Polit-Talksendungen sind eigentlich gar nicht mein Fall, aber umso stolzer bin ich, dass ich es gestern geschafft habe, knapp eine Stunde vor dem Fernseher zu bleiben und mir die Ausgabe von “Menschen bei Maischberger” anzutun! Unter dem Motto “Machofrauen – Müde Männer: Letzte Runde im Geschlechterkampf?” ließ Frau Maischberger fünf Menschen in den Ring, deren Konstellation ganz viel Spaß vorhersagte – aber keine sachliche Diskussion zum Thema Feminismus und Emanzipation.
Von Anfang an war klar, dass diese Sendung nur den Zweck verfolgte, die alten Klischees zwischen traditionalistischen Männern und feministischen Frauen zu stärken und dadurch den Feminismus zu unterstützen: Auf der einen Seite waren da Alice Schwarzer, die “Galionsfigur der Feminismusbewegung”, Gisela Marx, eine enge Freundin von Alice Schwarzer, und Reyhan Sahin, welche sich selbst als eine Art “neue Feministin” sieht. Sonya Kraus war als eine eher unparteiische Person zwar im Zweifelsfalle auf der Seite der Frauen, aber wirklich als Feministin bezeichnen kann man sie nun auch nicht. Und auf der anderen Seite war Wolfgang Grupp, Chef der Trigema-Textilverarbeitung und offenbar ein Urgestein deutscher Familientradition.
Allein das musste doch schon Warnung genug sein für jeden halbwegs vernünftigen Menschen, die Sendung nicht mehr ernst zu nehmen. Feministen gegen Traditionalisten? Das ermöglicht allenthalben eine emotionale Diskussion um das Sein oder Nichtsein von Frauen im rechtlichen System der Bundesrepublik, aber keine ernste Diskussion darüber, was Feminismus heute ist, wieso man ihn braucht oder nicht braucht und was ihn ausmacht.
Feminismus, so schien es gestern, ist irgendwo in den 80er-Jahren stehen geblieben und hat sich seitdem nicht weiterentwickelt. Nicht, dass man das von der Politik anders kennen würde, doch eine Alice Schwarzer wird nicht gebraucht in einem Staat, in dem Menschen langsam die Mehrzahl stellen, welche Gleichberechtigung als ganz natürlich ansehen. In Berlin kommt jetzt eine Partei ins Parlament, die als Erste die Gleichstellung der Geschlechter nicht thematisiert hat, weil sie etwas besseres zu tun hat: Die Piraten. Die Tatsache, dass es die Diskussionen um Feminismus und weibliche Emanzipation noch gibt, beweist doch nur, dass Deutschland von gestern ist und vom gestern beherrscht wird. (Für den Goodwin-Point: Auch die Nazi-Diskussionen sind nur noch deshalb ständig im Gespräch, weil die Menschen keine gesunde “Ist halt so”-Einstellung diesbezüglich entwickelt haben)
Wer Gleichstellung als natürlich ansieht, braucht keine Diskussion darüber, denn kein Mensch (einmal von Philosophen abgesehen) spricht über Dinge, die für ihn normal sind.
Und das beweist mir umso mehr, dass Feminismus sich auch nicht verändern wird, solange in den gesellschaftlichen Normen noch die Erinnerungen an die Vor-68er-Zeit verankert sind und er von denen getragen wird, die diese Erinnerungen im Kopf haben und deshalb dagegen ankämpfen. Das Familienbild von 1950, welches immer noch nicht aus den Köpfen dieser Gesellschaft verschwunden ist, hängt wie ein böser Geist über dem Feminismus. Und genau das ist es: Ein Geist. Der Feminismus kämpft momentan gegen das Gespenst des Jochs der Frau aus einer Zeit, die längst nicht mehr aktuell ist. Seien es Menschen wie Wolfgang Grupp, die in Talksendungen und Interviews immer wieder auf dieses Familienbild hinweisen und es anpreisen oder seien es Werbespots, die dieses Bild propagieren. Konservativ sind nicht nur die Feinde des Feminismus, auch der Feminismus selber ist mittlerweile konservativ und überholt.
