Von Gesichtsbüchern und Pusteblumen
Posted on | Januar 27, 2012 | No Comments
Martin Sonneborn hat einmal in einem sehr interessanten Interview einen kurzen, kleinen Satz gesagt: “Die Politik in Deutschland wird immer satirischer, deswegen wird die Satire immer politischer.” Was er damit vielleicht alles ausgedrückt haben könnte, will ich hier nicht spekulieren, nur eines möchte ich sagen: Mich dünkt, er hatte recht.
Einige von euch kennen vielleicht den Postillon – das ist eine satirische Zeitschrift, die aktuelle Entwicklungen nutzt, sie dreifach durch den Kakao zieht und danach an der Sonne trocknen lässt. So kommen beispielsweise Artikel heraus wie: “Hühnerauge erfolgreich vom linken in den rechten Fuß transplantiert!” Stefan Sichermann (Autor des Postillon) hat sich nun die beiden Ankündigungen von Google(+) und Facebook (“Wir wollen noch ‘n paar mehr Daten, okay?”) und die daraus resultierenden Userwanderungen zum Vorbild für einen weiteren Artikel genommen. Denn: Es gibt theoretisch nur zwei Marktführer: Google mit Plus und Facebook mit Like – und da soziale Netzwerke darauf aufbauen, dass man sich mit Menschen austauscht, macht es keinen Sinn, die einzige Seele auf einem Netzwerk zu sein. Wohin also fliehen? Richtig: Zur Konkurrenz (die mit den Daten genau das gleiche macht). Das ist ganz schlichte Massendynamik.
Sichermann entfernt sich dann aber kurz von der Satire, indem er – gar nicht mal so ironisch – fragt, warum sich die Masse nicht einfach mal kollektiv sagt: “Warum gehen wir nicht einfach zu einem Drittanbieter?” – und Sichermann bietet gleich Ersatz an: Diaspora*
Diaspora* ist ein soziales Netzwerk, das sich seit 2010 in der Entwicklung befindet und daher noch relativ neu und in der Alpha-Phase befindlich ist (also eine Vor-Vor-Vor-Version quasi). Was ist nun der Vorteil an Diaspora* und warum ist es durchaus eine Option, zu Diaspora* zu wechseln?
Nun, zuallererst ist Diaspora* nicht an ein einziges Unternehmen gebunden, d.h. es ist eine freie Software, die sich jedermann auf einen Server aufspielen kann, und dann am Projekt teilnimmt. Es gibt mittlerweile schon viele solcher Server, die mit verschiedenen Daten, wie dem Serverstandort etc. auch auf der Hauptseite aufgelistet sind. Diese Server heißen Pods, und das ist das Neue an Diaspora*: Die eigenen, persönlichen Daten (Von denen es übrigens noch viel weniger gibt als bei Facebook) liegen nur auf dem jeweiligen Pod/Server, d.h. wenn der Server z.B. in Deutschland steht, fällt er auch unter deutsche Jurisdiktion und darf dementsprechend z.B. keinen Schabernack damit treiben. Außerdem werden die Informationen von der Software nur an andere Server weitergegeben, wenn man das ausdrücklich erlaubt.
Die Vorteile dabei liegen auf der Hand: Eine viel größere Verfügbarkeit, Dezentralisation und quasi das Prinzip des Freien Webs auf Social Networks übertragen. Wer sich noch etwas genauer informieren möchte, dem sei das deutschsprachige Tutorialvideo von Dennispager empfohlen. Übrigens: Der Stern am Ende von Diaspora* soll für eine Pusteblume stehen, also quasi das Markenzeichen von Diaspora.
Doch jetzt kommt die Pointe, bei der ich zurück auf Martin Sonneborns Zitat kommen möchte: Der Postillon, als eine satirische Webseite, hat es geschafft, eine durchaus beachtliche Anzahl neuer User auf Diaspora* zu bekommen, was meiner Meinung nach ein schöner Beweis dafür ist, dass Satire durchaus sehr politisch werden kann oder zumindest das Zeug dazu hat. Wie gesagt – irgendwann werden wir einen GröVaZ im Bundestag haben!
Ich persönlich empfehle zumindest einmal, einen Blick auf Diaspora zu werfen, es sieht vielleicht noch nicht ganz so schön aus, aber es taugt was!
Methoden wie in China
Posted on | Januar 18, 2012 | No Comments
Oho, da scheint die US-Regierung tatsächlich Spuren von Neid zu zeigen auf ihren größten Kontrahenten: Der US-Kongress plant, am 24 Januar über die beiden Gesetze Namens PIPA (“Protect IP Act”) und SOPA (“Stop Online Piracy Act”) zu entscheiden. Damit wären in wunderbarer Analogie zur chinesischen Politik-Zensur in den USA alle Schranken offen für eine Art Wirtschafts-Zensur des Internets. Wo man in China viele politische Taten auf das “Rote”, das pseudo-Kommunistische herunterbrechen kann, wird also erneut deutlich, dass man in den USA viele politische Taten auf das “Blaue”, nämlich die “freie” Wirtschaft herunterbrechen kann. Freie Wirtschaft? Vielleicht nicht ganz so frei, doch dazu später mehr.
Als erstes möchte ich einmal erklären, was der PIPA und der SOPA eigentlich sind. Der SOPA ist ein Gesetz, eingebracht vom Texaner Lamar Smith, welches weitreichende Maßnahmen legitimiert, mit denen sich Rechteinhaber gegen fremde Webseiten, die ihr urheberrechtlich geschütztes Material verwenden, zur Wehr setzen können[1]. Ein Beispiel zeigt das ganz gut: Smith selber hat einmal ein Foto auf seiner Webseite geposted, welches zwar unter einer freien Lizenz verfügbar war, allerdings mit der Einschränkung der Namensnennung – welcher nach Ansicht des Fotografen nicht an einer entsprechenden Stelle auf der Seite auffindbar gewesen ist[2]. In diesem Falle hätte der Fotograf ein leichtes Spiel gehabt, die Seite des Republikaners herunterfahren zu lassen, da offensichtlich eine Verletzung der Copyright-Rechte vorlag. Smith hätte mit dem SOPA also quasi die rechtliche Grundlage für seinen eigenen, medialen Untergang geliefert, wenn es weiterhin nach seinen Plänen läuft. Der SOPA ist der “große Bruder” des PIPA, da er auf vielen Aspekten des PIPA aufbaut, die ich hier nicht weiter erläutern will.[3]
Doch nun noch einmal Klartext, also eine Kurzbeschreibung des unter [1] zitierten Videos auf fightforthefuture.org: Der SOPA zielt darauf ab, den Medienunternehmen in den USA (wie Universal, Sony BMG, die Warner Group, Paramount etc.) noch weiterreichende Rechte einzuräumen, als die bisherigen, um noch effektiver gegen Online-Piraterie vorzugehen. Als Online-Piraterie wird zur Zeit bezeichnet, wenn Personen urheberrechtlich geschütztes Material (was prinzipiell nicht nur Musik und Filme, sondern sogar Literatur und eben Fotos einschließt) online stellen. Damit machen diese sich bereits nach jetzigem Recht strafbar und können juristisch belangt werden. Das Problem hierbei: Aufgrund der bereits sehr strikten Regelungen in den USA, Online-Piraten zu bestrafen, stehen viele Server im Ausland, worauf die US-Jurisdiktion keinen Zugriff hat. Mit dem SOPA wird das nun umgangen: Internetseiten, die urheberrechtlich geschütztes Material ohne Erlaubnis hoch stellen oder anderweitig derartige Rechte verletzen, können dann aus dem DNS-Speicher der USA verschwinden. Der DNS-Speicher ist nichts weiter als eine Tabelle mit zwei Spalten. In der einen Spalte steht eine sogenannte IP (z.B. 209.85.229.94 für die Google-Suche), in der anderen eine Webadresse (z.B. www.google.com). Wird nun ein Eintrag gelöscht, beispielsweise der von Google, kann sich kein Browser sich mehr mit Google verbinden, es sei denn, man weiß die IP.
