Demokratie statt blinder Freiheit
Lukas Mengelkamp ist Student an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Fach Geschichte. Er ist aktiv in der grünen Hochschulgruppe und derzeit Mitarbeiter im Referat für Ökologie im AStA der Uni Bonn.
In der vor zwei Wochen erschienen Zeit (22/12) kritisierte der grüne Bürgermeister Freiburgs, Boris Palmer, das Konzept der Piraten, „Liquid Democracy“. Er wies darauf hin, dass jenes Programm keinen wirklichen Schritt in Richtung mehr Demokratie darstelle, sondern genauso wie das heutige politische System die gleichen Schwächen in Sachen Repräsentation und Delegierung innehabe.
Boris Palmer sieht das Problem darin, dass die Möglichkeit über alles abzustimmen für viele Bürger gar keine solche darstelle, da sie nicht über das Wissen verfügen würden eine tagespolitische Entscheidung treffen zu können.
Das Programm sieht hierfür zwar eine Lösung vor, nämlich die Delegierung an einen „Experten“, nur fragt sich Palmer an dieser Stelle, ob damit nicht genauso der Sachzwang dann dazu führe, dass bestimmte Personen eine große Entscheidungsmacht akkumulieren können.
Weiterhin kritisiert er, dass Entscheidungen möglicherweise in kurzer Zeit wieder revidiert werden, weil sich die Stimmungslage geändert habe, bspw. aufgrund von Medienberichterstattung oder bestimmten Ereignissen.
In der gestern erschienen Zeit (24/12) antwortet Julia Schramm, Bloggerin und Bundesvorstand der Piraten, in dem Beitrag „Dabei sein ist alles“ auf die Kritik Palmers.
Schon im Untertitel heißt es: „In der Demokratie kommt es weniger auf Ergebnisse an als darauf, dass alle mitmachen“. Nun kann man sich allerdings die Frage stellen, ob nicht auch in der Demokratie Ergebnisse durchaus eine Rolle spielen. Ist Regieren nicht auch in einer Demokratie mit Verantwortung für die Folgen einer Entscheidung verbunden?
Schramm ist weiterhin der Meinung, dass Palmer und die meisten anderen etablierten Politiker Unverständnis für die Grundsatzkritik der Piraten hätten, „Frei nach dem Motto: Ist doch alles gut so, wie es ist!“. Ob Unverständnis gegenüber der Kritik an mangelnder Transparenz, unkontrolliertem Lobbyismus usw. herrscht, darüber kann man streiten (Es sei hier bspw. auf die Gesetzesanträge von SPD und Grünen im Bundestag zur Regulierung des Lobbyismus verwiesen.).
Schramm weist Palmers Kritik, dass viele Bürger nicht das Wissen und die Möglichkeit hätten sich ausreichend mit der tagespolitischen Thematik auseinanderzusetzen mit dem Argument zurück, dieser hätte ja nur Angst die Macht mit mehr Menschen teilen zu müssen.
Auch auf die Frage der Verantwortung wird hier eingegangen, sie würde auf viele Köpfe verteilt werden, die Macht damit ebenso. Allerdings darf man hier die Frage stellen, wer und wie zur Verantwortung gezogen wird, wenn sich eine Entscheidung mal als falsch herausstellt.
Nun zur Kenntnisproblematik: Bürger könnten, so Schramm, ihre Stimme delegieren und zwar an „Experten“. Dies sei dann auch gleich eine Antwort auf die undurchsichtigen Beratung von Abgeordneten durch „Experten“.
Hier stellt sich aber, genauso wie bei den im Bundestag zurate gezogenen „Experten“ die Frage, was diese überhaupt als solche qualifiziert und vor allem: Wie man eine solche Qualifikation erkennt! Nehmen wir mal an, dass über eine Gesetzesvorlage zum Thema Lärmschutz entschieden werden soll. Der eine „Experte“ behauptet nächtlicher Lärm habe keine größeren Folgen für den gesundheitlichen Zustand eines Menschen, der andere aber sagt, dass damit schlimme Krankheiten ausgelöst werden können.
Wie erkenne ich jetzt als Nicht-Mediziner, wer hier die besseren Argumente hat? Habe ich einen Überblick über die Studien dazu, wenn ja verstehe ich diese überhaupt?
Wohl eher nicht, wie aber soll ich dann guten Gewissens meine Stimme delegieren können?
Letztendlich bleiben bei „Liquid Democracy“ die gleichen Probleme wie beim „analogen“ Politiksystem, Repräsentation und Delegierung bleiben undurchsichtig.
Zusätzlich müssen Fragen des Spannungsfeldes zwischen Demokratieprinzip und dem Freiheitsprinzip noch geklärt werden. Was wenn eine getroffene Entscheidung handfeste Folgen für bestimmte Bevölkerungsgruppen hat, gar ihre Freiheit einschränkt?
Das alle Mitentscheiden sollen ist eine Forderung die jeder aufrechte Demokrat mittragen sollte, die Forderung nach dem Schutz der Freiheit des Einzelnen aber auch.
Letztendlich bleibt „Liquid Democracy“ vorerst nur ein technisches System, dass genau die gleichen problematischen Fragen auslöst wie das heutige politische System: Wie repräsentativ ist das Meinungsbild? Wie legitimiert man die Entscheidung weniger „Experten“ in komplexen Fragen? Wie wirkt sich eine Mehrheitsentscheidung auf Minderheiten aus?