Ein Gespenst geht um
“Ein Gespenst geht um in Europa – Das Gespenst des Kommunismus.”
So beginnt das kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, das 1848, genau zur Zeit der Paulskirchenverfassung und des Hambacher Festes, neben der ersten Demokratischen Verfassung Deutschlands und vielen weiteren Ideologien die des Kommunismus begründet. Es erschien in London, der Hauptstadt des Ur-kapitalistischen Landes zur Zeit der Hochindustrialisierung und war quasi als ein “Anti-Zeitgeist” zum vorherrschenden Glauben des Kapitalismus in Großbritannien entworfen worden (Obwohl Eduard Fuchs, Erfinder des Ausdrucks und der gleichnamigen Karikatur es 1901 genau umgekehrt meinte – er war Marxist und sah grob den Kommunismus als den Zeitgeist, den Kapitalismus als den Anti-Zeitgeist an).
Damals war es das Gespenst der Befreiung aller Menschen, dass Marx wohl nach ein paar Gläsern zuviel Wein auf der Weltkugel hat herumtanzen sehen. Heute ist es das Gespenst der Befreiung der Finanzmärkte, das in Europa umgeht. Obwohl es mittlerweile schon eine greifbare, wabernde Masse ist, die nicht nur in den Köpfen sitzt, sondern schon beginnt, die Köpfe zu verlassen und im Staate mitzumischen. Und es wird vornehmlich geformt von der deutschen Bundesregierung, allen voran auch hier wieder: Angela Merkel. Das Fähnchen im Wind, die Galionsfigur deutscher Musterregierung, die jetzt – ganz plötzlich – Position bezieht. Mit dem Satz, wir müssten “die Wettbewerbsfähigkeit für unsere Kinder und Enkel erhalten” steht sie ganz klar gegen das Referendum von Georgios Papandreou. Papandreou wollte sein Volk fragen, ob es seinen Kurs noch unterstützt – und war sich sicher bereits des womöglichen Ausganges (“Nein”) bewusst.
Demokratie << Finanzmarkt
Kurz nach Bekanntwerden dieses unangekündigten Vorstoßes wurde Papandreou von allen Seiten her scharf kritisiert: Merkel und Sarkozy übten harsche Kritik, Papandreou gefährde mit diesem Alleingang den Euro und die Medien stimmten in diesen Konsens mit ein. Mit dieser Maßnahme hätte er die Arbeit der griechischen Troika – jener Kommission von EU, EZB und IWF, die Griechenland zu Sparmaßnahmen zwingen soll – untergraben und die Euro-Rettung Merkozys (Wie griechische Demonstranten das französisch-deutsche Duett tauften) zu Staub zerfallen lassen, indem er die Euro-Rettung quasi seinem Volk überlassen hätte. Kurze Zeit später war die Sache erledigt: Papandreou nahm Abstand vom Referendum und nun wird schon über seinen Rücktritt inklusive einer Notregierung zur Schadensbegrenzung spekuliert. Es soll nur eine Randbemerkung sein, dass “Troika” – “Dreigespann” – aus dem Russischen, also dem kommunistischen Land schlechthin, stammt.
Doch ich will den Blick etwas von der Finanzkrise und von Griechenland lenken und mehr auf Europa ganz allgemein lenken. Und wieder das Thema zurückzuführen, auf das Gespenst der Bankenbefreiung. Bereits vor etwa zwei Monaten hat die ZDF-Kabarett-Serie “Neues aus der Anstalt” einen kurzen Wortwitz geliefert. So wurde in einer Predigt, die die aktuelle Haltung der Regierung zu den Finanzmärkten darstellt, nach einem Tausch des Wortes “Finanzmarkt” durch “Bürger” das Ganze Ausmaß des Dilemmas sichtbar: Die Regierenden entfernten sich immer mehr vom Bürger und bewegten sich hin zu den Märkten. Mittlerweile ist doch fast nur noch von der Rettung der Märkte die Sprache und davon, wie man Griechenland (welches seine Schulden zu einem großen Teil bei Banken in ganz Europa hat) entschulden kann.
Ich kann mich noch entsinnen, wie man vor drei Jahren, als die Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank begann, auf die Banken gewettert hat und als sogar die Regierung der USA (!) die Macht der Finanzmärkte mindern wollte. Ich frage mich, wo diese hehren Einsichten hin verschwunden sind, wenn sich jetzt halb Europa um seine Bewertung bei ein paar dahingeschissenen Rating-Agenturen sorgt und – anstatt das Gesetz der Rating-Agenturen in Europa auszuhebeln – lieber dafür sorgen, dass sie gut dastehen. Hat man Angst, dass man in den Verdacht des Faschismus gerät, wenn man externe Kontrollgremien ausschaltet, deren Macht heutzutage eindeutig die aller Regierungen übertrumpft?