Menschen machen sich das Leben leicht, indem sie ein Ziel solange indoktrinieren, bis sie alles daran setzen, es zu erreichen und keine Veränderungen mehr zulassen. Das ist mit dem Feminismus auch passiert – die Menschen fordern immer noch eine Fortführung der Emanzipation auf Teufel komm raus in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Sogar an den armen Pixie-Büchern haben sich bereits ein paar Wahnsinnige vergangen! Und immer noch hat niemand verstanden, was wir wirklich brauchen: Einen neuen Feminismus.
Und dieser neue Feminismus existiert bereits: In den Köpfen der nächsten Generation. Der momentane Feminismus sorgt nur dafür, dass immer mehr Frauen im Streben nach Gleichstellung übers Ziel hinaus schießen und sich dann pikiert fühlen, wenn man sie stoppt - so wie Reyhan Sahin alias “Lady Bitch Ray”. Ich weiß nicht, was die Dame nimmt, aber der Überzeugung zu sein, man könne die Gleichstellung fördern, wenn man sich in aufreizenden Klamotten in Talksendungen setzt und gleichzeitig das Kopftuch gutheißt, sofern die Frau sich mit Tuch besser als ohne fühlt, hat eher belustigenden Charakter. Und über lustige Dinge lacht man, aber man nimmt sie nicht ernst. Alice Schwarzer mag vielleicht nicht Recht haben, wenn sie das Koptuch als Mittel weiblicher Erniedrigung entlarvt – es gibt immerhin genügend Situationen, in denen ein Kopftuch ganz andere, objektive Gründe erfüllt, aber Mademoiselle Bitchy hat noch viel mehr Unrecht, wenn sie das Kopftuch für muslimische Frauen fordert. Denn im muslimischen Glauben ist auch heute noch ein stark traditionalistisches Weltbild verankert, und Kopftücher für Frauen zu fordern, weil es ihrem Glauben entspricht, fördert schlicht den Konservatismus, dem sich Feministinnen doch eigentlich entgegen setzen wollen. Damit sorgt Sahin dafür, dass sie von Konservativen für ihr Aussehen verlacht wird und von Feministinnen für ihre Forderungen ausgeschlossen wird. Sahin ist eine typische Trotzperson, die sich nur deshalb schlampig anzieht, weil sie von Männern scheinbar erwartet, dass diese sie in langem, grauen Faltenrock sehen wollen und die nur deshalb Feministin ist, weil in der Schule einmal wer einen bösen Witz darüber gemacht hat, dass sie eine Frau ist.
Wenn wir in Zukunft Frauen rechtlich gleichberechtigt mit Männern sehen wollen, dann gibt es eine ganz, ganz einfache Idee: Lasst junge Menschen, lasst die Piraten und die momentanen Studenten an die Macht. Und vor allem: Werft endlich die konservativen Kräfte aus Deutschland raus! Konservativ kommt nicht umsonst von conservare (lat.: “erhalten”) – konservieren tut man ausschließlich Marmelade, aber keinen ganzen Staat. Demokratie lebt davon, sich zu entwickeln, und das geht nicht, wenn man alten Menschen mit einem ganz bestimmten Weltbild, wie Wolfgang Grupp, aber auch Alice Schwarzer, vorhält, was besser sein sollte. Die beste, unkomplizierteste und vermutlich auch sauberste Methode, Frauen mit Männern komplett gleich zu stellen, ist wirklich, Menschen, die das bereits als richtig und normal ansehen, bestimmen zu lassen. Nämlich Menschen unter 30, die bereits mit einem vollkommen anderen Weltbild aufgewachsen sind. Und seien wir doch einmal ehrlich: Alle positiven, demokratischen Bemühungen gingen von jungen Menschen aus, die mit den Weltbildern der bisherigen Staatsspitze nicht mehr einverstanden waren. Das eindrucksvollste Beispiel dafür liegt noch gar nicht so lange zurück: vor knapp 180 Jahren markierte das Hambacher Fest, organisiert von studentischen Verbindungen, den Beginn einer demokratischen Entwicklung, die 1848 in der Paulskirchenverfassung münden sollte und die nur deshalb scheiterte, weil die konservativen Kräfte das eingesetzt haben, was immer funktioniert: Gewalt.
Wir brauchen mal wieder viel Frischfleisch, damit wir vielleicht auch irgendwann wieder zum Land der Dichter und Denker werden können und Diskussionen wie die über den Feminismus nicht mehr brauchen. Denn das einzige, was es sich zu konservieren lohnt, ist der Wille zu Veränderung.