Sep 21 2010

Die Biedermeiergesellschaft

Hendrik Erz

Studien sind meist bemerkenswerte Zeugnisse von Fälschung und Schönung. Was man in der Politik immer so gerne sucht, in dem man Studien heranzieht, perfektionieren selbige. Nicht umsonst gibt es den Spruch “Traue nur einer Statistik, die du selbst gefälscht hast”. Doch es gibt da eine Studie, deren Wahrheitsgehalt würde ich durchaus schon auf mehr als ein paar Prozentpunkte einschätzen. Und zwar handelt es sich um eine Studie, in deren Rahmen das Kölner Rheingold-Institut einhundert psychologische Gespräche mit Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren geführt hat. Das Ergebnis: Die Jugend sei eine ängstliche Biedermeiergeneration.

Als erstes einmal ist das größte Problem dieser Studie die geringe Teilnehmerzahl. In Deutschland leben mehrere Millionen junge Erwachsene in diesem Alter, 100 davon sind nur sehr wenige, und können dementsprechend das Bild verfälschen, dass die Studie erzeugt. Außerdem stammen diese einhundert Versuchspersonen lediglich aus deutschen Großstädten, nicht vom Land, nicht aus anderen Ländern, etc. Das bewirkt, dass hier nur ein grobes Bild der Gesellschaft zustande kommt.

Und so wird jedem Jugendlichen in Deutschland pauschal der “Angsthasenstempel” aufgedrückt. Klar: Die wenigsten werden nun ein noch schlechteres Bild der deutschen Jugend haben, als schon vorhanden. Und dennoch spiegelt sich hier in der Jugend ein komplett gesellschaftliches Bild wieder, das scheinbar nur auf die Jugend projiziert wird. Doch seien wir mal ehrlich: Diese Biedermeiereinstellung, woher haben die Jugendlichen die? Sicher sind sie damit nicht auf die Welt gekommen, sondern beeinflusst von ihr.

Und hier in Deutschland wandeln sich die Verhältnisse. Man kann nicht mehr einfach einen Job kündigen, und am nächsten Tag direkt in einer neuen Firma anheuern, die Zeiten des Wirtschaftswunders sind endgültig vorbei. Das bedeutet: Immer panische Angst davor, den Job zu verlieren, sozial abzurutschen. Und das wird den Kindern schließlich weitervererbt. Die immer panische Angst vor allem was da kommen könnte, die Angst vor Flaute im Portemonaiee ist dabei mindestens genauso groß, wie die, kein Dach mehr über dem Kopf haben zu müssen. In Zeiten, in welchen Tafeln wie Pilze aus dem Boden sprießen und die Agentur für Arbeit immer mehr überbelastet wird, kann man nicht erwarten, dass man ohne ein gewisses Kontingent an berauschenden Mitteln den Glauben an eine heile Welt nicht verliert.

Und so, finde ich, kann man das Ergebnis der Rheingold-Studie auf die ganze Gesellschaft anwenden. Wir alle haben doch irgendwo Angst vor dem da kommenden gnadenlosen Kapitalismus ohne Kündigungsschutz und mit Effizienzsteigerung bis ins Unendliche. Wir alle halten lieber unseren Mund, anstatt eben das Etablissement zu beschimpfen, wir stecken lieber zurück, anstatt gar keinen Lohn mehr zu bekommen und geben uns mit Kürzungen zufrieden. Die Idealisten sterben aus.

Und hier kann man Parallelen zu Thilo Sarrazin ziehen: Thilo Sarrazin war einer dieser Idealisten, einer, der die Welt haben wollte, wie er sie wollte. Der den Mund aufgemacht hat. Und dann haben wir einen Großteil der Politiker, die fast alle eine Dagegen-Mentalität haben, wie sie der SPIEGEL in der Gesellschaft neulich fand. Selbstverständlich ist auch das Volk “dagegen”, aber die Politiker können dies ob ihrer großen Öffentlichkeitswirkung noch viel mehr. Anstatt Sarrazins Äußerungen differenziert zu betrachten, die Spreu vom Weizen zu trennen, und sich einmal weg vom Meinungsmatsch zu bewegen, ist man geschlossen dagegen, weil es ja Arbeit, Intelligenz und eben eine Debatte fordert, sich damit auseinander zu setzen.