Und das ist auch schon der Knackpunkt: Wenn man eine Liste mit wichtigen IP-Adressen hat, braucht man den DNS-Speicher gar nicht. Ich denke, dass die Amerikaner den Providern zwar IP-Sperren aufzwingen werden, falls sich das als effektiv herausstellt. Allerdings ist das ein sehr deutliches Beispiel dafür, dass der SOPA mit Gewalt durchzubringen versucht, was man nicht erreichen kann: Vollständige Sicherheit. Das sieht man bereits jetzt: Wegen der strikten US-Gesetzgebung umgehen viele Filesharer die Gesetze bereits schlicht durch ein Abwandern in andere Länder. Einmal davon abgesehen, dass die USA das durch gezielte Einflussnahme in der EU ebenso zu unterbinden versuchen[4], ist es klar, worauf das Ganze hinausläuft. Auf jedes Gesetz der USA, das Filesharing zu unterbinden, werden mindestens zwei erfolgreiche Ideen kommen, wie man dieses umgehen kann. Ich meine – so kann man Fortschritt auch erreichen. Oder aber einen langen und nicht zu gewinnenden Guerillakrieg mit Internetaktivisten.
Und hier kommt etwas Neues durch, was vom SOPA auch berührt wird: Fortschritt. Entwicklung und Verbesserung sind der Konkurrenz geschuldet, einem der Kernmerkmale des 19. und später des 20. Jahrhunderts gewesen und hat für viele Verbesserungen gesorgt. Ich erinnere nur einmal an eines der prominentesten Beispiele für Fortschritt durch Konkurrenz: Der Wettlauf zum Mond. Hätten sich die USA und die UdSSR nicht gegenseitig provoziert, schneller zu forschen, würden wir heute vielleicht gerade einmal anfangen, über eine Weltraumstation nachzudenken. Und genau diese Konkurrenz ist ein Kernmerkmal der freien Wirtschaft, allgemein des Liberalismus. Durch Konkurrenzprodukte wird eine Firma dazu gezwungen, ihre eigenen Produkte immer wieder zu verbessern. So erreichen wir im heutigen System am schnellsten Durchbrüche.
Das Problem hierbei ist, dass es im künstlerischen Bereich, der von den Urheberrechtsgesetzen abgedeckt wird, keine Konkurrenz im klassisch-wirtschaftlichen Sinne gibt. Die eigentliche Konkurrenz, der eigentliche Fortschritt hier besteht daraus, dass sich Künstler (mit dem Internet) über andere Kunst informieren können, denn Kunst besteht nunmal aus Klauen und neu zusammensetzen. Der SOPA nun würde diesen Informationshahn abdrehen und dafür sorgen, dass sich die Kunst nicht mehr richtig entwickeln kann. Das beste Beispiel dafür haben wir in Deutschland: Die GEMA hat es mittlerweile geschafft, Youtube zu zwingen, kaum noch GEMA-lizensierte Musik in Deutschland freizugeben und nun hat sie es auch noch geschafft, Grooveshark in die Knie zu zwingen[5]. Wir müssen also nur die “Geofucks auf Youtube”[6] betrachten und das Ganze etwas überspitzen, um zu erahnen, wie die Welt aussähe, wenn der SOPA oder der PIPA durch den Kongress käme.
Und jetzt ist es hoffentlich auch verständlich, warum viele Seiten sich für den heutigen Tag ausgeschwärzt haben. Der SOPA bedroht ganz essenziell die Meinungsfreiheit im Netz und lässt der juristischen Willkür freien Lauf. Daher ist es auch absolut richtig, dass sich auch die Grünen und die Piraten beispielsweise dem Streik angeschlossen haben[7], viele deutsche Blogs ebenso. Es gibt sogar schon ein WordPress-Plugin gegen den SOPA[8], mit dem man Tage bestimmen kann, an denen das eigene Blog “down” geht, um zu demonstrieren.
Wir müssen nun also alles daran setzen, dieses Gesetz zu stoppen. Und wenn wir das getan haben, müssen wir alles daran setzen, das dessen europäisches Pendant, das ACTA (zitiert unter [4]) ebenfalls nicht zum Einsatz kommt. In Spanien ist es ja leider schon zu spät[9], da muss nun alles daran gesetzt werden, den Schaden wieder gut zu machen.
Quellen und Literatur
- 1 – Ein sehr anschauliches Informationsvideo dazu unter http://fightforthefuture.org/pipa
- 2 – Neumann, Carolin: “Copyright-Krieger beim Copyright-Bruch ertappt”, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,808897,00.html
- 3 – Vgl. hierzu bspw. http://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:SOPA_initiative/Learn_more
- 4 – Anti-Counterfeiting Trade Agreement: http://de.wikipedia.org/wiki/Anti-Counterfeiting_Trade_Agreement
- 5 – Siehe dazu die Domain von Grooveshark: http://grooveshark.com/
- 6 - http://www.crackajack.de/
- 7 – Beitzer, Hannah: “SOPA und PIPA – Piraten verpennen den Protest”, http://www.sueddeutsche.de/digital/sopa-und-pipa-piraten-verschlafen-den-protest-tollewurst-1.1260880,
- 8 - http://wordpress.org/extend/plugins/sopa-blackout-plugin/
- 9 – Neumann, Carolin: “USA drängten Spanien zu scharfem Copyright-Gesetz”, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,807519,00.html
Wuff, Wulff!
