Nov 24 2012

Nachtrag zu “Cloud Atlas oder: Warum wir weitermachen”

Hendrik Erz

Mir kam zu Ohren, dass eine Person, die meinen Artikel zu Cloud Atlas gelesen hat, sinngemäß gesagt hat, dass man die philosophischen Schlussfolgerungen aus Cloud Atlas prinzipiell auch von “anderswo” herholen könnte. Ich möchte mich einerseits für dieses Feedback bedanken und gleich im Anschluss sagen: sie hat recht.

Man hätte diese ganzen Schlussfolgerungen auch woanders hernehmen können. Wer ihn noch nicht kennt, sollte sich natürlich in “Vorbereitung” auf das Folgende den Artikel einmal durchlesen.

Jetzt ist natürlich die Frage: was macht man damit? Natürlich hätte mir diese Erkenntnis auch im Schlaf kommen können, wie einst August Kekulé die Strukturformel des Benzols in Form einer Ouroboros. Das ist allerdings nicht passiert. Jetzt möchte ich hier darlegen, wie falsch die Aussage bei gleichzeitiger Richtigkeit ist, da sie den Geist daran hindert, “gedankenlos” irgendwelche Filme für Ideen zu nutzen, sondern dazu zwingt, erst dann eine Erkenntnis wie die meine niederzuschreiben, wenn man diese generalisiert hat.

Dadurch, dass ich den Artikel direkt nach Ansehen des Filmes Cloud Atlas geschrieben habe, habe ich natürlich eben nicht generalisiert. Ich habe einfach das naheliegendste Bild genutzt, um diese Erkenntnis zu erzählen. Ich habe das Schreiben des Artikels für mich einfach als “richtig” definiert, weil ich nämlich bei einer unentschiedenen Bewertung zwischen “richtig” und “falsch” genau das getan hätte: nichts. Relativismus. Handlungen werden redundant, weil man als Mensch dazu neigt, bei der Chance auf einen Fehlschlag lieber nichts zu tun und abzuwarten.

Das kann man sehr schön an Platons Höhlengleichnis sehen. Daran musste ich direkt denken, als mir das zu Ohren kam. Hätte Platon im Jahre 2012 das Höhlengleichnis aufgestellt, hätte es vermutlich etwas anders gelautet: Menschen, die ihr Leben lang nur Bilder von fremden Orten an ihren Computern sehen aber von finanziellen Fesseln im grauen Deutschland gehalten werden, haben endlich die Möglichkeit, an fremde Orte zu gehen. Dort fühlen sie sich aber unwohl und wollen wieder zurück – aber sobald sie sich an das Reisen gewöhnt haben, wollen sie gar nicht mehr zurück nach Deutschland. Oder noch ganz anders. Es ist nur ein bildliches, greifbares Beispiel für eine höhere Erkenntnis.

Und genau darum ist die Aussage, dass man eine Erkenntnis nicht unbedingt aus einem bestimmten Film ziehen muss, zwar absolut richtig, aber gleichzeitig absolut falsch, weil sie in ihrer logischen Konsequenz einen Relativismus hat, den man ja gerade vermeiden sollte, wenn nicht alles Handeln zu Nonsens verkommen soll und man den Sinn seines Lebens verlieren möchte. Es ist dieser schmale Grat zwischen Relativismus und bedenkenlosem Handeln, der gehalten werden muss, wenn man nicht verrückt oder schädlich (für sich und andere) werden will.

Diese Aussage ist der erste Schritt dazu, seine eigene Identität zu verlieren, weil man sich de facto auch ein Stück weit einfach über eine Hybris definieren muss (“Ich finde Umweltschutz richtig und Krieg falsch”), um Dinge einfach zu tun, obwohl man nicht absolut sagen kann, ob es gut oder schlecht ist.


Nov 21 2012

Cloud Atlas oder: Warum wir weitermachen

Hendrik Erz

Es gibt viele Menschen, die mich für meine grundlegende Einstellung im Leben kritisieren. Das habe ich erst am Montag wieder gespürt, als ich ein enormes Kontra für meine Position bekommen habe, dass China nicht per Definition ein schlechteres Regierungssystem hat, als Deutschland. Was mir am Montag allerdings gefehlt hat, ist der durchdringende Gedanke, also das, was dieser Meinung zugrundeliegt. Es ist ein wenig wie eine Prophezeiung: man kennt die Richtung, in die sie geht, aber nicht den konkreten Ablauf.

