Jun 17 2013

We Lost The Sea: Melancholie in sieben Akten

Hendrik Erz

Mit Metal kann man vieles verbinden. Sei es eher der Metalcore in Richtung Heaven Shall Burn oder Killswitch Engage, sei es Pagan oder Viking Metal in Richtung Eluveitie, Ensiferum oder Finntroll, oder sei es der “gute alte” Heavy Metal wie ihn Iron Maiden und Judas Priest prägten. Was man zumindest im allgemeinen weniger mit Metal verbindet ist die Stilrichtung Post-Metal. Wer hier tiefer einsteigt findet zunächst die Post-Metal-Band Isis, die sich 2010 aufgelöst hat. Aber auch Cult of Luna und Rosetta findet man hier, auch Callisto gehören hier hinein.

Das Cover des aktuellen We Lost The Sea-Albums "The Quietest Place on Earth"

Das Cover des aktuellen We Lost The Sea-Albums “The Quietest Place on Earth”

We Lost The Sea: Newcomer-Post-Metal erster Klasse

Vor einiger Zeit war ich mit meiner Kollegin Jasmin Vettel auf einem Konzert von Cult of Luna, die als Vorbands The Ocean und die australische Sludge-Band Lo! engagiert haben und traf durch Zufall den Gitarristen der australischen Post-Metal-Band We Lost The Sea. Und was diese Band spielt, ist wundervoller Post-Metal mit Anleihen aus dem Post-Rock, der nicht nur erstklassig klingt, sondern auch so abwechslungsreich ist, dass selbst The Ocean zumindest Konkurrenz bekommen.

Bereits eine Tour mit Rosetta

Vergangenes Jahr veröffentlichte die Band ihr Album “The Quietest Place on Earth”, das mit nur sieben Songs eine ganze Stunde füllt. Das Plattencover (siehe oben rechts) präsentiert sich in einem Blau-Schwarz-Verlauf, der an den Ozean erinnert, der Australien umgibt. Aber durch einen Astronauten erinnert das Plattencover auch an das Weltall. Beides sind riesige Seen, die die Menschheit noch nie wirklich besessen hat – Interpretationsspielraum genug für wache Geister also.

Der Introsong “A Quiet Place” beginnt mit einem eher nach Post-Rock klingenden Part; also mit stark halliger Gitarre und einem breiten, atmosphärischen Klangbild. Spätestens zu Barkhan Charge, dem zweiten Song des Albums aber eröffnet sich die volle Kraft des Post-Metals auf dem Album und man findet Verbindungen zu Isis. We Lost the Sea klingen nicht so rauh wie Isis, aber der Einschlag ist definitiv zu hören.

“With Grace”, der dritte Song des Albums, vermischt die Genres Post-Rock und Post-Metal in einem 16-Minütigen Stück, das in seinen harten Parts die Shouts des Sängers Chris Torpy so in dem Gesamtmix versteckt, dass es an Rosettas “A Determinism of Morality” erinnert. Was übrigens kein Zufall ist: We Lost The Sea haben 2010 Rosetta als Support auf einer Australien-Tour unterstützt.

Musik zum Träumen: Forgotten People

Im Anschluss daran steht der Song “Forgotten People”, der als ein enormer Gegensatz zum Rest des Albums mit einem starken Pianoeinschlag daher kommt und als einziger Song eine weibliche Gastsängerin präsentiert, die dem sonst sehr schwer melancholischen Album einen schwebenden Einschlag gibt.

Nach dem kurzen Intermezzo “Nuclear City” folgt dann der Doppelsong “A Day of Night and Misfortune”, aufgeteilt in die Parts “Day” und “Night”. Dessen Day-Part steigt direkt sehr hart ein und stimmt auf ein hartes, geshoutetes Outro ein, das allerdings in weiten Teilen unerwartet post-rockig wird und – wie der gesamte Rest des Albums – auch eher träumerisch denn shoutlastig erscheint. Das Ende zieht wiederum an und der zweite Part ist in weiten Teilen ebenfalls extrem hart, mündet allerdings erneut in ein Post-Rock-Outro mit einem Monolog im Hintergrund, der in monotonem Rauschen endet.

Fazit

Alles in Allem ist das Album sehr kurzweilig und abwechslungsreich, was We Lost The Sea zu einer qualitativen Größe macht, die sich vor etablierten Bands wie Isis, The Ocean, Rosetta oder Cult of Luna nicht zu verstecken braucht. Das Album ist tiefgängig und gehaltvoll, gleichzeitig aber auch äußerst melancholisch und düster. Doch es wirkt nicht aufgesetzt, die Songs gehen natürlich ineinander über und schaffen so eine Atmosphäre, die ich seit Isis nicht mehr erlebt habe. Ein definitiv im Sinne des Wortes “merk-würdiges” Album, das man gehört haben sollte. Die Songs gibt es übrigens auch auf Bandcamp, sodass man sich dieses Album auch in voller Länge und Qualität anhören kann und nicht auf eventuelle YouTube-Allüren trifft.

Songlist und Anspieltipps:

  1. A Quiet Place
  2. Barkhan Charge
  3. With Grace
  4. Forgotten People
  5. Nuclear City
  6. A Day and Night of Misfortune I (Day)
  7. A Day and Night of Misfortune II (Night)

Dieser Artikel erschien erstmals auf www.radio96acht.de


Mrz 29 2013

En Åpenbaring: Das neue Kvelertak-Album Meir

Hendrik Erz

Die Rückkopplung einer heftig verzerrten E-Gitarre – das ist der erste Ton, den Kvelertak seit fast zwei Jahren von sich hören lassen. Das Intro Åpenbaring, zu Deutsch “Offenbarung”, des neuen, zweiten Albums von Kvelertak geht zwar nicht sofort in die Vollen, wie es noch auf dem Debutalbum der Fall war, aber es lässt keinen Zweifel: das sind die Norweger, die wir kennen.

Insgesamt wirkt Meir gesetzter als das Debut, die Songs gehen weitaus besser ineinander über und sie wirken nicht mehr so schroff. Vielleicht war es genau das, was Kvelertak bislang ausgemacht hat – dennoch ist Meir nicht zu unterschätzen.

Kvelertak - Meir

Die neue Kvelertak-Platte. Das Artwork stammt von Baroness-Frontmann John Baizley (Foto © Hendrik Erz)

Ein Haufen echter Rockstars

Kvelertak, was zu Deutsch “Würgegriff” heißt, wurde 2006 im norwegischen Stavanger von Sänger Erlend Hjelvik und Gitarristen Bjarte Lund Rolland gegründet. Nach einem kurzen Mailverkehr entstand eine Band, die laut Gitarrist Maciek Ofstad im Interview noch mehr schlecht als recht war. Es fanden viele Wechsel statt – besonders zwischen den Instrumenten. Beispielsweise stand Vidar Landa zunächst am Bass, bevor er an die Gitarre wechselte.

Seit Mitte 2009 ist das Band-Lineup unverändert mit Erlend Hjelvik am Gesang, Vidar Landa, Bjarte Lund Rolland und Maciek Ofstad an den Gitarren, Marvin Nygaard am Bass und Kjetil Germundrød am Schlagzeug. Noch ein Grund für den schroffen Sound des Sextetts sind also auch drei Gitarren. Ursprünglich sollten es sogar vier werden.

