Nov 15 2011

Mit dem Zweiten…

Hendrik Erz

… würde man meist besser sehen. Und durch diesen wundervollen, Jahrzehnte alten Werbespruch des ZDF habe ich auch gleich den Aufhänger für diesen Artikel: Linker/Rechter Terrorismus! Wer hätte es gedacht. Ganz Deutschland in Angst vor den eigentlich sympathischen Nazis und der Hendrik schreibt über… Terrorismus!

Anfangen möchte ich mit diesem Artikel von mir, der vor einigen Wochen veröffentlicht wurde. Darin beschrieb ich etwas durch die Blume meinen Unmut über einen Artikel in der Rheinischen Post, in welchem in populistischer Weise der Begriff des Terrorismus – erneut – inflationär benutzt wurde. Beim Wort “Terror(ismus)” dürfte mittlerweile wirklich niemand mehr aufschrecken, so oft, wie das Wort seit 9/11 gefallen ist. Aber gleichzeitig ist es mittlerweile in der BRD zu einem wundervollen Indikator dafür geworden, dass das deutsche Volk – oder eher: Die beiden Mächte Regierung und Medien – ein enormes Kurzzeitgedächtnis zu haben scheinen.

Der letzte wirklich krasse nationalsozialistische Terror, an den sich jeder noch gut erinnern dürfte, liegt gute 65 Jahre zurück – dazwischen scheint es ja gar keinen Terrorismus mehr von Rechts gegeben zu haben. Und wenn doch, wurde er vom immer noch nachwirkenden Holocaust überdeckt. Dafür hatten die Kommunisten wieder Pech: Der letzte wirklich krasse Terrorismus von links nämlich liegt nur knappe 40 Jahre zurück: 1977 begann die Rote Armee Fraktion, die soviel mit den Sowjets zu tun hatte, wie RTL II mit “Information”, systematisch Anschläge auf US-Amerikanische Stützpunkte und deutsche Politiker zu verüben.

So scheint es auch zu kommen, dass man bei der Brandserie vor ein paar Wochen in Berlin ab dem dritten brennenden Auto sofort von “linkem Terrorismus” sprach. Und dann die Sprengsätze an den Netzwerkkabeln der Deutschen Bahn – auch in Berlin – die lediglich für ein paar Turbulenzen im Bahnverkehr sorgten aber niemanden je gefährdet haben. Mittlerweile ist zumindest bei den Autobränden geklärt, dass kein” linker Terrorismus” dafür in Frage kommt. Dafür gerät die Politik jetzt in Erklärungsnot: Die Zwickauer Terrorzelle!

Und – wie man es gedacht hätte – wie hilft sich der kluge Politiker? Richtig: Er schreit “verbietet die NPD!!” Man muss mittlerweile keinen IQ von über 100 mehr besitzen, um die Reaktionen der deutschen Politik vorherzusehen. So ein IQ reicht auch, um zu wissen, wozu das Verbot der NPD führen würde. Es ist unheimlich ironisch, wie blind die Deutschen mittlerweile auf dem rechten Auge geworden sind. Waren sie doch die Verursacher des zweiten Weltkrieges, haben den Holocaust gebilligt, die Ermordung von Millionen Menschen, haben einem Österreicher vertraut. Ich fürchte, erst langsam entlarvt sich das Problem daran, dass man die Deutschen Jahrzehntelang ständig als Nazis beschimpft hat und sie gezwungen hat, bis heute das Thema Nationalsozialismus so oft hoch zu würgen, dass selbst eine Kuh das kalte Kotzen bekommen hätte.

Ich will den Nationalsozialismus hier nicht schön reden. Das ist schon automatisch passiert in den letzten 65 Jahren. Und die Zwickauer Terrorzelle ist jetzt das armselige Ergebnis dessen. Niemand hätte je die Nazis der Gewalt bezichtigt, und das drückt der Postillon in diesem wundervollen Artikel so richtig aus, dass es schon fast weh tut. Mir klingt da ein Spruch im Ohr: “Die Kunst nutzt Lügen, um die Wahrheit zu erzählen” – nur dass man mittlerweile nicht einmal mehr Lügen braucht, sondern nur ein wenig Übertreibung.

