Aug 21 2012

Mit einem kleinen bisschen Zeigefinger

Hendrik Erz

Ich find’ das ja so witzig. Der Afghanistan-Krieg ist nie beendet worden, im Irak lungern immer noch ein paar Soldaten rum und genauso an tausenden kleiner Krisenherde auf der ganzen Welt. Und jetzt sowas: Barack Obama droht Assad mit einer militärischen Intervention, sollte er chemische oder biologische Waffen einsetzen.

Also im Prinzip heißt das ja nur: “Ihr könnt euch gerne weiter die Köpfe einschlagen, aber sobald ihr unfair werdet, schreiten wir ein”, fast, als wäre ein Bürgerkrieg ein Spiel und Amerika der Schiedsrichter. Natürlich ist ein plumper Antiamerikanismus jetzt auch nicht angebracht, denn schließlich sind chemische oder biologische Waffen natürlich wirklich eine Stufe zu weit. Aber man weiß auch nicht, ob der Schaden, der mit dem einmaligen Einsatz einer starken, biologischen Waffe angerichtet wird, nicht auch nach jahrelangen Kämpfen mit konventionellen Waffen erreicht ist.

Und warum nicht früher schon eine Militärintervention? Sicher, man hat aus Afghanistan und Irak gelernt. Wenn man sich in einem Land einmischt, kann man dann danach nicht einfach verschwinden, und es sich selbst überlassen. Das hat noch nie funktioniert. Allerdings sind die Voraussetzungen in Syrien anders. Hier haben wir zwei offenbar ähnlich starke Kräfte, die gegeneinander spielen. Vielleicht ist die Strategie der Deutschen ja richtig, die den informationstechnischen Nachteil der Rebellen mit ihrem Spionageschiff aufzubessern versuchen, und dann den Rebellen überlassen, was sie damit machen.

Egal, was passiert – bereits seit dem Beginn des “arabischen Frühlings” ist klar: Der Kolonialismus wie vor dem zweiten Weltkrieg ist endgültig vorbei. Und wenn man einmal von moralischen Appellen an die Gegner absieht, gibt man sich auch interventionistisch weniger bereit. Man scheint wirklich gelernt zu haben, erstmal zu zu schauen. Getreu dem Motto: “Nur wer selber auf die Herdplatte gepackt hat, weiß, dass sie heiß ist.”


Okt 15 2011

Die Epoche des Internets

Hendrik Erz

Anfang dieses Jahres – wir bekamen es in sämtlichen Medien zwangsläufig mit - erhoben sich viele nordafrikanische Völker gegen ihre Despoten. Mittlerweile sind diese in Tunesien, Lybien und Ägypten vertrieben, in weiteren Staaten, wie dem Jemen, gehen die Leute weiter auf die Straße und werden mal stärker, mal schwächer, von der Herrschaft zusammengeschossen. Doch ebenso wichtig wie die Berichterstattung über die Ereignisse im nahen Osten war für die Medien die Wichtigkeit des Mediums Internet dabei. Twitter und Facebook sind zwei mittlerweile nicht mehr weg zu denkende soziale Netzwerke, die Kommunikation von Massen binnen Sekundenbruchteilen ermöglicht – Twitter demonstrierte dies jüngst in einem höchst witzigen, aber dennoch tiefgründig-ironischem Ton in einer Werbung auf Youtube.

Doch was sagt uns das über unsere eigene Geschichte? Nun, schon immer gab es Bestrebungen in einem Volk, die eigene Situation zu verändern. Selten war man wirklich zufrieden mit der eigenen Regierung, und wenn man es einmal war, gab sie dem Volk schnellstmöglich wieder eine Gelegenheit, sie zu hassen. Das mag in Deutschland zwar weniger der Fall sein, allgemein verlief ja die demokratische Entwicklung in den germanischen Landen nur recht schleppend. Doch dank des Internets zerfällt der kulturelle Unterschied zwischen den einzelnen Völkern dieser Erde von Jahr zu Jahr immer weiter, bis wir irgendwann einmal auf der ganzen Welt recht ähnliche Ansichten vertreten werden. Und diese Ansichten werden sich dann nicht nur in einzelnen Bewegungen, wie der aktuell jüngsten – “Occupy Wall Street” – widerspiegeln, sondern im gesamten System. Zwar wird das noch länger dauern, doch die Ansätze sind heute bereits zu erkennen.

