Jun 21 2013

The Ocean: 11.000 Meter unter dem Meer

Hendrik Erz

Ein paar blubbernde Töne, dazu spielt ein Klavier, später Streicher – das Intro des neuen Studioalbums von The Ocean erzeugt weniger Spannung als das des letzten Albums “Heliocentric”. Aber das am 30. April veröffentlichte Album Pelagial geht auch nicht direkt in die Vollen. Im Gegensatz zu “Heliocentric” handelt es sich bei Pelagial um genau einen Song, aufgeteilt in elf Segmente, die nach den verschiedenen Pelagialzonen des Ozeans benannt sind.

Während das Doppelalbum Anthroprocentric/Heliocentric zwar ein umfassendes Konzeptalbum über Religionskritik war, so waren die Songs doch eigenständig. Lediglich der finale Doppelsong “The Origin of Species/The Origin of God” war miteinander verbunden und enthält die wohl markantesten Zeilen des Albums: “Who made your Architect? Who made your Architect? Where does he come from? What is he made of?”

Pelagial macht es konzeptual völlig anders und klingt trotzdem musikalisch wie die Synthese aus den “Centric”-Alben und dem davor liegenden Album “Fluxion”. Es nimmt den Hörer mit auf eine Reise durch die Pelagialzonen des Ozeans.

The Ocean auf dem Konzert mit Cult of Luna im Gebäude 9, Köln

The Ocean auf dem Konzert mit Cult of Luna im Gebäude 9, Köln

Epipelagial (200 Meter)

Klaviertöne, Streicher, Harmonien – das zeichnet den Introsong aus. Es ist ein ruhiger und entsprechend der realen Tiefe des Epipelagials (deutsch: “auf dem Meer”) von “nur” 200 Metern kurzer Song, der direkt ins Mesopelagial übergeht.

Mesopelagial (1.000 Meter)

Das Mesopelagial (“Mitte des Ozeans”) reicht bis rund 1000 Meter herunter und wird noch von vielen Lebewesen bewohnt. Dennoch wird es hier im Vergleich zum Epipelagial dunkler, was sich auch in der Musik widerspiegelt: obgleich der Abschnitt mit cleanen Gitarren und weichen Drums beginnt, spielen die Hintergrundstreicher bereits von Beginn an eine kleine, aber deutlich hörbare Disharmonie.

Nach zwei Minuten endet diese Klimax schon im ersten Blastbeat des Albums. Nach einer dann wieder sehr ruhigen Strophe, in der Loïc seine Stimme schonen kann, folgt ein Chorus, in dem er seine markanten Shouts das erste Mal ins Mikrofon brüllt. Ein gelungener Start. Nach 1000 Metern (oder rund 7 Minuten) begibt sich das Album in eine neue Ozeanschicht.

Bathypelagial (4.000 Meter)

Das Bathypelagial (“Tiefer Ozean”) wird seinem Namen gerecht: harte Gitarrenriffs und Shouts direkt zu Beginn. Dann folgt zwar wieder ein Klavierpart mit einer Effektgitarre und cleanem Gesang,  der in einem sehr epischen Abschnitt mündet.

Dieses Pelagial besteht aus drei Teilsongs und wird erwartungsgemäß immer düsterer. Im dritten Teil (Untertitel: “Disequillibrated”) finden sich fast nur noch Hardcoreparts, Shouts und Blastbeats, allerdings immer noch im typischen “The Ocean”-Stil.

Abyssopelagial (6.000 Meter)

Das Abyssopelagial (“Bodenloser Ozean”) reicht bis 6000 Meter herunter. Entsprechend dieser großen Tiefe fängt auch dieser Teil so an, wie Bathypelagial III: Disequillibrated aufgehört hat. Hier wurde das Mesopelagial-Riff wieder verwendet – nur dieses Mal mit verzerrter E-Gitarre und harten Drums.

Insgesamt wird die Musik hier wesentlich langsamer, härter und erdrückender als in den ersten Songs. Man fühlt förmlich den Druck des Wassers auf dem eigenen Körper. Der zweite Teil des Abyssopelagials bringt es im Namen auf den Punkt: Abyssopelagial II: Signals of Anxiety.

Hadopelagial (11.000 Meter)

Das Hadopelagial erinnert vom Namen her nicht nur an den griechischen Hades, es bedeutet auf deutsch auch in etwa “Das ungesehene Meer”. Während das Album in den ersten Songs noch eher wie The Ocean klingen, möchte man hinter Hadopelagial eher Doom-Sludge als Genre vermuten. Die beiden insgesamt zehn Minuten langen Hadopelagialsongs sind langsam, schwer und somit angepasst auf eine Tiefe von 11.000 Metern.

Aus dem Namensgefüge fallen dann die beiden letzten Songs Demersal (“Grund”) und Benthic (Ein biologischer Sammelbegriff für auf dem Meeresgrund lebende Tiere), die das Album abrunden. Das Album schließt am Ende mit einem Post-Rock-Part, wird also wieder ruhig und gesetzter. Ganz zum Schluss ist das ein- und ausstecken des E-Gitarrenkabels zu hören, ähnlich einem Morsecode. Dies kann man entweder interpretieren als das Gefühl völliger Verlorenheit oder als eine Reise wieder zur Wasseroberfläche. Je nachdem, wo einen das Album schließlich loslässt.

Fazit

Nach Anthropocentric und Heliocentric habe ich persönlich mich schwer getan, Pelagial eine Chance zu geben, eben weil dieses Doppelalbum so gut war. Dennoch hat es sich mehr als gelohnt. Hat man sich einmal an die Tatsache gewöhnt, dass Pelagial eben nicht “Centric” ist, ist es sein Geld mehr als wert. Alleine der künstlerische Anspruch an dieses Album ist kaum in Worte zu fassen – neben dem Konzept der Musik ist auch die Grafik von vorne bis hinten durchdacht: die Deluxe-Edition wird nach unten aus dem Umschlag geschoben und dann vertikal entwickelt. Normalerweise geschieht das alles horizontal. Auch die Internetseite von The Ocean passt völlig in dieses Bild hinein. Am linken Rand läuft sogar ein Tiefenzähler bis auf 11.000 Meter herunter mit, im Hintergrund sind Ozeangeräusche zu hören.

Musikalisch ist das Album einwandfrei, es ist eindeutig als The Ocean zu identifizieren und klingt trotzdem nicht wie die vorigen Alben – Robin Staps hat hier wieder ganze Arbeit geleistet. Mein Fazit: Mindestens anhören, am besten direkt selber besorgen! Alleine wegen der Idee dahinter, denn so ein in sich geschlossenes Album habe ich bisher wirklich noch nie gesehen.

Songlist und Anspieltipps:

  1. Epipelagic
  2. Mesopelagic: Into the Uncanny
  3. Bathypelagic I: Impasses
  4. Bathypelagic II: The Wish in Dreams
  5. Bathypelagic III: Disequillibrated
  6. Abyssopelagic I: Boundless Vasts
  7. Abyssopelagic II: Signals of Anxiety
  8. Hadopelagic I: Omen of the Deep
  9. Hadopelagic II: Let Them Believe
  10. Demersal: Cognitive Dissonance
  11. Benthic: The Origin of our Wishes

Dieser Artikel erschien erstmals auf www.radio96acht.de


Jun 17 2013

We Lost The Sea: Melancholie in sieben Akten

Hendrik Erz

Mit Metal kann man vieles verbinden. Sei es eher der Metalcore in Richtung Heaven Shall Burn oder Killswitch Engage, sei es Pagan oder Viking Metal in Richtung Eluveitie, Ensiferum oder Finntroll, oder sei es der “gute alte” Heavy Metal wie ihn Iron Maiden und Judas Priest prägten. Was man zumindest im allgemeinen weniger mit Metal verbindet ist die Stilrichtung Post-Metal. Wer hier tiefer einsteigt findet zunächst die Post-Metal-Band Isis, die sich 2010 aufgelöst hat. Aber auch Cult of Luna und Rosetta findet man hier, auch Callisto gehören hier hinein.

