Oh mein Gott. Ich möchte weinen. Ganz bitterlich weinen. Über diese Zustände in der heutigen Medienwelt.
Ich kann mein Unverständnis gegenüber den Medien gar nicht in Worte fassen. Dieser blanke Hass, der Günter Grass nach seinem Gedicht “Was gesagt werden muss” entgegen springt; ist beispiellos – und ein Armutszeugnis für den Rationalismus. Anscheinend hat man jetzt endgültig die Ideale der Aufklärung ad ACTA gelegt (ja, schlagt mich für das Wortspiel^^), denn das, was die Leute Günter Grass entgegen feuern ist so derart von Vorurteilen, Klischees und unglaublichem Halbwissen besetzt, dass mir die Galle hoch kommt.
Ich bin kein Antisemit - das schreibt Grass schon relativ am Anfang seines Gedichtes, und trotzdem ist das der erste Ausruf, der ihm entgegen geschleudert wird.
Doch beginnen wir mit der Form: Bereits in der Schule hat jeder ordentliche Schüler gelernt, dass die Form das wichtigste an einem Gedicht ist. Und genau das wird bereits missachtet: Die Süddeutsche Zeitung verwendet eine völlig andere (aber die richtige) Formatierung als der Spiegel, was offensichtlich ein Beweis dafür ist, dass man sich nicht um die literarische Gattung schert, sondern einzig und allein den Inhalt sieht – und den in einem Gedicht für bare Münze zu nehmen, ist tödlich für jeden Wissenschaftler. Und hier auch für Grass.
Nach einigem Überlegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, genau wie mit dem Heveling-Artikel zu verfahren: Einzelne Aussagen der Kritiker zu nehmen und auseinander zu nehmen. Genauso, wie die Medien es das mit dem Grass-Gedicht tun: Jedes Wort für bare Münze nehmen.
Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, warf Grass vor, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Der “Berliner Morgenpost” sagte er: “Nicht das Existenzrecht des Irans, sondern Israels ist bedroht. Einem Staat das Existenzrecht abzusprechen, ist vergleichbar mit einer Morddrohung.” Es sei zwar legitim, Israels Politik zu kritisieren, “aber nur auf der Basis eines eindeutigen Bekenntnisses zu seinem Existenzrecht”. (Quelle)
Offensichtlich bezieht sich der Bischof hier auf die wohl am meisten kritisierte Stelle, eine offensichtliche Übertreibung Grasses:
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird. (Quelle)
Wort für Wort genommen sagt Grass hier natürlich ganz klar: “Israel fordert ein Recht auf Erstschlag, da es sich bedroht fühlt dadurch, dass Iran seit zwanzig Jahren damit droht, endlich die Atombombe entwickelt zu haben. Mit einem solchen Erstschlag aber würde das iranische Volk vernichtet.” Anstatt sich einmal bewusst zu werden, dass Grass eine solche Aussage mit gesundem Menschenverstand niemals ernst gemeint haben könnte, wird reflexartig entgegen gespuckt:
Wolffsohn: Israel hat nie mit einem atomaren Erstschlag gedroht. Die U-Boote, von denen im Gedicht die Rede ist, sind Waffen für den Zweitschlag. Wenn das eigene Territorium durch einen atomaren Angriff verwüstet ist, versetzen U-Boote eine Nation in die Lage, auf den Angriff zu reagieren. Das weiß jeder, der sich schon mal mit Militärstrategie beschäftigt hat. Grass hat ganz offensichtlich keine Ahnung von dem Thema. (Quelle)
Wer hat hier keine Ahnung von dem Thema? Jemand, der die Debatte auf etwas absolut und vollkommen irrelevantes – nämlich eine Militärtaktik-Diskussion umlenken will, oder jemand, der eine Übertreibung und Verallgemeinerung zu etwas nutzt, das darüber steht? Wie wäre es zum Beispiel mit der Idee, dass Grass mit dieser Strophe einfach nur ausdrücken wollte, dass hier eine Person sich von einer anderen Person, die dafür bekannt ist, leere Drohungen von sich zu geben, Angst aufschwatzen lässt, die unbegründet ist? Ohne jetzt eine Diskussion vom Zaun brechen zu wollen, wer nun mehr Angst vorm anderen haben müsste: Wieso versucht niemand auch nur ansatzweise, dieses Gedicht zu analysieren? Es zu durchsuchen nach allgemeineren Dingen?
