Dez 26 2012

Der Hipster als Meltingpot der Gegenkulturen

Hendrik Erz

Revoluzzer ohne Revolution

Im zweiten Artikel meines Fünfteilers will ich mich näher mit dem Hipster als “Meltingpot der Gegenkulturen” befassen. Der Hipster, das habe ich im vorangegangenen Artikel bereits angedeutet, sei der Hippie meiner Generation, die Jugendkultur gegen den Mainstream der Gesellschaft. Anders als der Hippie sei der Hipster allerdings unfähig, etwas Neues zu erschaffen und sich so abzugrenzen. Zumindest sagt das Douglas Haddow, ein Schriftsteller und Videokünstler aus Kanada. Er hat sich vor ein paar Wochen auf der Seite AdBusters.org genau darüber ausgelassen.

Er beginnt mit einem kurzen Interview:

“So… this is a hipster party?” beginnt er.

“Yeah, just look around you, 99 percent of the people here are total hipsters!”

“Are you a hipster?”

“Fuck no”

Warum antwortet ein Hipster auf die Frage, sie sei ein Hipster, mit einem Nein? Die Tatsache, dass sie auf einer Hipsterparty ist, selber ausreichend Hipsterklamotten trägt und sich am Ende des Gespräches zu den Hipstern auf die Tanzfläche wirft, spricht doch schon Bände. Dennoch konnte sie es machen – denn eine Fähigkeit eines Hipsters ist, sich selber nicht mehr ernst zu nehmen. Das, was unsereins als Ironie von Zeit zu Zeit in Gesprächen einfließen lässt, ist einer der Grundbausteine des Hipsters – “adamantly denying your existence while wearing clearly defined symbols that proclaims it.”

Damit lassen sich auch Dinge erklären wie beispielsweise die Kleidung – ein Hipster trägt mit Vorliebe Symbole alter, revolutionärer Bewegungen mit sich herum, ist aber gleichzeitig selbst das beste Gegenbeispiel für einen Revoluzzer. Oder beispielsweise die Fotografierwut der Hipster: auf der Straße liegt irgendetwas, was normalerweise nicht auf der Straße liegt – und der Hipster fotografiert es für Instagram und Facebook (Hier ein Auf-den-Kopf-Beispiel). Warum er das tut? Es ist kein künstlerisches Meisterwerk, es bewegt nichts, es verändert nichts. Er tut es aus reiner Beliebigkeit. Um etwas von sich zu geben. Ein anderes Beispiel ist der Hipster-Blog Fuck Yeah, Tobi Tobsen, der Bilder bar jeder Aussagekraft online stellt. Gut aussehen tun die Bilder definitiv, nur haben sie eben keine Aussage.

Hipster sind reine Hedonisten, die im Leben keinen Sinn und kein Ziel haben. Jede ihrer Aktionen hat eine gewisse Beliebigkeit, ist ersetzbar. Weil er kein Ziel im Leben hat, kommt er aber auch mit der Paradoxie zurecht, ein Hipster zu sein, obwohl er sich selbst nicht als einen bezeichnet. Ein wenig sind sich Hipster dieser Ziellosigkeit, dieser hedonistischen Unsinnigkeit sogar bewusst, denn sonst wäre der Begriff des Hipsters nicht so in Verruf:

[...]I come across a couple girls who exemplify hipster homogeneity. I ask one of the girls if her being at an art party and wearing fake eyeglasses, leggings and a flannel shirt makes her a hipster.

“I’m not comfortable with that term,” she replies.

Her friend adds, with just a flicker of menace in her eyes, “Yeah, I don’t know, you shouldn’t use that word, it’s just…”

“Offensive?”

“No… it’s just, well… if you don’t know why then you just shouldn’t even use it.”

The Dead End of Western Civilisation

Haddows Kernaussage dreht sich immer wieder darum, dass der Hipster das “Dead End of Western Civilisation” ist und er sagt außerdem:

“Each successive decade of the post-war era has seen [its counter-culture] smash social standards, riot and fight to revolutionize every aspect of music, art, government and civil society.”