Das Cover des aktuellen We Lost The Sea-Albums "The Quietest Place on Earth"

Das Cover des aktuellen We Lost The Sea-Albums “The Quietest Place on Earth”

We Lost The Sea: Newcomer-Post-Metal erster Klasse

Vor einiger Zeit war ich mit meiner Kollegin Jasmin Vettel auf einem Konzert von Cult of Luna, die als Vorbands The Ocean und die australische Sludge-Band Lo! engagiert haben und traf durch Zufall den Gitarristen der australischen Post-Metal-Band We Lost The Sea. Und was diese Band spielt, ist wundervoller Post-Metal mit Anleihen aus dem Post-Rock, der nicht nur erstklassig klingt, sondern auch so abwechslungsreich ist, dass selbst The Ocean zumindest Konkurrenz bekommen.

Bereits eine Tour mit Rosetta

Vergangenes Jahr veröffentlichte die Band ihr Album “The Quietest Place on Earth”, das mit nur sieben Songs eine ganze Stunde füllt. Das Plattencover (siehe oben rechts) präsentiert sich in einem Blau-Schwarz-Verlauf, der an den Ozean erinnert, der Australien umgibt. Aber durch einen Astronauten erinnert das Plattencover auch an das Weltall. Beides sind riesige Seen, die die Menschheit noch nie wirklich besessen hat – Interpretationsspielraum genug für wache Geister also.

Der Introsong “A Quiet Place” beginnt mit einem eher nach Post-Rock klingenden Part; also mit stark halliger Gitarre und einem breiten, atmosphärischen Klangbild. Spätestens zu Barkhan Charge, dem zweiten Song des Albums aber eröffnet sich die volle Kraft des Post-Metals auf dem Album und man findet Verbindungen zu Isis. We Lost the Sea klingen nicht so rauh wie Isis, aber der Einschlag ist definitiv zu hören.

“With Grace”, der dritte Song des Albums, vermischt die Genres Post-Rock und Post-Metal in einem 16-Minütigen Stück, das in seinen harten Parts die Shouts des Sängers Chris Torpy so in dem Gesamtmix versteckt, dass es an Rosettas “A Determinism of Morality” erinnert. Was übrigens kein Zufall ist: We Lost The Sea haben 2010 Rosetta als Support auf einer Australien-Tour unterstützt.

Musik zum Träumen: Forgotten People

Im Anschluss daran steht der Song “Forgotten People”, der als ein enormer Gegensatz zum Rest des Albums mit einem starken Pianoeinschlag daher kommt und als einziger Song eine weibliche Gastsängerin präsentiert, die dem sonst sehr schwer melancholischen Album einen schwebenden Einschlag gibt.

Nach dem kurzen Intermezzo “Nuclear City” folgt dann der Doppelsong “A Day of Night and Misfortune”, aufgeteilt in die Parts “Day” und “Night”. Dessen Day-Part steigt direkt sehr hart ein und stimmt auf ein hartes, geshoutetes Outro ein, das allerdings in weiten Teilen unerwartet post-rockig wird und – wie der gesamte Rest des Albums – auch eher träumerisch denn shoutlastig erscheint. Das Ende zieht wiederum an und der zweite Part ist in weiten Teilen ebenfalls extrem hart, mündet allerdings erneut in ein Post-Rock-Outro mit einem Monolog im Hintergrund, der in monotonem Rauschen endet.

Fazit

Alles in Allem ist das Album sehr kurzweilig und abwechslungsreich, was We Lost The Sea zu einer qualitativen Größe macht, die sich vor etablierten Bands wie Isis, The Ocean, Rosetta oder Cult of Luna nicht zu verstecken braucht. Das Album ist tiefgängig und gehaltvoll, gleichzeitig aber auch äußerst melancholisch und düster. Doch es wirkt nicht aufgesetzt, die Songs gehen natürlich ineinander über und schaffen so eine Atmosphäre, die ich seit Isis nicht mehr erlebt habe. Ein definitiv im Sinne des Wortes “merk-würdiges” Album, das man gehört haben sollte. Die Songs gibt es übrigens auch auf Bandcamp, sodass man sich dieses Album auch in voller Länge und Qualität anhören kann und nicht auf eventuelle YouTube-Allüren trifft.

Songlist und Anspieltipps:

  1. A Quiet Place
  2. Barkhan Charge
  3. With Grace
  4. Forgotten People
  5. Nuclear City
  6. A Day and Night of Misfortune I (Day)
  7. A Day and Night of Misfortune II (Night)

Dieser Artikel erschien erstmals auf www.radio96acht.de


Jun 12 2013

Theoretisch ja, aber praktisch nein

Hendrik Erz

“Theoretisch ja, praktisch nein” ist ein Schlagwort, das vor einiger Zeit eine Kommilitonin von mir aus dem Institut für politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn geprägt hatte. Ursprünglich nur auf interne Angelegenheiten des Instituts ausgerichtet, möchte ich diesen Satz heute für mich umdeuten, und zwar für das allgemeine akademische Wesen einer Universität.

Der Dekan der philosophischen Fakultät, Dr. Paul Geyer, sagte mir einmal in einem Interview, er wolle das Humboldt’sche Bildungsideal hochhalten, das da besagt, ein Student solle in Diskussionsseminaren in kritischem Denken und allgemeiner Bildung geschult werden. Es gelte die Einheit von Forschung und Lehre an den Universitäten. Das kann ich persönlich so unterschreiben: Für mich ist eine Universität ein Ort, an dem man natürlich in erster Linie Bildung erhält und methodisch geschult wird. Andererseits muss an einer Universität aber auch das kritische Denken geschult werden. Es dürfte klar sein, wie ich die Bologna-Reform in diesem Zusammenhang sehe.

Dennoch bietet Bologna(theoretisch) genügend Möglichkeiten, die Studenten in kreativem und vor allem kritischem Denken zu schulen, sie hinterfragen zu lehren und ihnen eben nicht beizubringen, stumpf auswendig zu lernen und zu repetieren. Ein Student muss das Recht haben (und er muss es auch nutzen können), seine Lehrer zu kritisieren, zu hinterfragen, anderer Meinung zu sein. Doch zumindest an meiner Universität beobachte ich mehr und mehr, dass dies nicht der Fall zu sein scheint.

Ich möchte ein kleines Beispiel aus meinem derzeitigen Semester geben. Noch einmal zur Erinnerung: Seminare an den Universitäten sollten meiner Meinung nach entweder weiterbilden oder Hinterfragen lehren.

In besagtem Seminar nun lautet das Thema “Mediävistik im geteilten Deutschland”. Der Anspruch ist, die Wissenschaftsgeschichte, die in BRD und DDR offenkundig anders verlaufen sein musste, darzustellen und nachzuvollziehen, was wann während dieser rund 40 Jahre passiert ist. Es versprach also, interessant zu werden. Entweder würden wir das kritische Hinterfragen von Wissenschaftlern und ihren Arbeiten lernen oder viele Einzelheiten zur allgemeinen Wissenschaftsgeschichte – nur eben am Beispiel der Mediävistik von 1945 bis 1990 – lernen würden. Selbstverständlich, sonst würde ich hier nicht schreiben, ist keins von beidem der Fall.