Ein weiterer Punkt, der bei der Zwickauer Zelle vielleicht die Blindheit des rechten Auges aktiv unterstützt hat, wurde auf dem Blog misik.at thematisiert: Die Zwickauer Zelle hat sich nicht mit Bekennerschreiben/-videos oder sonstigen schönen Propagandaaktionen aufgehalten. Dadurch weiß niemand so recht, warum die Jungs taten, was sie taten. Und das führt mich zu einer völlig anderen Frage: Was ist Terrorismus eigentlich?

Laut der Wikipedia ist Terrorismus “primär eine Kommunikationsstrategie”, die eine Wandlung des politischen Denkens einer Gruppe von Personen, meist einem Volk, hervorrufen will. Der Duden fasst die Definition etwas knapper und spricht nur von “Verhaltensweisen …, [politische] Ziele durch Terror durchzusetzen”.

Doch der Duden hat ein paar interessante Funktionen, die einige Befürchtungen, die jetzt aufgekommen sind, bestätigen: Dass unter den Synonymen “Despotie” aufgeführt wird, ist noch relativ verständlich, aber dass unter den “typischen Verbindungen” verschiedene Varianten von “Islamismus” und das Wort “palästinensisch” auftauchen ist mehr als erschreckend. Selbstverständlich gibt es islamistischen und palästinensischen Terror, aber das ist noch lange nicht alles. Man bedenke die Taten von Breivig in Norwegen, man bedenke die RAF, die Nazis vor der Machtergreifung, dann bedenke man verschiedene Gruppen in den ehemaligen Sowjetstaaten, die auch heute noch terroristisch aktiv sind, die verschiedenen Volksgruppen, die mit Terror versuchen, einen eigenen, souveränen Staat zu errichten (weswegen der Balkan auch heute noch ein halbes Pulverfass ist). Und das sind wirklich nur die Terroristen in der tatsächlichen Definition. Terror durch Regierungen (Despotismus eben) ist da gar nicht einmal bei.

Es gibt eine Menge von Terrorismus, der nicht palästinensisch und nicht islamistisch ist, der gar nicht gesehen wird. Islamistischen Terror sieht man, weil sie die Christen bekehren wollen, palästinensischen Terror sieht man, weil ständig Aktivisten versuchen, Gaza zu unterstützen (und Israel die beste Politik jenseits von Europa betreibt). Den anderen Terror sieht man aus genau dem Grunde nicht, aus dem auch die Zwickauer nicht auffielen: Sie haben es nicht nötig, an die ganze Welt Propaganda zu senden. Sie haben schlicht andere Gegner, die ihre Aktionen sehen sollen. Was genau die Zwickauer Terrorzelle jetzt wollte, weiß selbst ich nicht genau (wie denn auch!), aber ich hoffe, dass sie jetzt in der Politik zumindest einen kleinen Denkwandel bewirkt, dass die Nazis eben nicht mehr als die braven Nachbarn von Nebenan erscheinen, die nur spielen wollen. Immerhin gehen zur Zeit noch mehr Taten auf rechte Kreise zurück, als auf Linke.


Okt 22 2011

Die crossmediale Nullfunktion

Hendrik Erz

Knapp 34 Jahre ist es jetzt her, seit deutsche Medien den Begriff “Deutscher Herbst” geprägt haben – damals, als in den USA Star Wars wie eine Bombe einschlug – und in Deutschland echte Bomben hoch gingen. Jaja, die guten alten Haudegen von der RAF, damals noch im Glauben, mit ein paar Bömbchen könnte man Deutschland verbessern. Gut, damals waren wir wirklich eine sehr verbonzte Gesellschaft, und es war nicht schön, was die deutschen Politiker teilweise getrieben haben. Und die Ära Helmut Schmidt blieb da keine Ausnahme.

