Aux armes, citoyens, pour la citation!
Alors. Wer hätte es gedacht, dass die französische Nationalhymne, die Marseillaise, einmal so gut in einen Artikel passen würde. Es ist nunmehr ein Jahr und ein paar gequetschte Wochen her, seit Ansgar Heveling, seines Zeichens CDU-Mann und leider auch Bundestagsabgeordneter, einseitig einen Krieg gegen die Netzgemeinde erklärte und – oh Wunder – Opfer eines Shitstorms wurde. Da die Netzgemeinde aber leider tatsächlich pazifistisch ist und sich auf verbale Kotereien beschränkt, während real existierende Institutionen auch mal den Stecker ziehen, muss ich doch feststellen: es sieht so aus, als hätte Herr Heveling tatsächlich Recht!
Seit 10 Tagen ist das sogenannte Leistungsschutzrecht durch den Bundestag und es scheint immer unwahrscheinlicher, dass die Opposition es im Bundesrat blockieren wird. Dieses Leistungsschutzrecht soll Presseverlagen ein Recht einräumen, für die Verwendung ihrer Inhalte im Netz Geld zu verlangen. Das Witzige dabei: die Legislative hat hier mit einem einzigen, kleinen Gesetz, sämtliche Regeln der wissenschaftlichen Zitation vernichtet.
Prinzipiell gibt es wirklich nichts dagegen einzuwenden, dass auch Presseverlage, genauso wie Künstler und alle anderen Erschaffer immaterieller Güter, ein Recht auf angemessene Bezahlung haben. Dennoch gibt es einen massiven Unterschied zwischen Presse und allen anderen immateriellen Gütern. Im Gegensatz zu Musik und Kunst sind sie nämlich für das Leben einer Demokratie – und auch Forschung – unerlässlich. Natürlich, so wird man nun einwenden dürfen, wird das Leistungsschutzrecht nichts daran ändern, dass wir weiterhin über die Facebookseiten der jeweiligen Zeitungen an Nachrichten kommen. Die verschiedenen, großen und etwas kleineren Tageszeitungen an sich findet man ja immer noch über Google (sollte sich Google überhaupt darum scheren, was die Deutschen so beschließen).
Das wahre Opfer des Leistungsschutzrechtes wird die Forschung sein, da hier nämlich eine sogenannte Moving Wall geschaffen wird. Unter einer Moving Wall versteht man im Allgemeinen eine Schutzfrist, vor Ablauf derer geheime oder wichtige Akten der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden dürfen. Generell gilt meist eine Frist von 30 Jahren. Das macht wissenschaftliches Arbeiten natürlich schon arg schwierig, aber hat sich bereits eingebürgert. Sollte das Gleiche nun auch für einfache, tagesaktuelle Nachrichten gemacht werden, wird das jede Art von zeitgeschichtlicher oder auch zeitgenössischer Forschung völlig vernichten. Auch wenn die Moving Wall hier nur ein Jahr betragen soll.
Durch das Zitationsverbot nämlich wird verhindert, dass Wissenschaftler normal, wie sie es gewohnt sind, zitieren zu können. Und das ist pervers, angesichts der Tatsache, dass jeder weiß, was Sache ist, es darf eben nur keiner “laut aussprechen”, literally. Das ist natürlich noch unkritisch für Textpassagen, die man einfach umformulieren kann und auf dessen Quelle man mit einem Link in der Fußnote verweisen kann. Schwierig wird das allerdings für Zahlen und Statistiken. Denn wie sollte man Zahlen auch umformulieren, ohne in ein anderes Zahlensystem wie Binär oder Hexadezimal zu wechseln?
Was ebenfalls viele übersehen oder einfach nicht wissen, ist die noch größere Perversion des wissenschaftlichen Publikationsmarktes. Man mag als gemeiner Bürger vielleicht denken, dass zumindest wissenschaftliche Werke halbwegs aus der Ökonomie rausgehalten werden. Doch auch das ist ein absolutes Wunschdenken. Ich nenne nur einmal das Beispiel Elsevier. Der niederländische Wissenschaftsverlag nämlich hält ein weltweites Beinahe-Monopol auf wissenschaftliche Zeitschriften. Das hat dazu geführt, dass immer mehr Universitäten – die sich immerhin selbst finanzieren müssen – keine wissenschaftlichen Zeitschriften mehr abonnieren, sodass kaum neue Forschung in den Unis ankommt.
Wieso? Ganz einfach: Elsevier hat aus Zwecken der Gewinnmaximierung angefangen, Universitäten nur noch “Zeitschriften-Bundles” anzubieten. Das bedeutet, dass, wer eine Zeitschrift haben will, noch vier oder fünf weitere, unbekannte und vermutlich auch unnütze Zeitschriften abonnieren muss, was zusätzliches Geld kostet. Und im Übrigen Platz verschwendet. Somit canceln die meisten kleineren Unis schlicht alle Zeitschriften und die Forschung an der Uni wird erneut von Geld abhängig. Hier ist es also noch weitaus schlimmer als auf dem Musikmarkt. Denn während ein Musikalbum heutzutage, wenn man es wirklich dringend und möglichst günstig braucht, noch zwischen 5 – 10€ kostet, fangen die meisten wissenschaftlichen Aufsätze, und seien sie auch nur 10-20 Seiten lang, erst bei 20€ an. Und glaubt mir – solche Aufsätze sind auch nicht auf Torrentseiten geleakt, da die besser unter Verschluss gehalten werden und gleichzeitig natürlich auch weniger Interesse der Normalbevölkerung haben.
Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass dieser ganze Schwachsinn auch noch auf den “normalen” Pressemarkt ausgeweitet wird, kann ich nur rufen: Aux armes, citoyens! Formez vos batallions! Qu’un sang impur abreuve nos sillons!