Uff. Seit mehr als einem Monat ging mir jetzt nun die Politik und Gesellschaft gelinde gesagt am Hintern vorbei, was einerseits durch viel Arbeit und andererseits durch eine schwierige Themenauswahl bedingt war. Über Plagiate und den Herrn zu Guttenberg wollte ich nicht schreiben, da das einerseits andere schon taten, und ich andererseits gerne belustigt zuschaute, während sich Pro-Guttis und Contra-Guttis verbal die Köpfe einschlugen.
Ein anderes hochaktuelles Thema – schon seit einiger Zeit – ist die arabische Revolution. Begonnen mit der Jasminrevolte in Tunesien griff die Revolution wie ein Lauffeuer auf benachbarte Länder über. Während Tunesien und Ägypten sich schon ihrer Regierung entledigt haben, wehrt sich der libysche Staatschef Gaddaffi mit Klauen und Zähnen gegen seine drohende Absetzung, das Land versinkt zur Zeit wohl in einem der heftigsten Bürgerkriege des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Wohin die Reise geht, kann niemand sagen, keines der bereits “befreiten” Länder hat schon eine feste, neue Regierung und in den anderen Ländern kämpfen die Regime mit gewaltigen Waffenarsenalen und afrikanischen Söldnern gegen das eigene Volk, und darum ist das Thema Arabische Revolution auch so schwer zu greifen. Es ist noch zu ungefestigt und die Positionen nicht klar. Die USA hadern momentan mit Möglichkeiten, dem libyschen Volk zu helfen, ohne gleich einen interkontinentalen Krieg zwischen dem Westen und den arabischen Staaten zu provozieren, die EU diskutiert über Sanktionen und der Rest der Welt hält sich erstaunlich bedeckt.
Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Die arabischen Länder haben die längste Historie der Welt; einerseits, weil wohl die ersten Menschen aus Afrika kamen, und andererseits, da sie die erste wirkliche Geschichtsschreibung besaßen. Keilschrift – die erste wirkliche Schrift – wurde im Gebiet des heutigen Irak, in Babylon erfunden und auch die Ägypter haben 3.000 Jahre vor Christi Geburt schon Pyramiden gebaut und Dynastien von Pharaonen beherrschten eine der fortschrittlichsten Kulturen der Welt.
Doch Europa ist heute schon auf einem weitaus höheren technischen und kulturellen Niveau als die arabischen Staaten, und maßgeblich Schuld daran sind die Römer und auch die frühmittelalterlichen Könige.
Als die Römer begannen, ihr Weltreich von Italien aus aufzubauen, führten sie einige Feldzüge auch auf den afrikanischen Kontinent. Sie eroberten Ägypten, machten daraus kurzerhand eine römische Provinz. Dabei wurde die Bibliothek von Alexandria, dem größten Nachschlagewerk der Geschichte des Planeten vollständig von einem Feuer zerstört, sodass viele Technologien und noch mehr Wissen verloren gingen. Die – aus ägyptischer Sicht – babarischen Römer versetzten somit prinzipiell der menschlichen Entwicklung einen herben Verlust.
Ein paar hundert Jahre später schafften es allerdings die Araber fast, Europa zu überrennen, und konnten erst in Frankreich von Karl Martell gestoppt werden. Mit dem Niedergang der Araber und ihrem osmanischen Reiches ging ebenfalls Technologie verloren. Einiges davon wurde jedoch in Europa rekonstruiert, und während die Araber in eine Art dunkler Zeit versanken, nahm die Technologisierung des Westens zu. Dinge, die ursprünglich lange Zeit vorher schon in Afrika erfunden wurden, wurden neu erfunden. Dann begann die Industrialisierung, und dann die europäische Revolution, infolge derer viele alte Monarchien durch die Demokratie abgelöst wurden.
Und während Europa immer mächtiger wurde, wurden die arabischen Staaten kleingehalten. Tunesien beispielsweise war zuerst unter der Herrschaft der Osmanen, später dann eine französische Kolonie. Und das blieb es auch bis zur Unabhängigkeit 1956. Erst ab dann konnte – wenngleich auch unter einem Regime – die Gesellschaft sich selbst bestimmen und eben auch unabhängig agieren. Und nun könnte sich also das Blatt wenden. Die arabische Gesellschaft quasi von Europa kopieren und lernen, und das alternde Europa überholen, kulturell wie gesellschaftlich schneller fortschreiten.
