Jun 12 2013

Theoretisch ja, aber praktisch nein

Hendrik Erz

“Theoretisch ja, praktisch nein” ist ein Schlagwort, das vor einiger Zeit eine Kommilitonin von mir aus dem Institut für politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn geprägt hatte. Ursprünglich nur auf interne Angelegenheiten des Instituts ausgerichtet, möchte ich diesen Satz heute für mich umdeuten, und zwar für das allgemeine akademische Wesen einer Universität.

Der Dekan der philosophischen Fakultät, Dr. Paul Geyer, sagte mir einmal in einem Interview, er wolle das Humboldt’sche Bildungsideal hochhalten, das da besagt, ein Student solle in Diskussionsseminaren in kritischem Denken und allgemeiner Bildung geschult werden. Es gelte die Einheit von Forschung und Lehre an den Universitäten. Das kann ich persönlich so unterschreiben: Für mich ist eine Universität ein Ort, an dem man natürlich in erster Linie Bildung erhält und methodisch geschult wird. Andererseits muss an einer Universität aber auch das kritische Denken geschult werden. Es dürfte klar sein, wie ich die Bologna-Reform in diesem Zusammenhang sehe.

Dennoch bietet Bologna(theoretisch) genügend Möglichkeiten, die Studenten in kreativem und vor allem kritischem Denken zu schulen, sie hinterfragen zu lehren und ihnen eben nicht beizubringen, stumpf auswendig zu lernen und zu repetieren. Ein Student muss das Recht haben (und er muss es auch nutzen können), seine Lehrer zu kritisieren, zu hinterfragen, anderer Meinung zu sein. Doch zumindest an meiner Universität beobachte ich mehr und mehr, dass dies nicht der Fall zu sein scheint.

Ich möchte ein kleines Beispiel aus meinem derzeitigen Semester geben. Noch einmal zur Erinnerung: Seminare an den Universitäten sollten meiner Meinung nach entweder weiterbilden oder Hinterfragen lehren.

In besagtem Seminar nun lautet das Thema “Mediävistik im geteilten Deutschland”. Der Anspruch ist, die Wissenschaftsgeschichte, die in BRD und DDR offenkundig anders verlaufen sein musste, darzustellen und nachzuvollziehen, was wann während dieser rund 40 Jahre passiert ist. Es versprach also, interessant zu werden. Entweder würden wir das kritische Hinterfragen von Wissenschaftlern und ihren Arbeiten lernen oder viele Einzelheiten zur allgemeinen Wissenschaftsgeschichte – nur eben am Beispiel der Mediävistik von 1945 bis 1990 – lernen würden. Selbstverständlich, sonst würde ich hier nicht schreiben, ist keins von beidem der Fall.

Stattdessen werden Stunde um Stunde neue Texte von Mediävisten durchgekaut mit dem Anspruch eines Deutschunterrichtes der 10. Klasse. De facto handelt es sich also um reines Texte Analysieren ohne einen inhaltlichen Kern. Es entstehen keine kritischen Diskussionen, es geht lediglich um Verständnis des Textes, das solange wiederholt wird, bis jeder in etwa das gleiche denkt. Und das ist meines Wissens nach nicht Sinn einer Universität. Während es in meinem Nebenfach, der Politologie & Soziologie, inhaltlich noch mit einigem Biss voran geht, so mag man dies in der Geschichtswissenschaft völlig vermissen.

Die Dozenten, welche Vorlesungen halten, beschweren sich regelmäßig über mangelnde Anwesenheitszahlen und fordern lautstark eine Wiedereinführung der Anwesenheitspflichten, anstelle sich einmal selber zu hinterfragen und dann – falls dies mit einem derart verengten Weltbild überhaupt möglich ist – festzustellen, dass die meisten Studenten nur deswegen nicht in die Vorlesungen kommen, weil deren Gehalt offensichtlich noch geringer als der eines Kaugummis ist. Dies ist in der Soziologie zwar auch tendenziell ähnlich, aber zumindest können die Dozenten reden und schläfern nicht mit einer Stimme wie der von Helmut Schmidt ein.