Version 2.0 des Death’n'Roll

Meir diente in erster Linie dazu, technisch besser zu werden, wie Sänger Erlend Hjelvik und Vidar Landa in einem Interview mit RoadRunner UK sagten. Und das ist definitiv auch gelungen – die Musik ist melodischer, es gibt weniger Brüche und die Harmonien (weswegen live auch drei Gitarren benötigt werden) sind geschliffener.

Die Musik wird meistens als Death’n'Roll eingestuft, auf Meir speist sie sich aus den Genres Black Metal, Punk – aber eben auch Rock’n'Roll. Man kann hier schnell Parallelen zu Turbonegro und Skambankt ziehen, die ähnliche Musik machen. Skambankt kommen ebenfalls aus Stavanger.

Auf Meir werden viele Elemente von Kvelertak beibehalten – harte Gitarrensounds, Melodien, der für Erlend typische Schreigesang, irgendein Mittelding zwischen Shouts und Growls, und die Grooves. Neu hinzugekommen sind Elemente wie Akustikgitarrenintros (Evig Vandrar, Bruane Brenn und Snilepisk) und zutiefst “Heavy Metallige”, wenngleich auch kurze Soli (Månelyst, Kvelertak).

Lyrics zwischen Apokalypse und Party

Dass sich die Sechs selber nicht so ganz ernst nehmen, zeigen alleine die Lyrics. Maciek selber sagte im Interview, das Album handle von Realitätsflucht, Verdammung und der Apokalypse – aber es gebe auch Partylieder. Insgesamt schwankt also die lyrische Qualität zwischen Party und Löchern im Kopf. Löcher im Kopf? Ohja.

Song 3, Trepan, handelt von eben diesem Gerät – einem Trepan – mit dem man in früheren Tagen Löcher in Köpfe bohrte, um böse Geister freizulassen. Das Video zu Månelyst ist dagegen eine Hommage an alle Horror- und Splatterfilme der Welt. Der Regisseur Fredrik Hana hat dabei im Video nichts ausgelassen – von angezündeten Menschen über Zombies bis hin zu Werwölfen. Zu meiner persönlichen Freude scheinen die Werwolf-Szenen der britischen Serie Being Human entnommen zu sein.

Song 4, Bruane Brenn, wiederum ist reine Partyhymne. Um es mit Macieks Worten auszudrücken: “The song is about never going back; being your own master; running with horses.” Also Rock in Reinform. Das Album schwankt zwischen lyrischen Höhen und Tiefen des Lebens – nur die Musik ist und bleibt tanzbar.

Neun Minuten Progressive Rock vor dem Finale

Eine Besonderheit ist im Album Tordenbrak. Der Song wurde zum Großteil von Drummer Kjetil Germundrød geschrieben und fällt durch seine für Kvelertak höchst ungewöhnliche Länge von fast 9 Minuten auf. Er ist eher progressiv angelegt und bietet einen Einblick in den Sound, der herauskommt, wenn Kvelertak experimentell werden.

Das Finale bietet dann der selbstbetitelte Song Kvelertak am Ende der Platte. Alleine der Beginn klingt schon wie das perfekte Outro – rückkoppelnde Gitarren und ein treibender Schlagzeugbeat leiten eine straighte Rockhymne ein, in der dann auch tatsächlich ein bisschen Stadiongesang vorkommt. Und als wäre das nicht genug, klingt die Bridge fast wie Highway To Hell auf Norwegisch.

Mit ein paar Wiederholungen des Hauptriffs verabschieden sich Kvelertak dann vom Album und man bleibt mit dem Gefühl zurück, etwas “Ganzes” gehört zu haben.

Fazit: eine gelungene Nummer Zwei

Meir steht dem Debut in Nichts nach. Es verbessert Ungeschliffenheiten, ist technisch anspruchsvoller, bleibt dabei aber immer noch tanzbar. Es wirkt nicht aufgesetzt, sondern natürlich und wie aus einem Guss. Obwohl auf dem Album vermutlich kein Lied an Blodtørst herankommen dürfte, bleiben Kvelertak sich treu und natürlich rock’n'rollig.

Tracklisting und Anspieltipps:

  1. Åpenbaring (Offenbarung)
  2. Spring Fra Livet (Lebenssprung)
  3. Trepan (Schädelbohrer)
  4. Bruane Brenn (Brennende Brücken)
  5. Evig Vandrar (Ewiger Wanderer)
  6. Snilepisk (Peitsche des Tyrannen)
  7. Månelyst (Mondschein)
  8. Nekrokosmos (in etwa “Toter Raum” oder “Totenraum”)
  9. Undertro (in etwa das Gegenteil von Aberglaube)
  10. Tordenbrak (Donnerkrachen)
  11. Kvelertak (Würgegriff)

Okt 13 2012

Ein Plädoyer für eine neue Musikkultur

Hendrik Erz

Wer die aktuelle Debatte um das Urheberrecht verpasst hat, schafft es wirklich effizient, sich dem Medienmoloch der Moderne zu entziehen. Denn sie wird schon seit Monaten äußerst emotional aufgeladen geführt – und zwar genau über das Medium, das diese Empörung überhaupt erst ausgelöst hat: das Internet.

Was mit der Einführung des Personalcomputers vor ein paar Jahrzehnten begann, wuchs sich spätestens seit der flächendeckenden Internetanbindung der Welt zu einem Problem aus. Plötzlich konnte man Tonträger nicht nur wie eine Ware handeln, sondern man konnte sie reproduzieren, fast wie die Speisegeneratoren auf dem Raumschiff Enterprise. Diese Möglichkeit hat eine ganze Industrie aus den Fugen gehoben. Und nun bekriegen sich zwei Fronten seit Monaten und drehen sich im Kreis. Die Urheberrechtsverteidiger auf der einen Seite fordern ein striktes Verbot von „Internet-Piraterie“ und eine stärkere Ahndung seitens des Gesetzgebers. Denn der schaltet sich momentan nur dann ein, wenn es tatsächlich zu einem Prozess kommt – die meisten Urheberrechtsverletzer, die von darauf spezialisierten Anwaltskanzleien abgemahnt werden, fügen sich ihrem Schicksal. Auf der anderen Seite stehen die, die das Urheberrecht für überflüssig halten. Sie wollen Downloads legalisieren und bieten im Gegenzug Dinge wie die Kulturflatrate an.

Seien wir ehrlich: Im Prinzip haben beide Parteien genauso Recht wie Unrecht. Das Urheberrecht ist schlicht und ergreifend veraltet und bedarf einer vollständigen Reform. Die Alternative wäre, das Internet komplett abzuschalten. Gleichzeitig sind Vorschläge wie eine Kulturflatrate oder das bedingungslose Grundeinkommen zwar schön, aber auch genauso utopisch.

Wie der deutsche Psychologe Peter Kruse bereits auf der re:publica 2010, also lange vor dem offenen Ausbruch dieser Debatte, feststellte, sind Diskussionen über das Internet müßig. Letztlich möchten sich die Befürworter des Urheberrechtes, so wie es jetzt besteht, nicht an ein neues System gewöhnen müssen und die Gegner des Urheberrechts möchten die Möglichkeiten des Internets nicht künstlich beschränken und sehen es nicht ein, für eine materiell de facto nicht existente Ware zu zahlen. Was in der Debatte fehlt, sind mäßigende Stimmen, die realistische Forderungen stellen.