Auf Plattformen wie VroniPlag und Wikileaks  werden immer öfter immer mehr führende Personen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an den Pranger gestellt für ihr Fehlverhalten. Und immer öfter hat das auch eine tatsächliche, reale Konsequenz für diese Personen zur Folge. Karl-Theodor zu Guttenberg verlor nicht nur seinen Doktortitel, sondern auch gleich sein Amt als Außenminister und er wanderte sogar in die USA aus (aber nur vorläufig, wie er nicht müde wird, zu erwähnen). Und die USA verloren ihr Ansehen in der westlichen Welt, nachdem fast 250.000 US-Botschaftsdepeschen im Internet landeten und der Welt zeigten, wie die USA über sie dachten. Als kleinen Wehrmutstropfen gelangten dann zwar leider auch Informationen, die niemandem nützen, aber jemandem schaden (nämlich die Depeschen ohne mediale Namenszensur zum Schutze der Personen) ins Internet – aber das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Klar ist, dass diese Entwicklung sich – auch trotz Internetzensur – immer weiter fortsetzen wird. Und sei es auch nur, dass die westlich-demokratischen Länder alleine wegen dem Druck der eigenen Bevölkerung anderen Staaten helfen, deren Bevölkerung heute noch unter den damals mehr oder minder von Europäischer und US-Amerikanischer Seite eingesetzten Diktatoren leidet. Die Demokratie wird auf diesem Wege immer weiter Früchte tragen, immer machtvoller werden und irgendwann in eine Realdemokratie umschwenken, in der jeder Bürger etwas zu sagen hat, und über Gesetze mit abstimmen können wird.

Und noch etwas lehrt uns das Internet: Generationen haben immer eine andere Weltsicht, als ihre Eltern oder ihre Kinder. Während unsere Großeltern noch Deutschland wieder aufgebaut hatten, und mit dem zufrieden waren, was es gab, lebte unsere Elterngeneration im Wirtschaftswunder, und braucht heute eine gewisse Form von bürgerlich-finanzieller Sicherheit, mit deren Selbstverständlichkeit sie damals aufwuchs (und deren Fehlen viele dieser Menschen heute als “Wutbürger” auf die Straße treibt). Und wir, Studenten und Schüler des 21. Jahrhunderts? Wir sind mit dem Computer, dem Internet aufgewachsen, in einer Zeit, in der Erziehungsmethoden nicht mehr als ein kleines Büchlein im verstaubten Regal mit der Aufschrift “Knigge” sind, in der alles immer offener und unregulierter wird. Witzigerweise fordern wir für die Wirtschaft immer mehr Regularien, aber für uns selber immer weniger. Dass das nicht paradox ist, liegt auch nur daran, dass das politische System eine Art Puffer zwischen Wirtschaft und Gesellschaft darstellt – denn ich wette, wenn die Gesellschaft die Politik beeinflussen kann, könnte sie das auch mit der Wirtschaft. Doch das würde zum Nachtwächterstaat führen, und ob wir dazu jetzt schon bereit sind, will ich nicht sagen.

Fest steht, dass wir über das Internet unsere Weltanschauung viel eher und viel direkter durchsetzen können, als es alle Generationen vor uns konnten. Vor 150 Jahren brauchte man noch ganze Kriege gegen das eigene Land, blutige Bürgerkriege, um der Obrigkeit einmal zu sagen: “Hallo, wir sind auch noch da!” – heute reicht eine Idee. Und genau das wird die Entwicklung der Welt in den nächsten Jahrzehnten beschleunigen – immer weiter, bis wir dereinst eine ganz andere Welt, bestimmt nur noch vom Willen der Masse, haben, in der es politisch ungebildete Menschen de facto ausgestorben sein werden, weil es nichts abstraktes ist, das alle 5 Jahre einmal uns alle etwas angeht, und danach nur noch die Medien und den Bundestag, sondern etwas, das uns jeden Tag beim Blick auf den Bildschirm auffordern wird, eine Entscheidung zu treffen, die binnen kürzester Zeit umgesetzt werden kann.