Und jetzt – im Jahre 2011 – graben deutsche Politiker diesen wundervollen Begriff wieder aus – nur diesmal in Bezug auf die Brandanschläge in Berlin. Von was für einer Klatschpresse wir umgeben sind, sehen wir anscheinend immer erst, wenn sich ein paar linksextreme Kräfte entscheiden, mal eine Serie von mindestens zwei ähnlichen bösen Taten zu vollbringen. Während Nationalsozialismus mittlerweile mehr oder minder außer Frage steht und kaum noch thematisiert wird, sind jetzt die linksextremen Kräfte ins Visier von Politik und Medien geraten. Während ein paar wenige, kleine Brandsätze gerade einmal ein paar Strippen beschädigt haben, redet man hierzulande bereits von “Terrorismus” – ein Begriff, der heutzutage viel zu schnell ausgegraben wird, wenn es um staatszersetzende Themen geht. Selbstverständlich mag es nicht in Ordnung sein, mit Brandsätzen Schabernack zu treiben und das halbe Berliner S-Bahn-Netz außer Kraft zu setzen, aber dass gewisse Käseblättchen schon von einer “dramatischen Gefahr für Leib und Leben” sprechen, wirkt doch arg überzogen.

Wer definierte eigentlich einst die Medien als vierte Macht im Staate? Mittlerweile ist das doch nicht viel mehr als eine nette Formulierung. Denn die Medien haben sich heute viel zu sehr an die Politik angeschmiegt. Und wenn Politiker wie Herr Hans-Peter Uhl Hasspredigten auf etwas, was sie nicht verstehen loslassen dürfen, und die BILD solchen Politikern Rückendeckung gibt, sehe ich das Sprachrohr des Volkes – nämlich ebendie Zeitungen – stark gefährdet. Heute gibt es offenbar nur noch zwei Arten von Zeitschriften: Linke gemäßigte Schriften, die sehr meinungsneutral schreiben um ja nicht negativ aufzufallen – und konservative Klatschpresse, die Aussagen vieler Politiker ungefiltert auf die Menschheit loslassen und die Politik unterstützen, die leider vielerorts nicht mehr das ist, was sie sein sollte.

Nur um das klar zu stellen: Ich fordere kein neues Regierungssystem für Deutschland – prinzipiell ist unser System in der Theorie sogar sehr gut. Nur die Umsetzung scheitert dann, wenn man sich in der Politik stillschweigend auf einige wenige Grundsätze, die es zu verfolgen gilt, geeinigt hat, und jedes Thema auf diese Grundsätze herunterbricht, um mehr Sicherheit, mehr Überwachung, mehr Kontrolle zu rechtfertigen.

Vielleicht ist es nicht richtig, gleich die Legalisierung sämtlicher Drogen zu fördern, aber ebenso ist es nicht richtig, das gesamte Internet unter Quarantäne zu stellen und zu erwarten, dass die ganze Welt pausiert, bis die deutschen Beamtenrechner auf das Web 2.0 geupdated wurden. Doch ist es nicht schön einfach, immer, wenn eine Straftat passiert, mehr Sicherheitskräfte zu fordern? Schließlich erfordern komplexe Lösungen wie das Beseitigen sozialer Probleme intensive Tagungen mit Experten (die es im Regierungsviertel schließlich auch gibt), welche dann den Repräsentanten erklären können, worauf es ankommt. Da ist es doch viel einfacher, seine eigene kleine Weltsicht im Parlament vorzutragen und zu hoffen, dass man Aktionismus beweist.

Und der eingeübte Tonbandapplaus, der dann regelmäßig von BILD und RTL kommt und die Politiker für ein anscheinendes Machtwort zu loben, hilft nicht wirklich, den Dialog zu fördern.

Interessant, um den Leuten in der Regierung das Denken wieder beizubringen, finde ich einen Vorstoß, der kürzlich im Spiegelfechter diskutiert wurde: Liquid Democracy.