Diese Entwicklung und Traditionalisierung von Nichtwissen bzw. Nichtwissenwollens, wie sie am Institut für Geschichtswissenschaft im Übrigen in allen Bereichen (sogar der Fachschaft!) geschieht, ist konträr zu sämtlichen Idealen, auf denen die abendländische Gesellschaft zu ruhen pflegte, und droht, die Universität zu einem zweiten Gymnasium werden zu lassen, die ausschließlich zum Ausbilden von Arbeitssklaven dient. Und diese Einschätzung beschränkt sich hier nur deshalb so arg auf die Historiker, weil ich dieses Fach studiere. In anderen Bereichen ist es ähnlich schlimm.

In einer ersten Version hieß es, Dr. Geyer sei der Dekan der Universität, was selbstverständlich unrichtig ist. Ich bitte, dies zu entschuldigen.

Ähnlicher Artikel: Eine Kommilitonin von mir hat vor einiger Zeit über die Praxis bezüglich Internetinhalten am IGW (Institut für Geschichtswissenschaft) geschrieben: http://gab.hypotheses.org/684


Aug 9 2012

Küchentisch-Orientalismus

Hendrik Erz

Ich muss gerade echt überlegen, ob der Titel “Küchentisch-Orientalismus” nicht selber genau das ausdrückt, was ich hier kritisieren will. Aber ich muss meinem Unmut gerade einmal Luft machen, dass bei mir zuhause einmal mehr die Meinung unter etwas gebildeteren Kreisen bestätigt wird, dass “am Küchentisch” noch immer wieder pauschalisiert wird, wie mancher Hausfrau Kartoffelbrei aussieht.

Der Orientalismus im Titel ist meiner Soziologie-Hausarbeit zu verdanken, die sich mit dem Phänomen der Selbstmordattentäter befasste und das Gespräch angeleiert hat. Schöne Aussagen waren solche wie “Ich finde, diese ganzen Islamisten, die wir hier in Deutschland haben, müssen raus.” Gemeint waren Muslime. Nicht Islamisten. Oder auch meine Mutter: “Ich kenn eine Türkin, die lässt das so raushängen, danach hasst du alle Türken.”

Vielleicht stelle ich mich auch einfach nur etwas an, weil ich derzeit so krass im wissenschaftlichen Diskurs drin bin, aber solche Aussagen, und das von der eigenen, älteren Familienbekanntschaft und sogar der eigenen Mutter – die stimmen mich traurig.


Mrz 21 2012

Ein Problem

Hendrik Erz

Diesen Artikel möchte ich mit einem kleinen Video beginnen:

Das Video, eigentlich eine Werbung der britischen “Guardian” zeigt eine Situation aus drei verschiedenen Perspektiven, immer nur blickwinkelartig. Das heißt, keine der Szenen kann für sich stehen und steht dennoch für sich. Der Guardian wollte mit diesem Spot beleuchten, dass man als Nachrichtendienst immer alle Blickwinkel beobachten müsse – dass das nicht geht, dürfte mittlerweile nicht nur den Bild-Kritikern aufzugehen scheinen. Peter Kruse nutzte das Video in seinem Vortrag auf der re:publica 2010 (übrigens, ein sehr empfehlenswerter Vortrag) als Beispiel, wie schnell wir in die Szenen direkt Flucht, Angriff und Hilfeleistung interpretieren können, also das Übertragen von eigenen Wertvorstellungen auf Szenen, die sich bieten. Und mit diesem Blogartikel mache ich sogar das, was ich eigentlich kritisieren will. Und das ist das Problem.