Als jemand, der sowohl den Musikbetrieb als auch die Nutzerseite kennt, weiß ich um die Unvereinbarkeit beider Positionen. Aber sehen wir der Realität ins Auge: Illegale Downloads werden immer mehr zunehmen und das Urheberrecht kann so nicht bestehen bleiben. Was wir brauchen, ist eine völlig neue Art, mit Musik umzugehen. Wir müssen wieder lernen, Musik als das zu schätzen, was es ist: Eine nicht reproduzierbare Momentaufnahme von Kunst. Genauso, wie man einen echten Monet niemals reproduzieren wollen würde (Möglichkeiten des detailgetreuen Nachbaus gibt es zuhauf) kann man auch ein Konzert nie reproduzieren. Ob von einem klassischen Orchester oder von einer Pop-Ikone, ob von Nickelback oder Her Name Is Calla – zur Musik gehört nicht nur die Musik, sondern auch diejenigen, die sie aufführen. Selbst bei elektronischer Musik gibt es einen Unterschied darin, ob man den aktuellen Hit von Parov Stelar live oder als Studioversion hört. Es ist einfach die Atmosphäre, in der man sich befindet.

Die Nutzer werden sich Songs nur kaufen, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Für 99 Cent hat man sich schnell einen Song heruntergeladen, es kommt einem nicht so viel vor, man hat offenbar wenig gegeben und viel (Abmahnsicherheit) bekommen. Doch es reißt diesen Song aus dem Gesamtzusammenhang eines Albums. Und irgendwann ist auch der tot gehört. Spätestens, wenn Apple es Bruce Willis verbietet, seine iTunes-Datenbank, die sicherlich mehrere hundert Euro gekostet hat, zu vererben, merkt man, dass da etwas nicht stimmen kann. Man hat hunderte von Euro ausgegeben für etwas, das nach dem eigenen Tod verlischt, obwohl es nicht verlöschen müsste.

Mit Konzerten ist das genauso, nur akzeptiert. Man weiß um die Vergänglichkeit, so etwas kann man nicht vererben. Für Konzerte ist man im gleichen Zug aber auch bereit, mehr als für ein einzelnes Album auszugeben. Ausverkaufte Stadien beweisen, dass sogar über 100€ pro Ticket für jemanden wie Rammstein nicht zuviel verlangt sind. Aber um einen Künstler zu mögen, muss man sich dessen Musik vorher anhören. Zum Beispiel als MP3. Und woher hat man die MP3? Entweder von Freunden, von Youtube oder von der Pirate Bay. Denn: würden Sie einfach in den Plattenladen gehen und sich eine CD für 17€ kaufen, ohne dass Ihnen mindestens ein guter Freund die Platte ans Herz gelegt hat? Sicher nicht. Und das Radio spielt auch nur die obersten Plätze der Charts sowie Dauerbrenner. Das meiste an Musik geht unter. Meine ersten musikalischen Erfahrungen waren gebrannte CDs von Freunden, meine erste selbst gekaufte CD war von Orange Blue, deren Song „Can Somebody Tell Me Who I Am“ das Titellied von Disney’s „Dinosaurier“ war. Wäre ich nicht in den Film gegangen, hätte ich mir die CD nicht gekauft.

Das Internet ist also kein Verkaufshemmer, sondern eher eine riesige Fame-Maschine. Unbekannte Künstler können durch (illegale) Downloads ihrer Musik eine Internet-Fangemeinde aufbauen – irgendwann auch in der Heimatstadt der Band, wo die Konzerte immer besser besucht werden. Und dann kaufen sich auch mehr Konzertbesucher die CD, weil sie die eben wertvoll finden.

Doch weil zu einer Schlichtung eines Konfliktes eben immer zwei gehören, richtet sich ein anderer Appell auch an die Künstler selber: Kunst darf nicht zu Selbstzweck verkommen. Kunst sollte, wenn man einen gewissen Anspruch hat, nicht zu einer Arbeit werden, sondern einen höheren Zweck erfüllen, brotlos sein. Das System der letzten Jahre, zu dem auch die Majorlabels und eine gewaltige Industrie gehört, hat den Musiker eben wieder zu so etwas gemacht, was damals Mozart und Co. waren: Hofkapellmeister, die für reiche Gönner Musik schrieben. Nur fängt man heute an, ungebetene Zuhörer, die außen an der Wand des Konzertsaals stehen, wegzujagen, weil sie kostenlos einen Bruchteil der Atmosphäre einfangen wollen.


Aug 16 2012

Musik als Selbstoffenbarung?

Hendrik Erz

Ich weiß nicht, ob ihr irgendwelche Musiker im Freundeskreis habt. Oder vielleicht seid ihr auch selber welche. Es gibt ja, besonders in den eher in Richtung Underground gehenden musikalischen Szenen vielfach den Vorwurf an Pop, Charts und Indie/”Standard”-Rock, sie seien zu langweilig, kauten immer dieselben Themen durch, etc. Ich denke, ihr kennt das selber zur Genüge.

Interessant fand ich diesen Artikel, in dem sinngemäß steht, dass die Themen, die in Chartsongs vielfach verarbeitet werden, die Leiden der ganzen Generation wiederspiegeln. Das heißt, dass sich die besungenen Themen genau damit befassen, was für Probleme Mensch so hat und diesen ansprechen. (Und dass diese Themen und Leiden in den letzten Jahren immer negativer zu werden scheinen.)

Ich kenne jemanden, der das genauso handhabt, und im Prinzip kann ich ihn auch verstehen. Chart-Themen und die typische Easy-Listening-Musik sind nun einmal zum Großteil ein Haufen Schrott. Zumindest für Menschen, die Musik als einhundertprozentige Kunst verstehen wollen, und auf gewisse wirtschaftliche Simplifizierungen (z.B. das genretypische Format von Vers-Chorus-Vers-Chorus-Bridge-Chorus) allergisch reagieren.

Aber letztlich ist es egal, ob Carly Rae Jaspen “Call me maybe” oder David Gilmour “Wish You Were Here” singt – in jedem Fall ist es irgendwo eine Art musikalischer Selbstoffenbarung. Anderes Beispiel: Adele. Das meiner Meinung nach ziemlich gute Album “21″ hat sie auch basierend auf vielen eigenen Erlebnissen geschrieben. Aber es ist schwer, sich einzugestehen, dass Kunst eben nicht für den Zuschauer/-hörer gemacht wird, sondern für den Künstler selber. Wenn es – in meinem kleinen Weltbild – “echte” Kunst ist. Und genau da ist denke ich der Knackpunkt für viele “Besserhörer”: Einfach zu akzeptieren, dass Musik ihnen nun entweder gefällt, oder eben nicht, aber alles irgendwo Kunst ist und es nicht auf Technik ankommt, wenn sie (für den Hörer) nicht hineinpasst.

Aber diese Erkenntnis hat man wohl erst, wenn man selber sich in den vermeintlichen “Mainstream” stürzt und einfach mal vier Akkorde zur Hand nimmt und einen Songtext über ein noch frisches Ereignis schreibt. Dass dann meist so Sachen wie Liebe oder Freundschaft bei rumkommen, liegt einfach daran, dass empirisch belegbare Sachen wie die letzte Rechnung wohl nicht gerade das Belohnungszentrum anwerfen dürften. So wie mir nämlich vor Kurzem passiert, als ich einfach einen hasserfüllten Text nach einem heftigen, privaten Rückschlag verfasst habe.