Das hat sich diese Nacht – zumindest teilweise – geändert. Und Schuld daran trägt ein ziemlich (zu Recht) getypter Film: Cloud Atlas. Mal ganz von den wunderschönen Bildern und der meiner Meinung nach wundervoll gezeichneten Zukunftsvision abgesehen, hat dieser Film mir den nötigen Input gegeben, diese Position zu erläutern. Wer den Film noch sehen will, sollte jetzt nicht mehr weiterlesen, da ich sehr viel spoilern werde, um das alles zu erklären. Continue reading


Mrz 18 2010

The Fountain

Gastautor

Eines vorweg: Nein, auf diesem Blog herrscht derzeit keine Rachel Weisz Tributwoche. Dass sie die Hauptcharakterin in zwei verschiedenen Filmen spielte, die hier in Folge reviewt werden ist bloßer Zufall. Oder ist es ein Fingerzeig ? Diese Entscheidung überlasse ich euch …

The Fountain ist ein Film der polarisiert. Das hab ich selbst am eigenen Leib erfahren. Als ich den Film vor 4 Jahren zum ersten Mal sah, hielt ich ihn für prätentiösen esoterischen Schmu. 4 Jahre sind seitdem vergangen und als ich ihn auf Anraten eines Freundes nun erneut sah, rührte mich dieser Film zu Tränen und brachte mich noch Tage später zum Grübeln.The Fountain

Im finsteren Dschungel Südamerikas ist der spanische Konquistador Thomas (Hugh Jackman) auf der Suche nach dem verborgenen Baum des ewigen Lebens, um sein Heimatland und seine schöne Königin (Rachel Weisz) von der Unterdrückung durch den Vatikan zu befreien. Schnitt in die Zukunft. Ein glatzköpfiger Mann (Hugh Jackman) schwebt in einer gläsernen Kugel, die neben ihm auch einen alten verdorrten Baum beherbergt, durch die Finsternis des Weltalls. Sein Ziel: Das ferne Sternbild Xibalba. Schnitt. Die Gegenwart: Der Wissenschaftler Dr. Tom Creo (Hugh Jackman, again) ist auf der Suche nach einem Heilmittel gegen Krebs. Sein Antrieb ist seine schwerkranke Frau Izzy (Rachel Weisz). Der Durchbruch steht kurz bevor, doch die Zeit rinnt ihm durch die Finger. Während er verzweifelt und besessen ein Heilmittel sucht, findet Izzy im Schreiben eines Romans eine andere Möglichkeit, ihren bevorstehenden Tod zu verarbeiten.

Darren Aronofsky ist nach dem schonungslosen Suchtporträt „Requiem For A Dream“ mit diesem Werk ein weiterer Meisterstreich gelungen. Eine Parabel von immerwährender Liebe, dem Streben nach Unsterblichkeit und dem Umgang mit dem Tod, all das verteilt auf 3 verschiedene Zeitstränge, immer wieder mit Symbolen miteinander verknüpft, ein Rätsel, dass es zu entschlüsseln gilt.

Die zentrale Handlungsebene ist dabei die der Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft sind rein metaphorisch zu verstehen. Zwei Ansichten prallen hier aufeinander. Izzy hat ihr Schicksal, den Tod akzeptiert. Umso mehr strahlt sie das Leben aus, eine zarte Lichtgestalt, die ihre letzten Tage mit ihrem Mann genießen will. Doch dieser ist wie besessen davon, sie vor der Krankheit zu retten, ja, vor dem Tod zu retten. „Death is a disease. And there’s a cure. And I will find it“, schreit er verzweifelt, selbst als seine Frau längst schon verstorben ist. Er akzeptiert den Tod nicht, spiegelt damit exakt den Ewigkeitswahn unserer Gesellschaft wieder. Verzweifelt leidet er im Angesicht von Izzys Tod und auch danach will er ihn nicht akzeptieren. Doch was ist das Leben wert, wenn es in ständiger Angst vor dem Ende „gelebt“ wird ? Eine ganz andere Antwort weiß da der alte aztekische Priester, welcher in Izzys Geschichte den Baum des Lebens bewacht. „Death is the Road to Awe.“ Das letzte Kapitel ist noch nicht vollendet. Diese Mission hat Izzy ihrem Mann aufgetragen. „Finish it.“ Und auf einmal begreift Tom, was von ihm verlangt wird, auch er soll lernen zu akzeptieren.