Er impliziert dabei, dass die Jugendkultur des 21. Jahrhunderts nicht mehr Hippies, Hiphopper oder Punks sind, sondern eben Hipster. Der Hipster ist natürlich auch eine Jugendkultur, aber eben keine Gegenkultur. Eine Gegenkultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie eben das tut, was Haddow bereits erwähnte: Soziale Normen zerstören, aufbegehren und jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens verändern. Genau das tut der Hipster nicht, weil er gar nicht wüsste, wie er diese Dinge verändern sollte. Die Gegenkulturen des 21. Jahrhunderts sind Post-Anarchismus, Occupy und, so blöd das klingt, der Wutbürger – aber nicht mehr meine und seine Generation.

Der Hipster ist eine Subkultur, die zwar durch den Gebrauch von revolutionären Symbolen und das Tragen von Kleidung früherer Gegenkulturen zunächst den Anschein macht, als wäre sie eine Gegenkultur. Bei näherem Betrachten offenbart sich allerdings die absolute Bedeutungslosigkeit dieses Positionsbezuges. Gleichzeitig nämlich ist der Hipster vermutlich die Gruppe, die sich von allen am wenigsten mit Themen wie Umweltschutz, Demokratieverfall und Menschenrechten auseinandersetzt – sogar der Bäcker um die Ecke hat eine Meinung zu diesen Themen – vielleicht keine reflektierte, aber er hat eine.

Und hier möchte ich wieder auf Haddow zurückkommen. Der Hipster ist nämlich tatsächlich, so wie es bei Douglas Haddow heraus sticht, eine “Identitätsvernichtungsmaschine”, die Symbole früherer Bewegungen ihrer Bedeutung entreißt. Heute verbindet man Ché Guevara sicher nicht mehr mit dem Sozialismus (und damit einher auch gewisser Menschenrechtsverletzungen), sondern mit Mode. Douglas Haddow beweist ein großes Wissen um solche Symbole, wie aus dem Artikel ersichtlich wird – ich persönlich verbinde viele der Kleidungsstücke, die er auflistet, tatsächlich nur noch mit dem Hipstertum. Somit wäre die Mission des Hipsters geglückt.

Im dritten Artikel lasse ich mich über Facebook aus als eine Sinnzerstörungsmaschine, die das Kommunizieren zu einem reinen Selbstzweck gemacht hat und damit vielleicht sogar exemplarisch dafür verantwortlich gemacht werden kann, wieso Menschen zu hedonistischen, beliebigen Hipstern werden.

  1. Die Un-Kultur des Hipsters
  2. Der Hipster als Meltingpot der Gegenkulturen
  3. Moderne Kommunikation als leerer Selbstzweck
  4. Das ist Julia – Identitätsvernichter Werbung.
  5. Einmal veganer Bigmac mit doppelt Käse, bitte!

Dez 24 2012

Der Hipster und die Vernichtung der Identität

Hendrik Erz

Die Un-Kultur des Hipsters

Hipstertrap

Eine “Hipsterfalle”

Was ist ein Hipster? Man findet mittlerweile im Netz Milliarden von Memebase-Bildern (Beispiele hier und hier), die das Hipstertum karikieren. Was man hieraus lesen kann: ein Hipster ist eine Person, die offenbar alles tut, was augenscheinlich nicht “mainstream” ist. Er hört Musik, die nicht im Radio gespielt wird, trägt Klamotten, die sonst (augenscheinlich) kaum jemand trägt und mag Dinge, die (augenscheinlich) niemand (mehr) mag.

Was wir hier also sehen, ist eine Person, die sich mit Ekel vor Dingen windet, die besonders viele Menschen mögen. Continue reading


Mrz 30 2012

Probiert’s mal mit Gemütlichkeit

Hendrik Erz

Ich hätte es ja nie für möglich gehalten, aber ich muss gestehen, er tut, was er kann, dieser erste analoge Shitstorm seit Erfindung des Internets. Was sich Sven Regener und jetzt noch 51 Tatort-Autoren mit diversen “digital natives” da liefern ist eine erstklassige Schlammschlacht. Während man die Urheberrechtsdiskussion schon fast totgeglaubt hat, wurden SOPA und PIPA zum Defibrillator des Streites und somit entfacht sich wieder, beinahe wie ein Lauffeuer, ein unglaublicher Kulturkampf zwischen Urheberrechtsvertretern und Urheberrechtsgegnern. Lange habe ich dem munteren Treiben zwar mit einer runzeligen Stirn zugeschaut, aber nach diesem offenen Brief muss auch ich mich nochmal zu Wort melden. Continue reading