Und so trägt man, völlig ohne es zu kritisieren, das Innerste eines selbst nach außen und präsentiert es als Musiker der Welt. Völlig ohne Scham, sondern sogar noch mit Stolz. Und nach dieser Erkenntnis umtreibt mich der Gedanke, wieso wir immer mehr dagegen hetzen, dass unser Privates von Facebook auch in die Öffentlichkeit getragen wird, was wir da so schreiben und denken. Aber nicht jeder ist ja Musiker. Vielleicht sind Musiker auch einfach die Verdammten dieser Erde, dazu auserkoren, anderen Leuten der gedankliche Spiegel zu sein, der ihnen sagt, wie sie sich fühlen.


Apr 21 2012

“Dieser Tweet ist in deinem Land leider nicht verfügbar.”

Hendrik Erz

Da will man nur ein paar schöne Tage im sonnigen Berlin verbringen, sich etwas von den “Strapazen” im Studium erholen und und morgens einmal seine Feeds-Überprüfen, damit man noch ein bisschen mitbekommt, was so los ist, auf der Welt, und dann lächelt mich schon gleich wieder sowas hier an: Urteil im Gema-Streit: YouTube muss alle neuen Uploads prüfen. Und jetzt ist mir jegliche Lust an Musik machen erneut auf unbestimmte Zeit vergangen. Und meine Unlust wird noch dadurch verstärkt, dass das Desertfest, das ich derzeit besuche, im Prinzip die Anwendung eines neuen, weitaus besseren Systems als dem der Gema, darstellt.

Auf dem Desertfest treten viele Bands aus aller Herren Länder auf, die weder Mitglied bei der Gema sind, noch teilweise überhaupt einem Label unterstellt sind. Das funktioniert – viele Bands kommen sogar lieber nach Deutschland, weil man hier noch eine teilweise größere Fanbase haben kann, als in z.B. Amerika. Nach einem Konzert in Krefeld flüsterte mir der Sänger der “Master Musicians of Bukkake” (An alle zart besaiteten Seelen da draußen: Schlagt bitte nicht den Begriff “Bukkake” nach) beispielsweise zu, dass man in Amerika weitaus schlechter touren könne, als in Deutschland. In den USA nämlich haben viele Clubs gewisse “Stammbands”, die dort stets auftreten und nur wenige Clubs und Bars bieten unbekannten Künstlern eine Bühne. Doch in Deutschland könne man im Gegensatz dazu weitaus freier auftreten und die Spritkosten seien nicht so teuer wie in den USA (was mich am allermeisten erstaunt hat, obwohl die Distanzen, die bei uns weit kürzer sind, das vielleicht sogar echt schon wett machen könnten).

Jedenfalls funktioniert diese Art von Musik. Auf YouTube sind fast keine Videos der Interpreten gesperrt, die ich mittlerweile gerne höre. Und ganz offen gesagt, ich würde weitaus mehr “mainstreamige” Musik hören, wenn ich nicht ständig Angst davor hätte, dass man mir wegen der rechtlich gräulichen Zone ans Leder könnte. Und ganz nebenbei sind mir 20€ für eine mittelmäßige CD zu teuer. Das das günstiger geht, zeigen volle Alben von “Underground”-Bands zum Preis von vielleicht 7€. Aber da steht ja auch keine Gema oder auch kein teures Label hinter, die viel Geld damit machen wollen. Das bedeutet: Viel neue Musik, dank dem Internet findet man diese auch, keine Sperrungen von Videos auf Youtube, günstige Preise und die Künstler können trotzdem davon leben.

Und, um das ganze mal mit den Worten unserer Politiker zu sagen: Man möchte sich doch für einen freien Wettbewerb einsetzen, richtig? Freie Marktwirtschaft ist schließlich besser als Planwirtschaft, das hat nicht zuletzt der Zusammenbruch der Sowjetunion gezeigt. Doch die Gema, bzw. die rechtliche Legitimation von dieser, sorgt dafür, dass Musik massiv subventioniert wird, dass hier eine unheimlich starke Wettbewerbsverzerrung einsetzt zugunsten Musik, die von wenigen Planern als “richtig” definiert wird und nicht von den Hörern. Außerdem: Die Charts werden anhand der Verkaufszahlen bestimmt, und nicht anhand der Hörerzahlen.

Aber was rege ich mich denn noch auf, solange die Gema überhaupt noch ihre gesetzliche Legitimation hat, bringt so etwas eh nichts. Immerhin aber regen sich die Internetnutzer immer weiter auf, wie zu sehen am Titel, den ich in letzter Zeit erstaunlich oft sehe. Erfreulich :)


Dez 25 2011

Über die Vetternwirtschaft

Hendrik Erz

Vetternwirtschaft ist etwas fieses. In früheren Jahrhunderten gelobt und häufig praktiziert, hat es sich heute teilweise zu unglaublichen Ausmaßen geweitet und bedroht nun – als eine von vielen Ursachen – sogar den Euro in seiner Konsistenz. Es gibt da ein sehr anekdotisches Beispiel zu; eine Geschichte, die bereits vor mehr als zwei Jahren (so um den Dreh, vermute ich) im SPIEGEL stand. Eine Geschichte von kretischen Schafsbauern, die, als die EU-Kontrolleure zum Schäfchenzählen anrückten, ihre Herden kurzerhand zu einer großen Herde pferchten und diese des Nachts von Hof zu Hof trieben, und den EU-Kontrolleuren plus/minus ein paar Schafen immer wieder dieselbe, viel zu große Menge an Schafen zu präsentieren. Die Folge ist klar: Unmengen an Subventionen, mit denen sich dann auch die Familien von Freunden ein gutes Leben machen konnten. Das ist der wirtschaftliche Blickwinkel, der Vetternwirtschaft – sofern die anderen es tun – schadhaft findet. Die Liberalen würden hier anführen, dass Vetternwirtschaft Marktverzerrend ist und in die Freiheit eines jeden, durch eigene Arbeit reich zu werden, unterminieren würde. Die Sozialisten wiederum fänden Vetternwirtschaft toll, ist ja kommunistisch.

Und ich? Nunja, Vetternwirtschaft ist – vom bürgerlichen Standpunkt – durchaus etwas praktisches: Man gibt Freunden Leistungen, die man selber gewerblich anbietet, umsonst oder zu einem Freundschaftspreis und bekommt irgendwann von diesen Freunden eine Gegenleistung, die sich in etwa aufwiegt. Im Prinzip ist das eigentlich nicht marktzersetzend, zumindest, wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch auf diesem Planeten eine ähnliche Menge an Bekannten hat, die eine ähnliche Menge an Leistungen für lau vergeben kann. Noch praktischer wird Vetternwirtschaft, wenn man – wie bei den kretischen Schafsbauern – gegenseitig dieselbe Leistung erbringt, und diese dann summiert für alle Beteiligten sogar noch mehr heraus springen lässt. Deswegen gibt es auch unter Mafiosi nicht ständig Bandenkriege, vielmehr wäscht hier eine Hand die andere.