Dafür spräche die Tatsache, dass wir in Europa eine natürlich gewachsene Demokratie haben. An Beispielen wie Weimar sieht man allerdings deutlich die Nachteile dieser “Prototyp-Demokratien” – sie haben noch starke Anfangsfehler. Außerdem musste vielen Menschen in Europa die Demokratie quasi von oben aufgezwungen werden. Besonders Deutschland wird hier wieder viel zitiert: De facto haben wir immer noch eine konservativ bis monarchistische Gesellschaft, die allerdings von einer Demokratie beherrscht wird. Das kann ein Mitgrund für die seit Jahren vorherrschende Politikverdrossenheit sein.
Arabien hat diese Probleme nicht: Da diese Staaten seit Jahrhunderten fremdbestimmt waren, konnte sich der demokratische Grundgedanke viel besser festigen: Wenn man immer von einer autonomen Regierung regiert wurde, hat man nicht so einen starken Drang nach einer demokratischen Regierung, wie wenn man nicht einmal eine eigene Regierung hat. So ist es erklärbar, das sich jetzt immer mehr Völker – gestärkt vom Erfolg in Tunesien und Ägypten – auflehnen gegen ihre autokratischen Herrscher.
Und dann gäbe es gleich noch einen weiteren Vorteil: Diese Demokratien brauchen eine neue Verfassung, und die kann von all den Erfahrungen Europas in den letzten 300 Jahren profitieren. Zusätzlich zur ganz anderen Grundmentalität in den Ländern wäre das eine Grundlage für eine weitaus stabilere Demokratie als wie wir sie hier in Europa haben.
Doch es kann auch anders laufen, und dafür gibt es auch Hinweise.
Zuallererst einmal sind die westlichen Staaten auf die arabischen Länder angewiesen. Über 80% der weltweiten Erdölvorkommen liegen in arabischer Hand, und für die westlichen Staaten ist es weitaus einfacher, sich nur einen Herrscher warm zu halten, als ein ganzes Parlament. Denn viele der gestürzten und wankenden Despoten waren und sind Verbündete des Westens, speziell der USA. Das ist auch ein Grund dafür, dass sich die USA momentan mit dem Intervenieren schwer tun, obwohl sich selbst im Pentagon der Gedanke durchgesetzt haben dürfte, dass man einem jungen, gebildeten Volk nicht einfach den nächsten Diktator vorsetzen kann, ohne einen Rachefeldzug des Volkes zu fürchten.
Des weiteren sind auch in den bereits gestürzten Ländern noch konservative Kräfte am Zug, in Tunesien herrscht die alte Regierung übergangsweise. Da der momentane Parlamentspräsident Fouad Mebazaa mit einem langen Aufenthalt mit Studium in Paris weithin demokratisch geprägt ist sind demokratische Neuwahlen und eine demokratische Verfassung hier wahrscheinlich.
In Ägypten ist derzeit das Militär am Zuge, und hier gibt es noch eine Elite von Generälen, die eventuell auch ein Stück des Machtkuchens abhaben möchte. Auch hier werden zur Zeit Neuwahlen vorbereitet, wobei es hier nicht so wahrscheinlich ist, dass eine durch und durch demokratische Verfassung entsteht, denn es gibt noch genügend Generäle, die im Dunstkreis des ehemaligen Präsidenten Mubarak standen und vermutlich das Machtvakuum für sich nutzen könnten.
Alleine an diesen Beispielen kann man bereits absehen, dass es von sehr vielen Faktoren abhängig ist, wie demokratisch der nahe Osten nun werden kann, ob das demokratische Volk oder die konservativen Monarchen letzlich das Ruder übernehmen werden und ob die USA weiter Satellitenstaaten aus den arabischen Ländern machen wollen, oder die Völker unterstützen. Vieles hängt auch vom Fall Libyens ab. Wenn Libyen von Gaddaffi befreit werden sollte, könnte das ein weiterer Anstoß für weitere Länder sein, noch energischer gegen ihre Regime vorzugehen, besonders wenn die USA tatsächlich militärisch intervenieren sollten. Wenn Gaddaffi allerdings gegen die Demonstranten gewinnen sollte, könnte das eher hemmend wirken, und die arabische Revolution stark abbremsen.
Wie eingangs erwähnt: Es ist eine schwierige Materie, und aufgrund der Menge an noch unentschiedenen Möglichkeiten, die Geschichte zu verändern, auch noch recht offen. Ich werde allerdings am Ball bleiben, und mich in den nächsten Tagen einmal mehr mit Libyen befassen.