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Dez 5 2009

Magister stultus est – Wie deutsche Lehrer systematisch denunziert werden

Hendrik Erz

Morgens, viertel nach Acht in einer Schule in Deutschland. Die Klasse geht in den gerade vom Lehrer aufgeschlossenen Raum und setzt sich hin. Der Lehrer besorgt mithilfe eines Schülers einen Fernseher aus der Sammlung. Der Fernseher befindet sich in einem Rollschrank, oben der Fernseher, unten ein DVD-Player und manchmal auch noch ein VHS-Player. Theoretisch muss man nur noch den Stecker nehmen, in eine Steckdose stecken und kann sofort loslegen mit Film schauen. Theoretisch.
Auf einmal ist der DVD-Player kaputt. Er hat Macken. Doch was nun? Am DVD-Schrank hängen zwei Zettel. Auf dem einen ist in minutiöser Kleinstarbeit beschrieben, in welcher Reihenfolge man welche Knöpfe auf welche Art drücken muss, um eine DVD ans Laufen zu bekommen. Und auf dem anderen steht in besonders dicker Schrift: “Achtung! Achtung! Bitte keine Kabelverbindungen in diesem Schrank lösen oder lockern! Falls Probleme bestehen sollten, wenden Sie sich umgehend an den technischen Assistenten bzw. den Hausmeister!”.
Fast so, als wollte man den Lehrern unterstellen, weder des Englischen bzw. der Symbolsprache, noch der Technik mächtig zu sein. Ein kurzer Blick eines technisch fachkundigen Schülers in den Schrank offenbart: Es ist lediglich der Fernseher und der DVD-Player in eine Steckdosenleiste eingesteckt und ein Scart-Kabel verbindet TV und DVD-Player. Soviel zum Thema Kabelverbindungen.

Ich will nicht sagen, dass Lehrer grundsätzlich immer technische Virtuosen sind, ich kenne gar einige, welche sich sicherheitshalber nicht an die Technik trauen, weil sie noch in einer relativ untechnologisierten Zeit groß geworden sind. Solche Lehrer gelten heute allerdings nicht als Weise oder besonders angesehen ob ihrem Alter. Nein, sie gelten als “alt”, als unnützer Ballast und unmodern. Die Welt verjüngt sich und die Lehrer werden dadurch zu alten Säcken. Es scheint, als vergäße man, dass Erfahrung und Weisheit erst ab einem bestimmten Alter kommt. Schönheitswahn in der Bildung.

Wahn ist das richtige Wort. Heutzutage scheint man jeden Lehrer als unfähigen Körper zu bezeichnen – soviel Unwahres kann am amtlichen Begriff “Lehrkörper” nicht falsch sein. Doch das Schlimmste für die Lehrer dürfte sein, dass sie gleich von zwei Seiten als unfähige Stümper beschimpft werden: Von den Schülern, die heutzutage keinen Anstand mehr vor dem Lehrpersonal haben und von den Politikern, die selbstverständlich gar nicht an der Bildungsmisere schuld sein können.

Anscheinend haben die ’68er nicht so viel Gutes gebracht, wie man damals hoffte. Durch den Abfall der Autoritäten, durch Demokratisierung und durch Befreiung des Menschen von preußischen Sitten, so hoffte man, würde alles besser werden. Aber anstatt dass die Menschen vernünftig werden und sich freundschaftlich gut mit dem Lehrer verstehen, wenn er schon nicht mehr die Autoritätsperson ist, nutzt man die neuen Freiheiten, um den Lehrer samt Unterricht zu boykottieren wo es nur geht.

Die Schüler verarschen auf gut Deutsch den Lehrer von vorne bis hinten und nutzen jede Gelegenheit, um den Unterricht zu schleifen. Sicher, dafür kann man dem Schüler keinen Vorwurf machen, Unterricht ist ja schon seit der Antike verhasst – obwohl seit nunmehr 2000 Jahren eigentlich klar sein sollte, dass der Unterricht nur einem selbst etwas bringt – und zwar richtig viel. Aber mittlerweile nimmt das sogar recht bösartige Formen an.

Denn mittlerweile haben sich unter den Schülern sozusagen “Hasslehrer” und “Lieblingslehrer” herausgebildet, was eigentlich ganz normal ist. Mit dem Problem, dass sogenannte “Hasslehrer” so sehr von der Schülerschaft gehasst werden, dass sie teilweise in ihrem eigenen Unterricht – leider auch teils von der Oberstufe – beleidigt werden.

Soviel von der Schülerseite. Und jeder noch so stresserprobte Lehrer, dem so etwas nicht mehr viel ausmacht, der sich dran gewöhnt hat, hat noch einen zweiten Feind, der ihm dann den Rest gibt: Die Politik.