Posted on | Januar 12, 2012 | 1 Comment
Ursprünglich hatte ich ja vor, so langsam aber sicher mich von der Politik zu entfernen und etwas philosophischere Themen anzustoßen. Einerseits, weil ich von meinem langjährigen Freund Sam K. aus M. in den letzten Monaten des gemeinsamen Studiums immer mehr mit Büchern, Aussagen, Thesen und dergleichen zugeschüttet wurde, andererseits, weil ich selber begann, mich etwas dafür zu interessieren. Dass daraus jetzt nichts wird, liegt an zwei Dingen. Erstens kann Philosophie zwar hochinteressant sein, wenn man sie allerdings selber praktiziert (Und das versuche ich derzeit vergeblich anhand zweier Entwürfe, die noch im Speicher des Blogs kursieren) erweist sie sich als äußerst fies. Und zweitens liegt es daran, dass die Politik weitaus weniger eigene Denkarbeit erfordert und ich mich auf dieses bisschen Denken schon durchaus eingeschossen habe.
Die Vorlagen hier liefern nicht irgendwelche a-Priori-Bedingungen, die man als Philosoph erstmal definieren muss, sondern echte Menschen aus Fleisch und Blut und – weil es ja so schön ist und ihr alle noch nicht genügend mitbekommen habt von unserem derzeit so herzallerliebst geschätztem Bundespräsidenten Wulff, will auch ich mich am Kuchen beteiligen und mich daran gütlich tun. Ausgelöst wurde dieser… ja beinahe schon Hass gegen unseren Bundespräsidenten Wulff nicht dadurch, dass er sich einen Kredit verschafft hat, auch nicht dadurch, dass er das damals als Ministerpräsident verschwiegen hat, sondern einzig und allein durch seinen ätzenden Charakter.
Ich bin eine Person, die normalerweise recht moderat mit Personen umgeht, und so will ich auch Wulff erst einmal in Schutz nehmen: In Deutschland gibt es eine Art Etikette, dass man das Private nicht mit dem Politischen verbinden solle. Politik ist etwas, das die Allgemeinheit angeht, also ist es unzulässig, sich über die Politik private Vorteile zu verschaffen – oder anders herum, denn dadurch könnte eine Verzerrung des Rechts zugunsten weniger Personen entstehen. Eine derartige Verzerrung haben wir zwar durch den Lobbyismus bereits, aber die ist gesellschaftlich mehr oder minder außer Frage (leider?). Hat Wulff das getan? Meiner Meinung nach: Nein.
Was Wulff tat, war, so wie ich das aus den genügend zahlreichen Artikeln herauslesen konnte: Er bat einen befreundeten Banker, ihm einen günstigen Kredit zu verschaffen, mit welchem er sein Haus finanzierte. Dieser Kredit über eine halbe Million Euro wurde ihm dann zu besonders günstigen, freundschaftlichen Konditionen gewährt. So far so good. Das ist eine Verbindung von Wirtschaftlichem mit Privatem. Da das Wirtschaftliche allerdings so oder so auf einer privaten Basis stattfindet (Ein Unternehmen bereichert in ausschließlich den Inhaber, und nicht die Allgemeinheit. Über Steuern muss er natürlich etwas an die Allgemeinheit zahlen, aber das ist – dank Schröder und weiteren Gestalten der deutschen Politik – verschmerzbar), ist es absolut legitim und rechtlich erlaubt. Wenn ihr euch beispielsweise von euren Eltern 200 € ausleiht, ist das rechtlich genau dasselbe wie ein Kredit – nur eben zu 0% Zinsen.
So – was hat Wulff nun aber falsch gemacht? Nun, er hat gehandelt. Das ist mehr oder minder sein einziger Fehler. Und das, obwohl alles so gut anfing: Als sein Privatkredit “aufflog”, wandelte er ihn bereitwillig in einen normalen Kredit mit mehr Zinsen bei einer anderen Bank um, hat also quasi seinen Fehler eingesehen und ihn sogar freiwillig korrigiert. Doch dann kamen die Medien und mit ihnen eine etwas… nun, sagen wir unüberlegte Handlung. Als Wulff auf seiner Arabienreise erfuhr, dass die BILD einen Tag später einen Artikel zu seinem Kredit veröffentlichen würde, hat der – und das ist das bemerkenswerte – früher so eng mit der BILD-Zeitung verbundene Wulff die Nerven verloren und Kai Diekmann, Chefredakteur der BILD auf die Mailbox gesprochen, er solle den Artikel bloß nicht veröffentlichen. Was Diekmann natürlich trotzdem tat. Und seither verfolgt Wulff diese Affäre, die aus der ursprünglichen Affäre hervorgegangen war.
Denn wie zu beobachten war, hat sich das Thema in den letzten zwei Wochen verschoben. Es wird nicht mehr von der Kredit-Affäre, sondern jetzt von der Mailbox-Affäre gesprochen. Hätte Wulff den Artikel einfach nur passieren lassen, hätte er einen taktischen Vorteil gehabt: Falls in dem Artikel etwas Amtsschädigendes gestanden hätte (Und amtsschädigend war bisher nur Wulff selber, was vor ihm auch noch niemand fertig gebracht hat) hätte er reagieren können. Dadurch aber, dass er agiert hat, hat er sich in die Bredouille gebracht und musste dann Gegenargumentieren, was kein Leichtes ist, besonders nicht mit mehreren Medien, die sich natürlich – als Kollegen – unterstützen. Und was dann passierte, würde selbst Syriens Präsident Assad nur kopfschüttelnd bewerten. Wulff verhedderte sich mehr und mehr in Widersprüchen und fadenscheinigen Ausreden, die er eigentlich nicht einmal gebraucht hätte (Wie bereits gesagt: Privates mit wirtschaftlichem Verbinden war völlig legitim, da er dem Volk dadurch kein kleines bisschen geschadet hat) und steht nun mit dem Rücken bereits hinter der Wand, so sehr hat er sich ins Abseits manövriert.