Viele Politiker scheinen mir müde zu werden, nicht mehr hinter der Politik zu stehen und nur das zu sagen, was man von ihnen erwartet. Sich nicht mit komplizierten Gedankengängen und der wirklich ureigenen Meinung auseinander zu setzen. Und ich denke, dass einiges auch daran liegt, dass Politiker sein heute ein Job ist, wie jeder andere. Man macht ihn, und wird dafür bezahlt. Das Problem ist nur, dass das Ergebnis vorher nicht fest steht. Man weiß vorher nicht, wie das aussieht, was am Ende einer Legislaturperiode heraus kommt. Und dadurch kommen Dinge zustande, wie ein halbleerer Bundestag während einer Sitzung. Die wenigsten Politiker sind, und das merkt man auch an ihren Äußerungen, wirklich noch mit Feuer und Flamme dahinter, und machen gerne Politik. Und ich denke, dass es einfach daran liegt, dass man nicht viel tun muss, um Pensionen zu bekommen.

Heutzutage reicht es, ein-zweimal wiedergewählt zu werden, nur um Anspruch auf eine lebenslange Pension zu bekommen. Innerhalb einer Partei wird, falls man weiter kommen will und Wert auf eine politische Karriere legt, der eigene Wille oftmals gebrochen. Und das ist meiner Meinung nach falsch. Warum kommen nur die auf Wahllisten, die der Parteilinie treu sind? Egal welche Partei, überall muss man die Ideologie einer Partei voll akzeptieren und vertreten. Änderung unerwünscht.

Meiner Meinung nach sollte Politik wieder daraus bestehen, den Mund aufzumachen, seine Meinung zu vertreten und sie auch dann durch zu setzen, wenn man bereits gewählt ist. Doch dazu brauchen wir Leute, die Politik wirklich ernst nehmen. In Athen, der “ersten Demokratie” setzte man es damals meiner Meinung nach richtig um: Politik machen durfte nur, wer es sich leisten konnte. Es war eine Art “Hobby” für reiche Menschen. Und genau das ist doch heute auch die Kunst. Nur Menschen, die es wirklich wollen, können bzw. wollen lange genug sparen, um sich ein wirklich sündhaft teures Instrument zu kaufen. Dafür können sie aber auch etwas damit anfangen und benutzen es auch. Und einmal abgesehen von den ganzen Castingprodukten, wie sie uns Bohlen und der Rest der Musikindustrie verkaufen wollen, ebenso wie teilweise auch Schlagersänger, kenne ich fast nur Bands, die Musik der Musik wegen machen. Selbstversändlich spielt irgendwann, wenn man denn einmal Berufsmusiker geworden ist, auch der finanzielle Aspekt eine Rolle, doch größtenteils wird man erst dadurch Berufsmusiker, dass man viel Geld, Zeit und Schweiß opfert.

Und solange Politiker sein ein Schreibtischjob wie jeder andere ist, können wir meiner Meinung nach auch ganz ehrlich nicht wirklich erwarten, dass die Idealisten, die die Welt wirklich besser machen wollen, an die Macht kommen, sondern lediglich Parteisoldaten, die das machen, was die Partei eben macht. Und solange das nicht geändert wird, werden Leute wie Sarrazin immer verteufelt werden. Und solange das passiert, wird sich an unserem System nichts ändern. Und solange sich an unserem System nichts ändert, werden wir auch die Zukunftsängste unserer Gesellschaft nicht los.


Sep 1 2010

Thilo Sarrazin – Ein “SPD-Nazi”?