Stattdessen werden Stunde um Stunde neue Texte von Mediävisten durchgekaut mit dem Anspruch eines Deutschunterrichtes der 10. Klasse. De facto handelt es sich also um reines Texte Analysieren ohne einen inhaltlichen Kern. Es entstehen keine kritischen Diskussionen, es geht lediglich um Verständnis des Textes, das solange wiederholt wird, bis jeder in etwa das gleiche denkt. Und das ist meines Wissens nach nicht Sinn einer Universität. Während es in meinem Nebenfach, der Politologie & Soziologie, inhaltlich noch mit einigem Biss voran geht, so mag man dies in der Geschichtswissenschaft völlig vermissen.

Die Dozenten, welche Vorlesungen halten, beschweren sich regelmäßig über mangelnde Anwesenheitszahlen und fordern lautstark eine Wiedereinführung der Anwesenheitspflichten, anstelle sich einmal selber zu hinterfragen und dann – falls dies mit einem derart verengten Weltbild überhaupt möglich ist – festzustellen, dass die meisten Studenten nur deswegen nicht in die Vorlesungen kommen, weil deren Gehalt offensichtlich noch geringer als der eines Kaugummis ist. Dies ist in der Soziologie zwar auch tendenziell ähnlich, aber zumindest können die Dozenten reden und schläfern nicht mit einer Stimme wie der von Helmut Schmidt ein.

Diese Entwicklung und Traditionalisierung von Nichtwissen bzw. Nichtwissenwollens, wie sie am Institut für Geschichtswissenschaft im Übrigen in allen Bereichen (sogar der Fachschaft!) geschieht, ist konträr zu sämtlichen Idealen, auf denen die abendländische Gesellschaft zu ruhen pflegte, und droht, die Universität zu einem zweiten Gymnasium werden zu lassen, die ausschließlich zum Ausbilden von Arbeitssklaven dient. Und diese Einschätzung beschränkt sich hier nur deshalb so arg auf die Historiker, weil ich dieses Fach studiere. In anderen Bereichen ist es ähnlich schlimm.

In einer ersten Version hieß es, Dr. Geyer sei der Dekan der Universität, was selbstverständlich unrichtig ist. Ich bitte, dies zu entschuldigen.

Ähnlicher Artikel: Eine Kommilitonin von mir hat vor einiger Zeit über die Praxis bezüglich Internetinhalten am IGW (Institut für Geschichtswissenschaft) geschrieben: http://gab.hypotheses.org/684


Jun 3 2013

Über die Proteste in Türkei und Deutschland

Hendrik Erz

An zwei Plätzen auf dieser Welt kam es in der letzten Woche zu dramatischen Bildern. In beiden Fällen handelte es sich um Protestaktionen, in beiden Fällen fanden sie in als demokratisch geltenden Ländern statt – und in beiden Fällen gab es hunderte Verletzte. Ich spreche von den Demonstrationen im Gezi-Park in Istanbul, die mittlerweile als #OccupyGezi bekannt sind, und von den #Blockupy-Protesten in Frankfurt am Main. Verschiedene Medien sprechen derzeit von mehr als eintausend Verletzten in der Türkei, mindestens zwei Toten und einer noch in Lebensgefahr schwebenden Frau. In Deutschland von immerhin mehr als 250 Verletzten, zwei davon schwer. In beiden Fällen wurde sogar schon von gemäßigten Medien eine übertriebene Polizeigewalt attestiert. Während Recep Tayyip Erdogan sich zumindest formal für die Polizeigewalt im Gezi-Park entschuldigte, kam von Angela Merkel bisher meines Wissens nach kein Statement zu den Vorfällen in Frankfurt, die sogar von den Polizeichefs bereits als taktisch falsch eingestuft wurde.

Ich bin kein Gegner von Staatlichkeit, des Demokratie-Konzeptes oder Regulativen; zumindest nicht von denen, die in Deutschland vorherrschen. Aber kann es sein, dass die Menschen eines Landes Angst vor den sogenannten “Gesetzeshütern” haben müssen? Regiert das Volk noch, wenn massenweise Bürger zu Brei geschlagen werden? In der Türkei sind die beiden Toten dadurch umgekommen, dass ein Polizeipanzer über sie hinweg gefahren ist! Das sind Vorstellungen, wie sie seit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz in China eigentlich als inhuman aus dem Möglichkeitenrepertoire westlicher Staaten verschwunden sein sollten. Menschen, die in der heutigen Welt aufwachsen, bekommen von allen Seiten – nicht nur von staatlicher – immer wieder bestätigt, dass wir heute in einer immer friedlicheren Welt leben. Doch dieser Frieden ist – natürlich – mit Repressionen erkauft. Wir akzeptieren Dinge wie die undurchdachte Einführung einer gemeinsamen Währung (an und für sich ja tatsächlich eine gute Sache, wenn sie wie gesagt, durchdacht gewesen wäre), die Einführung einer Agenda 2010 und sogar bis zu einem bestimmten Grad die Rettung von Banken.

Demokratie mit einer politischen Schicht im Gegensatz zu einer bürgerlichen allerdings ist immer ein Balanceakt zwischen staatlicher Macht und bürgerlichen Bedürfnissen. Und spätestens, wenn die Artikulation von Bedenken in Form von Protesten verweigert wird, wird offensichtlich versucht, dieses Gleichgewicht zugunsten der oberen Schichten zu verändern. Man muss hierbei allerdings bedenken, dass mindestens in Deutschland; und ich wette auch in der Türkei; die Polizei nicht völlig abhängig von politischem Willen ist. Die Polizei ist in den Mitteln, wie sie ihre Pflichten (Demonstrationsschutz etc.) erfüllen, relativ frei gestellt, was schon einmal dazu führen kann, dass zu einer friedlichen Demonstration ein Wasserwerfer in Bereitschaft steht. Zudem wird der deutschen Polizei oft genug nachgesagt, dass sie nicht total links eingestellt ist.

Was ich hiermit im Endeffekt ausdrücken möchte: wenn die Polizei übermäßige Gewalt anwendet, ist das in erster Linie nur falsch, nicht aber apokalyptisch. Richtig schlimm wird eine solche Situation erst dann, wenn von der Politik genau das kommt: nichts. Wenn Politiker sich einen Dreck um solche Situationen scheren und stattdessen lieber entweder um Tagespolitik kümmern oder um sonst etwas, das in den Medien nämlich genau keinen Niederschlag findet. Selbst auf der offiziellen Seite der Bundeskanzlerin findet sich nicht einmal eine kleine Pressemitteilung zu dem Thema, das nicht nur eine kleine Menge an Dissidenten, sondern mittlerweile schon (wenn auch von einer anderen Perspektive heraus) eine ganze eigene Partei, nämlich die AfD beschäftigt. Die Türkei ist seit Jahren nur ein Kandidat für die Aufnahme in die EU, was aber immer wieder an diktatorischen Tendenzen scheitert, die Erdogan seit seinen zehn Regierungsjahren durchzusetzen versucht. Deutschland hingegen scheint sich immer mehr von einem Vorbild für funktionierende Demokratie zu einer Art Türkei entwickeln. Und das kann es doch nicht sein, oder?

Ich möchte euch noch diesen Artikel hier empfehlen: What is Happenning in Istanbul?


