Dez 24 2012

Der Hipster und die Vernichtung der Identität

Hendrik Erz

Die Un-Kultur des Hipsters

Hipstertrap

Eine “Hipsterfalle”

Was ist ein Hipster? Man findet mittlerweile im Netz Milliarden von Memebase-Bildern (Beispiele hier und hier), die das Hipstertum karikieren. Was man hieraus lesen kann: ein Hipster ist eine Person, die offenbar alles tut, was augenscheinlich nicht “mainstream” ist. Er hört Musik, die nicht im Radio gespielt wird, trägt Klamotten, die sonst (augenscheinlich) kaum jemand trägt und mag Dinge, die (augenscheinlich) niemand (mehr) mag.

Was wir hier also sehen, ist eine Person, die sich mit Ekel vor Dingen windet, die besonders viele Menschen mögen. Continue reading


Apr 9 2012

Denn Israel zu kritisieren

Hendrik Erz

Oh mein Gott. Ich möchte weinen. Ganz bitterlich weinen. Über diese Zustände in der heutigen Medienwelt.

Ich kann mein Unverständnis gegenüber den Medien gar nicht in Worte fassen. Dieser blanke Hass, der Günter Grass nach seinem Gedicht “Was gesagt werden muss” entgegen springt; ist beispiellos – und ein Armutszeugnis für den Rationalismus. Anscheinend hat man jetzt endgültig die Ideale der Aufklärung ad ACTA gelegt (ja, schlagt mich für das Wortspiel^^), denn das, was die Leute Günter Grass entgegen feuern ist so derart von Vorurteilen, Klischees und unglaublichem Halbwissen besetzt, dass mir die Galle hoch kommt.

Ich bin kein Antisemit - das schreibt Grass schon relativ am Anfang seines Gedichtes, und trotzdem ist das der erste Ausruf, der ihm entgegen geschleudert wird.

Doch beginnen wir mit der Form: Bereits in der Schule hat jeder ordentliche Schüler gelernt, dass die Form das wichtigste an einem Gedicht ist. Und genau das wird bereits missachtet: Die Süddeutsche Zeitung verwendet eine völlig andere (aber die richtige) Formatierung als der Spiegel, was offensichtlich ein Beweis dafür ist, dass man sich nicht um die literarische Gattung schert, sondern einzig und allein den Inhalt sieht – und den in einem Gedicht für bare Münze zu nehmen, ist tödlich für jeden Wissenschaftler. Und hier auch für Grass.

Nach einigem Überlegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, genau wie mit dem Heveling-Artikel zu verfahren: Einzelne Aussagen der Kritiker zu nehmen und auseinander zu nehmen. Genauso, wie die Medien es das mit dem Grass-Gedicht tun: Jedes Wort für bare Münze nehmen.

Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, warf Grass vor, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Der “Berliner Morgenpost” sagte er: “Nicht das Existenzrecht des Irans, sondern Israels ist bedroht. Einem Staat das Existenzrecht abzusprechen, ist vergleichbar mit einer Morddrohung.” Es sei zwar legitim, Israels Politik zu kritisieren, “aber nur auf der Basis eines eindeutigen Bekenntnisses zu seinem Existenzrecht”. (Quelle)

Offensichtlich bezieht sich der Bischof hier auf die wohl am meisten kritisierte Stelle, eine offensichtliche Übertreibung Grasses:

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird. (Quelle)

Wort für Wort genommen sagt Grass hier natürlich ganz klar: “Israel fordert ein Recht auf Erstschlag, da es sich bedroht fühlt dadurch, dass Iran seit zwanzig Jahren damit droht, endlich die Atombombe entwickelt zu haben. Mit einem solchen Erstschlag aber würde das iranische Volk vernichtet.” Anstatt sich einmal bewusst zu werden, dass Grass eine solche Aussage mit gesundem Menschenverstand niemals ernst gemeint haben könnte, wird reflexartig entgegen gespuckt:

Wolffsohn: Israel hat nie mit einem atomaren Erstschlag gedroht. Die U-Boote, von denen im Gedicht die Rede ist, sind Waffen für den Zweitschlag. Wenn das eigene Territorium durch einen atomaren Angriff verwüstet ist, versetzen U-Boote eine Nation in die Lage, auf den Angriff zu reagieren. Das weiß jeder, der sich schon mal mit Militärstrategie beschäftigt hat. Grass hat ganz offensichtlich keine Ahnung von dem Thema. (Quelle)