Mrz 28 2012

Fehler gegen Ignoranz

Hendrik Erz

So, nun ist er vollbracht – der Umzug. Aber mit ihm kommen auch viele Zweifel. Ich werde ständig gefragt, wieso ich das denn getan hätte, dass es ja eigentlich Quatsch sei und lauter so Sachen, für die ich meine Freunde allerdings auch nicht kritisieren möchte, sondern ihnen eher dafür danken möchte. Und da ich mich sowieso vor Kurzem bereits mit der sogenannten “kognitiven Dissonanz” beschäftigt habe, ist dies eine wunderbare Überleitung zum Thema.

Doch zunächst zu den Fakten: Ich studiere in Bonn und trotzdem bin ich vor wenigen Tagen in eine WG nach Köln gezogen. Warum habe ich das getan? Genau wie im oben verlinkten Spiegel-Artikel leide auch ich derzeit an dieser “kognitiven Dissonanz”, da es selbstverständlich irgendwie immer paradox ist, weg von der Arbeit zu ziehen. Außerdem sind hier die rechtlichen Verhältnisse nicht ganz geklärt und es ist alles sehr unsicher, das Haus selber ist noch immer eine halbe Ruine und es gibt hier durchaus viele Mängel. Ich brauche nun eine Dreiviertelstunde zur Uni, es herrscht Chaos und ich fühle mich momentan sehr unglücklich hier. Warum also sollte ich es nun rechtfertigen, das zu tun? Nun, das ist auch der Teil, mit dem ihr euch identifizieren könnt/sollt/whatever. Denn ich bin ja bemüht, aus allem irgendeine Lehre zu ziehen :)

Nun, zunächst zu einem sehr konkreten Punkt, der in einem Beitrag auf den NachDenkSeiten beleuchtet wurde. Darin geht es um das systematische Ignorieren aller anderen Personenkreisen außer dem eigenen, das Ignorieren aller anderen zum Heile-Welt-Simulieren. Das war mir zwar immer schon irgendwie klar, aber nur durch dieses “In-Worte-Fassen” wurde mir richtig bewusst, wie logisch das alles doch ist. Diesen Artikel kann man sehr gut mit dem Spiegel-Artikel in Verbindung bringen. Laut Leon Festinger gibt es genau drei Wege, wie ein Mensch einer kognitiven Dissonanz annähern kann. Kognitive Dissonanz, um das auch mal eben zu erklären, ist nichts anderes als die Wissenschaft von den Gewissensbissen. Und der erste Weg hinaus funktioniert, indem man sich einfach solange einredet, dass der Auslöser der kognitiven Dissonanz eigentlich gar nicht so schlecht ist, man redet ihn sich also schön. Weg zwei ist der, sich selber einzugestehen, dass es eine Dummheit war und zu akzeptieren, dass man einen Fehler gemacht hat (und das auch zu korrigieren). Und der dritte und nach Festinger letzte Weg, diese kognitive Dissonanz zu beenden ist die Rechtfertigung mit “höherer Macht”. Also einfach andere Gründe als Rechtfertigung für einen Fehler heran zu ziehen.

Der Artikel der NachDenkSeiten nun zeigt ganz einfach einen vierten, möglichen Punkt: Ignoranz. Dadurch, dass man bestimmte Probleme einfach aus dem eigenen Weltbild verdrängt, kann sich gar keine Dissonanz ergeben, d.h. man beugt dem schon vor. Und nun der Bogen zurück auf mich: Wäre ich in Bonn geblieben, hätte ich mir natürlich sehr viel Ärger erspart und ich würde auch weiterhin von Ärger verschont bleiben, könnte weiterhin in der relativ sauber aussehenden Studentenstadt wohnen und hätte kurze Wege. Aber: Durch das Wohnen in Köln – selbst wenn es nur kurz bleiben sollte – setze ich mich Problemen aus, fordere und fördere also meine Problemlösungsfähigkeit und Kreativität und weiß für später auf jeden Fall, was ich nicht mehr machen will und wie ich bei bestimmten Problemen reagieren werde. Einerseits ist das natürlich eine sehr pragmatische, utilitaristische Haltung, andererseits sorgt das auch für eine starke Sensibilisierung bei allen möglichen Themen.