Zu dieser faszinierenden Geschichte kommt noch die audiovisuelle Komponente dazu. Gerade das Ende des Films ist hier ein einziger Orgasmus für Auge und Ohr. Der Film kommt dabei ohne teure CG-Effekte aus, so sind die Szenen im Sternbild Xibalba hauptsächlich vergrößerte Aufnahmen von chemischen Reaktion in Petrischalen. Diese Kosteneinsparung merkt man allerdings kaum. Für den Soundtrack konnte man dann den grandiosen Clint Mansell verpflichten, der hierfür sogar mit Mogwai und dem Kronos Quartett kollaborierte und einen Soundtrack erschuf, der mit „faszinierend“ nur unzureichend beschrieben werden.

Was soll ich noch groß sagen ? Worte vermögen hier wenig auszurichten. Der Film ist eine psychedelische Reise, die man nicht in Text fassen kann. Eine Reise die man selber antreten muss. Ich wünsche viel Vergnügen.

Trailer


Mrz 17 2010

Agora – Eine Frau zwischen den Fronten

Hendrik Erz

Vor fünf Tagen, am 11. März 2010 kam ein Film in die Deutschen Kinos, der irgendwie kaum Beachtung findet. Während Tim Burton’s Alice im Wunderland hochgepriesen wurde und immer noch die Ausläufer des Avatar-Hypes zu spüren sind, geht dieser epische Film schier unter im Gewirr von Filmen.
Sicherlich, Tim Burton-Filme sind selten schlecht, und haben oft einen gesellschaftskritischen Inhalt, doch das Problem ist, dass dies kleine Dinge in unserem Alltag darstellen, die uns selbst nicht einmal so offensichtlich schaden. Doch in Agora – Die Säulen des Himmels geht es um wesentlich mehr als Ausgrenzung, Diskriminierung und Gruppenzwang.

AgoraIn Agora – Die Säulen des Himmels wird das Leben der Hypatia von Alexandria beleuchtet. Er spielt etwa um 400 n. Chr. in eben jener Stadt am Nil, als gerade die ersten Ausläufer der christlichen Religion dort ankommen.

Die Christen und die Verehrer der altägyptischen Götter stehen sich auf dem Platz vor der Agora in Alexandrien gegenüber und versuchen, die Religion des jeweils anderen zu widerlegen. Dabei gehen die Christen beim Beweis ihrer Überlegenheit sehr brutal vor und werfen gar den heidnischen Prediger in die Flammen.

Gleichzeitig unterrichtet Hypatia eine Reihe von Schülern in der Philosophie. Heute würde man das, was sie lehrte, eher unter die Fächer Philosophie und Astrophysik einordnen. Dann kommt ein Tag, an dem die Christen ein Bildnis einer heidnischen Gottheit wie einen schlechten Musiker mit Tomaten und fauligen Eiern bewerfen. So versucht der spätere Bischof Kyrill von Alexandrien zu beweisen, dass diese heidnischen Gottheiten nicht existieren. Daraufhin greifen die Heiden die Christen an und in einem langen Gemetzel schlagen die Christen die Heiden zurück und drängen sie in die Agora. Tage später bestimmte der damalige Römische Kaiser Augustus, dass die Agora ab sofort den Christen gehöre. Daraufhin wird die Bibliothek von Alexandrien gestürmt und sämtliche nicht geretteten Papyri werden vernichtet.

Jahre später ist einer ihrer Schüler Bischof von Kyrene geworden, ein weiterer Präfekt von Alexandrien. Die Christen, welche auffällig schwarz angekleidet sind, wurden immer mehr und beginnen nun langsam damit, auch andere Religionen, wie das Judentum zu vernichten. Doch als auch die Juden zurückschlagen werden die Christen erneut handgreiflich und metzeln so lange Juden nieder, bis diese die Stadt unter Legionsschutz verlassen müssen.