Mai 26 2013

Eine Geschichte vom identitätslosen Menschen

Hendrik Erz

Wir denken, wir seien das Zentrum des Universums. Unser ganzes Denken ist dadurch bestimmt, dass wir die Welt wahrnehmen und mit ihr agieren. Unser Geist – gebunden an unsere Augen, unsere Ohren und unsere anderen Sinne – kann schließlich nur mithilfe dieser Sinne wahrnehmen. Es ist der einzige Input, den der Geist erhält. Also ist es für uns alles, sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen zu können. Wir sind unsere Wahrnehmung. Es ist wie mit dem Perpetuum Mobile – wir brauchen Input von außen, sonst bleiben wir stehen, wir können uns nicht selbst versorgen. Oder doch? Tatsächlich können wir uns ab einem bestimmten Zeitpunkt selbst mit Gedanken versorgen. Nur weichen die daraus folgenden Gedanken immer mehr von der Realität ab. Man erschafft sich eine eigene Welt.

Die Folge: alle anderen Menschen klassifizieren einen als geisteskrank. Man lebt nicht mehr in ihrer Welt, also muss etwas falsch mit einem sein. Es ist nicht die Frage, ob es nicht eigentlich egal sein sollte, was andere von uns denken, oder ob wir unser Denken immer an der Realität messen sollen. Nur sollte sich jeder Mensch im Klaren sein, dass er die Wahl zwischen diesen beiden Möglichkeiten hat. Kein Extrem davon ist besser als das andere. Das eine führt in surreale Traumwelten. Die andere Art aber ist vielleicht noch hoffnungsloser: Während man aus Traumwelten vergleichsweise leicht ausbrechen kann und sein eigenes Weltbild der Realität den wahrgenommenen Gegebenheiten anpassen kann, ist es viel schwieriger, aus all dem Input wieder eigenes Material zu kreieren, nachdem man sich genau das abgewöhnt hat.

Wenn man lernt, sich durch andere zu definieren; durch die Art, wie sie die Welt wahrnehmen, lernt man, sich selbst zu vergessen. Jegliche Identität wird hinweggespült, “never to return”, wie es im Englischen heißt. Eine neue Identität aufbauen ist viel schwieriger, als eine “Überidentität” wieder zu entschärfen. Das schlimmste, was aus Letzterem folgen kann, ist Größenwahn, das schlimmste aber, das aus einer verloren gegangenen Identität erwachsen kann, ist eine geistige Leere, die schlimmer ist als jede Folter. “Ich denke also bin ich” ist nicht umsonst ein wichtiger Satz, der einem allerdings erst vor diesem Hintergrund evident wichtig wird. Denn bei einer normalen Mischung von Interaktion und eigenen Gedanken ist man grundsätzlich. Man fühlt, dass man da ist, man weiß es aber auch. Man ist kein schmückendes Beiwerk, das von den Meinungen aller geleitet ist. Dieser Satz ist ein grundlegendes Axiom unserer Gesellschaft, weswegen wir den Wert dessen auch nicht sehen. Jeder Mensch denkt – und jeder Mensch ist, man kann ihn anfassen.

Stellen wir uns als Beispiel nur einmal eine solche Person vor, die ihre Identität hinweggespült hat. Wie würde ein Tag im Leben einer solchen, identitätslosen Person aussehen? Sie würde morgens aufwachen, sich einen Kaffee machen, eventuell ein Brötchen essen und sich anziehen. Je nachdem, mit welchen Menschen sie sich umgibt. Sind es eher Teeliebhaber, dann wird diese Person wohl einen Tee bevorzugen. Sie würde gar nicht daran denken, dass ein Kaffee auch morgens getrunken werden könnte. Oder sie würde es als etwas ansehen, das nur Menschen tun, mit denen sie nichts zu tun hat – sie würde es als fatal ansehen, etwas zu tun, was ihr Umfeld nicht macht. Und ebenso würde der restliche Tagesablauf aussehen. Wenn ihr Umfeld statistisch am ehesten mit dem ÖPNV zur Arbeit kommt, wird auch unsere identitätslose Person die Bahn nehmen. Sie hat einen Beruf erlernt (oder studiert), der auch ihrem Umfeld entspricht. Sie ist, so würden die Statistiker vermutlich von ihr sprechen, der perfekte Durchschnitt. Überall in der Mitte. So unauffällig, dass sie selbst nicht einmal die Namen ihres eigenen Freundeskreises merken kann. Denn für sie sind andere Menschen schließlich keine Individuen, sondern ebenfalls leere Hüllen, die Grundbedürfnissen nachgehen.

Dies ist noch ein weiteres, durchaus paradox wirkendes Element an unserer identitätslosen Person. Weil sie selber nun einen Output erzeugt, nimmt sie auch Output anderer Personen nicht wahr. Denn andere Personen – also ihre Taten, ihr “Output” – müssten in eine eigene Identität eingebunden werden. Der Input-Part unserer Wahrnehmung besteht nämlich auch aus einer Identifikation durch andere Menschen. Wir haben Freunde, also sind wir in einem sozialen Netzwerk. Hierbei ist der Output dann also kein direkt sichtbarer Output, sondern eine Art “innerer Output”, den unser Geist generiert – quasi für sich selber. Um sich auch immer wieder zu vergewissern, dass er ist. Während die normale Person also andere Taten, Namen und Identitäten in ihre eigene Identität verbaut, so verbaut unsere identitätslose Person schlicht Abläufe. Zum Beispiel Kaffee trinken. Bier trinken. Auf Parties gehen.

Das ist es, wieso man auf den ersten Blick eine identitätslose Person nicht von einer normalen Person unterscheiden kann – sie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Alles, was die Gesellschaft an sichtbarem Output erzeugt, gibt diese Person wider. Nun ist aber zu fragen: Ist das denn nicht auch eine Form von Identität?

Nun, dazu müssen wir zunächst definieren, was Identität denn überhaupt ist. Schauen wir in die Soziologie, so stellen wir fest, dass die vorangegangenen Ausführungen auf einer etwas philosophischeren Ebene denen von George Herbert Mead mit seinem Konzept von I und ME entsprechen. In diesem Sinne wäre unsere Person nur bestehend aus dem I. Das ME wäre hierbei also nur ein Reflektor, der stets aufs neue Reflektiert, ob vielleicht die ein oder andere Handlungsweise vielleicht geändert werden sollte, weil neue Dinge nun “mehr mainstream”, um in dieser Jugendsprache zu argumentieren, sind. Somit kann man also festhalten: Jede Person hat immer eine Identität, Merkmale, die sie auszeichnen. Auch mehrere “identitätslose” Personen wären unterscheidbar, da sie schließlich nicht bewusst Statistiken lesen um sich dem gesamtgesellschaftlichen Mainstream anzupassen, sondern nur auf die Personen schauen, mit denen sie zu tun haben. Außerdem entwickelt sich ja grundsätzlich in der Erziehung eine Identität. Entweder, sie ist, wie bei den meisten Menschen, normal entwickelt oder sie ist bereits so verkrüppelt, dass sie sich wieder zurückbildet und zu der reflektierenden Form des ME werden, von der wir soeben sprachen.