Jetzt werden sicher Kritiker aufkommen – Sprüche gegen die Menschheit gibt es genügend. Doch vielleicht ist die Dummheit der Menschen bis dahin ja auch zumindest einer ansatzweisen Kollektivintelligenz gewichen. Oder aber ich lasse mich zuviel vom erlauchten Kreise meiner Bekannten beeinflussen und habe den Sinn für menschliche Dummheit zu sehr verloren. Wie auch immer, das Internet wird gewinnen :)

Und nur fürs Protokoll: Ein paar Stunden vorlesungstechnisches Gehirnjogging pro Woche erhöht eindeutig meine Schreiblust- und Kraft ;D


Mrz 7 2011

Die arabische Revolution – Aufbruch oder Niedergang?

Hendrik Erz

Uff. Seit mehr als einem Monat ging mir jetzt nun die Politik und Gesellschaft gelinde gesagt am Hintern vorbei, was einerseits durch viel Arbeit und andererseits durch eine schwierige Themenauswahl bedingt war. Über Plagiate und den Herrn zu Guttenberg wollte ich nicht schreiben, da das einerseits andere schon taten, und ich andererseits gerne belustigt zuschaute, während sich Pro-Guttis und Contra-Guttis verbal die Köpfe einschlugen.
Ein anderes hochaktuelles Thema – schon seit einiger Zeit – ist die arabische Revolution. Begonnen mit der Jasminrevolte in Tunesien griff die Revolution wie ein Lauffeuer auf benachbarte Länder über. Während Tunesien und Ägypten sich schon ihrer Regierung entledigt haben, wehrt sich der libysche Staatschef Gaddaffi mit Klauen und Zähnen gegen seine drohende Absetzung, das Land versinkt zur Zeit wohl in einem der heftigsten Bürgerkriege des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Wohin die Reise geht, kann niemand sagen, keines der bereits “befreiten” Länder hat schon eine feste, neue Regierung und in den anderen Ländern kämpfen die Regime mit gewaltigen Waffenarsenalen und afrikanischen Söldnern gegen das eigene Volk, und darum ist das Thema Arabische Revolution auch so schwer zu greifen. Es ist noch zu ungefestigt und die Positionen nicht klar. Die USA hadern momentan mit Möglichkeiten, dem libyschen Volk zu helfen, ohne gleich einen interkontinentalen Krieg zwischen dem Westen und den arabischen Staaten zu provozieren, die EU diskutiert über Sanktionen und der Rest der Welt hält sich erstaunlich bedeckt.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Die arabischen Länder haben die längste Historie der Welt; einerseits, weil wohl die ersten Menschen aus Afrika kamen, und andererseits, da sie die erste wirkliche Geschichtsschreibung besaßen. Keilschrift – die erste wirkliche Schrift – wurde im Gebiet des heutigen Irak, in Babylon erfunden und auch die Ägypter haben 3.000 Jahre vor Christi Geburt schon Pyramiden gebaut und Dynastien von Pharaonen beherrschten eine der fortschrittlichsten Kulturen der Welt.

Doch Europa ist heute schon auf einem weitaus höheren technischen und kulturellen Niveau als die arabischen Staaten, und maßgeblich Schuld daran sind die Römer und auch die frühmittelalterlichen Könige.
Als die Römer begannen, ihr Weltreich von Italien aus aufzubauen, führten sie einige Feldzüge auch auf den afrikanischen Kontinent. Sie eroberten Ägypten, machten daraus kurzerhand eine römische Provinz. Dabei wurde die Bibliothek von Alexandria, dem größten Nachschlagewerk der Geschichte des Planeten vollständig von einem Feuer zerstört, sodass viele Technologien und noch mehr Wissen verloren gingen. Die – aus ägyptischer Sicht – babarischen Römer versetzten somit prinzipiell der menschlichen Entwicklung einen herben Verlust.

Ein paar hundert Jahre später schafften es allerdings die Araber fast, Europa zu überrennen, und konnten erst in Frankreich von Karl Martell gestoppt werden. Mit dem Niedergang der Araber und ihrem osmanischen Reiches ging ebenfalls Technologie verloren. Einiges davon wurde jedoch in Europa rekonstruiert, und während die Araber in eine Art dunkler Zeit versanken, nahm die Technologisierung des Westens zu. Dinge, die ursprünglich lange Zeit vorher schon in Afrika erfunden wurden, wurden neu erfunden. Dann begann die Industrialisierung, und dann die europäische Revolution, infolge derer viele alte Monarchien durch die Demokratie abgelöst wurden.