Doch Hypatia lehrt weiter an ihrer Schule, trotz der Radikalisierung der gesamten Bevölkerung, was ihr dann zum Verhängnis wird. Während sie immer mehr versucht, dem Rätsel der Planetenbewegung auf die Spur zu kommen, angestoßen durch eine Äußerung von Darius, einem ihrer früheren Sklaven und späteren Verräter, verschwört sich Bischof Kyrill von Alexandrien gegen den Präfekten und versucht, ihn dadurch zu besiegen, indem er Hypatia unter seine Kontrolle bringt. Das schafft er durch ein Zitat aus der Bibel, welches er verdreht, um Hypatia der Hexerei anzuzeigen.
Nachdem der ehemalige Schüler Hypatias immer mehr eingeengt wird, erklärt er ihr, dass er sie nicht weiter schützen könne. Daraufhin verlässt Hypatia das Gebäude ohne Geleitschutz und wird von Christen gefangen genommen, welche sie in die ehemalige Bibliothek von Alexandrien führen und sie dort steinigen.

Soweit etwas mehr zum Inhalt. Doch was ich an dem Film sehr empfehlen kann, ist, dass er relativ schonungslos zeigt, wie Ideologisierung und Fanatisierung der Bevölkerung – egal zu welcher Religion – über Gewalt bis zur vollständigen Kontrolle über die Menschen führt. So gelingt es den Religionsführern des Heidentums, des Judentums und besonders gut auch dem des Christentums, viele Menschen für ihre Sache zu gewinnen und so mit einer relativ großen Zahl an Menschen jeweils die andere Religion anzugreifen.

Was auffällig ist, bei diesen ganzen Religionsstreitigkeiten, dass das Christentum weitaus mehr “Fehler” begeht, als Heidentum und Judentum. Der Regisseur, Alejandro Amenábar – ein Spanier, scheint hier das Christentum mehr in die Schuld zu nehmen als das Heidentum und das Judentum. Einerseits dürfte das passiert sein, da es wesentlich “politisch korrekter” ist, das Christentum mehr zu belasten, als – besonders z.B. – das Judentum, andererseits, weil er sich vielleicht stellvertretend für seine Religion (bzw. die hauptsächliche Religion in Spanien – Katholizismus) schämt. Denn in der Vergangenheit hat sich das Christentum nicht unbedingt einen guten Ruf eingeräumt: “Hexenverbrennungen, Inquisition, Kreuzzüge – Wir wissen wie man feiert. Ihre Kirche” ist nicht umsonst ein ziemlich schwarzer Witz in diesem Zusammenhang geworden.

Doch abgesehen davon, dass man das Christentum mehr belastet als die anderen Religion, ist anzumerken, dass dieser Film seine extreme Religionskritik und damit auch seine gesellschaftliche Kritik, die auch auf die heutige Zeit übertragbar ist, stark in metaphorischer und ellipsenhaltiger Sprache verpackt. So erscheinen Vertreter des Heidentums, welche schließlich die Bibliothek von Alexandria, und damit wertvolles Wissen, ehrten und es mehrten, grundsätzlich in schneeweißen Gewändern, die Juden, welche mehr eine Nebenrolle einnehmen, in schlichtem, neutralem Grau und die Christen grundsätzlich in Schwarz. Ebenso auffällig ist die sinkende Pracht der Gewänder vom Heidentum über Judentum bis zu den Christen.
Und die Protagonistin läuft grundsätzlich in einem Bordeauxroten Kleid durch den Film. Ebenso metaphorisch sind die Kameraführungen, welche immer passend zum Kontext den “Blick Gottes” zeichnen könnten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Filmes ist die Hyperbel und die Ellipse. Diese beiden Begriffe, welche einerseits zur Beschreibung von Planetenbahnen (also das Hauptproblem im Film von Hypatia) aber andererseits auch zur Beschreibung Axiomähnlicher Sätze dienen, fallen recht oft in unterschiedlichen Zusammenhängen, aber genauso blind, wie die religiösen Fundamentalisten gegenüber ellipsoiden Planetenbahnen sind, so resistent zeigen sie sich gegenüber Ellipsen, welche ihnen eigentlich ihren eigenen Fanatismus vor Augen führen sollen.