Modern Monetary Theory
Ich habe diesbezüglich vor Kurzem ein sehr interessantes Interview mit Bill Mitchell erinnern. Bill Mitchell ist Professor für Ökonomie an der University of Newcastle in Australien und hat die Modern Monetary Theory (MMT) mit begründet. Die MMT dient laut Mitchell zu einer groben Umschreibung des Finanzsystems, das seit 1971 in der Welt heimisch wurde. 1971, bzw. besser erst 1973, schaffte US-Präsident Richard Nixon das bis dahin vorherrschende Bretton-Woods-System ab.
Ich muss zugeben, ich verstehe nicht sonderlich viel von Bretton-Woods oder MMT, aber Mitchell ist der Meinung, dass das heutige Währungssystem auf so etwas wie Rating-Agenturen verzichten kann und sich eigentlich nicht danach richten muss. Wie genau das abläuft, kann ich wie gesagt nicht nachvollziehen [Wenn jemand sich bereit erklären könnte, eine Erklärung für dumme Menschen wie mich zu verfassen, wär' das eine große Hilfe!] aber es scheint meinen Verdacht zu bekräftigen, dass unsere Politiker so ziemlich alles tun – nur nichts Sinnvolles. Und ich denke, dass ein großes Crux hier dabei liegt, dass vermutlich nicht mal die Ökonomieexperten des Bundestages wirklich verstehen, was sie unserer Kanzlerin da ins Ohr flüstern – sofern die überhaupt richtig zuhört oder es umsetzen kann.
Um aber wieder auf mein Metier zurück zu kommen: Die Politiker tanzen zuviel nach der Pfeife der Finanzmärkte und sorgen sich zu wenig um die Sorgen der Menschen. Sogar Umweltorganisationen haben schon Sorge angemeldet, dass wichtige Themen wie Umweltschutz, Bekämpfung des weltweiten Hungers und dergleichen in den Hintergrund treten. Erinnert ihr euch noch daran, was dieses Jahr schon alles passiert ist? Anfang des Jahres, gerade mal 8 Monate her, zerstörte ein Seebeben und ein nachfolgender Tsunami große Teile von Japans Ostküste. Der nachfolgende Reaktorunfall von Fukushima sorgte dafür, dass Deutschland die Energiewende bis 2022 beschloss. Es gibt heftige Regenfälle in Bangkok und man plant, die halbe Stadt aufzugeben, damit nicht das gesamte Umland von den Wassermassen zerstört wird, in Somalia hungert die Bevölkerung immer noch und die Hilfsorganisation kommen immer noch nicht ins Land. Es gibt garantiert noch genügend weitere Dinge auf diesem Planeten, von denen wir zwar wissen, die aber von der aktuellen Finanzmarktsituation überdeckt werden.
Back to the roots
Was bedeutet Politik? Politik bedeutet in erster Linie, gesellschaftlich zu Handeln. Politik ist untrennbar mit der menschlichen Gemeinschaft verbunden und neben einigen Koriphäen der politischen Theorie wie bspw. Niccolo Machiavelli hat sich der Konsens durchgesetzt, dass man als politisch handelndes Wesen auf das Wohl der Masse, des Demos bedacht sein sollte. Das versucht man auch dadurch zu zeigen, indem man unser heutiges Staatsverständnis nach der Volksherrschaft – der “democratia” – benennt, obwohl das Volk nur noch indirekte Einflussnahme besitzt. Dieses Gefühl ist sowohl den Regierenden als auch den Regierten völlig abhanden gekommen. Es ist mittlerweile kein wirkliches Regieren mehr, sondern vielmehr, möglichst wenig Falsches zu tun.
Die Schuld dafür liegt einerseits bei den Politikern, die mittlerweile getreu dem amerikanischen Vorbild immer mehr auf Wählerfang gehen müssen und sich schlicht präsentieren müssen. Wahlversprechen oder tatsächliche Umsetzung des Parteiprogrammes stehen heutzutage im Hintergrund. Aber daran ist auch der Wähler schuld. Der Wähler unterscheidet sich mittlerweile immer mehr in vier große Gruppen: Stammwähler, Nichtwähler, Lustwähler und die Entscheidungs-Wähler. Die Bedeutung dieser Gruppen dürfte klar und eine Erklärung obsolet sein, ebenso, dass die Stamm- und Nichtwähler wohl heute eindeutig in der Überzahl sein dürften.
Was wir brauchen, ist also wieder ein Grundkurs in Politik. Und den bekommen wir weder von Occupy Wall Street (So schön die Ziele von denen auch sein mögen), weder von den Wutbürgern, und auch nicht von unseren Politikern oder davon, dass wir uns lediglich beschweren. Den bekommen wir nur von uns selber, sobald wir einmal aus dieser selbstgewählten Apathie aufwachen und uns einmal fragen: Was löse ich mit meinen Aktionen (respektive dem Kreuzchen auf dem Wahlzettel) überhaupt aus?