Und während Europa immer mächtiger wurde, wurden die arabischen Staaten kleingehalten. Tunesien beispielsweise war zuerst unter der Herrschaft der Osmanen, später dann eine französische Kolonie. Und das blieb es auch bis zur Unabhängigkeit 1956. Erst ab dann konnte – wenngleich auch unter einem Regime – die Gesellschaft sich selbst bestimmen und eben auch unabhängig agieren. Und nun könnte sich also das Blatt wenden. Die arabische Gesellschaft quasi von Europa kopieren und lernen, und das alternde Europa überholen, kulturell wie gesellschaftlich schneller fortschreiten.

Dafür spräche die Tatsache, dass wir in Europa eine natürlich gewachsene Demokratie haben. An Beispielen wie Weimar sieht man allerdings deutlich die Nachteile dieser “Prototyp-Demokratien” – sie haben noch starke Anfangsfehler. Außerdem musste vielen Menschen in Europa die Demokratie quasi von oben aufgezwungen werden. Besonders Deutschland wird hier wieder viel zitiert: De facto haben wir immer noch eine konservativ bis monarchistische Gesellschaft, die allerdings von einer Demokratie beherrscht wird. Das kann ein Mitgrund für die seit Jahren vorherrschende Politikverdrossenheit sein.

Arabien hat diese Probleme nicht: Da diese Staaten seit Jahrhunderten fremdbestimmt waren, konnte sich der demokratische Grundgedanke viel besser festigen: Wenn man immer von einer autonomen Regierung regiert wurde, hat man nicht so einen starken Drang nach einer demokratischen Regierung, wie wenn man nicht einmal eine eigene Regierung hat. So ist es erklärbar, das sich jetzt immer mehr Völker – gestärkt vom Erfolg in Tunesien und Ägypten – auflehnen gegen ihre autokratischen Herrscher.

Und dann gäbe es gleich noch einen weiteren Vorteil: Diese Demokratien brauchen eine neue Verfassung, und die kann von all den Erfahrungen Europas in den letzten 300 Jahren profitieren. Zusätzlich zur ganz anderen Grundmentalität in den Ländern wäre das eine Grundlage für eine weitaus stabilere Demokratie als wie wir sie hier in Europa haben.

Doch es kann auch anders laufen, und dafür gibt es auch Hinweise.

Zuallererst einmal sind die westlichen Staaten auf die arabischen Länder angewiesen. Über 80% der weltweiten Erdölvorkommen liegen in arabischer Hand, und für die westlichen Staaten ist es weitaus einfacher, sich nur einen Herrscher warm zu halten, als ein ganzes Parlament. Denn viele der gestürzten und wankenden Despoten waren und sind Verbündete des Westens, speziell der USA. Das ist auch ein Grund dafür, dass sich die USA momentan mit dem Intervenieren schwer tun, obwohl sich selbst im Pentagon der Gedanke durchgesetzt haben dürfte, dass man einem jungen, gebildeten Volk nicht einfach den nächsten Diktator vorsetzen kann, ohne einen Rachefeldzug des Volkes zu fürchten.

Des weiteren sind auch in den bereits gestürzten Ländern noch konservative Kräfte am Zug, in Tunesien herrscht die alte Regierung übergangsweise. Da der momentane Parlamentspräsident Fouad Mebazaa mit einem langen Aufenthalt mit Studium in Paris weithin demokratisch geprägt ist sind demokratische Neuwahlen und eine demokratische Verfassung hier wahrscheinlich.

In Ägypten ist derzeit das Militär am Zuge, und hier gibt es noch eine Elite von Generälen, die eventuell auch ein Stück des Machtkuchens abhaben möchte. Auch hier werden zur Zeit Neuwahlen vorbereitet, wobei es hier nicht so wahrscheinlich ist, dass eine durch und durch demokratische Verfassung entsteht, denn es gibt noch genügend Generäle, die im Dunstkreis des ehemaligen Präsidenten Mubarak standen und vermutlich das Machtvakuum für sich nutzen könnten.

