Eine Geschichte vom identitätslosen Menschen
Wir denken, wir seien das Zentrum des Universums. Unser ganzes Denken ist dadurch bestimmt, dass wir die Welt wahrnehmen und mit ihr agieren. Unser Geist – gebunden an unsere Augen, unsere Ohren und unsere anderen Sinne – kann schließlich nur mithilfe dieser Sinne wahrnehmen. Es ist der einzige Input, den der Geist erhält. Also ist es für uns alles, sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen zu können. Wir sind unsere Wahrnehmung. Es ist wie mit dem Perpetuum Mobile – wir brauchen Input von außen, sonst bleiben wir stehen, wir können uns nicht selbst versorgen. Oder doch? Tatsächlich können wir uns ab einem bestimmten Zeitpunkt selbst mit Gedanken versorgen. Nur weichen die daraus folgenden Gedanken immer mehr von der Realität ab. Man erschafft sich eine eigene Welt.
Die Folge: alle anderen Menschen klassifizieren einen als geisteskrank. Man lebt nicht mehr in ihrer Welt, also muss etwas falsch mit einem sein. Es ist nicht die Frage, ob es nicht eigentlich egal sein sollte, was andere von uns denken, oder ob wir unser Denken immer an der Realität messen sollen. Nur sollte sich jeder Mensch im Klaren sein, dass er die Wahl zwischen diesen beiden Möglichkeiten hat. Kein Extrem davon ist besser als das andere. Das eine führt in surreale Traumwelten. Die andere Art aber ist vielleicht noch hoffnungsloser: Während man aus Traumwelten vergleichsweise leicht ausbrechen kann und sein eigenes Weltbild der Realität den wahrgenommenen Gegebenheiten anpassen kann, ist es viel schwieriger, aus all dem Input wieder eigenes Material zu kreieren, nachdem man sich genau das abgewöhnt hat.
Wenn man lernt, sich durch andere zu definieren; durch die Art, wie sie die Welt wahrnehmen, lernt man, sich selbst zu vergessen. Jegliche Identität wird hinweggespült, “never to return”, wie es im Englischen heißt. Eine neue Identität aufbauen ist viel schwieriger, als eine “Überidentität” wieder zu entschärfen. Das schlimmste, was aus Letzterem folgen kann, ist Größenwahn, das schlimmste aber, das aus einer verloren gegangenen Identität erwachsen kann, ist eine geistige Leere, die schlimmer ist als jede Folter. “Ich denke also bin ich” ist nicht umsonst ein wichtiger Satz, der einem allerdings erst vor diesem Hintergrund evident wichtig wird. Denn bei einer normalen Mischung von Interaktion und eigenen Gedanken ist man grundsätzlich. Man fühlt, dass man da ist, man weiß es aber auch. Man ist kein schmückendes Beiwerk, das von den Meinungen aller geleitet ist. Dieser Satz ist ein grundlegendes Axiom unserer Gesellschaft, weswegen wir den Wert dessen auch nicht sehen. Jeder Mensch denkt – und jeder Mensch ist, man kann ihn anfassen.
Stellen wir uns als Beispiel nur einmal eine solche Person vor, die ihre Identität hinweggespült hat. Wie würde ein Tag im Leben einer solchen, identitätslosen Person aussehen? Sie würde morgens aufwachen, sich einen Kaffee machen, eventuell ein Brötchen essen und sich anziehen. Je nachdem, mit welchen Menschen sie sich umgibt. Sind es eher Teeliebhaber, dann wird diese Person wohl einen Tee bevorzugen. Sie würde gar nicht daran denken, dass ein Kaffee auch morgens getrunken werden könnte. Oder sie würde es als etwas ansehen, das nur Menschen tun, mit denen sie nichts zu tun hat – sie würde es als fatal ansehen, etwas zu tun, was ihr Umfeld nicht macht. Und ebenso würde der restliche Tagesablauf aussehen. Wenn ihr Umfeld statistisch am ehesten mit dem ÖPNV zur Arbeit kommt, wird auch unsere identitätslose Person die Bahn nehmen. Sie hat einen Beruf erlernt (oder studiert), der auch ihrem Umfeld entspricht. Sie ist, so würden die Statistiker vermutlich von ihr sprechen, der perfekte Durchschnitt. Überall in der Mitte. So unauffällig, dass sie selbst nicht einmal die Namen ihres eigenen Freundeskreises merken kann. Denn für sie sind andere Menschen schließlich keine Individuen, sondern ebenfalls leere Hüllen, die Grundbedürfnissen nachgehen.