Wer hat hier keine Ahnung von dem Thema? Jemand, der die Debatte auf etwas absolut und vollkommen irrelevantes – nämlich eine Militärtaktik-Diskussion umlenken will, oder jemand, der eine Übertreibung und Verallgemeinerung zu etwas nutzt, das darüber steht? Wie wäre es zum Beispiel mit der Idee, dass Grass mit dieser Strophe einfach nur ausdrücken wollte, dass hier eine Person sich von einer anderen Person, die dafür bekannt ist, leere Drohungen von sich zu geben, Angst aufschwatzen lässt, die unbegründet ist? Ohne jetzt eine Diskussion vom Zaun brechen zu wollen, wer nun mehr Angst vorm anderen haben müsste: Wieso versucht niemand auch nur ansatzweise, dieses Gedicht zu analysieren? Es zu durchsuchen nach allgemeineren Dingen?

Leute: Es ist ein Gedicht. Es ist nichts, was man für bare Münze nimmt. Ein Gedicht arbeitet mit Bildern, es ist ein einziges Bild. Die Form ist in erster Instanz einmal wichtig, da fallen mir jetzt spontan Fragen ein wie “Wie werden die Sätze getrennt?”, “Werden Wortgruppen betont, die im Satz gelesen wieder einen anderen Sinn ergeben?” oder “Was drücken die jeweils ersten/letzten Worte eines jeden Verses aus?”. Dann sind noch weitere Hintergründe wichtig.

Ich kann nicht gut Gedichte analysieren. Konnte ich noch nie. Aber ich kann sagen, dass das, was dieser Shitstorm ausdrückt, definitiv keine Analyse ist, sondern ein reflexartiges Auswerfen sämtlicher Standardantworten zu persönlich-subjektiven Texten ist, in denen die Wörter “Iran”, “Israel” und “Atombombe” drin vorkommen. Man könnte ja fast meinen, die Leute wären auf einmal Computer, die Texte systematisch nach solchen Wörtern durchsuchen, und dann eine halbwegs angepasste Standardantwort verwenden, um sie zu diskreditieren.

Warum darf man Israel in der heutigen Zeit nicht mehr kritisieren? Warum sind kritische Worte wie die Vermutung, dass Israel ein Erstschlag einfordert, so ein großer Sakrileg? Und ich möchte unter “Israel” hier nur die handelnde, also exekutive Regierung verstehen, da das Volk schwerlich einen größeren Einfluss darauf haben kann, was Netanjahu für richtig erachtet. Und dass er ein Konservativer ist, ist altbekannt. Ich denke, in diese Richtung geht es, was Grass ausdrücken will.

Dichter verwenden gerne Bilder, die den Zeitgenossen geläufig sind, damit es für diese einfacher wird, das Gedicht zu übersetzen. Es ist wie Malen nach Zahlen. Und die Bilder, die Grass da verwendet, sind eben momentan aktuell. So ein Gedicht wörtlich zu lesen, ist, als würde man ein Volk, das eine unbekannte Sprache spricht, auslöschen und sagen, sie hätten irgendwas gesagt, dass sich wie eine Kriegserklärung angehört habe.

Und hier ein Beweis, der meine Theorie von den “allgemein bekannten Bildern” untermauert:

Segev: Natürlich nicht. Im Grunde hat Grass nur das gesagt, was auch der ehemalige Mossad-Chef Meïr Dagan beinahe jeden Tag erklärt. Dagan warnt vor einem israelischen Angriff auf Iran. In Israel wird über dieses Thema sehr rege diskutiert – es ist kein Tabu. (Quelle)

Think about that.

Zum Abschluss noch ein Interview, bei dem ich mich schäme, dass dieser Mann den Titel “Historiker” führen darf. Denn er hat nichts verstanden von dem, was Wissenschaftlichkeit ausmacht. Und das darf ich auch als Jungblut im zweiten Semester sagen, denn das erste, was wir lernen, ist die Maxime, die noch auf Thukydides zurückgeht, und in deren Folge die moderne Geschichtswissenschaft steht: Geschichte solle die Bemühung sein, ein so objektives Bild davon zu zeichnen, was geschehen ist, wie es dem Menschen möglich ist. Und Herr Wolffsohn spricht hier in blankem Hass, sodass er historische und sogar schlichte menschliche Fakten vollkommen aus dem Kontext reißt und Dinge gegen Günter Grass verwendet, die so absurd sind, dass ich ihn gerne einmal im Seminar bei uns aushängen möchte. Diesen Wolffsohn. Mit seinem Pamphlet gegen das Gedicht.

