We Lost The Sea: Melancholie in sieben Akten
Mit Metal kann man vieles verbinden. Sei es eher der Metalcore in Richtung Heaven Shall Burn oder Killswitch Engage, sei es Pagan oder Viking Metal in Richtung Eluveitie, Ensiferum oder Finntroll, oder sei es der “gute alte” Heavy Metal wie ihn Iron Maiden und Judas Priest prägten. Was man zumindest im allgemeinen weniger mit Metal verbindet ist die Stilrichtung Post-Metal. Wer hier tiefer einsteigt findet zunächst die Post-Metal-Band Isis, die sich 2010 aufgelöst hat. Aber auch Cult of Luna und Rosetta findet man hier, auch Callisto gehören hier hinein.
We Lost The Sea: Newcomer-Post-Metal erster Klasse
Vor einiger Zeit war ich mit meiner Kollegin Jasmin Vettel auf einem Konzert von Cult of Luna, die als Vorbands The Ocean und die australische Sludge-Band Lo! engagiert haben und traf durch Zufall den Gitarristen der australischen Post-Metal-Band We Lost The Sea. Und was diese Band spielt, ist wundervoller Post-Metal mit Anleihen aus dem Post-Rock, der nicht nur erstklassig klingt, sondern auch so abwechslungsreich ist, dass selbst The Ocean zumindest Konkurrenz bekommen.
Bereits eine Tour mit Rosetta
Vergangenes Jahr veröffentlichte die Band ihr Album “The Quietest Place on Earth”, das mit nur sieben Songs eine ganze Stunde füllt. Das Plattencover (siehe oben rechts) präsentiert sich in einem Blau-Schwarz-Verlauf, der an den Ozean erinnert, der Australien umgibt. Aber durch einen Astronauten erinnert das Plattencover auch an das Weltall. Beides sind riesige Seen, die die Menschheit noch nie wirklich besessen hat – Interpretationsspielraum genug für wache Geister also.
Der Introsong “A Quiet Place” beginnt mit einem eher nach Post-Rock klingenden Part; also mit stark halliger Gitarre und einem breiten, atmosphärischen Klangbild. Spätestens zu Barkhan Charge, dem zweiten Song des Albums aber eröffnet sich die volle Kraft des Post-Metals auf dem Album und man findet Verbindungen zu Isis. We Lost the Sea klingen nicht so rauh wie Isis, aber der Einschlag ist definitiv zu hören.
“With Grace”, der dritte Song des Albums, vermischt die Genres Post-Rock und Post-Metal in einem 16-Minütigen Stück, das in seinen harten Parts die Shouts des Sängers Chris Torpy so in dem Gesamtmix versteckt, dass es an Rosettas “A Determinism of Morality” erinnert. Was übrigens kein Zufall ist: We Lost The Sea haben 2010 Rosetta als Support auf einer Australien-Tour unterstützt.
Musik zum Träumen: Forgotten People
Im Anschluss daran steht der Song “Forgotten People”, der als ein enormer Gegensatz zum Rest des Albums mit einem starken Pianoeinschlag daher kommt und als einziger Song eine weibliche Gastsängerin präsentiert, die dem sonst sehr schwer melancholischen Album einen schwebenden Einschlag gibt.
Nach dem kurzen Intermezzo “Nuclear City” folgt dann der Doppelsong “A Day of Night and Misfortune”, aufgeteilt in die Parts “Day” und “Night”. Dessen Day-Part steigt direkt sehr hart ein und stimmt auf ein hartes, geshoutetes Outro ein, das allerdings in weiten Teilen unerwartet post-rockig wird und – wie der gesamte Rest des Albums – auch eher träumerisch denn shoutlastig erscheint. Das Ende zieht wiederum an und der zweite Part ist in weiten Teilen ebenfalls extrem hart, mündet allerdings erneut in ein Post-Rock-Outro mit einem Monolog im Hintergrund, der in monotonem Rauschen endet.
Fazit
Alles in Allem ist das Album sehr kurzweilig und abwechslungsreich, was We Lost The Sea zu einer qualitativen Größe macht, die sich vor etablierten Bands wie Isis, The Ocean, Rosetta oder Cult of Luna nicht zu verstecken braucht. Das Album ist tiefgängig und gehaltvoll, gleichzeitig aber auch äußerst melancholisch und düster. Doch es wirkt nicht aufgesetzt, die Songs gehen natürlich ineinander über und schaffen so eine Atmosphäre, die ich seit Isis nicht mehr erlebt habe. Ein definitiv im Sinne des Wortes “merk-würdiges” Album, das man gehört haben sollte. Die Songs gibt es übrigens auch auf Bandcamp, sodass man sich dieses Album auch in voller Länge und Qualität anhören kann und nicht auf eventuelle YouTube-Allüren trifft.
Songlist und Anspieltipps:
- A Quiet Place
- Barkhan Charge
- With Grace
- Forgotten People
- Nuclear City
- A Day and Night of Misfortune I (Day)
- A Day and Night of Misfortune II (Night)
Dieser Artikel erschien erstmals auf www.radio96acht.de