Aber was auch immer passiert: Wir brauchen große Änderungen in der Medienbranche und analog dazu in der Politikbranche. Menschen wie Hans-Peter Uhl müssen eindeutig weg aus dem Parlament, da solche Menschen bewiesen haben, dass sie sehr gut darin sind, ihr eigenes Weltbild ungefiltert in politische (also eigentlich objektive) Debatten einfließen zu lassen, was nicht nur unprofessionell ist, sondern auch tatsächlich staatszersetzend. Denn terroristisch, also gegen eine geltende Ordnung, agieren nicht die linksextremen Kräfte mit ihren kleinen, süßen Bömbchen, sondern die Exekutive und die Legislative im Bundestag, die Gesetze aufgrund alter Annahmen aus Zeiten des Wirtschaftswunders erlassen und damit das Schicksal von mehr als 80 Millionen Menschen direkt, und bestimmt 5 Milliarden indirekt, bestimmen.


Mai 5 2011

Osama, die Sau(,) ist tot!

Hendrik Erz

Ich glaube, ich mach das mal zum Trend, einmal im Monat hier zu schreiben. :)

Osama Bin Laden, der Ketzer des Weltfriedens, Peiniger der Unschuldigen, Feind der Gerechten und Kopf von Al Quaida ist tot. In einer Kommandoaktion vergangene Woche wurde er in seinem streng bewachten Anwesen von US-Marines erschossen und kurze Zeit später auf See beerdigt. Aber – What happens next?

Was sich in den Stunden nach dem Bekanntwerden seines Ablebens und auch noch Tage später zugetragen hat, und was sich noch monatelang zutragen wird, ist ein Fest für jeden (Mis-)Anthropologen: Da gibt es einmal die normalen Menschen in aller Herren Länder, die auf die Straße gingen, feierten, weil der größte Feind der westlichen Welt tot war. Dann gibt es die Regierenden aus aller Welt, die sich dabei beinahe überschlugen, Barack Obama zu beglückwünschen für den Mordsfang.

Und dann gibt es eben die, die das ganze nicht so locker nehmen: Verschwörungstheoretiker auf der ganzen Welt nutzen jede Ungereimtheit, um die USA erneut als Schurkenstaat darzustellen; warum gibt es noch keine Bilder vom toten Osama Bin Laden? Warum wurde er auf See bestattet und warum gibt es außer von den Amerikanern noch keinerlei Bestätigung? Selbst Pakistan, wo er sich aufhielt, ist noch mehr verwirrt als bestimmt, was diese Situation angeht. Für Verschwörungstheoretiker ein wahres Fest, die Legendenbildung hat laut Spiegel bereits begonnen und fest steht, dass Osama Bin Laden als ein Märtyrer im Islam fortleben wird.

Also doch nicht alles Blümchen?

Nein. Der Tod Osama Bin Ladens kann als das Ende eines Kapitels Menschheitsgeschichte gesehen werden, aber keinesfalls als Ende jeder Gewalt. Vielleicht eher als Anfang der Gewalt. Denn: Das Abschlagen eines Kopfes einer “Hydra” (Spiegel) führt im mythologischen Sinne zwangsläufig dazu, dass zwei Köpfe nachwachsen. Denn was war denn Osama Bin Laden in den letzten Jahren? Sicherlich nicht mehr führender Kopf von Al Quadia. Auf dem Papier war er vielleicht noch der Gründer der Organisation, aber die Anschläge planten doch längst andere. Und selbst wenn er noch geplant hat, wird er sicher nicht so dumm wie einst ein Österreicher gewesen sein, und sämtliche Organe von sich abhängig gemacht haben. Osama Bin Ladens Ziel war der endlose Krieg gegen die “Ungläubigen” im Westen, und für einen Krieg, bei dem man ein Ziel verfolgt, dass definitiv nicht binnen einer einzigen Lebensspanne erreicht werden kann, muss man den Krieg eben so anlegen, dass man einen langen Atem behält.