Doch wo lassen uns all diese Überlegungen nun stehen? Letztlich sind wir wieder an dem Ausgangspunkt angelangt, wir haben das Problem also lediglich einmal umrundet und es uns genauer angesehen. Nun ist die Schlussfolgerung bereits ein Beweis dessen, ob wir ein ausgeprägtes oder ein verkrüppeltes ME besitzen. Ein “identitätsloser” Mensch, für den wir im übrigen einen neuen Begriff brauchen, da er schließlich doch nicht identitätslos ist, würde sich nach diesen Ausführungen eines Kommentares enthalten, und erst dann etwas sagen, wenn sich herauskristallisiert, dass es eine einhellige Meinung ist.

Ich persönlich tendiere dazu, zu sagen, dass es auf jeden Fall wichtig ist, Output zu erzeugen, wie auch immer dieser geartet ist. Auch Output in Form dieses Essays ist schließlich Output, also ein Werk. Er hilft vielleicht tausend Personen weniger als irgendein Ratgeber, doch in unserer heutigen Zeit, wo wir tatsächlich immer mehr dazu tendieren, uns einem gedachten Mainstream anzupassen, ist es vielleicht immer besser, etwas zu lesen, dass man nicht behalten muss. Etwas zu lesen, dass für sich steht. Gedanken, die eine andere Meinung als die eigene Widerspiegeln. Alltagsphilosophie (böse Zungen sprechen auch von “Küchentischphlosophie”) wie diese hier bringen nichts, es ist reiner Output, also das absolute und exakte Gegenteil unseres Menschen. Denn Schreiben ist nicht nur das Lösen einer Schreibblockade, sondern auch das Festigen der eigenen Meinung und Identität. Womit wir wieder am Anfang wären.


Mai 14 2013

Zombies!

Hendrik Erz

Wenn sie nicht bereits im Kino reißenden Absatz erreichen, so sind Post-Apokalyptische Filme mindestens auf DVD beliebte Geschenke oder allgemein Einkäufe. Sei es 28 Days Later, Zombieland oder Resident Evil – Zombies werden gerne gesehen; man beobachtet gerne die letzten lebenden Menschen in einer Post-Apokalyptischen Welt, die es irgendwie schaffen, vor den Zombiemassen zu fliehen und in ein sicheres Asyl gelangen. Wir mögen Science-Fiction, Post-Apokalyptische Zukunftsvisionen. Im Zusatzmaterial zu der klassischen Star-Wars-Trilogie wurde erklärt, dass zur Zeit, als Episode IV: Eine neue Hoffnung erschien, die Kinos voll waren von grausamen Filmen, purer Zerstörung und Blutdurst. Ein bisschen wahlloses Herumgestöbere in der Filmographie des Jahres 1975 liefert auch prompt ein paar Beispiele: “Die 120 Tage von Sodom“, “Angst vor der Angst” und “New York antwortet nicht“.

Der Erzähler des Zusatzmaterials erklärt, dass die Menschen, geprägt von Vietnam und Korea; bzw. ganz allgemein vom Kalten Krieg mit solchen Filmen etwas anfangen konnten – sie wollten die düstere Realität in den Schlachtfeldern sehen. George Lucas war damals ein Visionär, der mit Star Wars genau das Gegenteil produziert hat: ein Film voller – ja, beinahe schon kindischen – Optimismus und einer Lovestory mit Happy End. Und jetzt übertragen wir einmal den ersten Satz dieses Absatzes auf unsere Zeit. Stellen wir uns vor, wir gingen in die Kinos, um zu sehen, was in der Welt passiert. Zwar nur auf einer metaphorischen Ebene, künstlerisch gestaltet, aber mit demselben Hintergrund.

Und auf einmal bekommen Zombiefilme eine völlig neue Perspektive. Führen wir uns einmal den Inhalt vor Augen: ein paar Überlebende fliehen vor einer Masse von Menschen, die jeglicher Intelligenz beraubt wurden und nur noch nach Hirn rufen. Die Überlebenden haben Angst, mit in diese hirnlose Masse gezogen zu werden und metzeln ordentlich herum, bis sie in einem sicheren Asyl mit weiteren Überlebenden sind. Nun nehmen wir einmal den Film Idiocracy zu Hilfe. Auch dieser Film ist postapokalyptisch, spielt im Jahre 2505 und handelt von zwei absolut durchschnittlichen Menschen, die 2005 eingefroren wurden und erst 500 Jahre später aufgewacht sind und sich in einer Welt wiederfinden, die von der Dummheit regiert wird, von Menschen mit einem IQ von vielleicht 50. Über diese Brücke (anstatt Zombies schlicht unheimlich dumme Menschen) lässt sich einfacher die Brücke von Filmen wie 28 Days Later in die heutige Welt schlagen: wir identifizieren uns mit den Überlebenden, haben selber Angst vor Zombies und wollen überleben.

Denn, überlegen wir uns einmal, wie die Graue Masse (zu der aber im Übrigen auch ich und ihr auch gehören) sich denn zusammensetzt. Wir kaufen Mode bei H&M, weil es einerseits (tatsächlich) gut aussieht, andererseits aber eben auch enorm billig ist. Und plötzlich stürzt in Bangladesh eine Textilfabrik ein – 900 Tote. Was passiert? Mehr als ein paar Wochen Umsatzeinbrüche kann im allerschlimmsten Fall für H&M nicht entstehen. Wir tanken Benzin von BP oder einer der Tochterfirmen, weil es eben praktisch ist, ein Auto zu fahren. Und plötzlich schlägt eine Ölplattform in Golf von Mexiko leck – unzählbar viele tote Tiere. Was passiert? Ein paar Jahre später fahren nicht etwa weniger Menschen Auto, nein, BP muss von der US-Amerikanischen Regierung für schuldig befunden werden, damit für BP überhaupt eine spürbare Strafe gefunden ist.

Oder Lebensmittel: wir schreien nach “Billig! Billig! Billig!” und vergessen dabei, dass das gleichzeitig auch heißt “Schlecht! Schlecht! Schlecht!” Wir Studenten in Bonn regen uns darüber auf, dass uns Mensaessen im Durchschnitt vielleicht 2 – 3 Euro kostet, wollen aber nicht wahrhaben, dass eine vernünftige, selbst gekochte Mahlzeit keinen Deut günstiger ist. Selbst Tiefkühlpizza ist teuer. Denn für 1,50€ bekommt man in etwa so viele Vitamine wie in einem Salatblatt enthalten sind (oder irgendwie sowas). Oder, wie der Autor Jakob Strobel Y Serra schreibt:

“Das gleiche Geld in ein zehngängiges Degustationsmenü zu stecken, halten viele aber für pervers und dekadent – und machen ohne Wimpernzucken einen Familienausflug in den Freizeitpark, der nicht viel billiger ist als ein Besuch im Sternerestaurant mit Kind und Kegel.”

Die Horden von Zombies in Post-Apokalyptischen Filmen sind künstlerisch stark überzeichnete westliche Gesellschaften, die sich genauso verhalten. Ein Zombie entdeckt einen der Überlebenden – und alle rennen darauf zu, als stünde auf einem Werbeplakat angepriesen: “Heute frisch im Angebot: Mensch!” Zombies sind der perfektionierte Herdentrieb. Und was, wenn wir genau das gleiche sind, es nur nicht wahrhaben wollen und deswegen in Kinos gehen, um uns Filme anzuschauen, in denen dieser Zombiegesellschaft ein paar normale Menschen entgegengestellt werden, mit denen wir uns dann identifizieren können und uns ein paar Stunden länger in der Illusion wiegen können, wir würden nicht immer das beste für weniger Geld haben wollen und uns von Werbung benebeln lassen?

Wie ein ziemlich guter Prof. der Yale University in einer Online-Vorlesung zu Platons Politeia ziemlich oft sagte:

Think about that.