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Es gibt eine Band mit Namen Road To. Diese Band macht, wie zu vermuten ist, Musik und sucht mit dieser Musik auch – ganz marktorientiert – ein größeres Publikum, versucht also, mit Werbung und Marketing die eigene Musik immer weiter zu verbreiten, bis man davon vielleicht sogar leben kann. Der typische Traum eines Rockstars eben. Beziehungsweise Popstars, wie es bei Road To wohl eher passt. Wer könnte denn schon nein sagen, wenn eine Band, die wirklich gute Musik macht, versucht, sich über Beziehungen zu mächtigen Freunden weiter nach oben zu schlagen? Das schadet ja niemandem, es hilft nur. Besonders, wenn sie eine befreundete Band kennt, die ihrerseits Musik macht und damit ebenso ein immer größeres Publikum anzusprechen versucht.

Nennen wir jetzt einmal einen der kretischen Schafsbauern Road To, und einen weiteren Rapa Nuts (das ist der Name der befreundeten Band von Road To). Die Fans der beiden sind nun die Schafe. Und nun stellen wir uns einmal die EU vor, in Form z.B. von einem Wettbewerbskontrolleur. Als Beispiel könnten wir hier die Aufpasser des Köstritzer Echolot nennen, die dafür Sorge tragen, dass keine Fake-Accounts entstehen und jeder User nur eine bestimmte Anzahl von Punkten pro Band vergeben kann (ich meine, es wären 18 gewesen). Der Köstritzer Echolot, der als Belohnung der Siegerband einen Auftritt auf der Aftershow-Party der 2012er Echo-Verleihung und damit einen riesigen Batzen an Aufmerksamkeit verspricht, ist hier die Subvention.

Nun werden die beiden Bauern Road To und Rapa Nuts also versuchen, beide diesen Köstritzer-Echolot zu gewinnen und ihre Schäfchen, die Fans, dazu bewegen, für beide Bands zu voten, denn es bringt mehr Chancen auf den Sieg, wenn beide Fans für beide Bands voten, als dass sich die befreundeten Bands hier bekriegen. Das könnte in einem Auswahlkonzert genauso gut geschehen, wenn beide weiter kommen sollten. Vetternwirtschaft brächte hier deswegen viel und schadete kein kleines bisschen, weil es ja nur eine Subvention geben kann, d.h. man lässt die EU Schäfchen zählen, und wer die meisten hatte, bekommt die Subvention. Das ist nicht marktzersetzend.

Und wie ihr vielleicht mitbekommen habt, spiele ich in der Band Rapa Nuts und hoffe meinerseits also darauf, dass Road To für meine Band ihre Schäfchen mobilisiert, damit wir beide möglichst in die zweite Runde kommen. Da ich fair bin, verlinke ich hier aber nur für Road To für die 10 Punkte, und nicht für mich selber :)

Also los, meine Schäfchen! Votet!

Hier geht’s zum Bewerbungsprofil von Road To auf der Köstritzer-Seite!


Nov 9 2011

Ein Ende mit Ansage

Hendrik Erz

Lange wurde schon spekuliert – jetzt ist es endlich offiziell: Das Rheinkultur-Festival wird es nicht mehr geben. Nachdem die Finanzen schon seit Jahren auf wackeligen Beinen standen, erklärten die Veranstalter am 09.11.2011 in einem langen Abschiedsbrief ihre Entscheidung, die sie zutiefst bedauern. Dort heißt es: “Wir sind RhEINKULTURisten aus Überzeugung und von Herzen. Eine drei Jahrzehnte dauernde Festivaltradition zu beenden, ist für uns kein einfacher Schritt und emotional sehr bewegend.

Doch nicht nur die finanzielle Situation war ausschlaggebend für das Ende des Festivals. Viele weitere Gründe werden in dem langen Dokument genannt, unter anderem wachsender Stress und gesellschaftliche Veränderungen. Man will sofort Vermutungen über eine Pleite des Unternehmens Rheinkultur GmbH zerstreuen, und löse sich “in einer ausgeglichenen finanziellen Situation” auf. Doch die Anerkennung seitens der Stadt Bonn sei zu gering gewesen, als dass es den Aufwand noch wert gewesen wäre. Man habe sich “gerne mit der Veranstaltung (wie bspw. im Imagefilm der Stadt)” präsentiert. “Konkrete Handlungen und Verbesserungen sind hingegen äußerst rar gesät.”

Außerdem habe man bei der Stadt “mit zweierlei Maß” gemessen, habe andere öffentliche Veranstaltungen (vermutlich u.A. eine Anspielung auch auf den NRW-Tag) bevorzugt und der Rheinkultur GmbH zu strikte Vorgaben gemacht, wie das Event auszusehen habe. Auch dadurch wurde die Differenz zwischen “getragener Verantwortung … und dem persönlichen Resultat” unrentabel.

Doch auch die “gesellschaftlichen Veränderungen”, wie es die Veranstalter nett ausdrücken, scheinen dem Orga-Team stark zugesetzt zu haben: Stark alkoholisierte Jugendliche und Vandalismus haben in den Augen der Veranstalter dieses Jahr für viel Ärger gesorgt. Konkret spricht man hier eine Brandstiftung in der Nacht vor dem diesjährigen Festival an.

Und nun? Nach 29 Jahren geht das wohl größte eintrittsfreie Event Europas in die Knie, das jedes Jahr Hunderttausende Besucher in die Rheinauen in Bonn gelockt hat. Das ist gut für die Wiesen dort, aber schlecht für das Image von Bonn, für viele Menschen, die es schätzten, jedes Jahr ein paar ihrer Lieblingsbands für lau zu sehen und nicht zuletzt auch für die Bands selber. Als ein Festival, auf dem auch oft genug Newcomer spielen konnten (Und dadurch auch viele Zuschauer hatten) wird es nun wieder schwieriger für Nachwuchsbands, Fans zu finden. Natürlich gibt es noch Bochum und Essen Total, Olgas Rock und diverse andere, kleine Festivals in NRW, aber es ist eben nicht das Rheinkultur.

Ich persönlich finde es außerordentlich schade, dass das Festival nun aus ist, hatte ich doch das Glück, auf dem allerletzten Rheinkultur dieses Jahr dabei zu sein. Zumal ich jetzt auch in Bonn wohne und eine so schön kurze Strecke bis dorthin habe =D

Wie dem auch sei, ich möchte noch einmal kurz auf ein Argument, nämlich das der mangelnden Anerkennung durch die Stadt Bonn, eingehen. Man sieht es häufig, dass seitens einer Stadt für ein “jüngeres” Publikum nur wenig Raum gemacht wird. Viele Events, die besonders eben die jüngeren Menschen von 14 bis 20 Jahren angesprochen haben, werden entweder mit zu strikten Auflagen versehen (Das Rage Against Racism 2011 in Duisburg wurde dieses Jahr wegen verschärfter Auflagen aufgrund des Love-Parade-Unglücks abgesagt) oder gar nicht erst zugelassen. Genehmigungen sind etwas feines – wenn man sie denn bekommt. Hier in Bonn beobachte ich das jetzt schon seit einiger Zeit (Und ich wohne erst seit September hier!): Viele Veranstaltungen werden auf die Plätze in der Innenstadt gelegt und es findet sich fast immer das gleiche Angebot – immer werden entweder Menschen ab 40 oder gleich ganze Familien angesprochen. Alles dazwischen wird rigoros ignoriert.