Bah.


Mrz 30 2012

Probiert’s mal mit Gemütlichkeit

Hendrik Erz

Ich hätte es ja nie für möglich gehalten, aber ich muss gestehen, er tut, was er kann, dieser erste analoge Shitstorm seit Erfindung des Internets. Was sich Sven Regener und jetzt noch 51 Tatort-Autoren mit diversen “digital natives” da liefern ist eine erstklassige Schlammschlacht. Während man die Urheberrechtsdiskussion schon fast totgeglaubt hat, wurden SOPA und PIPA zum Defibrillator des Streites und somit entfacht sich wieder, beinahe wie ein Lauffeuer, ein unglaublicher Kulturkampf zwischen Urheberrechtsvertretern und Urheberrechtsgegnern. Lange habe ich dem munteren Treiben zwar mit einer runzeligen Stirn zugeschaut, aber nach diesem offenen Brief muss auch ich mich nochmal zu Wort melden. Continue reading


Mrz 21 2012

Ein Problem

Hendrik Erz

Diesen Artikel möchte ich mit einem kleinen Video beginnen:

Das Video, eigentlich eine Werbung der britischen “Guardian” zeigt eine Situation aus drei verschiedenen Perspektiven, immer nur blickwinkelartig. Das heißt, keine der Szenen kann für sich stehen und steht dennoch für sich. Der Guardian wollte mit diesem Spot beleuchten, dass man als Nachrichtendienst immer alle Blickwinkel beobachten müsse – dass das nicht geht, dürfte mittlerweile nicht nur den Bild-Kritikern aufzugehen scheinen. Peter Kruse nutzte das Video in seinem Vortrag auf der re:publica 2010 (übrigens, ein sehr empfehlenswerter Vortrag) als Beispiel, wie schnell wir in die Szenen direkt Flucht, Angriff und Hilfeleistung interpretieren können, also das Übertragen von eigenen Wertvorstellungen auf Szenen, die sich bieten. Und mit diesem Blogartikel mache ich sogar das, was ich eigentlich kritisieren will. Und das ist das Problem.

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Feb 29 2012

Das Internet – eine kommunikative Pest?

Hendrik Erz

Wenn Politiker und andere Personen des öffentlichen Raums Stellungnahmen abgeben, ist das ein gefundenes Fressen für Menschen wie mich. Da sie natürlich in ihren Stellungnahmen ihre persönliche Meinung verpacken (was sie schließlich auch müssen, dafür sind Stellungnahmen da), bieten sie ein wirklich nettes Bett, in das Schwätzer wie ich ihre Gegenmeinung reinpacken können – besonders dann, wenn sie wissen (oder meinen, zu wissen), worum es geht. Frau Julia Schramm, ihres Zeichens Politologin und Autorin (zumindest laut der Bildunterschrift in ihrem Gastartikel auf der Süddeutschen Zeitungs-Homepage), hat nun eine solche Stellungnahme veröffentlicht. Klar – Gastbeiträge in Zeitungen haben Kommentarform und sind daher sogar noch einfacher zu torpedieren, als Stellungnahmen. Und ich möchte nun genau dies tun. Der Haken an der Sache ist nur der: Sie schreibt über genau das, was ich hiermit tue.

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Feb 17 2012

Ausgewulfft

Hendrik Erz

Ein letztes Mal noch, bevor das nicht mehr möglich sein wird, möchte ich ein wunderbares Wortspiel mit dem Namen “Wulff” betreiben. Gut, es ist nicht von mir, aber dennoch passend. Gerade eben hat Ex-Bundespräsident Wulff eine äußerst kurze Erklärung abgegeben, in der er darum trauere, dass er seine Aufgaben als Bundespräsident nicht mehr wahrnehmen könne, da er dazu die Mehrheit des Volkes bei sich tragen müsse, was nun, nach dieser Schlammschlacht, selbstverständlich nicht mehr der Fall war. Er habe zwar Fehler gemacht, sei aber immer aufrichtig gewesen. Sehr interessant war auch seine Bemerkung zur Presse: “Die Berichterstattung der vergangenen zwei Monate in den Medien hat mich und meine Frau sehr verletzt.”