Mai 5 2013

Weber: Die “Objektivität” sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904), Teil 1

Hendrik Erz

Und weiter geht es mit ein paar 500-Wörter-Abstracts zum Thema theoretischer Kontroversen in der Soziologie. Vor Kurzem erschien bereits der Artikel über Dahrendorf, der den Werturteilsstreit Ende der 60er Jahre kurz zusammenfasste, da sich bereits der Positivismusstreit andeutete. Eine Grundsatzschrift des Werturteilsstreit ist dieser Aufsatz von Max Weber, der in der Einleitung der ersten Ausgabe des Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 1904 unter der Führung von Weber et. al. abgedruckt wurde. Es werden noch ein Teil II und ein Teil III folgen.

* * *

In seinem Aufsatz Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, den Max Weber 1904 zu seiner Übernahme der Redaktion des Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik veröffentlichte, legt er das Ziel dar, welches das Archiv unter seiner Führung verfolgen solle. Dabei geht er allerdings leider nicht allzu geordnet vor, die zentrale Aussage des ersten Abschnittes findet sich erst in der Mitte:

Denn es ist und bleibt wahr, daß eine methodisch korrekte wissenschaftliche Beweisführung auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften,wenn sie ihren Zweck erreicht haben will, auch von einem Chinesen als richtig anerkannt werden muß [...]“ (S. 155)

Mit dieser Aussage definiert Weber gleichsam Sinn und Ziel einer sozialwissenschaftlichen Arbeit: Es soll ausschließlich als wissenschaftlich bezeichnet werden, was von jedem Menschen – unabhängig von seiner Weltanschauung – als objektiv richtig angesehen werden muss. Davon trennt Weber die Werturteile, die sich ausschließlich aus den persönlichen Idealen speisen. Dass diese strikte Trennung Weber allerdings nicht gerecht wird, zeigt sich später im Text.

Er lehnt nicht ab, dass auch Sozialwissenschaftler aus ihren Arbeiten Werturteile ableiten und sagen, wie die Regierung eines Staates (oder wahlweise jedes andere Organ, das die Änderung und Optimierung des gesellschaftlichen Lebens verfolgt) am besten einen bestimmten Zweck verfolgen könnte. Wichtig ist für ihn nur, dass ganz genau klar wird, was denn nun empirische Tatsachen sind und was die persönliche Anschauung des Wissenschaftlers.

Denn – um den Punkt auf die Spitze zu treiben – während es für vermutlich viele von uns als richtig erscheinen mag, dass es grundsätzlich gelte, alle Menschen müssten Zugang zu Bildung, Wasser und Nahrung haben, so speist sich diese Meinung doch nur aus unserer Überzeugung, dass alle Menschen die gleichen Rechte auf grundlegende Dinge hätten. Aus empirischen Ergebnissen, die aussagen, dass z.B. so und so viele Menschen auf dem Planeten eben keinen Zugang zu Trinkwasser haben, kann man schließlich noch nicht ableiten, dass man diesen Menschen nun Zugang verschaffen müsse. Um es mit Weber auszudrücken: „[...] Weltanschauungen [können] niemals Produkt fortschreitenden Erfahrungswissens sein [...]“ (S. 154).

Einschränkend sagt er allerdings auch, dass man wissenschaftlich deduzieren könne, aus welchen Idealen sich diese Weltanschauungen speisen, d.h. dass man die grundlegenden Werte hinter politischen Forderungen finden könne und dann „durch Aufzeigung und logisch zusammenhängende Entwicklung der ‘Ideen’, die dem konkreten Zweck zugrunde liegen“ (S. 150) die „zugrunde liegenden Ideale“ (S. 151) gewinnen kann. Also kann man laut Weber immer „subtraktiv“ wissenschaftlich Arbeiten (Werturteile auf ihre Ideale zurückführen), aber nicht immer „additiv“ (beispielsweise kann man zwar aus gesellschaftlichen Gegebenheiten Zahlenkolonnen gewinnen, aber aus diesen kann man nicht auf wissenschaftlichem Wege ein „What’s next?“ gewinnen). Diese Feststellung ist für Weber auch eine Art „Ende der Wissenschaft“: „Diese letzten Maßstäbe, welche sich in dem konkreten Werturteil manifestieren, zum Bewußtsein zu bringen, ist nun allerdings das letzte, was sie [die Sozialwissenschaft], ohne den Boden der Spekulation zu betreten, leisten kann.“ (S. 151)


Apr 18 2013

Dahrendorf: Sozialwissenschaft und Werturteil

Hendrik Erz

Nach dem Beispiel meines Kollegen S.K. will ich langsam mal anfangen, Texte, die ich für die Universität zu lesen habe, in 500-Wort-Abstracts zusammenzufassen. Das hat für mich einerseits den Vorteil, dass ich sie relativ sicher verstehe, für euch den Vorteil, dass ihr einen Einblick in die Soziologie (und vielleicht auch Geschichtswissenschaft bekommt) und dass es vor allen Dingen: kurz ist. Anfangen möchte ich mit dem Essay “Sozialwissenschaft und Werturteil” von Ralf Dahrendorf aus dem Jahre 1969.

* * *

Dahrendorf stellt in seinem Essay zum sogenannten Werturteilsstreit in der Soziologie zwei Arten von Problemen vor, die er einteilt in sogenannte “Scheinprobleme” und solche, zu denen man nur einen Standpunkt haben kann, nicht aber eine wissenschaftlich akzeptable Lösung. Die Probleme sind die von Themenwahl, Theorienbildung, der Werte als Forschungsgegenstand, der ideologischen Verzerrung, der Anwendung und der sozialen Rolle des Soziologen.

Das Problem der Themenwahl ist für ihn ein Scheinproblem, d.h. es lässt sich einfach lösen. Er stellt fest, dass die Themenwahl von Soziologen von “Werturteile[n] beeinflusst sein kann und es häufig auch ist.” Die “Wertfreiheit bei der Wahl des Themas ist wahrscheinlich eine unerfüllbare Forderung”. Denn jeder Soziologe entscheidet sich aus unterschiedlichen Gründen für ein Thema. Der links eingestellte Soziologe hat vermutlich andere Anlässe, die Rolle eines Industriearbeiters in der modernen Gesellschaft zu untersuchen, als der konservative. An und für sich, so stellt Dahrendorf fest, ist das aber nicht problematisch, da man irgendetwas so oder so untersuchen muss. Und wer dann einfach ein Thema aus seinen Interessensgebieten festlegt, hat sich schließlich noch nicht in die eigentliche Wissenschaft begeben.

Das zweite Problem ist das der Theoriebildung. Er sagt – auch in Zitaten – dass viele Soziologen bei der Behandlung ihrer Themen nur sähen, was sie sehen wollten. Es sei nicht nur unmöglich, einen selektiven Standpunkt zu vermeiden, sondern auch unerwünscht. Denn eine Theorie müsse gebildet werden, um dann – erst in einem zweiten Schritt – mit völlig ergebnisoffener Empirie entweder belegt oder widerlegt werden zu können. Es stellt sich für ihn nur das Problem, dass die Soziologen häufig “den selektiven Charakter ihrer Annahmen” vergäßen.

Ein drittes Scheinproblem für ihn ist das Problem der Werte als Forschungsgegenstand. Denn die Untersuchung von geltenden Werten und damit einhergehend des abweichenden Verhaltens ist ein wichtiges Themengebiet der Soziologie. Denn auch Werte kann man empirisch belegen: das Grüßen von Menschen zum Beispiel ist eine Norm, die man einzuhalten hat, um eben nicht abweichendes Verhalten zu praktizieren.