Viel in dem Film ist stark durchdacht, es werden viele auch unbekannte, neue Mittel der Kameraführung und Visualisierung eingesetzt, die Elemente passen alle ineinander und jede Szene kann metaphorisch gedeutet werden. Alles in allem ist der Film ein Komplettpaket; sowohl Historiker, als auch Philosophen und Theologen dürften mit diesem Film rundum glücklich sein.

Als Fazit bleibt mir also nur zu sagen, dass dieser Film verdammt empfehlenswert ist und verdammt gut gemacht ist. Und wem die Intention verschlossen bleibt, für den hat dieser Film immerhin noch eine verdammt schöne Kulisse und tolle Grafiken – inklusive einem perfekten Drama. Absolutes Muss! :)


Mrz 2 2010

Sprachskepsis – Der Weg zur Sprachlosigkeit

Hendrik Erz

Der Begriff der Sprachnot dürfte vielen etwas merkwürdig oder gar unverständlich vorkommen. Es ist ein Begriff, der eigentlich schon Anfang des letzten Jahrhunderts geprägt wurde, von Hugo von Hoffmannsthal, um genau zu sein. Es ist ein Begriff, der andeutet, dass dem Menschen die Fähigkeit der Sprache mehr und mehr abhanden kommt. Die Sprachnot betrachtet also ein Teilgebiet der Sprachforschung, in dem die Wahrheit der Worte hinterfragt wird und in welchem es zum Zusammenstoß der Definition von Sprache und Realität kommt.

Anfang des letzten Jahrhunderts also schrieb von Hoffmannsthal “Ein[en] Brief”, das wohl bekannteste literarische Werk dieses Zeitgenossen, welches sogar eine nicht unbeachtliche Einordnung in der Wikipedia erhalten hat. In diesem Text schreibt ein fiktiver Lord Chandos an eine weitere fiktive Person einen Brief, in der er schildert, wie er nach und nach nur einzelne Worte, später ganze Themengebiete und dann gar nichts mehr diskutieren kann, nicht mehr sprechen kann. Ungeachtet des Paradoxons, dass er hier alles, was er nicht mehr sprechen kann, dennoch sehr gut in Worte fassen kann, zielt dieser Brief darauf ab, dass die Literatur vor die Hunde geht. Der Brief soll ausdrücken, dass die Funktion der Sprache diese nicht mehr erfüllen kann, mit Sprache kann man nicht mehr auszudrücken, was in der Wirklichkeit vonstatten geht. In Weiterführung begründen dies viele Autoren mit Begriffsdefinitionsänderungen durch bspw. den Nationalsozialismus (Man denke z.B. an die Worte “Arier”, “Arbeit” und “Jude”, welche durch den Nationalsozialismus arg in ihrer Wirkung verdreht wurden) und einige gehen auf die philosophische Ebene, dass sie Gedanken mit Sprache vergleichen und erklären, dass es auch Dinge gibt, die zwar da sind, die man aber nicht erklären kann.

Doch nur wenige Jahrzehnte zuvor war man noch anderer Meinung, einige Philosophen erklärten, dass man nichts denken könne, was man nicht auch durch Sprache ausdrücken könne. Sie gingen gar so weit, zu behaupten, es gäbe nichts, was man nicht durch Sprache ausdrücken könnte. Doch die Sprachskepsis bietet ein neues philosophisches Törchen auf dem Weg in eine bessere Welt.

Denn die Sprachskeptiker sagen, dass man einige Dinge nicht ausdrücken kann, z.B. Emotionen, bestimmte Situationen, die berühmten Momente, denen keine tausend Worte gewahr werden. Zum Beispiel kann man einfach nicht in jemandem dieses Gefühl auslösen, im Sonnenuntergang zu sitzen, der Sonne beim Untergehen zuzusehen und zu entspannen. Man kann es in Worte fassen wie man mag, aber wirklich fassen kann man es nicht. Und so ist auch meine Meinung.