Im Prinzip, das sollte man dazu sagen, hat Wulff hier nicht agiert, sondern lediglich reagiert. Denn, um das mit den Worten von N24 an diesem Morgen zu formulieren: “Gibt es andere Stimmen, die NICHT seinen Rücktritt fordern?”, worauf der Korrespondent in Berlin schlicht antwortete: “Nö.” Wulff hat somit also auch hier wenig Rückgrat bewiesen. Gut, mehr als in den letzten Monaten, aber dennoch – er ist den Medien nicht zuvor gekommen, sondern hat nur reagiert. Ich vermute hier, dass der Immunitäts-Aufhebungsantrag der Staatsanwaltschaft Hannover mächtig Zunder ins Feuer gegeben hat. Doch das sind nur Mutmaßungen.

Was wichtig ist: Christian Wulff ist zurück getreten und das Amt des Bundespräsidenten wird nun nicht mehr mit irgendwelchen Schlammkügelchen beschmutzt. Auch hier möchte ich ein paar kritische Worte an den Journalismus los werden: Natürlich ist es Aufgabe des Journalismus, dafür zu sorgen, dass die Menschen informiert werden und dass Menschen wie Wulff gestürzt werden. Durch die Berichterstattung wird der Justiz in die Hände gespielt, die es dann einfacher hat, Gerechtigkeit im Lande zu walten. Dennoch ist die Schlammschlacht (wo ich allerdings auch Wulff kritisieren muss, er hat sie immerhin mit begonnen) unnötig gewesen. Und wozu hat sie geführt? Richtig: Dass jetzt, nur 20 Minuten nach der Erklärung von Wulff, schon die ersten Spaß-Umfragen auf Facebook geführt werden, à la “Wer wird jetzt Bundespräsident?” und der Twitter-Feed zum Hashtag #wulff aus allen Nähten platzt.

Der Mob hat ein Bauernopfer gefunden und verbrennt es jetzt nun. Doch vielleicht war es nötig, um die Menschen in Deutschland ein Stück weiter aus ihrer selbstgewählten, politischen Lethargie zu holen? Fest steht, dass sich an der Causa Wulff die Gemüter entbrannt haben und das gesamte Volk in Aufruhr versetzt haben. Vielleicht brauchte es dieses krasse Ausscheren aus dem normalen, politischen Alltag, um den politischen Puls der Menschen wieder zu aktivieren. Aber auch das sind nur Mutmaßungen – was Wulff wirklich bewegt hat, wird sich erst in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Vielleicht hat er, wie ACTA, dazu geführt, dass die politische Diskussionskultur in Deutschland stärker wird, vielleicht wird er auch einfach nur irgendein Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik bleiben und irgendwann, in ein paar Jahrzehnten von einem Archivaren nur kurz wieder entdeckt, um dann wieder in den Untiefen irgendwelcher Mauern zu verschwinden.

Jetzt gilt es erst einmal, vielleicht einen besseren Bundespräsidenten zu finden – was vermutlich nicht schwer werden dürfte. Es sei denn, Merkel hat wieder zuviele Finger im Spiel. Denn wir sollten daran denken: Christian Wulff wurde im Zuge Merkels Operation “Kopflose CDU” ins Amt gehievt, während der Merkel versucht hatte, die gesamte Partei führerlos zu machen, damit es keine Gegenkandidaten gegen sie geben könne. Das hat der SPIEGEL ein paar Wochen lang eindrucksvoll im Magazin ausgebreitet. Doch auch das sind ja eigentlich nur unwissenschaftliche Mutmaßungen eines Menschen, der, frustriert von der Deutschen Politik, gerne eh eine wunderbare, neue Revolution hätte, im Zuge derer Parteien wie CDU, SPD oder sonstige “Volksparteien” gleich ganz abgeschafft werden. Also nur reine, persönliche Meinung :)


Feb 14 2012

Zurückgebellt

Hendrik Erz

Da isser wieder! Dank dem fulminanten Twitter gelangte mir soeben der Herr Wulff wieder zu Augen. Der SPIEGEL verfasste einen Artikel zum Verhalten der mitreisenden Journalisten auf Wulffs Trip nach Italien. Was der SPIEGEL allerdings intendiert hatte, ist etwas anderes, als das, was ich darin lese. Es wirkt beinahe so, als sei dieser Artikel bewusst geschrieben worden, um das Verhalten der Medien in diesen Tagen zu rechtfertigen. Sehr eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang folgender Absatz:

“Ich will eine Brücke von Nord nach Süd bauen”, sagt er. Wer will, kann darin sogar eine kleine Spitze gegen Kanzlerin Merkel sehen, die bei der Euro-Rettung die Franzosen als Teil der Lösung und Italien als Teil des Problems behandelt. [...] Im engen Besprechungsraum interessiert das aber niemanden.