Ein weiteres Problem ist für ihn das der ideologischen Verzerrung. Für ihn gibt es zwei Arten ideologischer Verzerrung. Zum einen gibt es die Gefahr von “Ein-Faktor-Theorien”, d.h. dass empirische Beweise in einem Teilgebiet (bspw. der Fakt, dass Gruppenbildung die Zufriedenheit von Industriearbeitern steigere) auf alle anderen gleichen Faktoren verabsolutiert werde. Andererseits gibt es das Problem, dass spekulative Aussagen als wissenschaftliche Annahmen ausgegeben werden. Dahrendorf nennt drei Methoden, um die Gefahr ideologischer Verzerrungen zu reduzieren: die “Übung in Objektivität” des Soziologen, ein vorangestelltes Motivationsschreiben, damit Außenstehende seine Ergebnisse anhand seiner eigenen Werte überprüfen können und die wissenschaftliche Kritik anderer Forscher.

Problematisch ist für ihn die Anwendung von Ergebnissen in der Praxis. Er konstatiert unter Anderem mit Bezug auf Weber, dass der Forscher keine möglichen Handlungsperspektiven für die Praxis zur Verfügung stellen solle, es sei denn, er forscht per Auftrag von jemandem, der dann vom Soziologen Empfehlungen haben möchte, wie man bspw. ein gesellschaftliches Problem in einem Aspekt lösen oder ändern könne; kurzum: in gutachtlicher Stellungnahme sind Werturteile erwünscht.

Das letzte Problem für Dahrendorf ist das der sozialen Rolle des Soziologen. Denn jeder Soziologe erfüllt eine gesellschaftliche Stellung und so wird von Sozialwissenschaftlern auch erwartet, dass sie aus ihren Ergebnissen Schlüsse für die Praxis ziehen. Das erlaubt Dahrendorf auch, allerdings mit der Einschränkung, dass der Soziologe vor Allem vermeiden solle, dass seine Aussagen zu Problemen führen, weil sie von anderen Menschen umgedeutet werden. Somit soll der Soziologe Werturteile aus seiner Arbeit nur ableiten, insoweit seine Ergebnisse nicht missbraucht oder instrumentalisiert werden (und damit verfälscht).


Mrz 31 2013

Zypern-Krise: “Dann sollen sie halt in Gold anlegen!”

Hendrik Erz

Vorwürfe scheinen etwas Antiquiertes zu sein. Von “Vorwürfen” sprechen besonders die Medien gerne – und zwar genau dann, wenn beispielsweise wieder eine Universität einem FDP-Politiker einen Doktortitel entziehen will. Aber auch zerstrittenen Ehepaaren sagt man das gegenseitige Vorwerfen nach. Aber was ist das eigentlich – jemandem etwas vorwerfen?

Der Duden listet unter den Synonymen für “Vorwurf” auch Worte auf wie “Unterstellung” oder “Beschuldigung”. Daran kann man sehen, dass “Vorwurf” ein ungenaues Wort ist – man beschuldigt jemanden, etwas Unrechtes getan zu haben. Ein Vorwurf deckt ab, was zwischen sittlichen und juristischen Gesetzen passiert. Außerdem kann man nicht von einem “Vorgeworfenen” sprechen – ein Vorwurf steht sprachlich nur in Beziehung zu demjenigen, der ihn tätigt und dem Gegenstand, auf den er sich bezieht.

Ein Vorwurf ist verkommen zu einem Privileg der Oberschicht; zu einem politischen Instrument zwischen konkurrierenden Parteien. Man wirft jemandem etwas vor, den man diskreditieren möchte – und das meist auch erfolgreich. Vorwürfe ändern mindestens etwas an der Sichtweise auf den Beschuldigten. Das beste Beispiel ist die Katholische Kirche und der Missbrauchsskandal: Obwohl den beschuldigten Pfarrern nichts nachgewiesen werden kann, leidet der Ruf ganz enorm.

Zyprische Demonstranten

Zyprer demonstrieren gegen die Sparpläne

Ich finde, wir brauchen wieder eine stärkere Vorwurfskultur. Wir brauchen wieder Vorwürfe, die sich gegen Menschen oder auch Institutionen richten, die vielleicht juristisch noch im akzeptierten Bereich liegen, nicht aber human, moralisch oder sittlich. Ob es gegen Amazon, die Katholische Kirche geht – oder einfach gegen überspitzte Bewegungen. Vorwürfe bedeuten ja gewissermaßen auch, dass man den Beschuldigten die Chance geben möchte, etwas an der Situation selbst zu ändern, sind also nicht grundsätzlich negativ zu verstehen.

Wir sollten zum Beispiel den Banken vorwerfen, unsachgemäß mit unserem Geld agiert zu haben. Christian Siedenbiedel von der F.A.S. sagte den zyprischen Sparern hingegen sinngemäß: “Ihr müsstet euer Geld ja nicht den Banken geben. Wer sein Geld in Banken anlegt, ist Gläubiger der Bank und muss im Pleitefall mit haften.” Doch ich frage: Wo sollte man sein Geld denn sonst anlegen? In Gold? In Fleischkuchen? In Zeiten des “Plastikgeldes” ist man auf eine Bank angewiesen. In Zeiten, in denen der Sozialstaat so oder so schon unterminiert wird, ist es elitär zu denken, man sei ja nicht auf Banken angewiesen. Und zu unterscheiden, welche Banken in risikoreichen Geschäften verwickelt sind, und welche nicht, ist dem Ottonormalverbraucher nicht zuzumuten, da der Finanzmarkt derart komplex ist, dass sogar die Verwalter von Banken manchmal Verträge und Schulden in ihren Büchern übersehen.

Wir brauchen nicht weniger Vertrauen in die Banken, wir brauchen wieder mehr. Wir brauchen keine weitere Privatisierung des Lebens. Menschen, die sich mit hohen Spareinlagen ein erkleckliches Rentenleben sichern wollen, sollen zur Kasse gebeten werden? Das ist nicht die Idee von Solidarität. Wie Siedenbiedel richtig bemerkt, ist die Solidarität in der EU auf einem absoluten Nullpunkt. Doch genau das ist nicht die Idee von der EU. Wir haben – wie wir unter anderem an der Verfassungsklage gegen den Länderfinanzausgleich sehen – überall Tendenzen zur Renationalisierung. “Jeder ist sich selbst der Nächste.” Die Idee der EU ist das absolute Gegenteil. Es ist witzig, zu beobachten, wie dieser Rückfall ins 19. Jahrhundert von allen Seiten begrüßt wird, anstelle ihn zu als antiquiert zu verdammen.

Denn – auch wenn es offenbar viele Menschen nicht wahr haben wollen – es herrscht tatsächlich derzeit eine Art von “Krieg” – ein Krieg, in dem die eine Seite verhindern will, für Probleme der anderen Seite mit zu haften. Und damit verstößt man nicht nur gegen geltende Verträge, sondern auch gegen das grundlegende Prinzip “Solidarität”, etwas, das also eigentlich Kriege verhindern soll. Die Idee von Europa war eine Mithaftung aller für alle. Doch jetzt, wo es tatsächlich zum Extremfall gekommen ist, will plötzlich niemand mehr haften. Der Deutsche motzt über die “faulen Griechen” und diese ganzen bösen Menschen in Südeuropa, die ja überhaupt nicht arbeiteten und will nicht dafür zahlen. Dass der griechische Ottonormalverbraucher aber überhaupt nichts mit der Finanzkrise zu tun hat, kommt ihm nicht in den Sinn.