Diese Sensibilisierung ist in der heutigen Zeit einfach vielfach nicht mehr vorhanden. Mir begegnen auf der Straße so unheimlich viele Menschen, die absolute Ignoranz gegenüber jeder fremden Welt, jedem fremden Menschen äußern, die es gar nicht wahrhaben wollen, dass andere Menschen einen anderen Blick auf die Welt haben. Und damit spiele ich gar nicht auf diese typischen zwischenparteilichen Zwiste an, die sich besonders in den Geisteswissenschaften gerne äußern, sondern vielmehr auf ganz essentielle Unterschiede. Wie sieht zum Beispiel ein Bettler die Welt? Was erwartet er, was erhofft er? Darin können sich die wenigsten hinein versetzen. Oder schauen wir uns, damit es vielleicht auch für andere verständlich wird, eben eine einfache Grundsatzdiskussion an: Das Lustigmachen über die Eigenarten anderer Menschen (Briefmarken sammeln, Putzfimmel, Gartenarbeit) ist in unserer Gesellschaft meist nicht ernst gemeint, doch könnte es nicht vielleicht Sinn machen, sich einmal zu oft darüber Gedanken zu machen? Einmal mehr den eigenen Elfenbeinturm zu verlassen und sich anderen Parallelgesellschaften auszusetzen, einfach mal mit dem ÖPNV durch eine Großstadt fahren und sich die mitfahrenden Menschen genau ansehen, sich sensibilisieren für die Menschen um uns herum? Denn, was für die Medien wichtig und gut ist, kann für uns genauso gut sein.

Natürlich ist dieser Artikel für mich selber eine Auflösung dieser Dissonanz – das Schönreden dieses Fehlers (?) und damit Rechtfertigung vor mir selber. Das Herausstellen der Vorteile vor den Nachteilen. Doch ich hoffe, auch bei euch eine Art kognitiver Dissonanz ausgelöst zu haben, denn anders kann man, glaube ich, nicht aus diesem Artikel lernen. Denn auch der Artikel auf den NachDenkSeiten ist ein weiteres, moralisches Problem, das sich nur stellt, wenn man das Verstehen des Menschen fördern will. Es ist etwas, was man nicht dringend braucht, was aber dennoch wichtig sein kann. Besonders in Bezug auf die Nachhaltigkeit und den damit verbundenen Problemen.


Okt 24 2010

Von wegen deutsche Armut…

Hendrik Erz

Pah! Da redet ganz Deutschland über Armut und verteufelt den Begriff der Wohlstandsgesellschaft, und dann so etwas – mitten in Düsseldorf finde ich einen intakten Lautsprecher des namhaften deutschen Herstellers Sharp, auf welcher sogar noch ein “Made in West-Germany” draufsteht – also mehr als 20 Jahre alt, das Ding – und zwar auf dem Sperrmüll!
Da frage ich mich doch als anerkannter Musikliebhaber, was den ehemaligen Besitzer dazu bewogen haben könnte, diese wundervolle Box, die bestimmt nicht billig gewesen sein muss, wegzuwerfen.

Eine Sharp-Box aus DüsseldorfAls erstes kam mir selbstverständlich die Möglichkeit in den Sinn, sie könnte kaputt sein. Nachdem ich sie allerdings bei mir zu Hause austestete, durfte ich meine Kinnlade erst einmal wieder vom Boden auflesen – der Klang des kleinen Riesen war sogar für mich hörbar deutlich besser als der meiner eigenen Boxen. Und somit blieb die Frage, warum zur Hölle man solch einen solchen Lautsprecher wegwirft.