Das verdeutlicht meiner Meinung nach sehr gut das Problem, dass der Fall Wulff an die Öffentlichkeit trägt: Das Festhängen an alten Strukturen. Niemand kannte jemals zuvor einen Bundespräsidenten, der sich beschmutzt hat. Besonders dank Köhler galt das Bundespräsidentenamt oftmals als das einzige Amt, das noch Ehrlichkeit innehalte. Mit Wulff hat sich das gänzlich verschoben, und die Schlammschlacht, die Wulff mit den Medien treibt, hat für ihn bisher nur Vorteile: Die Journalisten sind erbost über Wulffs Kühle; darüber, dass an ihm alles abprallt, was man ihm vorwirft. Und er verschleiert sehr viel. Man denke nur an den Fragenkatalog, den Wulff zuerst nicht beantworten und dann nicht heraus rücken wollte. Das alles spielt Wulff in die Hände. Und es hat die Journalisten vor Wut und vor Unverständnis blind werden lassen für die Möglichkeiten, die sie haben. Ich möchte hier zwei mögliche Wege beschreiben, wie es nun weiter gehen könnte.

Der erste Weg ist der, der wohl wahrscheinlicher ist, wenn nicht noch ein Wunder geschieht: Dadurch, dass die Journalisten Wulff auch auf seiner Italienreise nur mit seinen Affären belästigen, wird er noch abgeschmackter werden, noch mehr von sich abprallen lassen und wird – im schlimmsten Falle – auch seine selbst auferlegte Aufgabe, Italien wieder mit ins Euro-Rettungsboot zu holen, vernachlässigen oder sogar vergessen. Das würde dem Amt des Bundespräsidenten sogar noch mehr zusetzen, als es Wulff bisher tat. Irgendwann aber würde Wulff vermutlich aufgrund des schieren Druckes seitens der Medien, die ihn immer öfter und immer mehr nach den Hintergründen fragen werden, zusammenbrechen und freiwillig zurück treten. Vielleicht. Dann würde auch er – wie es sich für einen freiwillig zurückgetretenen Präsidenten gehört – einen großen Zapfenstreich erhalten und bis an den Rest seines Lebens einen Dienstwagen mit Chauffeur sowie eine saftige Rente kassieren. Dafür, was er getan hat.

Der zweite Weg ist der, für den ich hier plädieren möchte: Wenn die Journalisten an Bord der Regierungsmaschine die Kreditaffäre außen vor gelassen hätten, hätten sie Wulff einerseits kein neues Holz für das Feuer geben können, vermutlich wäre er angesichts der riesigen Schneeballschlacht zwischen Präsident und Medien eher noch erstaunt gewesen, dass keine derartigen Fragen gekommen sind, und andererseits hätten sie das Amt des Bundespräsidenten zumindest mit dem Unterstützen in dieser einen einzigen Sache noch etwas gestützt. Denn währenddessen könnten sich Kollegen dieser mitgereisten Journalisten in Deutschland in Akten vertiefen und um Wulff und seine Mauer aus Eis und Hintze herum genügend Wichtiges aufdecken, um dem Bundestag genügend Beweismittel an die Hand zu geben, um per Beschluss die Immunität des Präsidenten aufzuheben. Dann könnte die Staatsanwaltschaft endlich ein Verfahren gegen Wulff einleiten und ihn dann unehrenhaft aus dem Amt zu hieven.

Natürlich wäre der zweite Weg ein absolutes Novum in der Bundesrepublik, aber wenn wir um diesen – legalen und möglichen – Weg herum schiffen, würden wir einerseits unsere eigenen Gesetze zu purer Dekoration verkommen lassen, und andererseits den Sinn unserer Demokratie verfehlen. Denn, dass Wulff ein ungeeigneter Präsident ist, dessen dürfte sich mittlerweile jeder sicher sein. Außerdem würden wir somit Menschen wie Wulff zeigen, dass wir zwar die Möglichkeit hätten, solchen Situationen zuvor zu kommen, sie aber aus Feigheit nicht nutzen wollten – ein Freibrief für solche Menschen. Durch diesen zweiten Weg würden wir das Amt des Bundespräsidenten restaurieren, da wir ganz klar eine Trennung zwischen Amt und Person zögen. Dadurch, dass wir die Person gewaltsam aus dem Amt entfernen. Wir würden Möglichkeiten eröffnen, um Wulff beispielsweise Vorzüge wie eine lebenslange Rente oder einen Dienstwagen mit Chauffeur zu entziehen und ihn dadurch noch mehr zu strafen und wir würden eine folgenschwere Nachricht an alle da draußen senden, die die Politik nur als Mittel zum Zwecke der Selbstbereicherung oder -profilierung nutzen wollten: Dass es mit uns nicht geht.