Alleine an diesen Beispielen kann man bereits absehen, dass es von sehr vielen Faktoren abhängig ist, wie demokratisch der nahe Osten nun werden kann, ob das demokratische Volk oder die konservativen Monarchen letzlich das Ruder übernehmen werden und ob die USA weiter Satellitenstaaten aus den arabischen Ländern machen wollen, oder die Völker unterstützen. Vieles hängt auch vom Fall Libyens ab. Wenn Libyen von Gaddaffi befreit werden sollte, könnte das ein weiterer Anstoß für weitere Länder sein, noch energischer gegen ihre Regime vorzugehen, besonders wenn die USA tatsächlich militärisch intervenieren sollten. Wenn Gaddaffi allerdings gegen die Demonstranten gewinnen sollte, könnte das eher hemmend wirken, und die arabische Revolution stark abbremsen.

Wie eingangs erwähnt: Es ist eine schwierige Materie, und aufgrund der Menge an noch unentschiedenen Möglichkeiten, die Geschichte zu verändern, auch noch recht offen. Ich werde allerdings am Ball bleiben, und mich in den nächsten Tagen einmal mehr mit Libyen befassen.


Feb 3 2011

Ägypten – Eine neue Hoffnung?

Hendrik Erz

Tunesien ist ja recht schnell abgehandelt worden. Nachdem einen Monat lang Proteste wüteten, ist Präsident Ben Ali mit Kind und Kegel ins Ausland geflohen. Danach hat man immer weniger, schließlich gar nichts mehr von Tunesien erfahren. Denn der Glanz dieses Hoffnungsschimmers aus Nordafrika wurde schnell überblendet: Von Ägypten.

Seit mehreren Wochen nun bauschen sich immer mehr Proteste in Ägypten auf, und jeden Tag werden sie vehementer. Und seit gestern auch mit Gewalt. Das ziemlich angeschlagene Mubarak-Regime mobilisierte tausende Untertanen, die mit Steinen, Brecheisen und auch Schusswaffen bewaffnet gegen die friedlichen Demonstranten vorgehen. Die Idee dahinter: Wenn die Massen aufgehetzt werden, geht alsbald der eigentliche Grund der Demonstrationen in einen blutigen Bürgerkrieg über, an dessen Ende im schlimmsten Falle einige bis große Teile der Bevölkerung tot sind, aber an dessen Ende Mubarak sich als Ordner hervor tun kann.

Man kann nun natürlich fragen, warum die Mubarak-Kritiker nicht zugestimmt haben, als dieser zum Ende des Jahres seinen Rückzug aus dem Amt ankündigte. Aber warum die Demonstranten da nicht zustimmten, ist für mich ganz einfach zu erklären: Es ist klar, dass, sobald sich das Volk zurückzöge und wieder einen geordneten Tagesablauf zuließe, Mubarak plötzlich vergäße, dass er ja einen Rückzug aus dem Amt angekündigt hatte, und dass das Volk weitere Jahre einen Folterer an der Macht hätten. Es drohten Zustände, wie in Nordkorea oder China, dass ein Herrscher weitaus länger regiert, als er eigentlich lebt – der Mythos eines Gottherrschers wäre durchaus denkbar. Aber soweit möchte ich hier nicht gehen.

Mir geht es nun vielmehr um etwas größeres, und abstrakteres als die tatsächliche Demokratie in Ägypten. Denn Ägypten legt viele Dinge offen, die zwar schon als inoffizielle Wahrheiten galten, aber erst jetzt richtig bewiesen werden: Die westliche Ignoranz.

Dass die USA ein Interesse daran haben, Mubarak im Amt zu halten, ist mittlerweile durchaus verständlich. Ein autokrater Herrscher hat direkte Einflussmöglichkeiten auf die Politik in einem Land, und wenn er US-freundlich ist, ist es weitaus einfacher, an billiges Öl oder andere Ressourcen zu kommen.
Aber sehr enttäuscht bin ich vom Westen. In was für einem Staatenverbund leben wir eigentlich?

Nordafrika und der nahe Osten bauschen sich gegen ewige Diktatur auf, fordern Demokratie, und was sagt Europa?