Und nun kommt, was ich so hässlich an der ganzen Sache finde: Wulff besudelt das Amt des Bundespräsidenten, des Vorbildes (!) der Nation, mit derart minderwertigen Persiflagen an erstklassige Affären wie die von Guttenberg oder der Spendenaffäre, dass ich selbst Guttenberg ein beinahe souveränes Verhalten unterstelle. Und das alles nur aus augenscheinlicher Mediengier. Ich kann es selbstverständlich nicht beweisen, aber der gesamte Umgang mit den Medien, den Wulff in den letzten Tagen zeigte, verleitet fast unumgänglich zu der Annahme, dass Wulff in die Öffentlichkeit wollte. Anders kann ich mir – für einen Spitzenpolitiker – dieses Verhalten schlichtweg nicht erklären, denn eigentlich will man als Politiker ja möglichst nicht in die Medien kommen. Der Charakter der Person Wulff ist somit nicht vereinbar mit dem Amt, das er ausfüllen soll, und ich persönlich muss sagen: Diese Rufbeschädigung, die Wulff betrieben hat, ist nicht mehr wieder gut zu machen. Wulff mag ja alles haben: Langjährige Politikerfahrung, eine Partei und eine Bundeskanzlerin, die ihn ins Amt gehievt hat. Aber er hat kein Rückgrat. Und das ist – als Bundespräsident – nicht tragbar. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wulff hat – um eine beliebte Metapher aufzugreifen – wie ein kläffender Hund eine vorbeilaufende Person mit Namen BILD angebellt und bellt nun die vielen Menschen auf der Straße, die ihn jetzt anschauen, in seiner Rage an. Wie schön, dass bellende Hunde nicht beißen. Wuff!
Über die Vetternwirtschaft
Posted on | Dezember 25, 2011 | No Comments
Vetternwirtschaft ist etwas fieses. In früheren Jahrhunderten gelobt und häufig praktiziert, hat es sich heute teilweise zu unglaublichen Ausmaßen geweitet und bedroht nun – als eine von vielen Ursachen – sogar den Euro in seiner Konsistenz. Es gibt da ein sehr anekdotisches Beispiel zu; eine Geschichte, die bereits vor mehr als zwei Jahren (so um den Dreh, vermute ich) im SPIEGEL stand. Eine Geschichte von kretischen Schafsbauern, die, als die EU-Kontrolleure zum Schäfchenzählen anrückten, ihre Herden kurzerhand zu einer großen Herde pferchten und diese des Nachts von Hof zu Hof trieben, und den EU-Kontrolleuren plus/minus ein paar Schafen immer wieder dieselbe, viel zu große Menge an Schafen zu präsentieren. Die Folge ist klar: Unmengen an Subventionen, mit denen sich dann auch die Familien von Freunden ein gutes Leben machen konnten. Das ist der wirtschaftliche Blickwinkel, der Vetternwirtschaft – sofern die anderen es tun – schadhaft findet. Die Liberalen würden hier anführen, dass Vetternwirtschaft Marktverzerrend ist und in die Freiheit eines jeden, durch eigene Arbeit reich zu werden, unterminieren würde. Die Sozialisten wiederum fänden Vetternwirtschaft toll, ist ja kommunistisch.
Und ich? Nunja, Vetternwirtschaft ist – vom bürgerlichen Standpunkt – durchaus etwas praktisches: Man gibt Freunden Leistungen, die man selber gewerblich anbietet, umsonst oder zu einem Freundschaftspreis und bekommt irgendwann von diesen Freunden eine Gegenleistung, die sich in etwa aufwiegt. Im Prinzip ist das eigentlich nicht marktzersetzend, zumindest, wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch auf diesem Planeten eine ähnliche Menge an Bekannten hat, die eine ähnliche Menge an Leistungen für lau vergeben kann. Noch praktischer wird Vetternwirtschaft, wenn man – wie bei den kretischen Schafsbauern – gegenseitig dieselbe Leistung erbringt, und diese dann summiert für alle Beteiligten sogar noch mehr heraus springen lässt. Deswegen gibt es auch unter Mafiosi nicht ständig Bandenkriege, vielmehr wäscht hier eine Hand die andere.
Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Es gibt eine Band mit Namen Road To. Diese Band macht, wie zu vermuten ist, Musik und sucht mit dieser Musik auch – ganz marktorientiert – ein größeres Publikum, versucht also, mit Werbung und Marketing die eigene Musik immer weiter zu verbreiten, bis man davon vielleicht sogar leben kann. Der typische Traum eines Rockstars eben. Beziehungsweise Popstars, wie es bei Road To wohl eher passt. Wer könnte denn schon nein sagen, wenn eine Band, die wirklich gute Musik macht, versucht, sich über Beziehungen zu mächtigen Freunden weiter nach oben zu schlagen? Das schadet ja niemandem, es hilft nur. Besonders, wenn sie eine befreundete Band kennt, die ihrerseits Musik macht und damit ebenso ein immer größeres Publikum anzusprechen versucht.
Nennen wir jetzt einmal einen der kretischen Schafsbauern Road To, und einen weiteren Rapa Nuts (das ist der Name der befreundeten Band von Road To). Die Fans der beiden sind nun die Schafe. Und nun stellen wir uns einmal die EU vor, in Form z.B. von einem Wettbewerbskontrolleur. Als Beispiel könnten wir hier die Aufpasser des Köstritzer Echolot nennen, die dafür Sorge tragen, dass keine Fake-Accounts entstehen und jeder User nur eine bestimmte Anzahl von Punkten pro Band vergeben kann (ich meine, es wären 18 gewesen). Der Köstritzer Echolot, der als Belohnung der Siegerband einen Auftritt auf der Aftershow-Party der 2012er Echo-Verleihung und damit einen riesigen Batzen an Aufmerksamkeit verspricht, ist hier die Subvention.
Nun werden die beiden Bauern Road To und Rapa Nuts also versuchen, beide diesen Köstritzer-Echolot zu gewinnen und ihre Schäfchen, die Fans, dazu bewegen, für beide Bands zu voten, denn es bringt mehr Chancen auf den Sieg, wenn beide Fans für beide Bands voten, als dass sich die befreundeten Bands hier bekriegen. Das könnte in einem Auswahlkonzert genauso gut geschehen, wenn beide weiter kommen sollten. Vetternwirtschaft brächte hier deswegen viel und schadete kein kleines bisschen, weil es ja nur eine Subvention geben kann, d.h. man lässt die EU Schäfchen zählen, und wer die meisten hatte, bekommt die Subvention. Das ist nicht marktzersetzend.
Und wie ihr vielleicht mitbekommen habt, spiele ich in der Band Rapa Nuts und hoffe meinerseits also darauf, dass Road To für meine Band ihre Schäfchen mobilisiert, damit wir beide möglichst in die zweite Runde kommen. Da ich fair bin, verlinke ich hier aber nur für Road To für die 10 Punkte, und nicht für mich selber :)
Also los, meine Schäfchen! Votet!
Hier geht’s zum Bewerbungsprofil von Road To auf der Köstritzer-Seite!