Wir müssen uns nur trauen und zu dem bisschen, was wir an demokratischer Ehre heute noch haben, stehen. Also, liebe Journalisten: Lasst Wulff endlich aufbranden mit seinen Schlammkügelchen, lasst Hintze ins Leere reden und kümmert euch um Akten, um Beweise und um Schriftstücke – um Dinge, die ihre Aussage nicht der aktuellen Situation anpassen. Betreibt wieder richtigen Journalismus, der so oft zum Fall von Despoten, Demagogen oder sonstigen, dem Volke unerwünschten Personen, geführt hat. Werdet wieder zur vierten Macht im Staat!


Okt 22 2011

Die crossmediale Nullfunktion

Hendrik Erz

Knapp 34 Jahre ist es jetzt her, seit deutsche Medien den Begriff “Deutscher Herbst” geprägt haben – damals, als in den USA Star Wars wie eine Bombe einschlug – und in Deutschland echte Bomben hoch gingen. Jaja, die guten alten Haudegen von der RAF, damals noch im Glauben, mit ein paar Bömbchen könnte man Deutschland verbessern. Gut, damals waren wir wirklich eine sehr verbonzte Gesellschaft, und es war nicht schön, was die deutschen Politiker teilweise getrieben haben. Und die Ära Helmut Schmidt blieb da keine Ausnahme.

Und jetzt – im Jahre 2011 – graben deutsche Politiker diesen wundervollen Begriff wieder aus – nur diesmal in Bezug auf die Brandanschläge in Berlin. Von was für einer Klatschpresse wir umgeben sind, sehen wir anscheinend immer erst, wenn sich ein paar linksextreme Kräfte entscheiden, mal eine Serie von mindestens zwei ähnlichen bösen Taten zu vollbringen. Während Nationalsozialismus mittlerweile mehr oder minder außer Frage steht und kaum noch thematisiert wird, sind jetzt die linksextremen Kräfte ins Visier von Politik und Medien geraten. Während ein paar wenige, kleine Brandsätze gerade einmal ein paar Strippen beschädigt haben, redet man hierzulande bereits von “Terrorismus” – ein Begriff, der heutzutage viel zu schnell ausgegraben wird, wenn es um staatszersetzende Themen geht. Selbstverständlich mag es nicht in Ordnung sein, mit Brandsätzen Schabernack zu treiben und das halbe Berliner S-Bahn-Netz außer Kraft zu setzen, aber dass gewisse Käseblättchen schon von einer “dramatischen Gefahr für Leib und Leben” sprechen, wirkt doch arg überzogen.

Wer definierte eigentlich einst die Medien als vierte Macht im Staate? Mittlerweile ist das doch nicht viel mehr als eine nette Formulierung. Denn die Medien haben sich heute viel zu sehr an die Politik angeschmiegt. Und wenn Politiker wie Herr Hans-Peter Uhl Hasspredigten auf etwas, was sie nicht verstehen loslassen dürfen, und die BILD solchen Politikern Rückendeckung gibt, sehe ich das Sprachrohr des Volkes – nämlich ebendie Zeitungen – stark gefährdet. Heute gibt es offenbar nur noch zwei Arten von Zeitschriften: Linke gemäßigte Schriften, die sehr meinungsneutral schreiben um ja nicht negativ aufzufallen – und konservative Klatschpresse, die Aussagen vieler Politiker ungefiltert auf die Menschheit loslassen und die Politik unterstützen, die leider vielerorts nicht mehr das ist, was sie sein sollte.

Nur um das klar zu stellen: Ich fordere kein neues Regierungssystem für Deutschland – prinzipiell ist unser System in der Theorie sogar sehr gut. Nur die Umsetzung scheitert dann, wenn man sich in der Politik stillschweigend auf einige wenige Grundsätze, die es zu verfolgen gilt, geeinigt hat, und jedes Thema auf diese Grundsätze herunterbricht, um mehr Sicherheit, mehr Überwachung, mehr Kontrolle zu rechtfertigen.

