Mai 22 2012

Antwort auf Christiane Florin

Hendrik Erz

Der folgende Artikel wird sich auf diesen Artikel vom 21.05.2012 in der Zeit beziehen.

Einem “3-Liter-Wasser-am-Tag-Diktatürchen” unterwerfen wir uns also. Anstatt die Bundeskanzler in der richtigen Reihenfolge aufzählen zu können, anstatt die Gewaltenteilung benennen zu können, nuckeln wir also an Flaschen und kippeln autistisch auf dem Stuhl?  Mit leeren Augen auf Sie gerichtet, Frau Florin, und in unseren Blicken der Ausdruck absoluter Leere und absolutem Desinteresses? Und Sie verzweifeln an der Frage, wieso wir Politikwissenschaften studieren, wenn wir uns doch nicht für “Macht” interessieren, wie Sie schreiben?

Ich sage: Vielleicht stellen Sie das Falsche infrage. Und das fängt bereits bei Ihrem Seminar an. Regierungslehre? Das letzte Mal, als ich etwas zum Thema Deutsche Regierung gemacht habe (bzw. ganz allgemein deutsche Politik), war das der sozialwissenschaftliche Ergänzungskurs in der Oberstufe. Und ich habe ihn gehasst. Trotzdem studiere ich jetzt Politik. Jedes Jahr das gleiche, neue Aufwärmen von altbekannten Dingen. Jedes Jahr ein bisschen komplexer vielleicht, aber jedes Jahr das Gleiche. Immer wieder: Wie funktioniert der Bundestag? Wie funktioniert der Bundesrat? Solange, bis man uns vorwarf, wir wären politikverdrossen. Woher das nur kommt?

Ich habe – im Gegensatz zu meinen anderen politischen Kommilitonen – den Vorteil, dass ich Politik nur im Nebenfach studiere. Ich kann wählen zwischen Modulen, die mich interessieren, und Modulen, die das nicht tun. Regierungslehre war das erste, was aus dem Raster geflogen ist. Und zwar, weil ich das Parteiensystem als ein “nice-to-know” ansehe. Gut zu wissen. Sie reden davon, dass man über Macht redete, wenn über politische Systeme redete. Doch sind die politischen Systeme von heute wirklich noch die Machthaber? Nicht die Banken? Das verstehe ich schon eher unter Regierungslehre. Diskussionen. Politische Diskussionen über solche Probleme.

Sie werden jetzt erwidern, dass man dafür Grundlagen braucht, um keinen halbgaren Mist zu verzapfen. Ich gebe Ihnen Recht. Man braucht Grundlagen. Man braucht ein solides Grundwissen, um Ahnung von einem Fach zu haben. Sie wünschten offenbar, dass die Studenten in ihren Präsentationen mit einer Verve von Machtverhältnissen und der Konstitution des Bundesrates sprächen. Dass die Studenten viel lieber zu trinken vergessen würden, nur um Ihnen zuzuhören. Aber ich bitte Sie. Nur, wer später selber einmal in die Forschung über die Bundesrepublik selber gehen will – oder wer einfach im deutschen Politikbetrieb arbeiten will, wird sich dafür wirklich interessieren. Der Rest macht es, um es zu wissen. Der Rest wird sich erst später freuen über die Früchte der Seminare zur Regierungslehre, wenn sie im Nebensatz einen richtigen Aspekt der Bundesregierung in Bezug auf die Diskussion einbringen. Vielleicht.

Grundlagen sind wichtig. Aber sie dürfen nicht voraussetzen, dass sie spannend seien. Es ist kein Gegensatz, sich für Politik zu interessieren, die Grundlagen aber stinklangweilig zu finden. Ich darf Sie vielleicht an die Führerscheinprüfung erinnern. Theoretische Prüfungen sind nie schön. Man sieht sie als unnötigen Ballast. Aber man braucht sie. Die Freude kommt ja immerhin später – wenn man Auto fahren kann, ohne mangels Wissen über Verkehrszeichen einen Unfall zu bauen.

Sie sagen: “Trotzdem dürfen Politologen so vermessen sein, die Verhältnisse ändern zu wollen.” Doch wie will man Verhältnisse ändern, wenn man keine Diskussionen zulässt? Vielleicht wären Ihre Seminare spannender, wenn Sie Fragen an das politische System Deutschlands stellten. Und es nicht als gottgegeben sehen. Denn wie Max Weber schon sagte – es ist vollkommen egal, wie das politische System konstituiert sind, das einen Staat regiert – solange alle Bürger glücklich damit sind, ist es legitimiert. Demokratie ist nicht gottgegeben und das ist – mit Verlaub – gut so.

Hören Sie auf, sich in der Zeit über eine angeblich politikverdrossene Jugend aufzuregen, die sich keinen blassen Schimmer für die Bundeskanzler interessiere und schauen Sie einmal auf die Bildungsstreiks. Auf die Occupy-Bewegung. Schauen Sie auf den AStA ihrer eigenen Universität, der sich derzeit eine wahre Rechtsschlacht mit dem philosophischen Dekanat liefert – und das nur um die Anwesenheitspflichten. Schauen Sie sich die Piraten an. Und hören Sie auf, deutsche Politik mit Macht gleichzusetzen. Moderieren Sie doch einfach Diskussionen um die Regierungslehre und korrigieren Sie, wenn nötig, erklärend Missverständnisse. So hätten auch die Studenten wieder Sinn in ihrem Seminar. Und die Universität wäre wieder das, was sie eigentlich mal war – auch zu ihren Zeiten: Eine akademische Forschungsinstitution. Von der die revolutionären Ideen kommen.

Sie jammern auf einem derart hohen Niveau, dass der Artikel so witzlos erscheint, dass man sich bereits darüber lustig macht. Ich darf auf die Kommentare verweisen. Meckern Sie nicht, ändern Sie. Und folgen Sie nicht der Deutschen Masse – die ist für das Jammern zuständig.