Und alle Jahre wieder…
Posted on | Dezember 24, 2011 | 2 Comments
An dieser Stelle möchte auch ich mich einreihen in die Reihe derer, die per Internet frohe Weihnachten wünschen! Da mir in den letzten zehn Tagen durchaus die Motivation und auch die Themen zum bloggen fehlten (auch Studenten können Weihnachtsstress haben!), nutze ich das gleichermaßen auch als eine Art Lückenfüller bis ins Neue Jahr, denn, ob ich mich an die Woche zwischen Heiligabend und Silvester später noch werde erinnern können, steht genauso in den Sternen, wie der tatsächliche Alkoholpegel.
Als ich vorhin nach langer Zeit einmal wieder das Orakel Google nach neuen Feed-Einträgen befragte, zeichnete sich mir ein ebenso nüchternes, wie langweiliges Bild ab. Außer, dass die Anzahl der Artikel in die Höhe schnellte, ist nicht viel passiert. Immer noch handelt ein Großteil der Artikel schließlich über die großen Themen Eurokrise und Angela Merkel und besonders die NachDenkSeiten überfluten den Newsmarkt besser als jeder Produzent mit immer neuen Artikeln über ein mittlerweile fast schon ausgepresstes Thema, unterbrochen lediglich von wenigen Fluktuationen, wie beispielsweise der medial fulminanten Selbstdemontage der FDP oder dem medial genauso fulminanten, offiziellen Truppenabzug der Amerikaner aus dem Irak. Und nicht einmal die alljährlich entstehenden, pseudophilosophischen Artikelserien über Gott und die Welt (im wahrsten Sinne des Wortes) vermögen noch die Buchstaben wert zu sein, mit denen sie getippt wurden.
Drei lesenswerte Dinge für die Weihnachtstage
Dennoch gibt es einige lesenswerte Artikel und Stories in diesen Tagen, die ich euch nicht vorenthalten möchte, für den Fall, dass ihr nach dem Weihnachtsessen nicht vollständig mit Verdauen ausgelastet sein solltet (was ich in einem Land der 1. Welt nicht hoffen will!).
- Darunter zählt eine Artikelserie des Blogs “Working man’s death” über Religion aus der atheistischen Perspektive. Die möchte ich euch näher legen, weil es entweder eine Einführung in Religion allgemein bietet, oder dem schon etwas erfahreneren Leser in Sachen Theologie etwas zu Lachen gibt. Denn viel platter könnte man über Religion beinahe nicht schreiben, und es zeugt entweder von einer gewissen Anti-Haltung gegenüber allem, dem die religiöse Definition anhaftet oder von einem unheimlichen Unverständnis bezüglich Religion, was der gute Herr da schreibt. Aber wie erwähnt: Für den Anfänger der Theologie ist es ein Anfang :)
- Wer dagegen ein wenig sentimentaler werden möchte und sich vielleicht etwas mehr auf den Sinn von Weihnachten selbst, anstatt auf die religiösen Anstifter des Weihnachtsfestes, konzentrieren will, dem sei der nächste Artikel der NachDenkSeiten empfohlen: “Die Entzauberung des Weihnachtsmannes” von Wolfgang Lieb. Dabei geht es mehr oder minder auf eine ebenso amateurhafte, aber eben emotionale und dadurch auch wieder sehr wirkungsvolle Weise um die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes. Unabhängig davon, ob man sich darüber Gedanken machen will: die andere Seite der des Textes, nämlich die Entfremdung der Menschen vom Weihnachtsfest, macht den Artikel auf jeden Fall lesenswert!
- Und nun noch für die ganz, ganz hartgesottenen: The Partially Examined Life! Mein Freund Sam hat mich vor ein paar Wochen auf diesen Podcast aufmerksam gemacht. Abgesehen von einem Podcast über Hobbes (siehe mein Artikel darüber), hab ich bisher noch nicht viel reingehört, was sich heute mit der aktuellsten Episode über Merleau-Pontys Werk “On Perception and Knowledge” (dt.: “Über Wahrnehmung und Wissen”) geändert hat. The Partially Examined Life ist ein Audio-Podcast von ein paar US-Amerikanischen Philosophen, die sich in äußerst unwissenschaftlicher Weise diskutierend den Problemen vergangener und gegenwärtiger Philosophen annehmen und damit eine große Hilfe für philosophisch noch nicht ganz so fitte Menschen wie mich darstellen. Für hargesottene (oder für Menschen mit sehr viel Freizeit an den Feiertagen) ist er wegen seiner Länge von fast zwei Stunden. Und selbstverständlich ist er auf Englisch, also im Idealfall gilt: Vorher den Essay (knapp 100 Seiten) von Merleau-Ponty lesen und fleißig das Wörterbuch zu Hilfe nehmen!
Und hier die Links:
- Religion aus der atheistischen Perspektive, Teil 1: Genese einer Religion
- Religion aus der atheistischen Perspektive, Teil 2: Religion und Wissenschaft
- Religion aus der atheistischen Perspektive, Teil 3: Religiöse Werte und gute Werke
- Religion aus der atheistischen Perspektive, Teil 4: Gott
- Wolfgang Lieb: Die Entzauberung des Weihnachtsmannes
- Partially Examined Life, Ep. 48: Merleau-Ponty on perception and knowledge
Und nun noch ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr an euch! :)
Die Linken und das Männerrecht
Posted on | Dezember 14, 2011 | 3 Comments
Die Mädels und Jungs vom AStA tun mir irgendwie leid. Einerseits schätze ich die Arbeit des AStA, wenn es um hochschulinterne Probleme geht, um Wohnungsmangel für Studenten beispielsweise oder allgemein um die Rechte der Studenten an der Uni. Der AStA ist und bleibt eine wichtige Institution, deren Arbeit ich schätze.
Aber!