Doch es gibt einige Sprachskeptiker, die scheinen das Gebiet zu nutzen als Entschuldigung für Kreativitätslosigkeit. Sie begründen nämlich damit, dass ein Verfall der Literatur zu beklagen sei, dass Romane also immer einfacher gehalten werden, dass Bücher immer weniger sprachlichen Tiefgang haben, dass es unmöglich sei, wirklich tiefgründige Abhandlungen zu schreiben, da dem Menschen ja das Konstrukt der Sprache verloren geht.

Doch wie bereits Georg Klein in Anlehnung an “Ein Brief” schrieb, scheinen sich einige Literaten ihre Position zu sehr zu Herzen genommen zu haben und übertreiben es ein wenig mit ihrer Vordenkerstellung.

Doch wie kommt diese Sprachskepsis überhaupt zustande?

Einfach gesehen kommt sie durch den übermäßigen Einsatz von Sprache zustande, dass man zu oft bestimmte Wörter verwendet. Denn je öfter man ein Wort vor sich hin spricht, desto mehr versucht man, hinter dessen eigentliche Bedeutung zu kommen, hinter dessen Ursprung und was es eigentlich hieß.

Und nun stelle sich wer vor, man versucht sämtliche literarischen Stile durch und versucht, sich und seine Sprache bei jedem mal zu verändern, eine andere Wirkung zu verursachen. Irgendwann scheint man an eine Mauer zu stoßen. Und diese Mauer scheint einem sagen zu wollen “Es gab schon alles einmal!”. Doch ganz ehrlich – wenn man weitermacht, kommt man irgendwann auch an einen Punkt, an dem man wieder ganz normal sprechen/schreiben kann.

Die Sprachskeptiker vom Anfang des Jahrhunderts sind an dem Punkt stehen geblieben, aber viele Leute sind weiter gegangen und wieder am Anfang, wo die Sprache noch gut war, angekommen. Problem gelöst?

Nun, sehen wir es so – die Sprachskepsis hat durchaus ihren Sinn, wie gesagt, Emotionen auszudrücken vermag die Sprache nicht. Dazu bedarf es anderer, neuer Worte, die aber auch schon im Kindesalter mit diesen Emotionen verbunden werden müssen, wenn das überhaupt geht.

Aber die Sprachskeptiker des 20. Jahrhunderts haben es – wie gesagt – übertrieben. Denn das man nicht mehr sprechen könne, ist relativ unwahrscheinlich. Aber philosophisch übertragen war ihr Standpunkt durchaus zu verstehen. Vielleicht kann man das alles aber auch mit Trivialliteratur begründen. Wer weiß das schon?


Jan 13 2010

Avatar revisited

Hendrik Erz

Vor ein paar Tagen habe ich mich ja über meine Erfahrungen aus Avatar ausgelassen. Selbstverständlich habe ich mich über den raubbauartigen Aspekt ausgelassen, darüber, dass ein paar Weiße einfach in eine vollkommen perfekte Welt eindringen und die Ureinwohner dort vertreiben wollen, um den Planeten auszurotten. Ich bin auf die Schiene “Böser Weißer, lieber Na’vi” eingegangen und habe auch diese Meinung vertreten. Aber ich habe noch viel mehr erwähnt, ich bin mehr auf den ausschließlich weißen Teil eingegangen, habe nur erwähnt, wie blöd die Menschheit doch ist und in diesem Film dargestellt wird, auf die Na’vi bin ich weniger eingegangen. Selbstverständlich fand ich die Na’vi sympathischer als die Menschen, was vermutlich auch so gedacht war. Und danach bin ich nur noch auf die Tulpen eingegangen. Ist also eher ein kleiner Abstecher nach Avatar gewesen.

Während ich aber größtenteils auf die Natur und die kollossalen Schäden an unserer eigenen Umwelt eingegangen bin, habe ich mich nicht einmal ansatzweise über den rassischen Gegensatz Mensch <-> Na’vi eingegangen, weil Rassismus für mich nie ein Thema war. Ich hatte nie Probleme, bspw. einen Schwarzen als absolut gleichwertig anzusehen, die Ku-Klux-Clan-Ideologie wäre an mir vielleicht verschwendete Liebesmühe, aber dadurch ging ich eben nicht auf diesen Aspekt ein. Ein anderer Blogger allerdings ging darauf ein, und zog erstaunliche Parallelen zu vielen anderen Filmen, welche ich aber zum größten Teil leider nicht gesehen habe oder, im Fall von Dune, als ich noch zu klein war. Ich fand es interessant, auch diesen Aspekt einmal zu beobachten, auch wenn er für mich weniger Relevanz hat.

