Theoretisch ja, aber praktisch nein
“Theoretisch ja, praktisch nein” ist ein Schlagwort, das vor einiger Zeit eine Kommilitonin von mir aus dem Institut für politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn geprägt hatte. Ursprünglich nur auf interne Angelegenheiten des Instituts ausgerichtet, möchte ich diesen Satz heute für mich umdeuten, und zwar für das allgemeine akademische Wesen einer Universität.
Der Dekan der philosophischen Fakultät, Dr. Paul Geyer, sagte mir einmal in einem Interview, er wolle das Humboldt’sche Bildungsideal hochhalten, das da besagt, ein Student solle in Diskussionsseminaren in kritischem Denken und allgemeiner Bildung geschult werden. Es gelte die Einheit von Forschung und Lehre an den Universitäten. Das kann ich persönlich so unterschreiben: Für mich ist eine Universität ein Ort, an dem man natürlich in erster Linie Bildung erhält und methodisch geschult wird. Andererseits muss an einer Universität aber auch das kritische Denken geschult werden. Es dürfte klar sein, wie ich die Bologna-Reform in diesem Zusammenhang sehe.
Dennoch bietet Bologna(theoretisch) genügend Möglichkeiten, die Studenten in kreativem und vor allem kritischem Denken zu schulen, sie hinterfragen zu lehren und ihnen eben nicht beizubringen, stumpf auswendig zu lernen und zu repetieren. Ein Student muss das Recht haben (und er muss es auch nutzen können), seine Lehrer zu kritisieren, zu hinterfragen, anderer Meinung zu sein. Doch zumindest an meiner Universität beobachte ich mehr und mehr, dass dies nicht der Fall zu sein scheint.
Ich möchte ein kleines Beispiel aus meinem derzeitigen Semester geben. Noch einmal zur Erinnerung: Seminare an den Universitäten sollten meiner Meinung nach entweder weiterbilden oder Hinterfragen lehren.
In besagtem Seminar nun lautet das Thema “Mediävistik im geteilten Deutschland”. Der Anspruch ist, die Wissenschaftsgeschichte, die in BRD und DDR offenkundig anders verlaufen sein musste, darzustellen und nachzuvollziehen, was wann während dieser rund 40 Jahre passiert ist. Es versprach also, interessant zu werden. Entweder würden wir das kritische Hinterfragen von Wissenschaftlern und ihren Arbeiten lernen oder viele Einzelheiten zur allgemeinen Wissenschaftsgeschichte – nur eben am Beispiel der Mediävistik von 1945 bis 1990 – lernen würden. Selbstverständlich, sonst würde ich hier nicht schreiben, ist keins von beidem der Fall.
Stattdessen werden Stunde um Stunde neue Texte von Mediävisten durchgekaut mit dem Anspruch eines Deutschunterrichtes der 10. Klasse. De facto handelt es sich also um reines Texte Analysieren ohne einen inhaltlichen Kern. Es entstehen keine kritischen Diskussionen, es geht lediglich um Verständnis des Textes, das solange wiederholt wird, bis jeder in etwa das gleiche denkt. Und das ist meines Wissens nach nicht Sinn einer Universität. Während es in meinem Nebenfach, der Politologie & Soziologie, inhaltlich noch mit einigem Biss voran geht, so mag man dies in der Geschichtswissenschaft völlig vermissen.
Die Dozenten, welche Vorlesungen halten, beschweren sich regelmäßig über mangelnde Anwesenheitszahlen und fordern lautstark eine Wiedereinführung der Anwesenheitspflichten, anstelle sich einmal selber zu hinterfragen und dann – falls dies mit einem derart verengten Weltbild überhaupt möglich ist – festzustellen, dass die meisten Studenten nur deswegen nicht in die Vorlesungen kommen, weil deren Gehalt offensichtlich noch geringer als der eines Kaugummis ist. Dies ist in der Soziologie zwar auch tendenziell ähnlich, aber zumindest können die Dozenten reden und schläfern nicht mit einer Stimme wie der von Helmut Schmidt ein.
Diese Entwicklung und Traditionalisierung von Nichtwissen bzw. Nichtwissenwollens, wie sie am Institut für Geschichtswissenschaft im Übrigen in allen Bereichen (sogar der Fachschaft!) geschieht, ist konträr zu sämtlichen Idealen, auf denen die abendländische Gesellschaft zu ruhen pflegte, und droht, die Universität zu einem zweiten Gymnasium werden zu lassen, die ausschließlich zum Ausbilden von Arbeitssklaven dient. Und diese Einschätzung beschränkt sich hier nur deshalb so arg auf die Historiker, weil ich dieses Fach studiere. In anderen Bereichen ist es ähnlich schlimm.
In einer ersten Version hieß es, Dr. Geyer sei der Dekan der Universität, was selbstverständlich unrichtig ist. Ich bitte, dies zu entschuldigen.
Ähnlicher Artikel: Eine Kommilitonin von mir hat vor einiger Zeit über die Praxis bezüglich Internetinhalten am IGW (Institut für Geschichtswissenschaft) geschrieben: http://gab.hypotheses.org/684