Es gibt eindeutig Kräfte innerhalb des AStA, die dafür sorgen, dass sich mein Urteil gegenüber linken Kräften ständig verhärtet. So lese ich beispielsweise in der aktuellsten Ausgabe der BAStA vom 13.12.2011 einen Satz, bei dem ich mich frage, wie man es schaffen kann, journalistisch derart daneben zu liegen. Man könnte beinahe vermuten, die Redakteure des BAStA seien so überzeugte BILD-Hasser, dass sie diesem konservativen Käseblatt ein veganes Schinkenblatt gegenüber stellen wollen – koste es, was es wolle. Read more
Thomas Hobbes und David Hume – Ein empirischer Vergleich
Posted on | November 30, 2011 | No Comments
So, da ich langsam anfange, wissenschaftlich zu arbeiten, möchte ich auch euch nicht die Früchte jener seltsamen, wissenschaftlichen Ergüsse vorenthalten und habe beschlossen, Aufsätze und eventuell auch Hausarbeiten online zu stellen. Einerseits, damit das Blog etwas praller aussieht, andererseits ist das immer eine gute Sache, wenn man mal krank ist oder sonst wie unter Motivationsproblemen leidet :)
Anfangen möchte ich mit der Studienleistung für Politik, welche darin bestand, einen Essay über Hobbes und Hume zu verfassen. Nähere Angaben über das Warum und Wie habe ich in der Einleitung gemacht – wer keine Ahnung hat, wer Hobbes und Hume sind, sei hier und hierhin verwiesen. Falls der Aufsatz falsch, schlecht, langweilig oder gut sein sollte, so lasst es mich wissen :)
Tags: David Hume > gesellschaftsvertrag > staatstheorie > Thomas Hobbes > uni bonn
Im Wandel der Zeit: Der SPIEGEL und die Zeitungskrise
Posted on | November 23, 2011 | 3 Comments
Lange Zeit war der SPIEGEL das Sprachrohr gemäßigter, linker Kräfte, die weder kommunistische Absichten, noch sonst irgendwelche umstürzlerischen oder revolutionären Ambitionen hatten, die der noch jungen Bundesrepublik geschadet hätten. Lange Zeit wurden im SPIEGEL Probleme thematisiert und viele Fehler der damals herrschenden Politiker wurden oftmals ohne Rücksicht auf Verluste veröffentlicht und publiziert. Am deutlichsten wurde das bei der Spiegel-Affäre 1962, bei der die Politik versuchte, den SPIEGEL wegen eines kritischen Artikels an den Pranger zu stellen und des Landesverrates anzuklagen. Das Ergebnis: Die Menschen Westdeutschlands stellten sich geschlossen hinter den SPIEGEL und verhinderten die Schließung dieses für die konservativen Regierungskräfte missliebigen Magazins.
Und heute? Heute sehen wir den SPIEGEL mehrheitlich halbgare Schlagzeilen produzieren. Die Qualität der Artikel schwankt immer mehr und es scheint mehr die Masse als die Durchdachtheit von Thesen und die Überprüfbarkeit zu zählen. So habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit den SPIEGEL-Online-Feed aus dem Reader genommen, weil es mir schlicht zu viele Artikel waren. Wieso veröffentlicht man am Tag teilweise über 200 Artikel, die sich spätestens ab dem dritten Male wiederholen? Der SPIEGEL hat heute viel von seinem Glanz verloren. Doch sehen wir uns die beiden Hauptprobleme, die ich beim SPIEGEL sehe, einmal genauer an:
Massenjournalismus und Klientelpolitik
Kein Blatt, dass etwas größer wird, kann sich davor schützen, ein wenig Klientelpolitik zu betreiben. Das ist bei der Süddeutschen so, das ist beim SPIEGEL so und bei den örtlichen Lands-Käseblättern sowieso und es ist eben ein Problem, das mit dem Kapitalismus kommt. Doch es wird umso abstruser, je stärker das hervor tritt. Sehen wir uns beispielsweise einmal eine etwas aktuellere SPIEGEL-Ausgabe an: Der SPIEGEL trumpfte diese Woche mit der Schlagzeile “Wo die klugen Deutschen wohnen” auf. What? Richtig. Ein Artikel zur Bildungslage in Deutschland. Ich gebe zu, ich habe den Artikel nicht gelesen, doch ich behaupte, das braucht man gar nicht, um zu wissen, dass die Schlagzeile anrüchig ist.
“Wo die klugen Deutschen wohnen” bezieht sich rein sprachlich direkt auf den Status quo in der Bildungslandschaft und der Artikel basiert lediglich auf einer Studie der Bertelsmannstiftung(1). Das zeugt meiner Meinung nach von mangelndem Vertrauen in die ursprünglich Spiegel-Lesenden Kreise in der deutschen Gesellschaft. Denn wer kritisiert seit Jahrzehnten das schlechte Bildungssystem in Deutschland und ist sich daher des Status Quo durchaus bewusst? Bestimmt nicht CDU und Konsorten, die vor einigen Monaten erst den Versuch einer Reform des Bildungssystems in NRW von der rot-grünen Minderheitenregierung torpediert und letztlich gestoppt haben(2). Nein, es waren die oben schon erwähnten gemäßigten, linken Kräfte und es gibt meiner Meinung nach kein deutlicheres Indiz dafür, dass der SPIEGEL seine Stammleser immer mehr vor den Kopf stößt und sich wie ein Fähnlein im Winde dreht. Denn diese ehemaligen Stammleser wollen keine aufgewärmten, bekannten Tatsachen, wie sie aus der Bertelsmann-Studie hervorgehen, die der SPIEGEL exklusiv zur Verfügung gestellt bekommen hat(3), sondern eben Lösungsvorschläge. Neue Ideen und die Förderung des eigenen Geistes, um eben möglichst schnell Veränderungen herbeizuführen. [Weiter auf den NachDenkSeiten]
Ein weiteres Beispiel für die Veränderung der politischen Richtung des SPIEGELS liegt in einer neuartigen Erfindung von Spiegel Online: die Spiegel Online-Kolumnisten. Ich frage: Was soll das? Es ist doch nicht viel mehr als ein Instrument des Massenjournalismus.
Prinzipiell sind Kolumnen nichts schlechtes, soviel vorweg. Aber wenn ein linkes, investigatives Blatt anfängt, Kolumnen zu produzieren, und dann auch noch konservative und liberale Kräfte schreiben lässt und zu allem Überfluss die Kolumnen mit S.P.O.N. überschreibt – was eindeutig ein Verweis auf S.P.Q.R. (Senatus Populus Que Romanum) ist, dem “Motto” der römischen Armeen, die garantiert nicht links oder demokratisch waren und schon gar keine Völker befreit haben – zeugt das von einer eindeutigen Verletzung der ureigenen Ideale des SPIEGELs. Hier sieht man ganz eindeutig, dass der SPIEGEL bewusst versucht, eine größere Leserschaft anzusprechen, indem er auch andere Kräfte zur Sprache kommen lässt und bekannte Formeln (S.P.Q.R.) anspricht.
Um etwas Fahrt heraus zu nehmen: Es ist nicht schlimm, seine Ideale zu verschieben. Ein wenig Utilitarismus gehört nun einmal zum Leben dazu und ich bin auch nicht durch und durch Idealistisch, weil das schlicht nicht praktizierbar ist. Aber der SPIEGEL übertreibt diesen Ansatz, sich auch nach den Leserinteressen zu richten, maßlos und katapultiert sich so auf den Haufen nicht mehr ernst zu nehmenden Zeitungen ohne Rückgrat, auf dem auch schon die Süddeutsche liegt, und dessen wundervollste und trefflichste Umsetzung eindeutig der BILD gelungen ist.