Aber obwohl dieser Blogger auf englisch schreibt und es daher etwas kompliziert werden könnte, ihn zu lesen (Ich kenne eure Englischkenntnisse ja nicht^^), möchte ich euch den Artikel When Will White People Stop Making Movies Like “Avatar”? vom io9-Blog empfehlen.

Es ist eine andere Sichtweise, und ich finde es wichtig, auch diese Seite zu beleuchten. Avatar mausert sich ja zum gar unglaublichen Kritikfilm, sowohl positiv als auch negativ…


Nov 10 2009

Weg.

Hendrik Erz

Schmutz. Es war früh am Morgen. Die Nacht war noch über der Stadt. Es war dunkel. Nur die Neonleuchten der Straßenlaternen schenkten diffuses, schwaches Licht. Die Straßen waren leer. Die Sonne kämpfte sich hervor. Langsam zerstörte sie das unklare, neblige Licht der Lampen. Doch noch lange in den Sonnenaufgang hinein kämpften die Straßenlaternen. Doch dann gaben sie auf. Die Sonne gewann. Das reine Licht ihrer selbst drang in die Straßen. Es war golden und klar. Vollkommen. Natürlich.

Er wurde wachgekitzelt. Die Sonne drang durch einen Spalt seiner nicht ganz geschlossenen Jalousien in sein Zimmer. Genau auf sein Auge. Das Sonnenlicht schien ihn zu blenden. So kam es ihm vor. So hell war es. Schnell verschwand er aus dem Wirkungsbereich der Sonne. Schnell suchte er den Schatten. Er sperrte die Sonne nicht aus. Er brauchte ihr Licht, um sich in seinem Zimmer zurecht finden zu können.

Er hatte nur in seiner Hose geschlafen. Sein T-Shirt und seine Schuhe zog er am Vorabend aus. Schnell griff er zu seinen drei Halsketten. Ohne sie fühlte er sich unwohl. Er brauchte sie. Da war die erste. Ein Edelstein, rein wie ein Smaragd, schien es. Doch näherte man sich dem Stein, so sah man, dass diese noch so kleine Last unvollkommen war. Sein kristallklares Blau war durchsetzt mit feinsten, schmutzfarbenen Strichen und Linien. Ohne Sinn und wirr durchzogen sie das harte Material. Und eine Seite war stumpf. Sie war matt und fast vollständig Schmutzfarben. Er mochte sie nicht. Er zog die Kette deshalb an, dass man die stumpfe Seite nicht sah. Diese gen seiner Brust.

Dann war die zweite. Ein Mjöllnir, Hammer des nordischen Donnergottes Thor. Kraft. Stärke. Macht. Ihn zog er mit einem erhabeneren Gefühl, als seinen Edelstein, an. Er war schwerer, mehr spürbar. Schwerer als der Stein. Ein sehr spitzer Haifischzahn begleitete den Hammer an seiner Kette. Man konnte sich an ihm die Fingerkuppe aufstechen.

Dann war dort die dritte Kette. Die letzte Kette, die seinen Hals schmückte, zugleich die obere. Es war ein Keltenkreuz. Verziert und leicht. Es verkündete seine Religion mit silbernem Elan. Drei Ketten. Drei Symbole. Und er war ganz.

Er ging durch den Raum. Wie traumatisiert griff er wie ein Reflex nach seinen Schuhen und seinem T-Shirt. Er zog sich an. Er zog die Ketten heraus. Weg, von seiner nun bedeckten Brust. Weg vom Herzen. Von nun an sollten sie auf seinem T-Shirt liegen. Sichtbar weithin für alle. Er wusste nicht, was der Stein bedeutete. Aber er sah gut aus. Mit den anderen beiden zusammen noch besser. Ohne sie fühlte er sich, wie ohne Kleidung in der Öffentlichkeit. Nackt. Unvollkommen. Scham.