Hendrik Erz

Thilo Sarrazin mag vielleicht ein wenig wie ein Magier klingen. Und vielleicht ist er das im metaphorischen Sinne sogar. Ein recht kreativer Name, und umso kreativer sind die Äußerungen, welche eben dieser Herr seit einigen Jahren auf die Menschheit regnen lässt. Just in diesen Tagen veröffentlichte Thilo Sarrazin ein Buch über jene Äußerungen, stellte es vor – und handelte sich eine Menge Ärger ein.

Thilo Sarrazin, seines Zeichens ein hohes Tier bei der Bundesbank und Mitglied in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, war bisher wohl für eine Großteil der Deutschen ein eher minderes Problem. Er machte seine Äußerungen und außer ein paar monierenden Worten seitens der Partei dürfte er wohl für jene Sprüche keinerlei Strafe erfahren haben. Doch nun, wo eben diese Veröffentlichung eines Buches, gefüllt mit offenbar vielen solcher Äußerungen, bevorsteht, droht Ärger. Bereits seit Tagen überschlagen sich gängige Medien wie Zeitung, Radio und TV über die Äußerungen Sarrazins und auf einmal wird aus einem politisch inkorrektem Menschen ein Nazi.

Es ist unglaublich, wie sehr auf einmal Menschen in der Bundesrepublik in die rechte Ecke gedrängt werden, und das nur durch heikle Äußerungen. Äußerungen, wie “Je niedriger die Schicht, umso höher die Geburtenrate” sind nun einmal inoffizielle Wahrheiten. Selbstverständlich ist es nicht unbedingt nett formuliert, doch auch hier gilt: Es fühlen sich nur diejenigen angesprochen, auf die es auch zutrifft. Das Problem, was jener Herr Sarrazin hat, ist nicht etwa seine konservative Einstellung, seine etwas problematischen Äußerungen oder er selbst – das Problem ist ein viel tiefgehenderes Problem, welches schon seit langer Zeit die Bundesrepublik verfolgt. Um genau zu sein seit 1945.

Seitdem die Nationalsozialisten die Macht über Deutschland erlangten, den zweiten Weltkrieg verursachten und ihn verloren, gilt in Deutschland eiserne Schweigepflicht. Die Deutschen haben zu kuschen, dürfen niemanden diffamieren und tun es auch nicht. Das Problem ist schlicht, dass das zwar für die Zeit von kurz nach dem zweiten Weltkrieg bis vielleicht sogar hinein in die 80er Jahre funktioniert hat, aber seit einigen Jahrzehnten bahnen sich nuneinmal Probleme an, die man ohne eben diese Art der Äußerung, die sich nun einmal auch gegen Teile der Immigranten richtet, nicht lösen kann.

Diese Probleme nennen sich unkontrollierte Immigration, Emigrieren von Fachkräften, die Bildung von Subkulturen innerhalb deutscher Städte von einem kleinen Teil der Immigranten und wachsende Volksverdummung.
Auf gut Deutsch heißt das soviel wie “Zu viele Idioten kommen ins Land, die Dichter und Denker verschwinden aus dem Land, Ghettobildung und vergammelte Schulbildung”.

Soweit sind dies recht desaströse Zustände. Das Problem dabei ist nur, dass sie alle nachweislich existieren. Dass viele Fachkräfte ins Ausland emigrieren ist durch Studien hinreichend belegt und ist auch verständlich, wenn man sich die Jobchancen in Deutschland ansieht, und den Vorschlag der Bundesregierung bedenkt, mit welchem die Regierung versuchen wollte, stärker ausländische Fachkräfte nach Deutschland zu holen, obwohl wir noch genug haben könnten. Welche Fachkraft würde bei diesen Aussichten gerne hier bleiben, wenn in Skandinavien z.B. deutsche Handwerker und Mediziner Händeringend gesucht werden?