Der SPIEGEL wird so mehr und mehr zu einem Paradebeispiel dessen, was ich bereits vor einigen Wochen angeklagt hatte: dass die Zeitungen, und die Medien allgemein ihren Platz als vierte Macht im Staat aufgeben und sich in die politische Riege einfügen und damit entweder nur noch informieren, oder im schlimmsten Falle, um im BILD zu bleiben, pro-staatliche Propaganda betreiben.
Allerdings wäre ich kein Optimist, sähe ich keinen Ausweg aus der Lage: Wenn die Zeitschriften sich (auch aufgrund von finanzieller Notlage) immer mehr in die Fänge von Staat und Wirtschaft begeben, werden sich auf lange Sicht die Weblogs – wie der others Blog – diese vierte Macht übernehmen. Twitter und Facebook sowie einige arabische Blogs haben dies extrem eindrucksvoll Anfang des Jahres bewiesen(4).
Ein wenig Kritik an meine Wenigkeit ganz zum Schluss möchte ich aber auch noch abgeben: Die Zeitungen geben ihre Machtposition sicherlich nicht freiwillig auf. Auch heute arbeiten noch genügend idealistische Menschen in den Redaktionen und würden gerne kritischere Artikel schreiben, mehr Zeit zum recherchieren bekommen und vor Allem freier schreiben. Dass ihnen derart die Hände gebunden sind, liegt an der oben erwähnten finanziellen Notlage. Und wodurch wurde sie produziert, bzw wodurch wird sie nur noch krass verstärkt? Richtig – durch Blogs, die Zeitunglesen bei der Informationsflut im Internet überflüssig machen(5).
Fußnoten
- (1) Vgl. Schoof, Dr. Ulrich, “Deutscher Lernatlas”, Bertelsmannstiftung, 2011
http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_34982_34983_2.pdf - (2) Vgl. div. Zeitschriften, bspw. Sueddeutsche.de
http://www.sueddeutsche.de/karriere/nordrhein-westfalen-schlappe-an-der-schulfront-gericht-stoppt-gemeinschaftsschule-von-claus-haffert-dpa-mit-bild-1.1084469 - (3) Vgl. Lieb, Wolfgang, NachDenkSeiten, 2011
http://www.nachdenkseiten.de/?p=11374 - (4) Vgl. hierzu Wikipedia -> “Arabischer Frühling” -> “Ursachen und Beteiligte”
http://de.wikipedia.org/wiki/Arabischer_Fr%C3%BChling#Ursachen_und_Beteiligte - (5) Vlg. hierzu medienheft.ch – “Das Verschwinden der Zeitung – Oder wie der Journalismus gerettet werden kann”
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k26_WeichertStephanAlexander.html
Mit dem Zweiten…
Posted on | November 15, 2011 | No Comments
… würde man meist besser sehen. Und durch diesen wundervollen, Jahrzehnte alten Werbespruch des ZDF habe ich auch gleich den Aufhänger für diesen Artikel: Linker/Rechter Terrorismus! Wer hätte es gedacht. Ganz Deutschland in Angst vor den eigentlich sympathischen Nazis und der Hendrik schreibt über… Terrorismus!
Anfangen möchte ich mit diesem Artikel von mir, der vor einigen Wochen veröffentlicht wurde. Darin beschrieb ich etwas durch die Blume meinen Unmut über einen Artikel in der Rheinischen Post, in welchem in populistischer Weise der Begriff des Terrorismus – erneut – inflationär benutzt wurde. Beim Wort “Terror(ismus)” dürfte mittlerweile wirklich niemand mehr aufschrecken, so oft, wie das Wort seit 9/11 gefallen ist. Aber gleichzeitig ist es mittlerweile in der BRD zu einem wundervollen Indikator dafür geworden, dass das deutsche Volk – oder eher: Die beiden Mächte Regierung und Medien – ein enormes Kurzzeitgedächtnis zu haben scheinen.
Der letzte wirklich krasse nationalsozialistische Terror, an den sich jeder noch gut erinnern dürfte, liegt gute 65 Jahre zurück – dazwischen scheint es ja gar keinen Terrorismus mehr von Rechts gegeben zu haben. Und wenn doch, wurde er vom immer noch nachwirkenden Holocaust überdeckt. Dafür hatten die Kommunisten wieder Pech: Der letzte wirklich krasse Terrorismus von links nämlich liegt nur knappe 40 Jahre zurück: 1977 begann die Rote Armee Fraktion, die soviel mit den Sowjets zu tun hatte, wie RTL II mit “Information”, systematisch Anschläge auf US-Amerikanische Stützpunkte und deutsche Politiker zu verüben.
So scheint es auch zu kommen, dass man bei der Brandserie vor ein paar Wochen in Berlin ab dem dritten brennenden Auto sofort von “linkem Terrorismus” sprach. Und dann die Sprengsätze an den Netzwerkkabeln der Deutschen Bahn – auch in Berlin – die lediglich für ein paar Turbulenzen im Bahnverkehr sorgten aber niemanden je gefährdet haben. Mittlerweile ist zumindest bei den Autobränden geklärt, dass kein” linker Terrorismus” dafür in Frage kommt. Dafür gerät die Politik jetzt in Erklärungsnot: Die Zwickauer Terrorzelle!
Und – wie man es gedacht hätte – wie hilft sich der kluge Politiker? Richtig: Er schreit “verbietet die NPD!!” Man muss mittlerweile keinen IQ von über 100 mehr besitzen, um die Reaktionen der deutschen Politik vorherzusehen. So ein IQ reicht auch, um zu wissen, wozu das Verbot der NPD führen würde. Es ist unheimlich ironisch, wie blind die Deutschen mittlerweile auf dem rechten Auge geworden sind. Waren sie doch die Verursacher des zweiten Weltkrieges, haben den Holocaust gebilligt, die Ermordung von Millionen Menschen, haben einem Österreicher vertraut. Ich fürchte, erst langsam entlarvt sich das Problem daran, dass man die Deutschen Jahrzehntelang ständig als Nazis beschimpft hat und sie gezwungen hat, bis heute das Thema Nationalsozialismus so oft hoch zu würgen, dass selbst eine Kuh das kalte Kotzen bekommen hätte.
Ich will den Nationalsozialismus hier nicht schön reden. Das ist schon automatisch passiert in den letzten 65 Jahren. Und die Zwickauer Terrorzelle ist jetzt das armselige Ergebnis dessen. Niemand hätte je die Nazis der Gewalt bezichtigt, und das drückt der Postillon in diesem wundervollen Artikel so richtig aus, dass es schon fast weh tut. Mir klingt da ein Spruch im Ohr: “Die Kunst nutzt Lügen, um die Wahrheit zu erzählen” – nur dass man mittlerweile nicht einmal mehr Lügen braucht, sondern nur ein wenig Übertreibung.