Das finde ich persönlich schade. Doch wie es der Zufall so will: Ich mag das Internet und ich mag die Internetgemeinde! Auch wenn die eigentliche Rheinkultur GmbH es nicht geschafft hat: ein paar findige Menschen nutzen dann sogar noch am gleichen Tag das Internet und verbreiten ein Ersatz-Event, zu dem möglichst viele Menschen zusagen sollen und das dann quasi noch freier organisiert wird. Und wer weiß – wenn es genügend positives Feedback gibt und die Initiatoren dieses Facebook-Events ein wenig Ahnung von Planung haben, dann könnte es vielleicht sein, dass daraus wieder ein kleines Mini-Festival erwächst.

Alleine die Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich um solche Nachrichten kümmern und Ersatz bieten wollen, zeigt mir, dass das deutsche Volk doch nicht so resignativ ist, wie es besonders bei den Wahlen scheint und wenn es funktioniert, wird es zeigen, dass Politik zumindest auf kommunaler Ebene sogar noch recht “einfach” mit zu bestimmen ist. Ich hoffe das Beste für dieses Event – einen Versuch ist es wert :)

Ansonsten bleibt mir nur noch eines zu sagen: Goodbye, Rheinkultur!


Nov 9 2011

[ B O L T ]

Hendrik Erz

[ B O L T ] -

1.) [ 0 8 ] – 04:53
2.) [ 0 1 ] – 11:45
3.) [ 0 7 ] – 09:36
4.) [ 0 4 ] – 12:58
5.) [ 0 5 ] – 11:59

[ B O L T ] auf Bandcamp

 

 

 

 

[ 0 8 ]

Ein Laubwald, irgendwo in Deutschland. Es ist Sommer, ein warmer Tag. Das Laub der Bäume rauscht im Wind, Vögel zwitschern. Man schweift mit den Gedanken ab, bewegt sich in diesem Wald. Dann, plötzlich: Ein merkwürdig mechanisch klingendes Geräusch – und eine Gitarre setzt ein, ihr metallischer Klang zerstört dieses Bild. Auf einmal wirkt der Wald, wie er nicht wirken sollte: Kalt und leer. Als dann noch ein verzerrter Bass einsetzt, ist das Klangbild perfekt.

So in etwa beginnt das Album “-” von [ B O L T ], der Band ohne Namen. Die Band, deren Name eigentlich eher aussieht wie ein Zensiert-Streifen aus dem Fernsehen. Doch wer ist das? Wer steckt hinter dem Zensiertstreifen? [ B O L T ] ist eine Band, bestehend aus zwei Bassisten mitten aus dem Ruhrpott – aus Bochum, genauer gesagt. Und sie machen Drone. Ganz viel Drone. Zwar nicht so viel, wie Sunn O))), aber es reicht für die Atmosphäre. Die düstere, mechanische Musik, die klingt wie eine Höllenmaschine bei der Arbeit, erfüllt jedenfalls vollendst ihren Zweck.

[ 0 1 ]

Ich muss zugeben: Leicht ist diese Musik nicht. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil – ich denke, dass sie eher im Erbe von The Angelic Process steht, einer wundervollen Drone-Band, bestehend aus auch nur zwei Personen (Sogar ein Ehepaar – ach, wie romantisch :), deren volle Wirkung sich erst entfaltete, wenn man seinen Raum in einen Tempel verwandelt hatte: Abends, ein paar Kerzen im Raum verteilt, Räucherstäbchen und eine Kanne mit dampfendem, grünen Tee. Und dazu: The Angelic Process. Leider verstarb er bereits nach kurzer musikalischer Tätigkeit und ich bin der Überzeugung, dass dieses Projekt noch weitaus stärker geworden wäre mit ihm. Doch ich schweife ab.

Während sich der Rhythmus der Musik langsam, wie ein verletztes Tier durch den schmutzigen, abstrakten Wald zerrt, an allen Bäumen Blutspuren hinterlassend, entfaltet sich immer mehr Kraft aus der Musik. Gegen Ende des Parts dann setzt ein ungewohnt schneller Bass ein, der der Atmosphäre das Bedrohliche etwas nimmt und durch etwas eher “sanfteres” ersetzt. Aufatmen im Wald. Eine Verschnaufpause.

[ 0 7 ]

Szenenwechsel. Ein Raum. Metallische Wände, grünliches Licht. Beinahe wie in einem Horrorfilm. Auch aufgrund des Covers ist das vermutlich nicht ganz die Intention der beiden, doch der dritte Part der EP begrüßt mich quasi in einem Versuchskomplex der Umbrella Corporation. Langsam arbeitet sich das verletzte Wesen weiter vorwärts, versucht, einfach nur noch hier heraus zu kommen. Ein Albtraum.

Kennt ihr Amnesia: The Dark Descent? Oder die Penumbra-Serie? Dafür wäre “-” ein wunderbarer Soundtrack. Man erhält keinerlei Informationen. Steckt einfach nur mitten in einem unheimlichen, gruseligen Komplex, Angst beherrscht alles. Man weiß nicht, was hinter der nächsten Ecke lauert und will einfach nur noch rennen. Raus hier.

[ 0 4 ]

Und schon wieder ein Szenenwechsel. Diesmal ist das Ganze weitaus weniger bedrohlich, quasi viel mehr Ambient, als Drone. Dennoch erinnert auch dieser Teil von “-” an die ersten drei Parts. Das liegt zum einen an der immer noch gleich gebliebenen Grundstimmung, andererseits daran, dass uns auch hier wieder der mechanisch-verzerrte Bass begrüßt. Bis hierhin ist das ganze Album eine Freude für Menschen, die sich für tiefe Musik interessieren. Doch die ersten drei Titel waren noch gar nichts – im Vergleich zu dem, was hier noch kommt.

Während [ 0 8 ] ein sehr schönes Intro darstellt, muss ich jetzt, nach dem x-ten Mal Hören, eindeutig sagen, dass [ 0 1 ] und [ 0 7 ] nur Zwischenstücke sind. Auch wenn auch diese Parts ihren Zweck erfüllen, so reichen sie nicht an [ 0 4 ] und den letzten Part heran, die dem Album seine wirkliche Stärke geben.

[ 0 5 ]

Und hier kommt es: Der Teil des Albums, auf den ich mich immer öfter am meisten freue. Nicht, wegen der ersten 8 Minuten, die auch hier wieder sich ins Konzept des Albums einbinden und die Stimmung von [ 0 4 ] gut beibehalten. Nein, sondern wegen des wundervollsten Outros, das man hinter so eine EP hätte packen können. Ein leichtfüßiges Klavier, dazu kehrt endlich das Vogelzwitschern zurück, man sieht das Tageslicht, man ist endlich heraus aus dem dunklen Teil des Waldes, dem Versuchskomplex, den grünen Räumen und sieht den Himmel wieder. Man freut sich. Man lächelt. Und möchte am besten sofort anfangen, zu weinen, so schön ist dieses Outro :)

Doch ich werde sentimental. Nach viel zu vielen Worten (Die, zur besseren Erklärung, alle in Echtzeit mit dem Hören der EP geschrieben wurden) braucht es auch noch ein Fazit, um zu einem guten Review zu werden.