Leute: Es ist ein Gedicht. Es ist nichts, was man für bare Münze nimmt. Ein Gedicht arbeitet mit Bildern, es ist ein einziges Bild. Die Form ist in erster Instanz einmal wichtig, da fallen mir jetzt spontan Fragen ein wie “Wie werden die Sätze getrennt?”, “Werden Wortgruppen betont, die im Satz gelesen wieder einen anderen Sinn ergeben?” oder “Was drücken die jeweils ersten/letzten Worte eines jeden Verses aus?”. Dann sind noch weitere Hintergründe wichtig.
Ich kann nicht gut Gedichte analysieren. Konnte ich noch nie. Aber ich kann sagen, dass das, was dieser Shitstorm ausdrückt, definitiv keine Analyse ist, sondern ein reflexartiges Auswerfen sämtlicher Standardantworten zu persönlich-subjektiven Texten ist, in denen die Wörter “Iran”, “Israel” und “Atombombe” drin vorkommen. Man könnte ja fast meinen, die Leute wären auf einmal Computer, die Texte systematisch nach solchen Wörtern durchsuchen, und dann eine halbwegs angepasste Standardantwort verwenden, um sie zu diskreditieren.
Warum darf man Israel in der heutigen Zeit nicht mehr kritisieren? Warum sind kritische Worte wie die Vermutung, dass Israel ein Erstschlag einfordert, so ein großer Sakrileg? Und ich möchte unter “Israel” hier nur die handelnde, also exekutive Regierung verstehen, da das Volk schwerlich einen größeren Einfluss darauf haben kann, was Netanjahu für richtig erachtet. Und dass er ein Konservativer ist, ist altbekannt. Ich denke, in diese Richtung geht es, was Grass ausdrücken will.
Dichter verwenden gerne Bilder, die den Zeitgenossen geläufig sind, damit es für diese einfacher wird, das Gedicht zu übersetzen. Es ist wie Malen nach Zahlen. Und die Bilder, die Grass da verwendet, sind eben momentan aktuell. So ein Gedicht wörtlich zu lesen, ist, als würde man ein Volk, das eine unbekannte Sprache spricht, auslöschen und sagen, sie hätten irgendwas gesagt, dass sich wie eine Kriegserklärung angehört habe.
Und hier ein Beweis, der meine Theorie von den “allgemein bekannten Bildern” untermauert:
Segev: Natürlich nicht. Im Grunde hat Grass nur das gesagt, was auch der ehemalige Mossad-Chef Meïr Dagan beinahe jeden Tag erklärt. Dagan warnt vor einem israelischen Angriff auf Iran. In Israel wird über dieses Thema sehr rege diskutiert – es ist kein Tabu. (Quelle)
Think about that.
Zum Abschluss noch ein Interview, bei dem ich mich schäme, dass dieser Mann den Titel “Historiker” führen darf. Denn er hat nichts verstanden von dem, was Wissenschaftlichkeit ausmacht. Und das darf ich auch als Jungblut im zweiten Semester sagen, denn das erste, was wir lernen, ist die Maxime, die noch auf Thukydides zurückgeht, und in deren Folge die moderne Geschichtswissenschaft steht: Geschichte solle die Bemühung sein, ein so objektives Bild davon zu zeichnen, was geschehen ist, wie es dem Menschen möglich ist. Und Herr Wolffsohn spricht hier in blankem Hass, sodass er historische und sogar schlichte menschliche Fakten vollkommen aus dem Kontext reißt und Dinge gegen Günter Grass verwendet, die so absurd sind, dass ich ihn gerne einmal im Seminar bei uns aushängen möchte. Diesen Wolffsohn. Mit seinem Pamphlet gegen das Gedicht.
Bah.