten lassen. Denn wenn ich mich in meinem Studiengang umschaue, gibt es keine Person, von der ich wirklich vermuten würde, sie würde bewusst oder ernst gemeint irgendeinen sexistischen Kommentar ablassen. Natürlich gibt es die “coolen” bei uns, die gerne einen raushängen lassen. Aber auch die respektieren Frauen als ganz normale Menschen, wie sie selbst es auch sind. Wenn meine Generation irgendwann mal am Drücker sein sollte (falls uns die “Alten” denn vor ihrem Tod einmal lassen), wird das Thema Sexismus keine Aufmerksamkeit erregen, weil der Gedanke dann in der Gesellschaft angekommen ist. Naja. Und vielleicht sollten so Schundblätter wie der Spiegel, der Stern und die Bild von ebendieser Fläche verschwinden.

Vielleicht brauchen einige Teile der Gesellschaft tatsächlich noch Mannsweiber, die ihnen den Arsch für ihr Verhalten versohlen. Aber längst sind die Teile in der Minderheit. Zum Glück.


2 Responses to ““Guck mal da: ein Sexist!””

  • Alice Blacker Says:

    “Denn wenn ich mich in meinem Studiengang umschaue, gibt es keine Person, von der ich wirklich vermuten würde, sie würde bewusst oder ernst gemeint irgendeinen sexistischen Kommentar ablassen.”

    Weil Sexismus ja immer völlig reflektiert und bewusst abläuft… ô.O
    Niemand ist bewusst sexistisch. Das ist ja das Problem. Denn sie wissen nicht, was sie tun.

    Und diese Sache von “Männerunterdrückung” ist vollkommener Blödsinn, der in dieser Debatte aber komischerweise immer wieder auftaucht.

    • Hendrik Erz Says:

      Dann kommt aber wieder die Frage auf (die übrigens auch bei Markus Lanz aufkam), bis wann es Flirt und ab wann es Sexismus ist. Immerhin ist es alles eine Definitionssache, aber mir scheint, dass in dieser Diskussion die Definitionen ziemlich arg auseinander sind.

      Und solange man keine *halbwegs* brauchbare Definition von Sexismus hat, ist auch jede Diskussion idiotisch, weil rein vom eigenen Gusto bestimmt.

      Ad “Männerunterdrückung”: ich sprach nur von einem Gefühl, keineswegs von realer “Unterdrückung”, die (noch) nicht der Fall ist. Ich kann hier ja mal prahlen mit dem Thomas-Theorem (harhar!): “If men define situations as real, they are real in their consequences” -> solange man dieses Gefühl hat, ist die Konsequenz daraus auf jeden Fall real.

      Übrigens: “Denn sie wissen nicht, was sie tun.” – du solltest dich mal hören =D

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