[ - ]

Die EP ohne Namen von der Band ohne Namen bleibt irgendwie auch ohne abschließende Worte. Da es Ambient/Drone ist, wirkt das Ganze wie eine Pille: Nachdem sie geschluckt ist, braucht sie ihre Zeit, um zu wirken. Das Album ist eine Einheit durch und durch. Vielleicht noch ein wenig leer, ein wenig unspektakulär, und man hätte besonders aus dem 2. und 3. Part noch viel mehr machen können, aber: Für eine erste EP einer Band, die im Prinzip viel mit Hilfsmitteln arbeiten muss, ist es schon hoch professionell. Nicht zu vergessen ist der kreativen Aspekt: Vollkommen ohne Bandnamen, volle Konzentration auf die Musik und dabei sogar der völlige Verzicht auf Schlagzeug und Perkussion – etwas Neues aus lauter bekannten Variablen.

Doch, [ B O L T ] haben großes Potenzial, es zu was zu bringen. Ich bleibe weiterhin gespannt auf das, was die Herren aus Bochum weiterhin bringen werden! Wer sich übrigens diese EP einmal in voller Länge und bester Qualität anhören möchte, dem sei die Bandcamp-Seite der Jungs ans Herz gelegt.

Very [ B O L T ], this shit!


Jun 6 2010

Pain of Salvation – Road Salt, One

Gastautor

Wir schreiben das Jahr 2010 und die Ausnahme-Schweden von Pain of Salvation veröffentlichen ihr siebtes Studioalbum Road Salt One nach einer 3-jährigen Wartezeit. Soweit so gut. Was gibt es sonst noch neues ? Mal schauen. Sie haben einen neuen Drummer, dafür keinen Bassisten mehr, waren im schwedischen Vorentscheid für den Eurovision Songcontest vertreten (nicht sehr erfolgreich), Frontmann Gildenlöw hat sich seine Zahnlücke richten lassen und Gitarrist Hallgrens Oberarme sind inzwischen so groß wie Mammutbäume.

Sonst noch irgendetwas bemerkenswertes ? Achja, allem Anschein nach hat die Truppe an diversen psychedelische Substanzen geschnuppert, eine Zeitmaschine gebaut, dann ihr neues Album in den 70ern aufgenommen und sich nebenher noch mit den Beatles und einer südländischen Folk-Combo zusammen auf einem Zirkusgelände gehörig die Kante gegeben. Zumindest bekommt man als Hörer diesen Eindruck. Denn Road Salt One ist von vorne bis hinten Sex, Drugs and Rock’n'Roll … und stößt in gewohnter Pain of Salvation – Manier das gesamte Publikum vor den Kopf.

Die Platte beginnt mit dem fetzigen No Way, dass dann auch gleich im Midtempo losrockt und uns mit schicken Bassläufen, Piano und Gildenlöw’s unverkennbarem Gesangstil versorgt: „There is no way, that you can love her like I do.“ Dies ist dann auch einer der ersten Kritikpunkte; Die Lyrics sind nicht mehr durchgängig auf dem gleichen hohen Niveau auf dem sie sich in früheren Veröffentlichungen befanden. Möglich, dass Gildenlöw nach dem prätentiösen Konzeptalbum BE die Schnauze voll hatte von überkandideltem poetischen Getue. Mich stört es nicht weiter, aber für viele war gerade der lyrische Part von Pain of Salvation eine sehr wichtige Komponente.

Wie dem auch sei, Gildenlöw’s lyrischer Genius ist nicht völlig in der Versenkung verschwunden, sondern offenbart sich nach dem kurzweiligen Blues-Rocker She likes to Hide in der grandiosen Ballade Sisters. Hinter der unscheinbaren Benennung versteckt sich ein typischer Pain of Salvation – Song par excellence. Sehr gefühlvoll und gemächlich beginnend, zeichnet die Band hier einen wahrlichen Abgrund der sich da vor den Füßen des Protagonisten auftut. Ein Schritt zu weit und alles ist vorüber. Sisters ist packend, emotional, wunderschön und vor allem eines: Herrlich unangenehm und bedrohlich. Zweifelsohne einer von Pain of Salvations großen Momenten. Es folgt Of Dust, eine Art Interlude, welches stark nach einer Liaison zwischen den Western-Dronern von Earth und dem Komponisten Ennio Morricone (The Man With The Harmonica, A Fistfull Of Dollars) unter einem staubigen Wüstenhimmel klingt. Verfeinert mit Gildenlöws Erzählstimme und begleitet von tiefen rauchigen Männerchören. Zu schade, dass das ganze nach knapp 3 Minuten schon vorbei ist. Ein weiter 3-Minüter steht in den Startlöchern, das Rock’n'Rollige Tell Me You Don’t Know, welches sich zwar fetzig anhört, aber nie als ein vollwertiger Song wirkt, sondern eher wie eine wahllos im Studio dazwischen geschobene Jam-Session. Im nächsten Track geht es dann wieder sehr merkwürdig weiter. Sleeping Under The Stars nennt sich der Titel und präsentiert uns zunächst einmal sehr zynische Lyrics.

“Wait darling wait and don’t worry cause you will see,
semen stains wash out surprisingly easily
from leather back-seats of expensive cars,
and soiled toilet seats in the bars.
And why worry about emotional scars,
when tonight you’ll be sleeping under the stars.”

Muss man dazu noch mehr sagen ? Präsentiert wird das ganze mit durchgeknallter Jahrmarktmusik und einem Choral von den Muppets auf Helium. Klingt genau so lustig wie nervig und macht auf eine seltsame Art sogar noch eine Menge Spass. Nach diesem Ausflug gibt es mit Darkness of Mine endlich wieder einen Song, den man zu 100% Ernst nehmen kann. Psychedelische Gitarren, die in einem harten, ruppigen Chorus gipfeln, während Gildenlöw wieder eine stark emotionsgeladene, brilliante Gesangsperformance abliefert. Aus einem ähnlichen Holz wurde auch der nachfolgende Song Linoleum geschnitzt. Gefangene machen Pain of Salvation auch hier keine und feiern erneut eine solide und eingängige Rock-Nummer ab. Curiosity schlägt in die selbe Kerbe und rockt sogar noch bodenständiger als sein Vorgängiger und lädt zu hemmungslosem Mitsingen ein. Live sicher ein Höhepunkt. Nach diesen drei fetzigen Nummern ist erst einmal eine kurze Pause angesagt. In Tell Me Where It Hurts wird die Geschwindigkeit wieder zugunsten einer psychedelisch-atmosphärischen Midtempo-Nummer zurückgenommen, welche Gildenlöw wieder mit seiner unverkennbaren Stimme veredelt. Nun ist es Zeit für den Titeltrack Road Salt. Diese Ballade dürfte dem geneigten Fan aus dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Songcontest bekannt vorkommen. Der Song besteht nur aus sanften Mellotron-Klängen und Gildenlöws Stimme und geht einfach unter die Haut. (Die Live-Performance kann man sich auch hier einmal zu Gemüte führen) Im finalen Innocence zeigt die Band noch einmal eindrucksvoll was sie kann und lässt den 7-Minüter nach einem eher ruhigen Anfang und einem instrumentalen Chaos zurück, welches den Eindruck einer einstürzenden Welt hinterlässt. Eine typischer Albumcloser im Pain of Salvation Stil.