Was jetzt vermutlich kurzfristig folgen wird, nach den Diskussionen über Recht und Unrecht dieser Aktion, wird wohl die große Ernüchterung sein, dass sich eben nichts geändert hat. Der bekannte Killer wird jetzt zu jemand unbekanntem. Bin Laden hat Al Quaida ein Gesicht gegeben. Der gesamte Westen war doch zu 80% seiner Zeit nur hinter Bin Laden her, nicht hinter Al Quadia im Ganzen. Denn es ist immer einfacher, ein krankes Organ zu ersetzen, als den ganzen Körper nach Tumorzellen abzusuchen. Somit konnte sich Al Quaida – relativ sicher – auf die ganze Welt ausbreiten. Wer weiß denn schon genau, in welchen Ländern mittlerweile überall Quaida-Zellen sitzen?

Die USA haben im Prinzip falsch herum angefangen, Al Quaida aufzulösen. Anstatt die Basis (Vorsicht, Wortspiel!) zuerst anzugreifen und nach oben hin aufzurollen, fing man beim einzig Greifbaren an und muss sich jetzt in einem undurchsichtigen Labyrinth aus Tunneln nach unten durchgraben.

Und was lernen wir daraus? Das Ermorden eines Terroristen-Oberhauptes dient einzig und allein dem Wahlsieg und ist nicht einmal im Geringsten etwas, wovon das Volk profitiert.


Nov 19 2010

Terroralarm in Deutschland!

Hendrik Erz

So, oder so ähnlich liest man es für gewöhnlich in der Bild. Und nun findet man derartige Schlagzeilen nicht mehr nur im Käseblatt der Nation, sogar der Spiegel und an und für sich glaubwürdige Lokalzeitschriften titeln derart wertend über die aktuellen Warnungen vor explosiver Post.
An und für sich ist es nicht verkehrt, die Bürger in voller Länge auf eventuelle Paketbomben und Anschläge in Deutschland hinzuweisen, doch finde ich es beinahe an der Grenze zum schlechten Geschmack, in welcher Art und Weise viele Medien die Terrorgefahr aufpuschen, getreu dem Motto “Only bad news are good news”.

Am prägnantesten fand ich zwei direkt aufeinander folgende Sätze in folgendem Spiegel-Online-Artikel:

Die deutsche Polizei stehe in den nächsten Wochen “vor der größten Herausforderung in der Nachkriegsgeschichte”.

Der Präsident der Bundespolizei, Matthias Seeger, warnt vor Panik und Hysterie. Dies sei “nicht angebracht”.

So schön hätte man es nicht anders auf den Punkt bringen können; den Dualismus zwischen Panikmache und unnötigem Aufbauschen schlichter Fakten und dem gleichzeitigen “Beschwichtigen” durch die Politik. Denn nichts anderes findet momentan statt: Die Medien liefern sich einen Wettstreit, wer das schönste Terror-Monster designen kann, und die Politik versorgt sie dafür immer mit frischen Informationen, während die Aushängeschilder der Politik, wie de Maizière immer wieder das “Keine Panik”-Verfahren an die Bürger weitergeben. Ideale Werbung für die Terroristen, die sich nun zurücklehnen und deutsches Fernsehen schauen können.

Und so werden wir wohl noch etwas länger immer wieder mit derartigen Überschriften konfrontiert, bis der ganze neuerliche Hype abgeklungen ist. Doch was ist nun tatsächlich dran, an den Terrorwarnungen?

Nun, zuallererst einmal gibt es grundsätzlich in jedem Land immer eine gewisse Terrorwahrscheinlichkeit. In einigen Ländern ist diese eben höher, in anderen niedriger. In Spanien z.B. ist sie – besonders seit den Anschlägen auf die Züge in Madrid 2004 – recht hoch, in Deutschland ziemlich weit unten. Das hängt unter anderem auch mit der nicht zu verachtenden Arbeit der Bundespolizei zusammen – die meisten Terroristen werden festgenommen, bevor sie ihr Bömbchen testen können.