Aber was lohnt es sich denn, sich darüber aufzuregen? Wir brauchen einfach mehr Widerstand. Widerstand gegen die in Deutschland verbreitete Meinung, man müsse in einer Eurozone nicht für andere Länder haften und Widerstand gegen die in der Finanzpolitik mächtigen Menschen, sich selbst zu “outbailen” und die Leute, die nichts zu entscheiden haben dafür bezahlen zu lassen. Wie gesagt – eine neue Vorwurfskultur. Und dann Widerstand. Oder wollen wir weiterhin das “Bayern Europas” bleiben?

 


Mrz 29 2013

En Åpenbaring: Das neue Kvelertak-Album Meir

Hendrik Erz

Die Rückkopplung einer heftig verzerrten E-Gitarre – das ist der erste Ton, den Kvelertak seit fast zwei Jahren von sich hören lassen. Das Intro Åpenbaring, zu Deutsch “Offenbarung”, des neuen, zweiten Albums von Kvelertak geht zwar nicht sofort in die Vollen, wie es noch auf dem Debutalbum der Fall war, aber es lässt keinen Zweifel: das sind die Norweger, die wir kennen.

Insgesamt wirkt Meir gesetzter als das Debut, die Songs gehen weitaus besser ineinander über und sie wirken nicht mehr so schroff. Vielleicht war es genau das, was Kvelertak bislang ausgemacht hat – dennoch ist Meir nicht zu unterschätzen.

Kvelertak - Meir

Die neue Kvelertak-Platte. Das Artwork stammt von Baroness-Frontmann John Baizley (Foto © Hendrik Erz)

Ein Haufen echter Rockstars

Kvelertak, was zu Deutsch “Würgegriff” heißt, wurde 2006 im norwegischen Stavanger von Sänger Erlend Hjelvik und Gitarristen Bjarte Lund Rolland gegründet. Nach einem kurzen Mailverkehr entstand eine Band, die laut Gitarrist Maciek Ofstad im Interview noch mehr schlecht als recht war. Es fanden viele Wechsel statt – besonders zwischen den Instrumenten. Beispielsweise stand Vidar Landa zunächst am Bass, bevor er an die Gitarre wechselte.

Seit Mitte 2009 ist das Band-Lineup unverändert mit Erlend Hjelvik am Gesang, Vidar Landa, Bjarte Lund Rolland und Maciek Ofstad an den Gitarren, Marvin Nygaard am Bass und Kjetil Germundrød am Schlagzeug. Noch ein Grund für den schroffen Sound des Sextetts sind also auch drei Gitarren. Ursprünglich sollten es sogar vier werden.

Version 2.0 des Death’n'Roll

Meir diente in erster Linie dazu, technisch besser zu werden, wie Sänger Erlend Hjelvik und Vidar Landa in einem Interview mit RoadRunner UK sagten. Und das ist definitiv auch gelungen – die Musik ist melodischer, es gibt weniger Brüche und die Harmonien (weswegen live auch drei Gitarren benötigt werden) sind geschliffener.

Die Musik wird meistens als Death’n'Roll eingestuft, auf Meir speist sie sich aus den Genres Black Metal, Punk – aber eben auch Rock’n'Roll. Man kann hier schnell Parallelen zu Turbonegro und Skambankt ziehen, die ähnliche Musik machen. Skambankt kommen ebenfalls aus Stavanger.

Auf Meir werden viele Elemente von Kvelertak beibehalten – harte Gitarrensounds, Melodien, der für Erlend typische Schreigesang, irgendein Mittelding zwischen Shouts und Growls, und die Grooves. Neu hinzugekommen sind Elemente wie Akustikgitarrenintros (Evig Vandrar, Bruane Brenn und Snilepisk) und zutiefst “Heavy Metallige”, wenngleich auch kurze Soli (Månelyst, Kvelertak).

Lyrics zwischen Apokalypse und Party

Dass sich die Sechs selber nicht so ganz ernst nehmen, zeigen alleine die Lyrics. Maciek selber sagte im Interview, das Album handle von Realitätsflucht, Verdammung und der Apokalypse – aber es gebe auch Partylieder. Insgesamt schwankt also die lyrische Qualität zwischen Party und Löchern im Kopf. Löcher im Kopf? Ohja.

Song 3, Trepan, handelt von eben diesem Gerät – einem Trepan – mit dem man in früheren Tagen Löcher in Köpfe bohrte, um böse Geister freizulassen. Das Video zu Månelyst ist dagegen eine Hommage an alle Horror- und Splatterfilme der Welt. Der Regisseur Fredrik Hana hat dabei im Video nichts ausgelassen – von angezündeten Menschen über Zombies bis hin zu Werwölfen. Zu meiner persönlichen Freude scheinen die Werwolf-Szenen der britischen Serie Being Human entnommen zu sein.

Song 4, Bruane Brenn, wiederum ist reine Partyhymne. Um es mit Macieks Worten auszudrücken: “The song is about never going back; being your own master; running with horses.” Also Rock in Reinform. Das Album schwankt zwischen lyrischen Höhen und Tiefen des Lebens – nur die Musik ist und bleibt tanzbar.

Neun Minuten Progressive Rock vor dem Finale

Eine Besonderheit ist im Album Tordenbrak. Der Song wurde zum Großteil von Drummer Kjetil Germundrød geschrieben und fällt durch seine für Kvelertak höchst ungewöhnliche Länge von fast 9 Minuten auf. Er ist eher progressiv angelegt und bietet einen Einblick in den Sound, der herauskommt, wenn Kvelertak experimentell werden.

Das Finale bietet dann der selbstbetitelte Song Kvelertak am Ende der Platte. Alleine der Beginn klingt schon wie das perfekte Outro – rückkoppelnde Gitarren und ein treibender Schlagzeugbeat leiten eine straighte Rockhymne ein, in der dann auch tatsächlich ein bisschen Stadiongesang vorkommt. Und als wäre das nicht genug, klingt die Bridge fast wie Highway To Hell auf Norwegisch.

Mit ein paar Wiederholungen des Hauptriffs verabschieden sich Kvelertak dann vom Album und man bleibt mit dem Gefühl zurück, etwas “Ganzes” gehört zu haben.

Fazit: eine gelungene Nummer Zwei

Meir steht dem Debut in Nichts nach. Es verbessert Ungeschliffenheiten, ist technisch anspruchsvoller, bleibt dabei aber immer noch tanzbar. Es wirkt nicht aufgesetzt, sondern natürlich und wie aus einem Guss. Obwohl auf dem Album vermutlich kein Lied an Blodtørst herankommen dürfte, bleiben Kvelertak sich treu und natürlich rock’n'rollig.

Tracklisting und Anspieltipps:

  1. Åpenbaring (Offenbarung)
  2. Spring Fra Livet (Lebenssprung)
  3. Trepan (Schädelbohrer)
  4. Bruane Brenn (Brennende Brücken)
  5. Evig Vandrar (Ewiger Wanderer)
  6. Snilepisk (Peitsche des Tyrannen)
  7. Månelyst (Mondschein)
  8. Nekrokosmos (in etwa “Toter Raum” oder “Totenraum”)
  9. Undertro (in etwa das Gegenteil von Aberglaube)
  10. Tordenbrak (Donnerkrachen)
  11. Kvelertak (Würgegriff)