Vielleicht ist es nicht richtig, gleich die Legalisierung sämtlicher Drogen zu fördern, aber ebenso ist es nicht richtig, das gesamte Internet unter Quarantäne zu stellen und zu erwarten, dass die ganze Welt pausiert, bis die deutschen Beamtenrechner auf das Web 2.0 geupdated wurden. Doch ist es nicht schön einfach, immer, wenn eine Straftat passiert, mehr Sicherheitskräfte zu fordern? Schließlich erfordern komplexe Lösungen wie das Beseitigen sozialer Probleme intensive Tagungen mit Experten (die es im Regierungsviertel schließlich auch gibt), welche dann den Repräsentanten erklären können, worauf es ankommt. Da ist es doch viel einfacher, seine eigene kleine Weltsicht im Parlament vorzutragen und zu hoffen, dass man Aktionismus beweist.

Und der eingeübte Tonbandapplaus, der dann regelmäßig von BILD und RTL kommt und die Politiker für ein anscheinendes Machtwort zu loben, hilft nicht wirklich, den Dialog zu fördern.

Interessant, um den Leuten in der Regierung das Denken wieder beizubringen, finde ich einen Vorstoß, der kürzlich im Spiegelfechter diskutiert wurde: Liquid Democracy.

Aber was auch immer passiert: Wir brauchen große Änderungen in der Medienbranche und analog dazu in der Politikbranche. Menschen wie Hans-Peter Uhl müssen eindeutig weg aus dem Parlament, da solche Menschen bewiesen haben, dass sie sehr gut darin sind, ihr eigenes Weltbild ungefiltert in politische (also eigentlich objektive) Debatten einfließen zu lassen, was nicht nur unprofessionell ist, sondern auch tatsächlich staatszersetzend. Denn terroristisch, also gegen eine geltende Ordnung, agieren nicht die linksextremen Kräfte mit ihren kleinen, süßen Bömbchen, sondern die Exekutive und die Legislative im Bundestag, die Gesetze aufgrund alter Annahmen aus Zeiten des Wirtschaftswunders erlassen und damit das Schicksal von mehr als 80 Millionen Menschen direkt, und bestimmt 5 Milliarden indirekt, bestimmen.


Jan 16 2011

Botschaft an die Neue Welt

Hendrik Erz

“Hilf mir!” schrie Haiti. Und mit ihm auch Australien, Brasilien, Pakistan und Tunesien. 2010 war das Jahr der Naturkatastrophen, 2011 beginnt ebenso formschön. Die Welt liegt in Trümmern, und alle schauen hin. Erdrutsche in Brasilien zerstören zehntausende Häuser! Bilder wie aus 2012 strömen über die Fernsehschirme hin in die matschigen Hirne einer breiten Masse, die wie im Chor aufschreit, stockt… und sich wieder hinsetzt. Australien hat die schlimmsten Hochwasser seit 50 Jahren! Eine graue Masse schwimmt durchs Bild, zerstörte Häuser, obdachlose Familien zieren das Stadtbild. Die Hirne beben! Und der Hilferuf vom anderen Ende der Welt versiegt, als hätte man einen Funkspruch in ein schwarzes Loch geschickt.

Und jetzt Tunesien: Die Regierung durch wütende Demonstranten zum Rückzug gezwungen, ein machtpolitisches Vakuum, jeder macht, was er will. Wieder Tote. Überall nur noch Dramatik, möchte man meinen. Und weil der Deutsche ja pflichtbewusst ist, wird das Straßenbild dem Bild auf den Flimmerkisten und den Zeitungen angepasst.

“Hilf mir!” schreit Sangeeta. Sie will ihr Dorf wieder aufbauen. Helfen Sie ihr! Ich? Jawohl: “Sie!” Die ganze Stadt, tausende Wände, alles schreit mir entgegen: “Spenden Sie!”, oder “Helfen Sie!”, “Werden Sie aktiv!”. Sie. Wer sind sie eigentlich? Richtig – große Spendenorganisationen. Und sie alle wollen eines: Helfen. Oder Geld. Lieber letzteres. Spenden bestimmen das Werbebild der Stadt Krefeld. Ich fahre nun schon seit Monaten tagtäglich quer durch Krefeld und habe so einen Blick auf viele verschiedene Plakate, die überall hängen. Und seit ein paar Wochen hängen nur noch Bettlerbriefe an den Stellen, wo einst namhafte Firmen wie Coca Cola und Mars geworben haben. Ist die Welt wirklich so schlecht?