Doch sein Unwohlsein blieb. Er wusste nicht, woher es kam, und sagte sich daher, es sei nur Einbildung. Nicht real. Pure Phobie. Nocebo. Seine Mutter speiste er mit dem Satz, es wäre nichts, ab. Sie wollte ihn durchschauen, konnte aber nicht. Zuviel Widerstand seines Stolzes. Wie eine Zwiebel. Eine Schicht nach der anderen versteckte seine Krankheit. Er war gesund. Sie ließ ihn bereitwillig ziehen.

Er war spät. Seine Uhr sagte ihm, sein Bus führe in kurzer Zeit. Er rannte. Sein Herz pochte. Seine Ketten klimperten und verrieten ihn auf weite Distanz. Er wurde angesehen. Er bekam den Bus. Pochen.

Viele unbekannte Gesichter teilten seine Busfahrt. Seine Ketten schwiegen, er wurde ignoriert. Und der Bus fuhr. Schnell. Er war nicht mehr zu spät, er hatte den Bus bekommen. Dieser fuhr durch die Stadt, bis kurz vor seine Schule. Er raste. Er versuchte, das Treiben der Stadt an diesem Morgen zu verfolgen, doch er konnte nicht. Zu schnell fuhr der Bus. Wie schemenhafte Umrisse verschwand das Stadtleben an den großen, breiten und den Bus allumspannenden Fenstern. Er konnte soviel sehen, doch er sah nichts. Nichts von der modernen Welt, in der er lebte.

In der Schule angekommen sah er sie. Sie bemerkte ihn, grüßte ihn und sah in ihn hinein. Sie wusste, dass er krank war. Sie sah es. Durch die Zwiebel. Obwohl er versuchte, sie zu beschwichtigen, fragte sie:

“Warum trägst du immer noch den Stein? Er gefällt dir nicht. Du verschließt dich mir. Dein Stein sieht aus, wie ein Smaragd, aber du weißt, dass er keiner ist. Er ist zerstört, an einer Seite. Dir ist er wertlos, und dennoch passt er so gut zu dir. Er ist Dein. Ich weiß nur, dass du dich unwohl fühlst, aber es zu wissen ist deine Aufgabe. Ich kann nur die Oberfläche entschlüsseln, nicht aber deine Seele.”

Er ging zu seinem ersten Fach. Sozialwissenschaften. Es folgte Physik. Es raste. Pochte. Gejagd von Sport. Nummer drei. Von Denken auf Sport in drei Sekunden. Volleyball. Er erinnerte sich an ihre Aussage. Er bemerkte seine Ketten. Sie klimperten. Die Welt verschwand. Er dachte.

Dann kam ein Volleyball. Mitten auf den Kopf. Sein Gehirn, sein Zentrum des Denkens, geriet ins Wanken. Es war die Strafe für seine Unaufmerksamkeit. Die Welt kam wieder.

Und er verstand. Er fühlte sich nicht mehr unwohl. Schuldig.

Später ging er an eine Klippe am Stadtrand. Hier sahen junge Menschen gerne den Sonnenuntergang. Er wollte aber nur weg aus der Stadt. Er folgte dem Verlauf der Sonne, bis sie unterging. Blutrot. Wie auf einer Opferschale ging die Sonne unter, im Meer ihres eigenen, blutroten Lichtes. Sie starb und übergab die Stadt wieder dem unwirklichen Licht.

Er legte das Kreuz und den Mjöllnir ab. Er fühlte sich erleichtert. Nur sein Stein. Sein Eigen. Er selbst. Er zog sich aus. T-Shirt und Schuhe. Legte den Dreck der Stadt ab. Und fühlte sich rein. Das erste mal an diesem Tag lächelte er. Er verstand. Die Sonne sank weiter und weiter, drohte, von den Bergen verschluckt zu werden. Zwischen ihm und den Bergen ein großer, langer, endloser See.

Er sprang.

Die Sonne verschwand.

Nacht umgab die Stadt. Niemand hörte ihn, niemand sah ihn. Es war vollkommen. Er war vollkommen. Reinheit.

Und Weg.

* * *

So. Vollendete Tatsachen. Dies soll lediglich eine Geschichte sein, ein Experiment. Ein Mythos der Moderne. Er soll Platz zum Interpretieren bieten. Gesellschaftsanalytik ohne Fehler, weil man alles interpretieren kann. Ich bin gespannt.