Die Biedermeiergesellschaft
Studien sind meist bemerkenswerte Zeugnisse von Fälschung und Schönung. Was man in der Politik immer so gerne sucht, in dem man Studien heranzieht, perfektionieren selbige. Nicht umsonst gibt es den Spruch “Traue nur einer Statistik, die du selbst gefälscht hast”. Doch es gibt da eine Studie, deren Wahrheitsgehalt würde ich durchaus schon auf mehr als ein paar Prozentpunkte einschätzen. Und zwar handelt es sich um eine Studie, in deren Rahmen das Kölner Rheingold-Institut einhundert psychologische Gespräche mit Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren geführt hat. Das Ergebnis: Die Jugend sei eine ängstliche Biedermeiergeneration.
Als erstes einmal ist das größte Problem dieser Studie die geringe Teilnehmerzahl. In Deutschland leben mehrere Millionen junge Erwachsene in diesem Alter, 100 davon sind nur sehr wenige, und können dementsprechend das Bild verfälschen, dass die Studie erzeugt. Außerdem stammen diese einhundert Versuchspersonen lediglich aus deutschen Großstädten, nicht vom Land, nicht aus anderen Ländern, etc. Das bewirkt, dass hier nur ein grobes Bild der Gesellschaft zustande kommt.
Und so wird jedem Jugendlichen in Deutschland pauschal der “Angsthasenstempel” aufgedrückt. Klar: Die wenigsten werden nun ein noch schlechteres Bild der deutschen Jugend haben, als schon vorhanden. Und dennoch spiegelt sich hier in der Jugend ein komplett gesellschaftliches Bild wieder, das scheinbar nur auf die Jugend projiziert wird. Doch seien wir mal ehrlich: Diese Biedermeiereinstellung, woher haben die Jugendlichen die? Sicher sind sie damit nicht auf die Welt gekommen, sondern beeinflusst von ihr.
Und hier in Deutschland wandeln sich die Verhältnisse. Man kann nicht mehr einfach einen Job kündigen, und am nächsten Tag direkt in einer neuen Firma anheuern, die Zeiten des Wirtschaftswunders sind endgültig vorbei. Das bedeutet: Immer panische Angst davor, den Job zu verlieren, sozial abzurutschen. Und das wird den Kindern schließlich weitervererbt. Die immer panische Angst vor allem was da kommen könnte, die Angst vor Flaute im Portemonaiee ist dabei mindestens genauso groß, wie die, kein Dach mehr über dem Kopf haben zu müssen. In Zeiten, in welchen Tafeln wie Pilze aus dem Boden sprießen und die Agentur für Arbeit immer mehr überbelastet wird, kann man nicht erwarten, dass man ohne ein gewisses Kontingent an berauschenden Mitteln den Glauben an eine heile Welt nicht verliert.
Und so, finde ich, kann man das Ergebnis der Rheingold-Studie auf die ganze Gesellschaft anwenden. Wir alle haben doch irgendwo Angst vor dem da kommenden gnadenlosen Kapitalismus ohne Kündigungsschutz und mit Effizienzsteigerung bis ins Unendliche. Wir alle halten lieber unseren Mund, anstatt eben das Etablissement zu beschimpfen, wir stecken lieber zurück, anstatt gar keinen Lohn mehr zu bekommen und geben uns mit Kürzungen zufrieden. Die Idealisten sterben aus.
Und hier kann man Parallelen zu Thilo Sarrazin ziehen: Thilo Sarrazin war einer dieser Idealisten, einer, der die Welt haben wollte, wie er sie wollte. Der den Mund aufgemacht hat. Und dann haben wir einen Großteil der Politiker, die fast alle eine Dagegen-Mentalität haben, wie sie der SPIEGEL in der Gesellschaft neulich fand. Selbstverständlich ist auch das Volk “dagegen”, aber die Politiker können dies ob ihrer großen Öffentlichkeitswirkung noch viel mehr. Anstatt Sarrazins Äußerungen differenziert zu betrachten, die Spreu vom Weizen zu trennen, und sich einmal weg vom Meinungsmatsch zu bewegen, ist man geschlossen dagegen, weil es ja Arbeit, Intelligenz und eben eine Debatte fordert, sich damit auseinander zu setzen.
Viele Politiker scheinen mir müde zu werden, nicht mehr hinter der Politik zu stehen und nur das zu sagen, was man von ihnen erwartet. Sich nicht mit komplizierten Gedankengängen und der wirklich ureigenen Meinung auseinander zu setzen. Und ich denke, dass einiges auch daran liegt, dass Politiker sein heute ein Job ist, wie jeder andere. Man macht ihn, und wird dafür bezahlt. Das Problem ist nur, dass das Ergebnis vorher nicht fest steht. Man weiß vorher nicht, wie das aussieht, was am Ende einer Legislaturperiode heraus kommt. Und dadurch kommen Dinge zustande, wie ein halbleerer Bundestag während einer Sitzung. Die wenigsten Politiker sind, und das merkt man auch an ihren Äußerungen, wirklich noch mit Feuer und Flamme dahinter, und machen gerne Politik. Und ich denke, dass es einfach daran liegt, dass man nicht viel tun muss, um Pensionen zu bekommen.
Heutzutage reicht es, ein-zweimal wiedergewählt zu werden, nur um Anspruch auf eine lebenslange Pension zu bekommen. Innerhalb einer Partei wird, falls man weiter kommen will und Wert auf eine politische Karriere legt, der eigene Wille oftmals gebrochen. Und das ist meiner Meinung nach falsch. Warum kommen nur die auf Wahllisten, die der Parteilinie treu sind? Egal welche Partei, überall muss man die Ideologie einer Partei voll akzeptieren und vertreten. Änderung unerwünscht.
Meiner Meinung nach sollte Politik wieder daraus bestehen, den Mund aufzumachen, seine Meinung zu vertreten und sie auch dann durch zu setzen, wenn man bereits gewählt ist. Doch dazu brauchen wir Leute, die Politik wirklich ernst nehmen. In Athen, der “ersten Demokratie” setzte man es damals meiner Meinung nach richtig um: Politik machen durfte nur, wer es sich leisten konnte. Es war eine Art “Hobby” für reiche Menschen. Und genau das ist doch heute auch die Kunst. Nur Menschen, die es wirklich wollen, können bzw. wollen lange genug sparen, um sich ein wirklich sündhaft teures Instrument zu kaufen. Dafür können sie aber auch etwas damit anfangen und benutzen es auch. Und einmal abgesehen von den ganzen Castingprodukten, wie sie uns Bohlen und der Rest der Musikindustrie verkaufen wollen, ebenso wie teilweise auch Schlagersänger, kenne ich fast nur Bands, die Musik der Musik wegen machen. Selbstversändlich spielt irgendwann, wenn man denn einmal Berufsmusiker geworden ist, auch der finanzielle Aspekt eine Rolle, doch größtenteils wird man erst dadurch Berufsmusiker, dass man viel Geld, Zeit und Schweiß opfert.
Und solange Politiker sein ein Schreibtischjob wie jeder andere ist, können wir meiner Meinung nach auch ganz ehrlich nicht wirklich erwarten, dass die Idealisten, die die Welt wirklich besser machen wollen, an die Macht kommen, sondern lediglich Parteisoldaten, die das machen, was die Partei eben macht. Und solange das nicht geändert wird, werden Leute wie Sarrazin immer verteufelt werden. Und solange das passiert, wird sich an unserem System nichts ändern. Und solange sich an unserem System nichts ändert, werden wir auch die Zukunftsängste unserer Gesellschaft nicht los.