Nein, sage ich. Sondern eher die, die vorgeben, es sei so. Hilfsorganisationen, die in einer derartigen Menge ganz Krefeld zuplakatieren können, und darauf um Spenden bitten, helfen so viel wie ein verstopfter Abfluss. Denn: Warum braucht man Werbung, um den Leuten aufzuzeigen, sie sollten spenden, weil es der Welt so schlecht geht? Muss man auf soziale Kompetenzen erst noch hinweisen? Ich sage: Nein. Denn wer wirklich etwas Gutes tun möchte, Spenden möchte, wird sich sicher die Arbeit machen, und per Google nach derartigen Möglichkeiten suchen, und wird dort sehr schnell auf weitaus seriösere Angebote als die Papier-Klinkenputzer stoßen. Und solche Organisationen nutzen sicherlich nicht 30% der Spenden, um Werbung für weitere Spenden zu finanzieren. Das ist schlicht eine Instrumentalisierung des Guten Willens, der dann keiner mehr ist, sondern eben nur noch eine obligatorische Leistung. Die sowieso nie wirklich ankommt. Ein paar Plakate, um daran zu erinnern, dass man vielleicht Spenden könnte, sind definitiv in Ordnung. Aber jeden Morgen gleich einer Drohung mit derartigen Forderungen erschlagen zu werden, das kann es nicht sein.

Und ansonsten: Die Welt ist nicht schlecht, kein bisschen! Aber die Menschen auf ihr sind es.


Nov 23 2010

Idiotenalarm in Deutschland!

Hendrik Erz

“Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Merkel her!” – Diesen Spruch hatte einst Volker Pispers in seinem Programm “Bis Neulich” geprägt, und etwas allgemeiner – sprich “Politiker” – gesagt, trifft er just heute erneut zu. Und zwar auf ein Männlein aus der CDU. Mittlerweile kann man ja die Uhr danach stellen, dass Politik/Wirtschaft je nach gesellschaftlicher/wirtschaftlicher Wetterlage durchdrehen und ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen. Nun haben wir ja seit einer Woche “Terroralarm” in Deutschland (Ich finde den Ausdruck immer noch total süß), und was passiert? Prompt kommt ein Politiker daher und findet, dass die Pressefreiheit ja zu frei ist, für Zeiten, wie diese.

Er sagt im Prinzip, dass sich die Medien in Bezug auf Berichte über eventuell besonders gefährdete Objekte zurückhalten sollten, nicht über den Reichstag berichten sollten, und auch nicht über Flughäfen oder anderweitig attraktive Objekte: “Wenn die Presse darüber berichtet, welche Orte besonders gefährdet sind, dann kann das unter Umständen ein Anreiz für Terroristen sein.”
Im ersten Moment klingt es ja noch relativ sinnvoll, doch schon im zweiten Moment fällt auf, dass man sich die Ziele wahlweise in Reiseführern oder eben bei Google StreetView™ anschauen kann – jetzt, wo der Dienst für Deutschland ja gerade gestartet ist.

Für den Amateurterroristen gibt es doch mithilfe des Internets faktisch alle Instrumente, die er braucht: Facebook, um unauffällig Kontakte nach Deutschland zu knüpfen und die ahnungslosen “Kontaktmänner” nach eventuellen Zielen auszufragen; Google StreetView™, um sie einmal selbst zu “besichtigen” und schließlich die Wikipedia, in der alle notwendigen Informationen stehen, um ein kleines Bömbchen zu bauen. Dass diese Dinger ziemlich leicht vor den Geheimdiensten zu verstecken sind, solange es einen plausiblen Grund gibt, einen benutzten Drucker für horrende Frachtkosten in die USA zu schicken, ist ja seit den Paketbomben aus dem Jemen allgemein bekannt.

Und wieder einmal geht einer brillanten Idee eines deutschen Politikers bereits nach den ersten Metern die Puste aus, und als erstes dagegengespuckt hat der deutsche Journalistenverband. Ich hoffe, dass ihm auch noch weitere folgen werden, sodass es hier nicht ganz so weit kommen muss, wie beim BKA-Gesetz, oder bei den “Stopp-Seiten” von Frau von der Leyen, die ja aus ähnlichen Gründen ins Leben gerufen wurden.