Und dann erinnerte ich mich an ein Gespräch, welches ich in gemütlicher Runde mit einem guten Freund hatte. Jener Freund berichtete von einem Arbeitskollegen, Bäckergeselle von Beruf, welcher mit 1.800€ Netto im Monat noch zu Hause lebt, das Geld also faktisch verprassen kann. Besonders hängen geblieben ist bei mir der Satz “Momentan schaut er sich bereits nach einem 3D-Fernseher um – der alte HD-Plasmafernseher ist schließlich bereits anderthalb Monate alt”, und ich befürchte, diese Vermutung trift nun auch auf den ehemaligen Besitzer der Box zu.

Gut, man muss nun dazu sagen, dass ich den Lautsprecher mitten in Düsseldorf fand, und jene Stadt ist wegen dem Titel “Landeshauptstadt” eine recht subventionierte Stadt; man meint, es wohnen nicht wirklich viele arme Leute dort, aber dennoch, irgendwie tat es mir weh, einen solchen Schatz in einem solchen Zustand vorzufinden, zumal ich gerade vom künstlerischen Düsseldorf doch eigentlich erwartet hätte, man würde den Wert einer solchen Box richtig einschätzen.

Aber was ist schon eine 20 Jahre alte Box der Eltern gegen das neue 5.1-Dolby-Digital-Home-Cinema-System mit seinen 200 Watt und mehreren tausend Euro Wert…?


Nov 9 2009

Konsumkapitalismus in Deutschland

Hendrik Erz

Samstag Morgen, 12 Uhr in Deutschland. Meine Freundin und ich wollen nach Köln, in ein viel gelobtes Musikgeschäft. Also nimmt man sich vor, einmal einen ganzen Tag nach Köln zu fahren und auch vielleicht ein paar Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Gesagt, getan. Nach einem bisschen Stau auf der A57 an Kreuz Köln-Nord war ein Parkplatz schnell gefunden und schon konnte das Shoppen beginnen.

Nachdem wir ein wenig in besagtem Musikladen herumgestöbert hatten und ich zum Schluss gekommen bin, dass ein solch überfüllter Musikladen eine Qual ist, ging es auf eine Tour durch die Einkaufsstraße von Köln, abzweigend vom Domplatz. Links und rechts – überall sah man große, größere und größte Läden, teils große Kaufhausketten waren vertreten und getreu dem Motto “Größer geht es immer” war auch die Innenarchitektur gehalten, so z.B. ein knapp 30 Meter großer Weihnachtsbaum in einem der größten Läden – immerhin einer deutschen Kette angehörig.

Doch nachdem wir ein paar Stunden durch diese Straße gingen (und nebenbei wirklich ein paar Weihnachtsgeschenke fanden) begann diese Masse mich zu erdrücken. Immer mehr dachte ich nur an “Kaufen, kaufen, kaufen”. Und das macht nachdenklich. Mich, warum in Deutschland bereits so dieser Konsum angekommen ist. Wie in Amerika wurde in der Kölner Innenstadt ziemlich eindeutig das amerikanische Motto “Konsum! Zwei statt einem!” angepriesen, mit großen Mengen, die Menschen zum Konsum bewegen und damit die Wirtschaft ankurbeln.

Gleichzeitig musste ich an die ganzen Einzelhandelsgeschäfte von früher denken. Diese typischen Tante-Emma-Läden, welche jetzt durch Kaufhof, Media Markt & co. verdrängt wurden und werden. Es ist sehr interessant, zu sehen, wie der Kapitalismus auch im “Sozialstaat” Deutschland auf die Spitze getrieben wird, gilt doch das ungeschriebene Gesetz, dass wir in Deutschland – zumindest dachte ich das bisher – eine relativ gesunde Mischung aus Plan- und freier Wirtschaft haben. Aber anscheinend übernimmt man nicht nur Fast Food, Fettleibigkeit, Autos und Patriotismus aus Amerika, sogar der ungehemmte Konsum beginnt. Wo wir sogar noch in den 70er Jahren kleinere Kaufhäuser hatten und der Konsum wegen der deutschen Mentalität relativ eingeschränkt war – trotz Wirtschaftswunder, so stehen heute nur noch die größten Läden.