Bereits seit Jahren wird die Bildungspolitik in den Matsch gefahren. Ein Politiker macht’s schlechter als der nächste. Sie erfinden neue Reformen und ähnliches, die zwar verändern, aber an den falschen Stellen. Beziehungsweise die eine Art Ablenkungsmanöver darstellen. Der Schule mangelt es vor allem an einem nach dem Geld: Lehrer. Das Geld verschwindet zwar schon schneller als jeder Kassenwart es in die Kasse schaufeln kann, aber Lehrer verschwinden noch mehr. Besonders gutmütige Lehrer, die den Unterricht als solchen mögen, werden schamlos ausgenutzt. Es gibt bereits an einigen Schulen Fälle von Lehrern, welche mehrere Herzinfarkte in Folge erlitten – stressbedingt. Weil die Schüler ihnen auf der Nase herumtanzten. Also gehen diese Lehrer in Frühpension und kosten den Staat dadurch endlos viel Geld.

Doch damit nicht genug: Lehrer werden nicht nur nach ihrer Ausbildung vom Feindbild Schüler überzeugt, sondern auch während ihrer Ausbildung wird jeglicher Emotion mächtig in die Suppe gespuckt: Zum Beispiel Musiklehrern wird im sehr trockenen Studium jegliche Lust an der praktischen Musik vergeigt. Ich habe dazu einmal einen guten Artikel gelesen, in dem sich sogar Musikprofessoren an Universitäten über die Lehrpläne beschwert haben, in denen kaum noch motivierender Unterricht vorgesehen war. Und von wem werden Lehrpläne bestimmt? Vom Ministerium, also von Politikern.

Und damit sind wir beim nächsten Punkt, wo den Lehrern der Strick geknüpft wird: Ihnen wird auch die Verantwortung in den Lehrplänen abgenommen. Anstatt dem Lehrer zu sagen, was so grob in einem Jahr und in der gesamten Schullaufbahn durch genommen werden soll, wird minutiös vorgegeben, was zu unterrichten ist. Und dazu werden die Abiturklausuren jetzt vom Ministerium vorgegeben. Sicher erhöht dies die Vergleichbarkeit innerhalb eines Landes, aber was soll das? Zentralabitur klingt für mich wie Globalisierung in der Bildung.

Doch wieder zurück zu den Lehrern. Neben also den Schülern und den Vorgaben durch das Kultusministerium werden die Lehrer wie gesagt noch durch die Politiker penetriert. Denn wenn erneut ein Zentralabitur fehlerhaft ist und alle Schüler ihr Abitur doppelt schreiben müssen, und die Lehrer beim zuständigen Ministerium Sturm laufen – wer ist dann Schuld? Die Politiker, welche überhaupt erst die Idee hatten, dass ein paar wenige Lehrer Arbeiten für ein ganzes Bundesland machen müssen, oder die Lehrer, welche diese Aufgaben aufgrund sehr vager Vorgaben erstellen mussten?

Nicht zu vergessen, dass trotz Zentralabitur der Unterricht immer noch sehr persönlich ist. Trotz Lehrpläne und ähnlichem sind die Klassen alle unterschiedlich weit und wissen teils mehr, teils weniger – je nach Verständnis in der Klasse. Und durch das Zentralabitur wird dieses Gebirge flach gewalzt, sodass oben höchstens die Spitzen noch herausstechen. Und am Ende dieses lustigen Systems stehen dann Schüler mit einer “global” gültigen Note an Unis gehen können und sich bewerben können. Falls sie denn das Geld dazu haben. Und ohne Studienabschluss braucht man heute auch nicht mehr bei Firmen anfragen, da kann man ja gleich zur Müllabfuhr gehen.

Und da wundern sich die Politiker, dass es immer weniger Lehrer gibt, immer weniger Bildung und immer weniger Motivation innerhalb der Schule überhaupt? Bei so einem System meiner Meinung nach kein Wunder. Aber vermutlich werden die eigentlichen leidtragenden, die Schüler, das in ein paar Jahren nicht einmal mehr verstehen können mangels Aufklärung. Gott, schmeiß’ Hirn und schick’ die Politiker nochmal zur Schule der Neuzeit, auf dass sie verstehen mögen!