Dass die Schulbildung desaströs ist, zeigt alleine schon die Föderalismusreform, in wessen Zuge die Bildung in Länderhand übergeben wurde und somit ein regelrechter Wettbewerb zwischen den Ländern entstanden ist, sodass Länder mit etwas mehr Vernunft im Parlament auch wesentlich bessere Schulbildung anbieten (Auch wenn selbige ebenso nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist). Die Folge: Das vielzitierte Bildungsgefälle.
Und als zusätzlichen Beweis für mangelhafte Umsetzung von G8 und sonstigen Bildungsreformen bieten sich die mittlerweile immer öfter und mit größerem Erfolg praktizierten Bildungsstreiks an, wenn selbst Schulkindern die Stundenpläne zu voll sind.

All diese ganzen Aussagen sind schlicht weg wahr, jeder kennt sie und jeder weiß sie, aber niemand traut sich, sie auszusprechen. Und genau das ist das Problem dieses Landes: Wir haben 60 Jahre lang niemals einem Ausländer gesagt, er würde in Deutschland nicht gebraucht, wenn ein Einheimischer den Job genauso gut erledigen konnte, dafür aber obendrein eine Familie ernähren musste. Und mittlerweile scheinen wir schlicht vergessen zu haben, wie man politisch korrekt die Grenzen dicht macht. Sarrazin ist hierfür das Paradebeispiel: Er bringt auf eine sehr polemisierende Art und Weise genau das herüber, was das deutsche Volk denkt. Das Problem ist nur, dass er teilweise abstruse Vergleiche zieht, von denen er ganz genau weiß, dass sie in die rechte Ecke gedrängt werden. Doch vielleicht ist es nur ein Trick, um zu beweisen, dass neutrale Äußerungen über Juden, Türken und sonstigen  Rassismusopfern schlicht “rechts” eingeordnet werden. Ich kann mich an eines seiner Zitate erinnern, in welchem er darauf ansprach, dass Juden und Basken andere Gene hätten, als Europäer: “Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.”

Diese Äußerung war so betrachtet neutral. Der Inhalt der Aussage kommt zwar dem Spruch “So Jung kommen wir nicht mehr zusammen!” gleich, doch er zeigt, wie schnell sich die Politik bereit erklärt, den Spruch als rechts ab zu tun und Sarrazin hiermit zu attackieren.

Sarrazin ist ein Mensch, der offenbar gerne die Politik angreift, vielleicht sogar mit den richtigen Mitteln. Die Problematik, die er anspricht ist soweit ein offenes Geheimnis und ganz ehrlich: Auch wenn seine Äußerungen teilweise wirklich abstrus sind oder schlichtweg überflüssig, da inhaltslos, eines sind sie bestimmt nicht: Ausländerfeindlich oder rassistisch.

Und somit finde ich das Verhalten der deutschen Politik erwartungsgemäß, aber eben unverständlich. Sarrazin hat hier eine große Wunde aufgerissen, die seit der Naziherrschaft in der deutschen Gesellschaft klaffte. Er motiviert meiner Meinung nach die Menschen dazu, offener zu sagen, was ihnen nicht gefällt, indem er als gutes Vorbild voran geht. Denn was bringt es der BRD, wenn man Sozialschmarotzer (Und hiermit meine ich alle Menschen, die den Staat ausnutzen, Ausländer wie Inländer) politisch gesehen toleriert und versucht, sie mit Gesetzen, die um den heißen Brei herum regulieren, zu kontrollieren, anstatt es einfach einmal anspricht, wodurch auch Politik einfacher werden würde? Warum traut sich niemand, offiziell und öffentlich gegen solche Menschen eine Meinung zu vertreten?

Ich hoffe, dass Sarrazins Äußerungen – auf einem gesunden Level – eine deutschlandweite Diskussion entfachen, die vielleicht sogar eine für alle positive Wirkung zeigt und vielleicht sogar wirklich dafür sorgt, dass es Deutschland vielleicht irgendwann wieder ein Stück weit besser geht.