Das vorliegende Werk weckt gemischte Gefühle. Es ist so vollkommen anders als alles, was uns die Band je präsentiert hat, trägt dennoch dieselbe Handschrift. Und bei allen Ungereimtheiten zieht einen das Album dennoch in den Bann. Es mag nicht ihr anspruchsvollstes Werk sein, nicht ihr flüssigstes, nicht ihr poetischstes, ganz im Gegenteil. Road Salt ist dreckig und roh, aber auch emotional und ehrlich. Und letzten Endes ist dies auch alles was zählt.

Anspieltipps:  Sisters, Linoleum, Road Salt

Update: Link zur Pain of Salvation-Myspace-Seite korrigiert. Hendrik.


Apr 8 2010

The Ocean – Heliocentric

Gastautor

Veränderung polarisiert Menschen schon seit jeher. Stets forderte eine kleine Gruppierung die Anschaffung eines neuen Besens, um damit besser fegen zu können. „Wie unnötig“ erwidern die Übrigen. „Neue Besen, pfff. Nur die alten Besen wissen wo sich der Dreck verborgen hält.“ So zieht sich dieses Muster durch die Jahrhunderte und sorgt stets für neue Reibereien.

Die Entdeckung des heliozentrischen Weltbildes war so eine. Die Sonne war nun der neue Mittelpunkt des Universums, nicht länger die Erde und damit der Mensch. Die Religionen, die den Menschen als Mittelpunkt der Schöpfung sahen, kamen nun in Erklärungsnot und reagierten nicht gerade freundlich. Galilei könnte ein Liedchen davon singen.

Auch heutzutage sind Menschen Veränderungen gegenüber recht misstrauisch gestimmt. Vor allem in der Welt der Musik wird das deutlich. Und könnte Mister Galilei dieser Tage einen Blick in die Shoutboxen der populären Musikplattform last.fm werfen, so würde er sich sicher zusammen mit der Erde im Grabe umdrehen. „Wieso das ?“, wird man nun fragen. Schuld ist wiedereinmal der Heliozentrismus. Beziehungsweise das 4te Studioalbum der experimentellen Post-Metal Band The Ocean, welches ironischer Weise auf den Namen Heliocentric hört. Der clevere Leser ahnt es bereits. Dieses Album trägt Progression in seinen Genen. Der Mikrokosmos des Ozeans hat sich gewandelt, und nach Darwins „The Origin of Species“ werden nur jene überleben, die sich mit dieser Veränderung am besten anfreunden können. Zumindest in der Kategorie Autoreferentialität ist Heliocentric die maximale Punktzahl garantiert.

The Ocean begannen ursprünglich als Kollektiv um den zweifelsohne talentierten Robin Staps. In wechselnder Besetzung konnte The Ocean auf 3 grandiose Alben zurückblicken, Alben voller roher metallisch-hardcore-iger Gewalt und filigraner, klassischer Elemente. Ein Erfolgsrezept zum liebhaben, mit dem sich The Ocean stets in greifbarer Nähe ihrer Artverwandten Neurosis, ISIS, Mastodon und sogar Meshuggah bewegten, ohne in den Chorus der generischen Nachahmer einzustimmen. Trotzdem blieb das Kollektiv lange Zeit ein Geheimtipp. Zeit für etwas neues. Ein neues Rezept. Aus dem Kollektiv hat sich eine feste Band herauskristallisiert, ein fester Sänger wurde engagiert, der überwiegend dem Klargesang frönt, und Robin Staps lockert die Zügel und gibt den anderen Musikern Freiheit sich ebenfalls in das Gesamtgefüge einzubringen. Ich werde etwas deutlicher: Um Heliocentric verdauen zu können, muss es von der Vergangenheit der Band getrennt werden. Hier ist nicht mehr ein über 80 Mann starkes Heer am Werk, hier gibt es keine 16 Gastsänger wie zu „Precambrian“-Zeiten, hier gibt es lediglich eine 5-köpfige Band und auch nur einen einzigen Mann am Mikro.

Heliocentric ist ein Konzeptalbum, dass sich mit dem oben genannten Einfluss des heliozentrischen Weltbildes auf die monotheistischen Religionen, allen voran das Christentum, befasst. Vorgegangen wird dabei chronologisch, am Anfang steht die 7-Tage Schöpfung der Welt durch Gott, dann die Entdeckung, dass das ptolemäische Weltbild falsch war. Die kirchliche Ächtung dieser Idee folgt zugleich und über Darwins Die Entstehung der Arten kommt man schlussendlich zu Richard Dawkins’ Bestseller The God Delusion. Einmal Dekonstruktion des Christentums in 50 Minuten. Prätentiös ? Zweifelsohne. Aber lyrisch recht gut aufbereitet.

Nach einem kurzen Ambient-artigen Intro geht es mit dem ruhig groovenden Firmament auch schon los. Die Gitarren sind zunächst sehr gezähmt, es herrscht nur leichter Seegang im Ozean, und das neue Organ der Band, Loic Rossetti, lässt sich erstmals vernehmen. Doch alte Seebären wissen, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Und wirklich werden die Wellen größer, bis schliesslich in gewohnter Manier monolithische Lava-Riffs gepaart mit kleineren Frickeleien auf den Hörer losgelassen werden und Loic los shoutet. Direkt in diesem ersten Track wird deutlich welchen Kurs die Band nun eingeschlagen hat. Minimalistischer geht sie zu Werke, aber auch deutlich präziser und dynamischer. Ohne Zweifel auch auf den ersten Blick um einiges gezähmter, weniger archaisch. Doch diese Gesichtszüge sind noch an Bord, nur unterschwelliger, subtiler. Ja, Subtile Rohheit, Robin Staps macht’s möglich. The First Commandment of the Luminaries lautet der nächste Song auf dem Album und wartet in seinem Chorus mit den besten Gesangslinien des Album auf. Auch klassische Streicher sind hier zu hören, viel sparsamer eingesetzt aber halt durchdachter fernab kitschiger Bombastteppiche. Und auch die kurze jazzige Piano-Bass Jamsession gegen Ende des Songs weiß zu gefallen. Es folgt Ptolemy was Wrong, ein Ballade, die mir dann doch etwas zu weit geht und einfach nicht auf dem selben hohen Niveau der beiden Vorgänger ist. Die nächsten 3 Songs sind wiederum recht gelungen, gerade Metaphysics of the Hangman und Swallowed by the Earth gehen in ihrem simplen Aufbau schnell ins Ohr, beinhalten aber genug Details um auch längerfristig zu gefallen. Das Album naht sich dem Ende. Epiphany ist ein ruhigerer Track, bei dem sich Loic von seiner besten Seite zeigt. Dabei wird ein unglaubliche unterschwellige Spannung erzeugt, die sich zwangsläufig in dem zweigeteilten Abschlussepos The Origin of Species und The Origin of God entladen muss. Diese beiden Songs gehören eigentlich zusammen und nehmen auch keine Gefangenen und präsentieren noch einmal was The Ocean anno 2010 zu erschaffen vermag. Clevere Frickeleien, viele schöne Details, brachiale Lava-Riffs, eine gehörige Portion Pathos, die Vocals von Loic, und die herausragende Arbeit an Bass und Schlagzeug beweisen, dass Robin Staps in der Wahl seiner Gefährten richtig lag.

Eine Scheibe die nach kurzer Eingewöhnungszeit zu gefallen weiß. Oder um es in Galileo’s Worten zu sagen: „Und sie rockt DOCH !“

Anspieltipps: Firmament, Metaphysics of the Hangman, The Origin of Species, The Origin of God