Dies ist noch ein weiteres, durchaus paradox wirkendes Element an unserer identitätslosen Person. Weil sie selber nun einen Output erzeugt, nimmt sie auch Output anderer Personen nicht wahr. Denn andere Personen – also ihre Taten, ihr “Output” – müssten in eine eigene Identität eingebunden werden. Der Input-Part unserer Wahrnehmung besteht nämlich auch aus einer Identifikation durch andere Menschen. Wir haben Freunde, also sind wir in einem sozialen Netzwerk. Hierbei ist der Output dann also kein direkt sichtbarer Output, sondern eine Art “innerer Output”, den unser Geist generiert – quasi für sich selber. Um sich auch immer wieder zu vergewissern, dass er ist. Während die normale Person also andere Taten, Namen und Identitäten in ihre eigene Identität verbaut, so verbaut unsere identitätslose Person schlicht Abläufe. Zum Beispiel Kaffee trinken. Bier trinken. Auf Parties gehen.
Das ist es, wieso man auf den ersten Blick eine identitätslose Person nicht von einer normalen Person unterscheiden kann – sie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Alles, was die Gesellschaft an sichtbarem Output erzeugt, gibt diese Person wider. Nun ist aber zu fragen: Ist das denn nicht auch eine Form von Identität?
Nun, dazu müssen wir zunächst definieren, was Identität denn überhaupt ist. Schauen wir in die Soziologie, so stellen wir fest, dass die vorangegangenen Ausführungen auf einer etwas philosophischeren Ebene denen von George Herbert Mead mit seinem Konzept von I und ME entsprechen. In diesem Sinne wäre unsere Person nur bestehend aus dem I. Das ME wäre hierbei also nur ein Reflektor, der stets aufs neue Reflektiert, ob vielleicht die ein oder andere Handlungsweise vielleicht geändert werden sollte, weil neue Dinge nun “mehr mainstream”, um in dieser Jugendsprache zu argumentieren, sind. Somit kann man also festhalten: Jede Person hat immer eine Identität, Merkmale, die sie auszeichnen. Auch mehrere “identitätslose” Personen wären unterscheidbar, da sie schließlich nicht bewusst Statistiken lesen um sich dem gesamtgesellschaftlichen Mainstream anzupassen, sondern nur auf die Personen schauen, mit denen sie zu tun haben. Außerdem entwickelt sich ja grundsätzlich in der Erziehung eine Identität. Entweder, sie ist, wie bei den meisten Menschen, normal entwickelt oder sie ist bereits so verkrüppelt, dass sie sich wieder zurückbildet und zu der reflektierenden Form des ME werden, von der wir soeben sprachen.
Doch wo lassen uns all diese Überlegungen nun stehen? Letztlich sind wir wieder an dem Ausgangspunkt angelangt, wir haben das Problem also lediglich einmal umrundet und es uns genauer angesehen. Nun ist die Schlussfolgerung bereits ein Beweis dessen, ob wir ein ausgeprägtes oder ein verkrüppeltes ME besitzen. Ein “identitätsloser” Mensch, für den wir im übrigen einen neuen Begriff brauchen, da er schließlich doch nicht identitätslos ist, würde sich nach diesen Ausführungen eines Kommentares enthalten, und erst dann etwas sagen, wenn sich herauskristallisiert, dass es eine einhellige Meinung ist.
Ich persönlich tendiere dazu, zu sagen, dass es auf jeden Fall wichtig ist, Output zu erzeugen, wie auch immer dieser geartet ist. Auch Output in Form dieses Essays ist schließlich Output, also ein Werk. Er hilft vielleicht tausend Personen weniger als irgendein Ratgeber, doch in unserer heutigen Zeit, wo wir tatsächlich immer mehr dazu tendieren, uns einem gedachten Mainstream anzupassen, ist es vielleicht immer besser, etwas zu lesen, dass man nicht behalten muss. Etwas zu lesen, dass für sich steht. Gedanken, die eine andere Meinung als die eigene Widerspiegeln. Alltagsphilosophie (böse Zungen sprechen auch von “Küchentischphlosophie”) wie diese hier bringen nichts, es ist reiner Output, also das absolute und exakte Gegenteil unseres Menschen. Denn Schreiben ist nicht nur das Lösen einer Schreibblockade, sondern auch das Festigen der eigenen Meinung und Identität. Womit wir wieder am Anfang wären.