Ein weiterer Punkt, der bei der Zwickauer Zelle vielleicht die Blindheit des rechten Auges aktiv unterstützt hat, wurde auf dem Blog misik.at thematisiert: Die Zwickauer Zelle hat sich nicht mit Bekennerschreiben/-videos oder sonstigen schönen Propagandaaktionen aufgehalten. Dadurch weiß niemand so recht, warum die Jungs taten, was sie taten. Und das führt mich zu einer völlig anderen Frage: Was ist Terrorismus eigentlich?
Laut der Wikipedia ist Terrorismus “primär eine Kommunikationsstrategie”, die eine Wandlung des politischen Denkens einer Gruppe von Personen, meist einem Volk, hervorrufen will. Der Duden fasst die Definition etwas knapper und spricht nur von “Verhaltensweisen …, [politische] Ziele durch Terror durchzusetzen”.
Doch der Duden hat ein paar interessante Funktionen, die einige Befürchtungen, die jetzt aufgekommen sind, bestätigen: Dass unter den Synonymen “Despotie” aufgeführt wird, ist noch relativ verständlich, aber dass unter den “typischen Verbindungen” verschiedene Varianten von “Islamismus” und das Wort “palästinensisch” auftauchen ist mehr als erschreckend. Selbstverständlich gibt es islamistischen und palästinensischen Terror, aber das ist noch lange nicht alles. Man bedenke die Taten von Breivig in Norwegen, man bedenke die RAF, die Nazis vor der Machtergreifung, dann bedenke man verschiedene Gruppen in den ehemaligen Sowjetstaaten, die auch heute noch terroristisch aktiv sind, die verschiedenen Volksgruppen, die mit Terror versuchen, einen eigenen, souveränen Staat zu errichten (weswegen der Balkan auch heute noch ein halbes Pulverfass ist). Und das sind wirklich nur die Terroristen in der tatsächlichen Definition. Terror durch Regierungen (Despotismus eben) ist da gar nicht einmal bei.
Es gibt eine Menge von Terrorismus, der nicht palästinensisch und nicht islamistisch ist, der gar nicht gesehen wird. Islamistischen Terror sieht man, weil sie die Christen bekehren wollen, palästinensischen Terror sieht man, weil ständig Aktivisten versuchen, Gaza zu unterstützen (und Israel die beste Politik jenseits von Europa betreibt). Den anderen Terror sieht man aus genau dem Grunde nicht, aus dem auch die Zwickauer nicht auffielen: Sie haben es nicht nötig, an die ganze Welt Propaganda zu senden. Sie haben schlicht andere Gegner, die ihre Aktionen sehen sollen. Was genau die Zwickauer Terrorzelle jetzt wollte, weiß selbst ich nicht genau (wie denn auch!), aber ich hoffe, dass sie jetzt in der Politik zumindest einen kleinen Denkwandel bewirkt, dass die Nazis eben nicht mehr als die braven Nachbarn von Nebenan erscheinen, die nur spielen wollen. Immerhin gehen zur Zeit noch mehr Taten auf rechte Kreise zurück, als auf Linke.
[others blog] Große Aufräumaktion
Posted on | November 10, 2011 | No Comments
Heyheyhey, da kommt ja wieder Leben in den Blog! Und wie ich an den gestiegenen Klick-Zahlen in der Statistik sehe, wird das mit Freuden auch von den Lesern gesehen :)
Als erstes möchte ich mich einmal kurz bedanken: Für das viele Lesen, auch wenn die Kommentare immer noch etwas knapper ausfallen und ich fast ausschließlich Spam wegklicken muss, aber auch dafür, dass mir ein wenig Aufmerksamkeit auch von unerwarteter Seite geschenkt wird – so hat mir neulich die Band [ B O L T ] (Link zum Review) ihre erste EP einfach mal geschickt und mich um einen Review gebeten, was ich auch getan habe :)
Und nun zum wirklich Wichtigen: Den Veränderungen im Blog!
- Umzug des Blogs: Ich werde entweder im Verlaufe des heutigen Tages, oder aber nächste Woche irgendwann die Datenbank mit den Artikeln sichern und den Blog neu installieren, sodass ihr ab dann einfach mit dem Link http://www.others-blog.net/ direkt auf den Blog kommt – ohne das etwas lästige /wordpress-Anhängsel.
- Neues Design: Obwohl ich das jetzige Design sehr mag und auch positive Rückmeldungen bekommen habe (Einen herzlichen Dank an Michael Tyson für das Theme) finde ich, passt es nicht mehr zu meinem eigenen Stil. Ich wünsche mir etwas aufgeräumteres, schlichteres. Falls das neue Theme dann allerdings nicht gut ankommen sollte (sagt es mir, falls es euch nicht gefällt =D ), kann ich das ja immer noch wieder umstellen.
- Mehr Inhalt: Ich habe hier an der Universität tatsächlich Menschen aufgegabelt, die offenbar noch interessierter an diesem Blog sind, als viele der Leser hier – einige davon haben auch ihr Interesse bekundet, Gastartikel zu verfassen, welche ich dann hier veröffentlichen werde. Sollte es auch aus dem anonymen Internetpublikum Interesse an Gastbeiträgen geben, so informiert mich einfach kurz :)
- Aufgeräumte Texte: Außer dem Design plane ich noch weitere Schritte, den Blog einfacher zugänglich zu machen. In den letzten Jahren (besonders, da es lange her ist, seit ich den Blog neu aufgesetzt habe) haben sich eben viele Artikel angesammelt, teilweise ist die Verschlagwortung einfach nur stümperhaft und ich werde die Kategorien neu anordnen und thematische Seiten erstellen, von denen aus man Zugriff auf die entsprechenden Artikel hat. Tags wie Essay und Kommentar werden dann der Vergangenheit angehören, da sich ja ein wenig heraus kristallisiert hat, dass das alles irgendwie etwas längere Texte sind^^
- Einfache Kommentare: Da der Siegeszug des Internets auch langsam in den Hirnen der Politiker zu dämmern scheint, und Facebook über 500 Millionen User verzeichnet (mittlerweile dürfte die Milliarde vermutlich nicht mehr fern sein) plane ich, sowohl eine Facebook-Seite für den others Blog einzurichten, als auch Facebook-Kommentare zu ermöglichen, sodass ihr quasi, wenn ihr hier kommentiert, unter meinen Link zum jeweiligen Artikel auf Facebook kommentiert. Das ist aber nur eine Idee, die vielleicht zu etwas mehr Mitwirkung verleitet, ob und wie ich das Ganze umsetze, überlege ich mir noch.

