Okay, eigentlich wollte ich ja langsam mal einen Artikel zum Thema Macht und Verantwortung raushauen. Eigentlich wollte ich ja auch schon längst wieder was geschrieben haben. Und eigentlich muss ich zugeben, dass mich ein bisschen das Nichtstun ereilt hatte, nachdem die Blogaufrufe nach dem Kony-Artikel sagenhaft nach oben geschnellt sind. Von durchschnittlich 30 Lesern am Tag waren es da zweimal hintereinander weit über 100 Leser – und das alles wegen Kony. Aber das offenbart mehrere erstaunliche Fakten, die ich – beinahe – belustigend finde. Und es ist ein wunderbarer Beweis, dass ich mich doch gerne mal auf meine Lorbeeren ausruhe ;)
Zuerst einmal: Die Internetnutzer lassen ihre Aufmerksamkeit gerne auf “trendige” Themen ziehen. “KONY 2012″ war so ein Trend, der ein paar Tage lang das ganze Internet durchzogen hat. Die Leute sind dem leicht realisierbaren Aufruf im Video gefolgt, haben das Video mal eben auf ihre Pinnwand geklatscht und gut war. Somit hat das Video binnen kürzester Zeit (alleine in der Stunde, die ich für das Artikelschreiben gebraucht hab, wurden es zwei Millionen Views mehr) fast 30 Millionen Views bekommen und mein Blog konnte eben davon auch profitieren. Wenn “Kony” und “Invisible Children” auf Google und Twitter zu “trending topics” werden, profitiere ich natürlich auch. Funny thing: Ebenso schnell, wie Kony aufkam, ging er auch wieder. Es ist faszinierend, mit welch einer berechenbaren Genauigkeit einen Tag später jegliches Interesse an Kony abgeflaut ist.
Und das ist der zweite Fakt: Was die Aufmerksamkeit der Internetnutzer nicht aufrecht erhalten kann (was, abgesehen von den Kommunikationsplattformen Facebook und Twitter, nichts und niemand wirklich bewerkstelligen kann, außer Gesetzen gegen diese Plattformen), verschwindet ganz, ganz schnell in der Bedeutungslosigkeit. Das einzige, was sich seitdem etabliert hat, sind Memes bezüglich dem Thema. Wie schnell das Interesse verflogen ist, konnte ich in Echtzeit auf meinem Blog verfolgen: Am Abend der Veröffentlichung des Artikels wurden es in wenigen Stunden 100 Leser, am Morgen des darauffolgenden Tages noch einmal 100, aber bereits ab dem Mittag stagnierte die Leserzahl wieder vollständig. Faszinierend, oder?
Und nun Fakt drei: Die Content-Bubble, in die sich die Internetgemeinde sehr schnell fangen lässt. Kurz zur Info: eine Content-Bubble ist ein modernes “Gerücht” – eine Zeitschrift macht aus einem Fakt eine Schlagzeile durch weglassen verschiedener Informationen, und diese Schlagzeile verbreitet sich dann erst – die Fakten kennt, außer dem Verfasser der Schlagzeile, niemand. Das zeigen auch viele Blogs, die verzweifelt versucht haben, auf den offensichtlichen Fakt hinzuweisen, dass Invisible Children als eine humanitäre Organisation mithilfe des ugandischen und US-Amerikanischen Militärs Kony mit Waffengewalt zu stellen. Pragmatismus ist dieser Tage damit endgültig gesellschaftstauglich geworden und hat jegliche Form von Moral ersetzt. Ist das gut? Wir werden sehen.
Fakt vier: Kony 2012 kannte vorher niemand, und etwas Unbekanntes ist interessanter als etwas Bekanntes. Also richteten sich alle Blicke auf Afrika, anstatt auf Probleme in der Nachbarschaft. Selbst, wenn diese eigentlich auch interessant sind, wie die “Homeless Hotspots” auf einer Computermesse in den USA. Aber es ist eben nur ein Artikel und kein fancy Video mit ganz viel schöner Musik und einer schönen Story. Also haben sich auch die Blicke in Europa von Griechenland abgewandt. Und ein Schelm, wer jetzt nicht dachte: “Och, nicht schon wieder Griechenland” ;)
Und wie habe ich es eigentlich geschafft, aus der Überschrift “Ent-Rüstung im Nahen Osten” einen Kony-Artikel zu schreiben? Soviel zum Thema Aufmerksamkeit, die bei mir wohl eher der Entrüstung über bestimmte Themen gleichkommt =D
Und warum nun die Überschrift Historical Funfacts? Ganz einfach: Diese Art von Phänomenen wird früher oder später historisch werden, spätestens in 150 Jahren werden Historiker weltweit die Köpfe schütteln über diese Phänomene, die momentan, in dieser Anfangsphase des Internets, aufkommen. Und somit habe auch ich einen Beitrag zur Chronik der Welt für spätere Zeiten geleistet – Hendriks persönliche Annalen :)
Guten Tag!