Allerdings hat sich besonders Deutschland nun einmal auch ein paar Millionen Feinde in der Welt gemacht; durch die deutsche Unterstützung in so ziemlich jedem amerikanischen Krieg – sei es Irak, sei es Afghanistan und durch die Waffenlieferungen an so ziemlich alle nahöstlichen Länder seitens der deutschen Waffenindustrie. Man erinnere sich nur an die durch die griechische Pleite etwas öffentlicher gewordenen Lieferungen abwechselnd an die Türkei und an Griechenland zur Befeuerung des “Kalten Krieges” in der Ägäis.
Hinzu kommen gute Arbeit vom BND, was Aufklärung angeht und eine starke Kooperation deutscher Geheimdienste mit dem Rest der Welt. Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich Deutschland eben auf die Seite der EU, der UNO und der gesamten westlichen Welt geschlagen, und das hat nun zur Folge, dass ein Großteil der arabischen Welt auf Deutschland sauer ist.

An sich hatten wir schlicht und ergreifend pures Glück, dass wir in den letzten Jahrzehnten nie wirklich offen das Ziel für Terroristen geworden sind, denn “dran” sind wir definitiv. Zwar müssen sich die Amerikaner als Initiatoren der Kriege im nahen und mittleren Osten mehr vor Anschlägen hüten, aber auch als treues Gefolge der Amerikaner ist Angela Merkel bestimmt ebenso eine beliebte Dartscheibenfigur in der Region.

Es fehlt nun nur noch eine Kampagne der deutschen Regierung gegen Terrorismus, in welchen sie einem Land, welches getreu dem Koran an das Prinzip “Auge um Auge, Zahn um Zahn” jede Bombe, die auf Afghanistan gefallen ist, an den Westen zurückgeben will, erklärt, dass das “voll doof” ist, und der Zirkus wäre perfekt.

Wie soll man die westlichen Medien bei einem derartigen Spektakel noch ernst nehmen, wenn nun tatsächlich eine Bombe kommt?


Apr 5 2010

Ein Leben in Freiheit? Warum Menschen auf zwei Arten gegen das System sind.

Hendrik Erz

Seit etlichen Jahrtausenden gibt es Terrorismus. Der Terror ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Seitdem es Siedlungen gibt, gibt es immer wieder Menschen, die genau diese Siedlungen angreifen. Auch im 21. Jahrhundert ist diese Bedrohung so akut wie eh und je. Doch die Theorien, wie und warum, ändern sich. Früher waren Anschläge meist politisch begründet. Man wollte unliebsame Feinde loswerden, beispielsweise im Kaiserreich Rom. Im Mittelalter war es genauso. Das Gras auf der anderen Seite des Zaunes sieht eben immer saftiger aus, als das eigene.

Doch im 21. Jahrhundert hat sich die Art des Terrorismus gewandelt. Zwar bleibt der Grund gleich – Politik, aber die Umstände haben sich geändert. Heute morden nicht mehr Menschen im Auftrag eines ranghohen Politikers andere Politiker, heute morden regelrechte Organisationen scheinbar wahllos. Es gibt mehr Kollateralschäden, Terrorismus ist nicht mehr “sauber”. Doch warum gibt es so etwas?

Der Artikel “Terrorismus: Die dritte Generation” hat mich auf eine Idee gebracht. Denn in Zeiten globaler Überwachung, in Zeiten von Social Networks und dieser rasend schnellen Technologisierung entsteht nicht nur eine Schere zwischen Arm und Reich, nicht nur zwischen links und rechts und nicht nur zwischen Welt und Glauben. Sondern auch in den Wertevorstellungen. Die einen Menschen ziehen ein Leben mit viel Technik, Luxus und dem neuesten Schnickschnack vor. Solche Leute machen meist Karriere und bekommen einen Bürojob, viel Geld und machen viel Urlaub.
Die anderen Menschen zieht es zu einem Leben in technischer Armut. Facebook und SchuelerVZ sind gespenstig, man versucht, nicht aufzufallen. Das sind meistens Künstler, Überlebensmeister eben, die es schaffen, jeden Monat genug Geld zum Leben zu erwirtschaften – wie auch immer.