“Wir wissen noch nicht, wohin sich die Lage in Ägypten entwickelt”, erklärt ein Außenminister das Dilemma, “da können wir uns doch nicht auf die eine oder andere Seite stellen.”

Der Kontinent, der seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts als Inbegriff der Demokratie gilt, sackt scheinbar aus Angst vor Entscheidungen in seinen Sesseln in Brüssel zusammen und übt sich in professioneller Nichtssagerei. Wenn echte Demokratie zu Handlungsunfähigkeit und Starrsinn führt, dann kann das nicht alles gewesen sein.

Es ist eine grausame Szene, wenn man sich einmal vor Augen führt, dass das Ägyptische Volk hinter Gittern die Hände nach Europa ausstreckt, und indirekt sagt: “Helft uns!”, und die europäischen Staatsführer mit verschränkten Armen da stehen und nicht bereit sind, Stellung zu beziehen.
Im Prinzip haben wir hier eine missliche Situation für Europa: Beziehen sie Position hinter dem ägyptischen Volk und entziehen Mubarak das Vertrauen, ist die Wahrscheinlichkeit für eine demokratische Reform und den Sturz des Regimes sicher. Nur hat Europa dann ein verärgertes Amerika, das einen wichtigen Verbündeten verloren hätte. Denn die neue Regierung wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bereit, das Öl billig an US-Unternehmen zu verkaufen, sondern würde im schlimmsten Falle sogar selbst versuchen, Gewinn damit zu machen.

Nicht zu vergessen der Rattenschwanz an Folgen, den der Sturz Mubaraks hätte: In vielen arabischen Staaten brennen bereits Feuer, die Staaten bangen nun um Ägypten, denn im Prinzip ist das die Entscheidungsschlacht: Fällt die Diktatur in Ägypten (Und es wird schwierig gewesen sein, Mubarak aus dem Amt gedrängt zu haben), werden viele Völker auf der arabischen Halbinsel genügend Mut fassen, sich gegen ihre Regime aufzulehnen. Am Ende stünden plötzlich überall demokratische Staaten und wenn wir das ganze noch weiter denken, versiegt im Prinzip genau das, auf dem Europa und der gesamte Westen seinen Wohlstand aufgebaut haben: Der autokratisch regierte, aber kontrollierte nahe Osten.

Denn, um die Story einmal ganz vage bis weit in die Zukunft hinein zu spannen: Wenn im nahen Osten die Demokratie herrscht, könnte ganz schnell in Europa auch die Forderung nach Änderungen im System entstehen: Man hätte dann das Problem, dass dutzende Verfassungen überdacht werden müssten. Denn das die aktuelle deutsche, und auch die europäische Verfassung vielen echten Demokraten ein Dorn im Auge ist, ist unumstritten. Und vernünftige, weil sehr frische Demokratien im nahen Osten wären eben ein höherer Maßstab als Europa.

Und um all das zu verhindern und weiterhin als Oase der Demokratie in der Welt zu gelten, nimmt man hin, dass dutzende, vielleicht auch hunderte bis tausende Menschen in ganz Ägypten getötet werden, für nichts. Denn Änderung bedeutet immer, dass man sich auf etwas neues einstellen muss.

Dass viele Menschen kurzsichtig denken: “Wenn wir Ägypten jetzt so lassen, wie es ist, müssen wir nichts ändern, und wir kommen am besten aus der Situation heraus”, aber vergessen, dass es so oder so irgendwann einmal knallen wird, und dann etwas getan werden muss, ist sogar wahrscheinlich. Das sehe ich alleine an meiner Heimatstadt Krefeld, in der für etliche tausende Euronen alle Löcher provisorisch zuasphaltiert werden, und man sich vehement weigert, komplett neue Straßenzüge zu bauen. Außerdem wurden hier viele alte Pflasterstraßen nach der Einführung der Asphaltstraße schlicht mit Asphalt überdeckt, ohne dass man sich um ein vernünftiges Straßenbett gekümmert hätte.

Und frei nach Platon kann man kleine Aspekte auf ein großes übertragen, und den Sinn des Großen am Kleinen erkennen. Und wenn ich in Krefeld den Maßstab ansetze, sieht es für die europäische Union ganz bitter aus…