Also haben wir jetzt auch in Deutschland den puren Konsum. Viel interessanter wird aber diese eigentlich an sich zwar erschreckende, aber leider nicht neue Nachricht, wenn man bedenkt, was ich in den letzten zwei bis drei Tagen auf spiegel.de gelesen habe.

Einerseits gab es nämlich jetzt anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Mauerfalles, d.h. der Zerschlagung der Planwirtschaft auf deutschem Boden, eine Umfrage, wie beliebt denn der Kapitalismus ist. Und die kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Sehr unbeliebt. Sogar in der Kapitalismushochburg USA finden “nur” 25% den Kapitalismus als solchen gut funktionierend. Und sogar der Untergang der Sowjetunion wird vielfach als negatives Ereignis interpretiert. Ist es nicht interessant, wie 20 Jahre nach dem endgültigen Fall des Sozialismus in Europa das Meinungsbild vom “Bösen Russen”, dem Iwan, abgewichen ist zum “Bösen Amerikaner”?

Und andererseits ist – eben wegen dem 20. Geburtstag des Mauerfalles auch der “Soli” wieder im Gespräch. Der Solidaritätszuschuss, welcher seit dem Mauerfall von West nach Ost fließt, hat den Sinn, den Osten aufzubauen, d.h. die Lebenssituation im Osten an die im Westen anzugleichen. Doch seit vielen Jahren bereits gibt es Kritik am Solidaritätszuschuss. In Westdeutschland beschwert man sich, dass in Ostdeutschland wesentlich neuere Infrastruktur steht, und dies kann ich sogar bestätigen. Kaum kommt man in den Osten, werden die Straßen absolut glanzvoll und schlaglochfrei, ebenso wie die Gebäude im Osten extrem herausgeputzt sind. Wenn man dies im Kontrast zu Städten im Westen, beispielsweise im Ruhrgebiet, sieht, so fällt auf, dass der Osten wesentlich besser aussieht, und ich kann mich auch noch an eine Dokumentation erinnern, in der genau dieser Kontrast heraus stach, und auch an einige Interviews, die zum Zwecke der Dokumentation geführt wurden. Ein Westdeutscher sagte, dass der Westen verkomme und er nicht verstünde, warum immer mehr Geld in den Osten gepumpt werde, wenn in Westdeutschland doch alles verkommt. Und ein Ostdeutscher hat gesagt, die Ostdeutschen bräuchten keinen Solidaritätszuschuss mehr, da sie nichts mit dem Geld anfangen könnten. Der Soli ist also in West und Ost gleichermaßen unbeliebt. Lediglich die Politiker sehen den Solidaritätszuschuss noch als angemessen und benötigt, wollen ihn gar erhöhen.

Doch dann frage ich mich, warum angeblich die Wirtschaft im Osten noch lange nicht an der des Westens angepasst ist? Liegt es vielleicht an den unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen? Im Osten liegen doch vollkommen andere Grundsätze in der Mentalität. In der DDR ging es nie um die Industrie, sondern um den Menschen. Sozialistischer Grundsatz eben. Also – warum kann es nicht sein, dass in ostdeutschen Mentalitäten noch dieser Grundsatz existiert und dementsprechend das Geld eben mehr in Dinge fließt, die den Menschen nutzen, als in die Industrie? Und außerdem hat unser neuer Verkehrsminister vorgeschlagen, einmal eine Art Solidaritätszuschuss für den Westen einzuführen, damit auch im Westen die Straßen saniert werden könnten.
Dieser wurde prompt und entschieden von der FDP abgewehrt und als “geschmacklos” abgetan.

Warum bitte nur handelt unsere Politik immer so schizophren? Auf der einen Seite übernimmt sie sämtliche Konzepte der amerikanischen Konsumkultur, gleichzeitig predigt sie aber noch die deutsche Lebenskultur.
Und um das Volk scheint sich – besonders der große Wahlgewinner FDP – immer weniger zu kümmern, bzw. nach seinem Gusto handeln. Anscheinend freut sich die FDP zu sehr, dass sie der große Wahlsieger ist.