Und dann gibt es noch die ganz Radikalen. Das sind Menschen, denen nicht nur Teile eines Landes, wie beispielsweise der Staat, der Kapitalismus oder die Gesellschaft, auf den Senkel gehen, sondern gleich alle zusammen. Menschen, die sich weder mit dem Staat, der Globalisierung oder mit ihren Nachbarn identifizieren können. Einige sind bereits von ihrer Umgebung so geprägt, andere werden es, wie z.B. im SPIEGEL-Artikel durch Radikalisierung.

Ich vermute, die Menschen sehnen sich wieder nach etwas, an das man glauben kann. Deus Ex Machinima ist von gestern, man möchte wieder den Gott im Himmel. Denn vor dem braucht man sich ja nicht fürchten, oder? Und was, wenn die Christen wieder mit Kindesmissbrauch zu kämpfen haben? Für solche Menschen, die das Leben in einer Technologiegesellschaft ablehnen, ist der Islam wie geschaffen. Islamische Länder sind meist technologisch unterentwickelt und man lebt in einer Mischung aus antiker Siedlungsbautechnik und modernen Waffen, meist aus den Beständen alter russischer Lager.

Dafür kann man sich sicher sein, nicht überwacht zu werden (außer von amerikanischen Drohnen), keinen Streit mit der Technik zu haben und eine Gemeinschaft im Dorf zu haben. Anstatt Nachbarschaftshass in Deutschland nettes Beisammensein. Und bis auf die Akzeptanz des Islams keine Bedingungen. Ist das nicht idyllisch?

Ich finde es äußerst interessant, dass diese Möglichkeiten von den westlichen Regierungen noch nie in Betracht gezogen wurden. Dass man sich noch nicht fragte, warum trotz allem Schutz vor Hasspredigern so viele Deutsche in arabische Länder auswandern. Anscheinend ist man nicht gewillt oder nicht in der Lage, im Regierungsviertel die beiden Aspekte “Junge Menschen sind gegen das System aus Kapitalismus, Globalisierung und Überwachung” und “Junge Menschen wandern zum Islam ab” zu verbinden. Vielleicht wandern die Menschen ja ab, weil sie gegen dieses System sind, und nicht, weil sie von außen radikalisiert wurden. Mir dünkt, die Vorherrschende Vorstellung ist, dass grundsätzlich Punks und linke Autonome den ersten Aspekt und zumeist vom Leben enttäuschte und minderintelligente Menschen den zweiten Aspekt erfüllen. Doch dem ist nicht so. Intelligente und integrierte Menschen sind gegen das System, Menschen, die trotz ihrem Hass auf das System studieren und versuchen, durch Kunst und Demonstrationen ihrem Ärger Luft zu machen. Intelligente und vormals integrierte menschen sind es, die in den Islam abwandern, weil ihnen Demonstrationen nicht weit genug gehen.

Ich meine, gegen wen richtet sich der Hass der beiden Gruppen? Genau: Gegen die Inbegriffe des Kapitalismus und der Globalisierung: Amerika. Und seit neuestem anscheinend auch Deutschland.

Doch wenn die Menschen hier in Deutschland und in Afghanistan doch dasselbe Ziel haben – den Sturz des Kapitalismus, warum vereinen sie sich dann nicht sondern haben auch Angst voreinander? Diese Frage dürfte bestimmt aufgekommen sein. Doch auch hier scheint die Lösung greifbar nah: Im Islam verbinden die Dschihadisten den Kampf gegen den politischen und wirtschaftlichen Westen mit den islamischen Wertevorstellungen, und die passt eben nicht zu den meisten fortschrittlichen Kräften in Deutschland und Europa. Hier will man insgeheim noch den Nachtwächterstaat durchsetzen, um innerhalb die größtmögliche Freiheit zu erreichen, aber man kann und will sich nicht mit den Werten des Islam identifizieren müssen. Aus diesem Grunde werden auch in Zukunft vermutlich alle Bemühungen scheitern, mit dem Terrorismus etwas zu erreichen. Es fehlt der Konsens.
Und so wird es weiter Terrorismus geben, bis eines Tages vielleicht der Große Knall kommt. Doch dazu funktioniert unser System halt doch noch zu gut.