Der Hipster als Meltingpot der Gegenkulturen
Revoluzzer ohne Revolution
Im zweiten Artikel meines Fünfteilers will ich mich näher mit dem Hipster als “Meltingpot der Gegenkulturen” befassen. Der Hipster, das habe ich im vorangegangenen Artikel bereits angedeutet, sei der Hippie meiner Generation, die Jugendkultur gegen den Mainstream der Gesellschaft. Anders als der Hippie sei der Hipster allerdings unfähig, etwas Neues zu erschaffen und sich so abzugrenzen. Zumindest sagt das Douglas Haddow, ein Schriftsteller und Videokünstler aus Kanada. Er hat sich vor ein paar Wochen auf der Seite AdBusters.org genau darüber ausgelassen.
Er beginnt mit einem kurzen Interview:
“So… this is a hipster party?” beginnt er.
“Yeah, just look around you, 99 percent of the people here are total hipsters!”
“Are you a hipster?”
“Fuck no”
Warum antwortet ein Hipster auf die Frage, sie sei ein Hipster, mit einem Nein? Die Tatsache, dass sie auf einer Hipsterparty ist, selber ausreichend Hipsterklamotten trägt und sich am Ende des Gespräches zu den Hipstern auf die Tanzfläche wirft, spricht doch schon Bände. Dennoch konnte sie es machen – denn eine Fähigkeit eines Hipsters ist, sich selber nicht mehr ernst zu nehmen. Das, was unsereins als Ironie von Zeit zu Zeit in Gesprächen einfließen lässt, ist einer der Grundbausteine des Hipsters – “adamantly denying your existence while wearing clearly defined symbols that proclaims it.”
Damit lassen sich auch Dinge erklären wie beispielsweise die Kleidung – ein Hipster trägt mit Vorliebe Symbole alter, revolutionärer Bewegungen mit sich herum, ist aber gleichzeitig selbst das beste Gegenbeispiel für einen Revoluzzer. Oder beispielsweise die Fotografierwut der Hipster: auf der Straße liegt irgendetwas, was normalerweise nicht auf der Straße liegt – und der Hipster fotografiert es für Instagram und Facebook (Hier ein Auf-den-Kopf-Beispiel). Warum er das tut? Es ist kein künstlerisches Meisterwerk, es bewegt nichts, es verändert nichts. Er tut es aus reiner Beliebigkeit. Um etwas von sich zu geben. Ein anderes Beispiel ist der Hipster-Blog Fuck Yeah, Tobi Tobsen, der Bilder bar jeder Aussagekraft online stellt. Gut aussehen tun die Bilder definitiv, nur haben sie eben keine Aussage.
Hipster sind reine Hedonisten, die im Leben keinen Sinn und kein Ziel haben. Jede ihrer Aktionen hat eine gewisse Beliebigkeit, ist ersetzbar. Weil er kein Ziel im Leben hat, kommt er aber auch mit der Paradoxie zurecht, ein Hipster zu sein, obwohl er sich selbst nicht als einen bezeichnet. Ein wenig sind sich Hipster dieser Ziellosigkeit, dieser hedonistischen Unsinnigkeit sogar bewusst, denn sonst wäre der Begriff des Hipsters nicht so in Verruf:
[...]I come across a couple girls who exemplify hipster homogeneity. I ask one of the girls if her being at an art party and wearing fake eyeglasses, leggings and a flannel shirt makes her a hipster.
“I’m not comfortable with that term,” she replies.
Her friend adds, with just a flicker of menace in her eyes, “Yeah, I don’t know, you shouldn’t use that word, it’s just…”
“Offensive?”
“No… it’s just, well… if you don’t know why then you just shouldn’t even use it.”
The Dead End of Western Civilisation
Haddows Kernaussage dreht sich immer wieder darum, dass der Hipster das “Dead End of Western Civilisation” ist und er sagt außerdem:
“Each successive decade of the post-war era has seen [its counter-culture] smash social standards, riot and fight to revolutionize every aspect of music, art, government and civil society.”
Er impliziert dabei, dass die Jugendkultur des 21. Jahrhunderts nicht mehr Hippies, Hiphopper oder Punks sind, sondern eben Hipster. Der Hipster ist natürlich auch eine Jugendkultur, aber eben keine Gegenkultur. Eine Gegenkultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie eben das tut, was Haddow bereits erwähnte: Soziale Normen zerstören, aufbegehren und jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens verändern. Genau das tut der Hipster nicht, weil er gar nicht wüsste, wie er diese Dinge verändern sollte. Die Gegenkulturen des 21. Jahrhunderts sind Post-Anarchismus, Occupy und, so blöd das klingt, der Wutbürger – aber nicht mehr meine und seine Generation.
Der Hipster ist eine Subkultur, die zwar durch den Gebrauch von revolutionären Symbolen und das Tragen von Kleidung früherer Gegenkulturen zunächst den Anschein macht, als wäre sie eine Gegenkultur. Bei näherem Betrachten offenbart sich allerdings die absolute Bedeutungslosigkeit dieses Positionsbezuges. Gleichzeitig nämlich ist der Hipster vermutlich die Gruppe, die sich von allen am wenigsten mit Themen wie Umweltschutz, Demokratieverfall und Menschenrechten auseinandersetzt – sogar der Bäcker um die Ecke hat eine Meinung zu diesen Themen – vielleicht keine reflektierte, aber er hat eine.
Und hier möchte ich wieder auf Haddow zurückkommen. Der Hipster ist nämlich tatsächlich, so wie es bei Douglas Haddow heraus sticht, eine “Identitätsvernichtungsmaschine”, die Symbole früherer Bewegungen ihrer Bedeutung entreißt. Heute verbindet man Ché Guevara sicher nicht mehr mit dem Sozialismus (und damit einher auch gewisser Menschenrechtsverletzungen), sondern mit Mode. Douglas Haddow beweist ein großes Wissen um solche Symbole, wie aus dem Artikel ersichtlich wird – ich persönlich verbinde viele der Kleidungsstücke, die er auflistet, tatsächlich nur noch mit dem Hipstertum. Somit wäre die Mission des Hipsters geglückt.
Im dritten Artikel lasse ich mich über Facebook aus als eine Sinnzerstörungsmaschine, die das Kommunizieren zu einem reinen Selbstzweck gemacht hat und damit vielleicht sogar exemplarisch dafür verantwortlich gemacht werden kann, wieso Menschen zu hedonistischen, beliebigen Hipstern werden.
- Die Un-Kultur des Hipsters
- Der Hipster als Meltingpot der Gegenkulturen
- Moderne Kommunikation als leerer Selbstzweck
- Das ist Julia – Identitätsvernichter Werbung.
- Einmal veganer Bigmac mit doppelt Käse, bitte!

